Dimitris-Tsatsos-Institut für europäische Verfassungswissenschaften

Dimitris-Tsatsos-Institut für Europäische Verfassungswissenschaften

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Ankündigungen:


Vortrag am Dienstag, dem 10. November 2015, 17.00 Uhr

„Uns“ definieren - „die Anderen“ konstruieren: Europäische Identitätsbildung als Problem der Inside-Outside-Modellierung

Prof. Dr. Viktoria Kaina, Leiterin des Lehrgebiets Politikwissenschaft 1: Staat und Regieren am Institut für Politikwissenschaft der FernUniversität in Hagen

Veranstaltungsort: FernUniversität, AVZ, Raum B 118, Kleiner Senatssaal, Universitätsstraße 21, 58097 Hagen

Kollektive Identitätsbildung basiert auf zwei, sich gegenseitig ergänzenden Bedingungen: nämlich der Definition der Gruppe nach innen und der Abgrenzung der Gruppe nach außen. Beide Bedingungen resultieren aus der Modellierung und Stereotypisierung „kostbarer“ Gemeinsamkeiten, die zu anderen einen Unterschied machen. Doch ungeachtet einer wachsenden Zahl an Forschungspublikation zur Entwicklung einer europäischen kollektiven Identität, ist unser empirisch gesichertes Wissen über die Konstruktion von Gemeinsamkeit und Differenz auf europäischer Ebene begrenzt. Vor allem wissen wir immer noch sehr wenig über die psychologischen Prozesse der Abgrenzung nach außen bei den EU-Bürgerinnen und EU-Bürgern. Mein Vortrag will sich dieser empirischen Leerstelle nähern. Im Zentrum steht die Frage: Lassen sich im Bewusstsein der EU-Bürger Anhaltspukte für die Grenzziehung zwischen einem supranationalen, europäischen „Uns“ und signifikanten „anderen“ nachweisen? Die Ergebnisse verweisen auf anhaltende Schwierigkeiten, in der EU-Bevölkerung Einigkeit darüber zu gewinnen, wo die Grenzen der EU verlaufen sollen und anhand welcher Kriterien Inklusions- und Exklusionsstrategien begründet werden können.

Viktoria Kaina ist Lehrstuhlinhaberin für „Politikwissenschaft I: Staat und Regieren“ am Institut für Politikwissenschaft der FernUniversität in Hagen. Sie ist Co-Sprecherin der ECPR Standing Group „Identity“ und u.a. Gutachterin für den European Research Council, die Heidelberger Akademie der Wissenschaften, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und zahlreiche nationale und internationale Fachzeitschriften. Zu ihren Forschungsinteressen zählen Prozesse der europäischen Integration und kollektiven Identitätsbildung in der EU, die Empirische Demokratieforschung und die Politische Soziologie, darunter die politischen Einstellungen und Verhaltensweisen der Bürger, Vertrauen und Eliten. Sie ist Mitherausgeberin von Civic Resources and the future of the European Union, (Routledge 2012 – gemeinsam mit Ireneusz P. Karolewski) sowie von European Identity Revisited: New Approaches and Recent Empirical Evidence (erscheint 2015 bei Routledge – gemeinsam mit Ireneusz P. Karolewski und Sebastian Kuhn).

Wenn Sie in den Mailverteiler für Veranstaltungshinweise (Vorträge und jährliche Symposien) aufgenommen werden wollen, schreiben Sie uns: dtiev@fernuni-hagen.de


Neu erschienen:

Verfassung - Parteien - Unionsgrundordnung

Gedenksymposion für Dimitirs Th. Tsatsos

Erträge des Symposions des Dimitris-Tsatsos-Instituts für Europäische Verfassungswissenschaften an der FernUniversität in Hagen am 6. und 7. Mai 2011

von Brandt, Peter; Haratsch, Andreas; Schmidt, Hans-Rüdiger (Hrsg.)

1. Aufl 2015, 252 S., 42,00€, ISBN 978-3-8305-3509-6

Band 15 der Schriftenreihe des DTIEV

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Nationale Verfassungen und Europarecht

von Haratsch, Andreas (Hrsg.)

