forum philosophicum

Zur Veranstaltungsreihe:

Das forum philosophicum des Instituts für Philosophie der FernUniversität in Hagen ist eine seit 1987 bestehende Vortragsreihe, die das Gespräch zwischen Fachvertreter*innen der Philosophie und der Universitätsöffentlichkeit fördert sowie den interessierten Bürger*innen der Stadt Hagen die Möglichkeit geben soll, sich aus erster Hand über aktuelle wissenschaftliche Debatten zu informieren.

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Veranstaltungen 2022

1. Dezember 2022, 16:30 Uhr

Veranstaltungsort: Raum 1-3 (EG), Gebäude 2, Universitätsstraße 33, 58097 Hagen

Prof. Dr. Claudia Bozzaro (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)

Der Vortrag findet live auf dem FernUni-Campus statt (Raum: s.o.). Sie können ihn aber auch online verfolgen über: https://video.fernuni-hagen.de/Live/35

Assistierter Suizid: ein philosophisches, gesellschaftliches und medizinisches Problem?

Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord.“ (Albert Camus)

Mit Blick auf die aktuelle öffentliche Diskussion in Deutschland und den Debatten in anderen Ländern müsste der Satz von Albert Camus wohl geändert werden, denn der assistierte Suizid scheint das wirklich ernste philosophische Problem unserer Zeit zu sein. Im Rahmen meines Vortrags soll der Versuch unternommen werden, Camus Überlegungen zum Suizid weiterzudenken in Hinblick auf die Herausforderungen des assistierten Suizids. Dabei werden philosophische aber auch gesellschaftlichen Fragen adressiert und nicht zuletzt die Frage nach der Rolle der Ärzteschaft.

Vergangene Veranstaltungen

  • 17. November 2022, 16:30 Uhr

    Prof. Dr. Andreas Niederberger (Universität Duisburg-Essen)

    Ist Migration eine Herausforderung für den Kosmopolitismus?

    Seit dem Ende des Kalten Krieges war die politische Philosophie vor allem auch durch kosmopolitische Ansätze gekennzeichnet, die davon ausgehen, dass grundlegende normative Prinzipien über bestimmte Gemeinschaften oder einzelstaatliche Grenzen hinaus gelten. Die Frage, ob das Phänomen der Migration ein Problem für solche Theorien globaler Gerechtigkeit oder transnationaler Legitimität darstellt, könnte irritieren. Denn man könnte denken, dass gerade Migration eine kosmopolitische Perspektive nahelegt oder zumindest dafür spricht, sie auch im Horizont globaler Ungerechtigkeiten zu sehen. Entgegen diesen möglichen Erwartungen bietet sich die Diskussionslage aber sehr anders dar: So gibt es innerhalb des kosmopolitischen Theoriefeldes nicht viele, die Migration als Teil der Auseinandersetzung um gerechtere globale Verhältnisse sehen oder gar begrüßen.

    Dieser Vortrag wird damit beginnen zu untersuchen, warum Migration kein unkompliziertes Thema für kosmopolitische Positionen ist, wie sie in den letzten Dekaden entwickelt wurden. Vor diesem Hintergrund wird systematisch herausgearbeitet, worin die Herausforderung im Kern besteht. Als Vorschlag, wie auf diese Herausforderung reagiert werden könnte, wird im zweiten Teil des Vortrags eine kosmopolitische Grundlinie hinsichtlich der Fragen, die Migration aufwirft, entwickelt und zuletzt in verschiedenen Hinsichten gezeigt, was diese Grundlinie für einige der aktuellen politischen und philosophischen Kontroversen (u.a. Souveränität und Grenzschließung, Abschiebung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus) bedeutet.


    3. November 2022, 16:30 Uhr

    Prof. Dr. Christian Bermes (Universität Koblenz-Landau)