1. Aufl. 2014, 56 S., 19,00 €, ISBN 978-3-8305-3445-7

Band 14 der Schriftenreihe des DTIEV

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Das Subsidiaritätsprinzip - Ein Element des europäischen Verfassungsrechts
Erträge des Symposions des Instituts für Europäische Verfassungswissenschaften an der FernUniversität in Hagen am 5. September 2009

von Haratsch, Andreas (Hrsg.)

1. Auflage 2014, 120 S., 32,00 €, ISBN 978-3-8305-3354-2

Band 13 der Schriftenreihe des DTIEV

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Politische Bewegung und Symbolische Ordnung
Hagener Studien zur Politischen Kulturgeschichte
Festschrift für Peter Brandt

Werner Daum, Wolfgang Kruse, Eva Ochs, Arthur Schlegelmilch (Hrsg.)

1. Auflage 2014, 496 S., 68,00 €, ISBN 978-3-8012-4216-9

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DTIEV-Online Nr. 2/2015


Handbuch der europäischen Verfassungsgeschichte im 19. Jahrhundert. Institutionen und Rechtspraxis im gesellschaftlichen Wandel. Band 2: 1815-1847

von Werner Daum (Hrsg.), unter Mitwirkung von Peter Brandt, Martin Kirsch, Arthur Schlegelmilch

1. Auflage 2012, 1.504 S., 168,00 €, ISBN 978-3-8012-4141-4

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Aus den Veranstaltungen des DTIEV 2014/2015

6. Juli 2015

„Scheitert der Beitritt der EU zur Europäischen Menschenrechtskonvention? Zum Verhältnis von EuGH und EGMR.“

Prof. Dr. Eckart Klein, Potsdam

Der seit langem angestrebte und weitgehend für gesichert gehaltene Beitritt der Europäischen Union zur Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) ist durch das Gutachten des Luxemburger Gerichtshofs (EuGH) einstweilen, möglicherweise aber auch für eine nicht überschaubare Zeit gestoppt worden. Dies wirft neben der notwendigen Analyse der Begründung der Aussagen des Gutachtens grundsätzliche Fragen auf. Ist ein Beitritt der EU zur EMRK überhaupt sinnvoll? Kann das Verhältnis zwischen dem EuGH und dem Europäischen Gerichtshof in Straßburg (EGMR) nur in den Kategorien des Rechts gesehen werden, oder offenbart das Gutachten, dass es - zumindest auch - schlicht um Machtfragen geht, wie sie bekanntlich im Verhältnis nationaler (Verfassungs-)Gerichte zu den beiden genannten internationalen Gerichten ebenfalls zum Ausdruck kommen? Und schließlich: Das Gutachten könnte die Stellung der EU-Mitgliedstaaten als "Herren der Verträge" in Frage stellen und damit als weiterer bedeutsamer Schritt hin zur Errichtung einer konstitutionellen Ordnung und zur Ablösung von den völkerrechtlichen Grundlagen der Union anzusehen sein.

Prof. Eckart Klein: Geboren am 6. 4. 1943 in Oppeln, Studium in Freiburg, Göttingen, Lausanne und Heidelberg, beide Staatsexamina, Promotion (1973) und Habilitation (1980) in Heidelberg, von 1969-1981 Referent am MPI für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, 1974-76 Mitarbeiter am BVerfG, 1981-1994 o. Prof. für Öffentl. Recht, Völker- und Europarecht an der Universität Mainz, 1994-2008 (Emeritierung) an der Universität Potsdam, Direktor des MenschenRechtsZentrums von 1994-2009. Richter (Nebenamt) am OVG Koblenz (1984-94) und OVG Frankfurt /O. (1995-2001); Mitglied des UN Menschenrechtsausschusses (1995-2002) und des Bremer Staatsgerichtshofs (1995-2011). Mehrfach Ad-hoc-Richter am EGMR.

4. Mai 2015

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"Die Idee der Freiheit und ihre aktuellen Gefährdungen"

Prof. Dr. Dres. h.c. Paul Kirchhof, Heidelberg

Paul Kirchhof ist Professor für öffentliches Recht und Steuerrecht an der Universität Heidelberg. Seit Jahrzehnten bestimmt er mit seinen Vorschlägen für eine tiefgreifende Reform und Vereinfachung des Steuerrechts sowie für einen radikalen Abbau der öffentlichen Schulden die öffentliche Diskussion entscheidend mit. Als Richter am Bundesverfassungsgericht wirkte Kirchhof an zahlreichen für die Entwicklung der Rechtskultur der Bundesrepublik Deutschland wesentlichen Entscheidungen mit, wie beispielsweise den Karlsruher Beschlüssen zum Euro, zur Vereinbarkeit des Grundgesetzes mit dem EU-Vertrag von Maastricht sowie zum Finanzausgleich zwischen Bund und Ländern. Auch nach seiner Ernennung zum Seniorprofessor distinctus der Universität Heidelberg im Jahr 2013 wirkt Paul Kirchhof als Wissenschaftler und Publizist, schreibt Bücher, Aufsätze und hält Vorträge.


13. April 2015

"Zum Verständnis der Ministerverantwortlichkeit in der deutschen politischen Diskussion von 1848 bis 1918"

Prof. em. Dr. Hans Fenske, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Dass Minister verantwortlich seien, war im Kreis der politisch Interessierten im 19. Jahrhundert unstrittig, nur war man sich nicht einig, wem gegenüber die Verantwortlichkeit bestand und wie sie geltend zu machen sei. Im Revolutionsjahr 1848/49 erging bereits im Juni in Bayern ein Ministerverantwortlichkeitsgesetz. In der Paulskirche wurde über die Frage selbstverständlich verhandelt und dafür eigens ein Ausschuss eingesetzt. Gesetzlich geregelt wurde die Materie nicht. Eine politische Verantwortlichkeit sah man durchaus als gegeben an und hielt die öffentliche Meinung für die entscheidende Instanz. Gegen sie werde kein Minister im Amt bleiben können. Zwar war im 1861 formulierten Programm der Fortschrittspartei die Forderung nach einem Gesetz über die Ministerverantwortlichkeit enthalten, aber tätig in diesem Sinne wurde die Partei nicht. Der Verfassungsentwurf, den die verbündeten Regierungen 1867 dem Konstituierenden Reichstag des Norddeutschen Bundes vorlegten, sagte über Verantwortlichkeit ganz bewusst nichts. Bei der Erarbeitung der Reichsverfassung im Herbst 1870 wurde die Frage des Regierungssystems auch im Reichstag übergangen. Nur August Bebel und Ludwig Windthorst kamen beiläufig auf das Thema zu sprechen. Als im März 1884 die linksliberale Deutsche Freisinnige Partei entstand, nahm sie die Forderung nach gesetzlicher Organisation eines verantwortlichen Ministeriums in ihr Programm auf. Mit der Niederlage bei der Reichstagswahl im Herbst 1884 war die Frage eines Systemwechsels damit erledigt. Bei Kriegsbeginn 1914 wurden alle Verfassungsfragen im Zeichen des Burgfriedens zurückgestellt. Erst 1917 wurde die Verfassungsfrage wieder aufgegriffen. Im März forderte der SPD-Politiker Scheidemann das parlamentarische System. Ende des Monats setzte der Reichstag einen Verfassungsausschuss ein. Er schlug eine Änderung des Reichstagswahlrechts und einige Verfassungsänderungen vor, forderte aber nicht die Parlamentarisierung. Erst im Oktober 1918 verabschiedete der Reichstag ein Gesetz zur Verfassungsänderung. Fortan bedurfte der Reichskanzler nach Art. 15.4 zu einer Amtsführung des Vertrauens des Reichstags. Deutschland war zur parlamentarischen Monarchie geworden.