    ‚Einer Meinung sein‘ - aber welcher? Meinungsbildung und Weltorientierung

    Unter den Bedingungen kollektiver Meinungsempörung fällt es schwer, noch einer Meinung zu sein. Auf der eigenen Meinung will man bestehen, die Meinungen der anderen soll man nur noch ertragen. Für eine solche Gegenwartsdiagnose spricht auf den ersten Blick einiges. Denn mit einem geschickten Meinungsmarketing lässt sich Popularität erzielen, Reichweite erhöhen und Prestige sichern. Wie ein Kartenhaus kann all dies aber auch wieder schnell zusammenbrechen. Man steht dann recht alleine da mit seinen Meinungen, von denen man plötzlich auch gar nicht mehr so sicher ist, ob es je wirklich die eigenen waren.
    Es ist also sicher nicht falsch, von einer Meinungskrise zu sprechen. Doch alles andere als klar ist, wie man eine solche Krise zu begreifen hat. Die Schuldigen scheinen recht schnell gefunden. Werden doch gerne die enthemmenden sozialen Medien, eine das Allgemeine negierende Individualisierung, die galoppierende Beschleunigung des Informationsmarktes und einiges mehr dafür verantwortlich gemacht.
    Der Vortrag schlägt einen anderen Weg ein, um das Krisenhafte der Meinungskrise in den Fokus zu rücken. Denn das Problem könnte noch gravierender sein. Wenn nämlich das Verständnis von dem, was Meinungen sein können, was man von ihnen erwarten darf, ja sogar muss, und welchen Umgang sie fordern, unklar geworden ist, dann zeigt sich die Meinungskrise in einer ganz neuen Gestalt. Nicht einfach die aufsässigen oder abtrünnigen Meinungen sind das Problem, sondern das Konzept der Meinung selbst ist fraglich geworden.


    8. September 2022, 16:30 Uhr

    Prof. Dr. Harald Schwaetzer (Hochschule Biberach)

    "Viva imago Dei" - Zur Idee von Bildung und Freiheit bei Nikolaus von Kues

    Nikolaus von Kues (1401-1464) hat in der frühen Neuzeit maßgeblich an der Konzeption einer neuen Fassung des abendländischen Menschenbildes mitgewirkt. Im Zentrum steht dabei seine Bestimmung des Menschen als einer "viva imago Dei", eines lebendigen Bildes Gottes. Die Lebendigkeit als zentrales Prädikat umgreift dabei sowohl Bildung wie Freiheit. Sie bezieht ausdrücklich Selbst- und Weltgestaltung mit ein. Ebenso ausdrücklich reflektiert ist sie ein Geist- und Gottesverständnis als notwendiger Grundlage dieses Ansatzes. Der Vortrag wird die Ideen des Cusanus vorstellen und auf ihr Potential für die Gegenwart hin befragen.

    Aufzeichnung


    9. Juni 2022, 16:30 Uhr

    Prof. Dr. Joachim Ringleben (Göttingen)

    Arbeit am Gottesbegriff im Anschluss an Hegel.

    In Hegels Denken spielt die Auseinandersetzung mit der Religion eine nicht unwichtige Rolle; seine Lehre vom "absoluten Geist" kann man entsprechend auch als Fortführung der Tradition der "philosophischen Theologie" verstehen. In diesem Vortrag wird nun nicht versucht, die bekannten eigenen Aussagen Hegels über Gott zu erörtern, sondern vielmehr 1. bestimmte Gedanken seiner spekulativen Logik theologisch für den Begriff von Gottes Leben fruchtbar zu machen und 2. im Anschluss an sein Konzept von Sprache die traditionelle Trinitätslehre zu reformulieren. Der Vortrag richtet sich ebenso an philosophisch wie an theologisch Interessierte

    Aufzeichnung


    28. April 2022, 16:30 Uhr

    Prof. Dr. Tilman Reitz (Universität Jena)

    Der Ort normativer Argumente in wissenschaftlichen Kontexten

    Wer konsequent Sein und Sollen oder „directions of fit“ zwischen Denken und Welt unterscheidet, wird Wissenschaft als prinzipiell nichtnormativ einstufen: Wenn sich ihre Erwartungen über die Wirklichkeit nicht bestätigen, gibt sie diese Erwartungen auf, statt die Wirklichkeit korrigieren zu wollen. Doch wenige Wissenschaften kommen faktisch ohne idealisierende Modelle, Vorstellungen intakter Funktionszusammenhänge oder einen Horizont praktischer Nutzung aus. Der Vortrag verfolgt die Konsequenzen in dem Bereich, in dem Normativität besonders umstritten ist: in den Wissenschaften von den Menschen und ihrem Zusammenleben, von der Psychologie über Soziologie bis zur Ökonomik. Die Hauptthese wird lauten, dass Normativität hier zumeist unvermeidbar, aber nicht schlüssig bzw. nicht umfassend begründbar ist. Da nicht weniger aufzuklären wäre als das praktische, kognitive, ethische und nicht zuletzt politische In-der-Welt-Sein der Gemeinschaften, die forschend tätig sind, können normative Argumente immer nur einen Bruchteil der forschungsrelevanten Orientierungen erfassen. Diese These wird an Beispielen aus den genannten Wissenschaften entfaltet.

    Aufzeichnung


    3. Februar 2022, 16:30 Uhr

    Prof. Dr. Dres. h.c. Michael Quante (Universität Münster)

    Die Geschichtsphilosophie von Karl Marx

    Das theoretische Werk von Karl Marx ist von einem geschichtsphilosophischen Verständnis durchzogen. Dieses prägt nicht nur seine frühen Schriften, sondern bleibt auch seinem späteren Programm einer Kritik der Politischen Ökonomie eingeschrieben. In diesem Vortrag wird im ersten Teil die geschichtsphilosophische Dimension der philosophischen Anthropologie von Marx entfaltet und in ihrem damaligen linkshegelianischen Diskussionskontext verortet. Im zweiten Schritt soll die Wende zum historischen Materialismus, die sich im sogenannten Feuerbachkapitel der Deutschen Ideologie vollzieht, als Weiterentwicklung der Geschichtsphilosophie von Marx expliziert werden. Der dritte Teil des Vortrags geht der Frage nach, wo sich im von Marx selbst veröffentlichten ersten Band des Kapital diese Geschichtsphilosophie niederschlägt und sich damit durch das gesamte Theorieprogramm durchzieht.

    Aufzeichnung

  • 28. Oktober 2021, 16:30 Uhr

    Prof. Dr. Geert Keil (Humboldt­-Universität, Berlin)

    Worüber Skeptiker sich irren

    Menschen sind fehlbare Wesen. Wir können aus eigener Kraft nicht sicherstellen, dass etwas, was wir mit guten Gründen für wahr halten, tatsächlich wahr ist. Warum ist das so? Was in uns oder in der Welt ist dafür verantwortlich, dass wir niemals alle Irrtumsmöglichkeiten ausschließen können? Fehlen uns bestimmte Fähigkeiten, die wir im Prinzip erwerben könnten?

    Im Vortrag wird eine Erklärung für die menschliche Fehlbarkeit entwickelt, die ohne den cartesischen bösen Täuschergott auskommt. Leider wird außerhalb wie innerhalb der Philosophie oft nicht hinreichend zwischen dem Fallibilismus und dem Skeptizismus unterscheiden. Skeptiker ziehen aus der Unmöglichkeit, Irrtümer sicher auszuschließen, den Schluss, dass wir nichts wissen können. Ob fehlbare Wesen etwas wissen können, hängt klarerweise davon ab, was Wissen ist. Im Vortrag wird die These verteidigt, dass Skeptiker sich darüber irren, was Wissen ist. Skeptiker glauben fälschlich, dass Wissen Unfehlbarkeit erfordert und dass dieses Merkmal aus der Standarddefinition des Wissens als wahrer, gerechtfertigter Überzeugung folge. Sobald man sich klarmacht, dass und warum Fehlbarkeit keine Eigenschaft von Überzeugungen ist, sondern eine von epistemischen Subjekten, ist der Weg für eine Auffassung frei, die wir außerhalb des philosophischen Seminars ohnehin alle teilen: für einen nichtskeptischen Fallibilismus.

    Literatur: Geert Keil: Wenn ich mich nicht irre. Ein Versuch über die menschliche Fehlbarkeit, Stuttgart (Reclam) 2019.

    Hinweis: Der Vortrag von Prof. Dr. Keil fand in Präsenzform auf dem Campus statt und wurde nicht per Videostream ausgestrahlt.


    30. September 2021, 16:30 Uhr

    Dr. Werner Schmitt

    Selbstbewußtsein und Zeit: Friedrich Hölderlin

    Im Jahre 2020 jährte sich der Geburtstag des Ausnahmedichters Friedrich Hölderlin (1770-1843) zum 250. Mal. Bedingt durch die Pandemie fielen zahlreiche Veranstaltungen, die an ihn erinnern sollten, aus. Das Forum philosophicum holt eine auch für Hagen geplante Hommage jetzt mit einer Veranstaltung nach, die Hölderlin als Dichter, zugleich aber auch als Denker würdigt. Im Zentrum steht dabei die Frage nach der Verschränkung von Selbstbewusstsein und Zeitbewusstsein bei einem Meister der Sprache, dem die philosophischen Koryphäen seiner Zeit nicht unbekannt waren.