Prof. Dr. Hans Fenske wurde 1936 in Geesthacht bei Hamburg geboren. Nach dem Abitur 1956 studierte er bis 1963 Geschichte, Politische Wissenschaften und Geographie in Tübingen und Freiburg. Von 1963 bis 1971 war er Wiss. Assistent an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Promotion 1965 zum Dr. phil. in Freiburg, Habilitation für Neue und Neueste Geschichte 1971 in Freiburg. Von 1971 bis 1972 Wiss. Assistent am Auslands- und Dolmetscherinstitut der Universität Mainz in Germersheim. Von 1973 bis 1977 Universitätsdozent, anschließend apl. Professor in Freiburg. 1979 Ernennung zum Professor auf Lebenszeit in Freiburg mit Lehraufträgen in Speyer, Saarbrücken, Basel und Leipzig. Seit 2001 im Ruhestand.

2. Februar 2015

"Sehnsucht nach einem Gespräch". Der Briefwechsel zwischen Carl Schmitt und Ernst Rudolf Huber 1926-1981.

Prof. Dr. Ewald Grothe, Bergische Universität Wuppertal

Carl Schmitt (1888-1985) und sein Schüler Ernst Rudolf Huber (1903-1990) zählen zu den bedeutendsten deutschen Juristen des 20. Jahrhunderts. Die bisher ungedruckte Korrespondenz von rund 220 Briefen und Karten aus den Jahren 1926 bis 1981 ermöglicht wichtige Erkenntnisse sowohl zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte als auch zur allgemeinen deutschen Geschichte. Es handelt sich um einen schriftlichen Austausch mit politischer Brisanz und intellektuellem Anspruch. Er gibt einen intensiven Einblick in das NS-Engagement der Briefpartner und die spätere Reflexion des eigenen Verhaltens unter den Bedingungen der Diktatur. Der Briefwechsel ist von den beteiligten Korrespondenzpartnern und von seiner inhaltlichen Relevanz her eine zentrale Quelle zur Intellektuellengeschichte des 20. Jahrhunderts.

Prof. Dr. Ewald Grothe (Jahrgang 1961), Leiter des Archivs des Liberalismus in Gummersbach (seit 2011), Studium der Geschichte, des Öffentlichen Rechts und der Rechtsgeschichte in Marburg, Promotion (1994), Habilitation in Wuppertal (2004), außerplanmäßiger Professor für Neuere und Neueste Geschichte Wuppertal (2009), Lehrbeauftragter an der Universität Köln (seit 2007).

Veröffentlichungen zur Geschichte des Liberalismus und zur Verfassungs- und Wissenschaftsgeschichte

5./6. Dezember 2014

Illustration FernUni-Rektor Prof. Helmut Hoyer (2.v.l.) und DTIEV-Direktor Prof. Peter Brandt (r.) begrüßten EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (2.v.r.) und seinen Vor-Vorgänger Klaus Hänsch.

Symposion

"Parlamentarisierung und Entparlamentarisierung
von Verfassungssystemen"

Seit der Mitte, verstärkt und geographisch ausgeweitet seit dem Ende des 19. Jahrhunderts unterlag der europäische Verfassungsstaat einer Parlamentarisierungstendenz, die sich im 20. Jahrhundert, unterbrochen durch die Weltanschauungsdiktaturen faschistischen bzw. sowjetkommunistischen Typs, weiter fortsetzte. Und doch handelt es sich um einen geradlinigen und in jeder Hinsicht irreversiblen Prozess. Von Anfang wurde die systemimmanente Parlamentarisierung des Regierungssystems begleitet von Forderungen nach einer – dann durch starken, teils revolutionären Druck von unten beförderten – Demokratisierung des Wahlrechts, die aber zugleich in ein Spannungsverhältnis zum Parlamentarismus geraten konnte. Die Tagung widmet sich mit einem Eröffnungsvortrag des Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, und in vier Podien, wie im DTIEV üblich interdisziplinär, den gegenläufigen Parlamentarisierungs- und Entparlamentarisierungsvorgängen in der modernen repräsentativen Demokratie (mit einem vergleichenden Blick auf den vordemokratischen Konstitutionalismus Österreich-Ungarns). Dabei werden direktdemokratische, präsidentielle und föderale Herausforderungen des parlamentarischen Systems und abschließend endogene Prozesse, auch auf EU-Ebene, in den Blick genommen.

Der Vortrag des Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, ist als Videostream hier abrufbar.

Das Tagungsprogramm finden Sie hier.

Einen Pressebericht finden Sie hier.

Den Tagungsbericht finden Sie hier.


3. November 2014

"Legal Persons" in den USA und Europa - Ein soziologischer Blick auf historische und juristische Aspekte

Dr. Thomas Matys, FernUniversität in Hagen, Institut für Soziologie, Lehrgebiet Soziologie II „Soziologische Gegenwartsdiagnosen“

Der Vortrag widmet sich der vom Vortragenden durchgeführten organisationstheoretisch strukturierten Dokumentation, welche bisher unbekanntes empirisches Material (Gerichtsfälle) bezüglich der Entstehung der legal person, dem US-amerikanischen Pendant zur „Juristischen Person“, präsentiert. Es soll deutlich werden, dass die Herausbildung der „Form Organisation“ in den USA als ein kampfreicher historischer Etablierungsprozess zu kennzeichnen ist, der sich zudem fundamental von dem in Europa unterscheidet. US-amerikanische Organisationen („Corporations“) werden vom Individuum her gedacht und forcierten durch die schrittweise Inanspruchnahme von Menschenrechten eine Privatisierung von Herrschaft. Theoretischer Bezugsrahmen ist eine „Kritik der politischen Ökonomie der Organisation“.

Thomas Matys: Jg. 1971, lebt in Wuppertal und arbeitet am Institut für Soziologie der FernUniversität in Hagen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Arbeits-, Organisations- und Kultursoziologie sowie gesamtgesellschaftliche Analysen. Studium und Promotion absolvierte er in Sozialwissenschaften bei Klaus Türk an der Bergischen Universität Wuppertal. Vor allem die Promotion befasste sich mit der Herausbildung der modernen Gebildevorstellung von Organisation und kontrastierte dabei besonders die USA zu (Kontinental-)Europa. Sein Habilitationsprojekt befasst sich mit organisationssoziologischen Aspekten des Finanzmarktes. Zu weiteren Veröffentlichungen s. www.thomas-matys.de.

6. Oktober 2014

"Staatsbürgerschaft. Kämpfe um Zugehörigkeit in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts."

Dieter Gosewinkel, apl. Prof. am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH (FU Berlin)

Die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer politisch verfassten Gemeinschaft entscheidet über seine Lebenschancen, vielfach auch Überlebenschancen. Der Beitrag vertritt die These: Das primäre Signum politischer Zugehörigkeit in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts ist die “Staatsbürgerschaft”. Das heißt, die rechtliche und soziologische Kategorie der Staatsbürgerschaft ist diejenige, die in der Fülle der Abstufungen politischer Zugehörigkeit maßgeblich für die Begründung und Verteilung der Lebenschancen von Individuen ist. Die herausragende Bedeutung der Staatsbürgerschaft unterscheidet das 20. Jahrhundert signifikant von vorangehenden historischen Phasen und anderen Formen politischer Zugehörigkeit. Diese These wird anhand mehrerer Kategorien überprüft, die politische Zugehörigkeit im 20. Jahrhundert konstituierten: die Zugehörigkeit zur Religion, zu politischen Parteien, zu Nation und Staat, schließlich zu einer Klasse. Die dominante Stellung der Staatsbürgerschaft erwuchs aus der Politisierung der rechtlichen Institution. Mit der Demokratisierung politischer Herrschaft, erweiterten politischen Teilhaberechten, dem Ausbau sozialer Rechte und der zunehmenden Abschließung der Staaten gegeneinander wuchs die Bedeutung der Staatsbürgerschaft für den Einzelnen, indem sie in zunehmendem Maße Religion, politische Parteien, Nation und Klasse als Kategorien der Zugehörigkeit überlagerte und verdrängte. Auch die gegenwärtigen Prozesse der Transnationalisierung und Globalisierung bewirken nur eine graduelle, nicht eine essentielle Veränderung dieser Vorrangstellung der Staatsbürgerschaft, denn die Notwendigkeit, politische Zugehörigkeit zu stiften und abzugrenzen, bleibt eine primäre Funktion des Staates, auch wenn er seinen Charakter als Nationalstaat zunehmend verliert.