    Der Referent, Dr. Werner Schmitt, war der letzte Assistent des Frankfurter Sprachphilosophen Bruno Liebrucks (1911-1986), der dem Werk Friedrich Hölderlins den stattlichen siebten Band seines Hauptwerkes „Sprache und Bewußtsein“ gewidmet hat. Liebrucks wie auch Schmitt sind dabei konsequent der Frage nachgegangen, inwiefern erst ein Verständnis des Hegelschen „Begriffs des Begriffs“ die logischen wie auch die unausweichlich mythischen Räume erschließen kann, die Hölderlins Dichtung aufrufen. Sie sind dabei bis zu der Frage vorgestoßen, ob Hölderlin nicht Zeuge einer absoluten Sprachlichkeit ist, die unsere logischen Welten noch einmal auf eine eigene Fülle-Erfahrung hin übersteigt.

    Hinweis: Aufgrund einer Erkrankung des zweiten Referenten fand die Veranstaltung leider nicht, wie ursprünglich vorgesehen, als musikalisch-literarische Hommage aus Anlass von Beethovens, Hölderlins und Hegels 250. Geburtstag statt.

    Aufzeichnung

  • 23. April 2020, 16:30 Uhr

    Prof. Dr. Matteo V. d‘Alfonso (Universität Ferrara, Italien)

    Die Metamorphose des Primats des Praktischen: Kant, Fichte, Schopenhauer, Nietzsche

    Kants Kritik der reinen Vernunft ist für die „kopernikanische Revolution“ in der Epistemologie berühmt, enthält jedoch noch eine andere „Revolution“: Kant begründet hier den Vorrang der praktischen vor der theoretischen Vernunft, worin ihm nicht zu- letzt Fichte folgt, dem zufolge das ganze kantische System im Sinne einer Komplementarität von Theorie und Praxis, dabei aber eines Vorrangs der praktischen Vernunft zu betrachten ist. Es ist diese Auffassung Fichtes, gegen die sich dann Schopenhauer wendet, der schon als Student einen regelrechten Kampf gegen den Begriff der „praktischen Vernunft“ führt: Schopenhauer wird am Ende zwar erneut einen Primat des Praktischen, aber in ganz anderem Sinne (u. a. als Primat des Körpers) vertreten. Eine letzte, extreme Konsequenz zieht Friedrich Nietzsche. Auch nach Nietzsche ist unser Weltverhältnis, selbst in seiner theoretischen Gestalt, ganz und gar praktisch. Nur so erhält seine berühmte These: „Es gibt keine Fakten, sondern nur Interpretationen“ ihre volle Bedeutung. Nietzsches Position, die sehr weit von Kants „Primat des Praktischen“ entfernt zu sein scheint, ist dabei das Resultat einer Reflexion, die erneut von Kant ausgeht: nämlich von der Analyse des teleologischen Urteils in Kants Kritik der Urteilskraft. Der Vortrag wird die Positionen der genannten vier Autoren vorstellen und deren wechselseitige Beziehungen näher erörtern.

    Hinweis: Der Vortrag wurde aufgrund der aktuellen Corona-Situation als Videostream im virtuellen Audimax der FernUniversität übertragen.


    13. Februar 2020, 16:30 Uhr

    Prof. Dr. Christian Volk (Berlin)

    Hannah Arendts Republikanismus des Dissenses

    Der Vortrag präsentiert Hannah Arendts politisches Denken als einen Republikanismus des Dissenses. Ein solches Denken stellt die Bedeutung von Institutionen, Recht und der Sichtbarmachung von Konflikt in den Vordergrund. Es entwirft den Republikanismus konflikt- und handlungsorientiert und entzieht sich zugleich der Orthodoxie der Volkssouveränität. Arendt ist für die aktuelle republikanische Diskussion deshalb so relevant, da bei ihr die Idee von der Ordnung der Freiheit und der Selbsterneuerung des republikanischen Gemeinwesens im Zuge der politischen Auseinandersetzung ausbuchstabiert wird.

    Der Vortrag wird zeigen, wie Arendts Verständnis von Republikanismus den Schwerpunkt auf zivilgesellschaftliches Engagement legt und insbesondere die Entstehungsbedingungen politischen Handelns thematisiert. So stellt Arendt eine Alternative zum neo-republikanischen und radikaldemokratischen Diskurs dar, der insbesondere für gegenwärtige demokratie­theoretische Diskussionen, wie jene um den Nutzen, die Bedeutung und die Form von Politisierung, von großem Wert erscheint.