Dieter Gosewinkel: Studium der Rechtswissenschaft und Geschichte (Universitäten Freiburg i.Br. und Genf/Schweiz); Juristisches Staatsexamen 1982; Magisterexamen und Promotion im Fach Geschichte (Universität Freiburg, 1984, 1990); Habilitation (Freie Universität Berlin 2000); leitender Wissenschaftler am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, seit 2002); apl. Prof. Freie Universität Berlin (2010); Gastprofessuren: Europäisches Hochschulinstitut Florenz; St. Antony's College (University of Oxford); Max-Weber-Kolleg Erfurt; Institut d'Etudes Avancées Paris.

7. Juli 2014

"Föderalismus als politische Vision und Praxis im antiken Griechenland"

Prof. Dr. Eckhard Meyer-Zwiffelhoffer, Vertretungsprofessor an der Universität Bielefeld

Der ‚Bundesstaat‘ im antiken Griechenland war das Ergebnis einer bewussten Übertragung des Modells der selbstverwalteten Bürgergemeinde, der Polis, auf die ‚zwischenstaatliche‘ Ebene mit dem Ziel, dass kleinere Gemeinwesen in die Lage versetzt werden sollten, sich gegenüber hegemonialen Bündnissen und großräumigen Monarchien zu behaupten. Im Vortrag wird diese politische Vision vorgestellt und der Frage nachgegangen, weshalb diese 'Bundesstaaten sich nicht auf Dauer hatten behaupten können. In diesem Zusammenhang werden die zentrifugalen Kräfte erörtert, die letztlich zum Scheitern dieses Modells in der politischen Praxis führten.

Eckhard Meyer-Zwiffelhoffer: Studium der Alten Geschichte, der Mediävistik, der Philosophie und der Islamwissenschaften (Arabisch) an der Universität Freiburg vom WS 1978/79 bis SS 1986. Promotion in Alter Geschichte (Nebenfächer: Mediävistik und Philosophie) im WS 1991/92 an der Universität Freiburg. Dissertation:Im Zeichen des Phallus. Die Ordnung des Geschlechtslebens imantiken Rom. Habilitation in Alter Geschichte im Mai 1999 an der FernUniversität in Hagen. Habilitationsschrift: Politikōs árchein. Zum Regierungsstil der senatorischen Statthalter inden kaiserzeitlichen griechischen Provinzen. Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Hochschulassistent und Oberassistent am Arbeitsbereich Geschichte und Gegenwart Alteuropas(vormals Ältere Geschichte) der FernUniversität in Hagen von 1990 bis 2003. Lehrbeauftragter für Alte Geschichte an der Universität Essen vom SS 1992 bis SS 2003 und im WS 2005/06. Seit Juni 2003 Privatdozent mit Lehrauftrag an der FernUniversität in Hagen. Lehrstuhlvertretung an der Universität Greifswald im WS 2003/4 und im SS 2004. Lehrstuhlvertretung an der Universität Duisburg-Essen im WS 2004/5 und im SS 2005. Seither Lehrbeauftragter an den Universitäten Freiburg und Wuppertal. Ernennung zum außerplanmäßigen Professor an der FernUniversität in Hagen im Januar 2007. Lehrstuhlvertretung an der Universität Chemnitz im SS 2009 und im WS 2009/10. Lehrstuhlvertretung an der Universität Kiel im SS 2012 und im WS 2012/13. Lehrstuhlvertretung an der Universität Tübingen im SS 2013 und im WS 2013/14. Vertretung einer Professur an der Universität Bielefeld im SS 2014.

 
DTIEV | 14.08.2015
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