  • 12. Dezember 2019, 18:30 Uhr

    Prof. Dr. Severin Schroeder (University of Reading, U.K.)

    Worum geht es in Wittgensteins Privatsprachen-Argument?

    In § 258 der „Philosophischen Untersuchungen“ stellt sich Wittgenstein vor, wie jemand ein privates Tagebuch über das Wiederkehren einer gewissen Empfindung führen will, die er mit dem Zeichen „E“ assoziiert. Dieser berühmte Abschnitt wird gemeinhin als Kern des sogenannten Privatsprachen-Arguments angesehen, mit dem Wittgenstein zeigen wolle, dass ein solches privates Benennen von Empfindungen unmöglich sei. Das ist aber ein Missverständnis. Der Vortrag wird erklären, dass es Wittgenstein durchaus nicht darum geht, ein privates Empfindungs-Tagebuch als unmöglich zu erweisen, sondern vielmehr darum, zu zeigen, dass Empfindungsäußerungen nicht als Beschreibungen introspektiv wahrgenommener Gegenstände aufgefasst werden dürfen.


    24. Oktober 2019, 16:30 Uhr

    Prof. Dr. Dr. Armin Schmidtke (Würzburg)

    Suizidprävention als Gegenstand der Medizinethik und praktische Herausforderung

    Die Themen Suizidalität und Suizidprävention haben im letzten Jahrzehnt in Deutschland besondere Bedeutung gewonnen, vor allem vor dem Hintergrund der gesetzgeberischen und standespolitischen Diskussion zur Suizidbeihilfe. Aufgrund zunehmender Betonung des Selbstbestimmungsrechts und eines Verständnisses von „Autonomie“, das Entscheidungen über das eigene Leben und das Lebensende einschließen soll, ist ein Wechsel ethischer Grundauffassungen festzustellen. Für die Suizidprävention stellen diese Einstellungs­änderungen vor dem Hintergrund des Versuchs einer adäquaten psychiatrisch-psychotherapeuti­schen Behandlung von Personen, bei denen man im Unterschied zu früheren – vor allem religiösen – Einstellungen heute eine besondere psychische Notsituation annimmt, eine besondere Problematik dar. Die zukünftige Suizidprävention ist von einer Reihe unterschiedlicher Variablen abhängig, nicht zuletzt auch vom gesundheitspolitischen Willen und der sozialen Hilfeleistung für betroffene Personen.


    12. September 2019, 16:30 Uhr

    Dr. Gunnar Schumann (Hagen)

    Zum Problem des Erklärens von kollektiven Handlungen

    Es gibt eine große Bandbreite kollektiver Handlungen: von einem Spaziergang zu zweit, über Handlungen von Parteien und Wirtschaftsunternehmen bis hin zu Handlungen von Stämmen, Religionsgruppen oder Nationen. Das Problem, auf welche Weise kollektive Handlungen angemessen erklärt werden können, wird seit einigen Jahren in der Analytischen Philosophie kontrovers diskutiert. Als Grundproblem wird dabei die Versöhnung zweier kontrastierender Intuitionen angesehen: einerseits, dass eine kollektive Handlung sich als Resultat einer geteilten Absicht und nicht als bloßes Aggregat individueller Absichten verstehen lassen muss. (Wenn eine Menschenmenge über die Straße läuft, wenn die Fußgängerampel grün zeigt, so führen zwar alle Akteure die gleiche Handlung aus, aber es handelt sich nicht um eine kollektive Handlung. Irreduzibilitätsthese). Andererseits scheint es, als müsse die kollektive Handlung als ein Resultat numerisch verschiedener Absichten der die Gruppe ausmachenden Akteure erklärt werden (Individuelle-Besitz-These). Das Problem nimmt daher die Form an: Wie kann das Zustandekommen einer kollektiven Handlung auf Basis einer Reihe individueller Absichten der Einzelakteure erklärt werden? Diese Frage wird in der Analytischen Philosophie mithilfe einer Reihe von Theorien kollektiven Handelns zu beantworten gesucht. Im Vortrag soll gezeigt werden, dass das diesen Theorien zugrundeliegende Problem des Erklärens kollektiver Handlungen ein Scheinproblem ist.


    27. Juni 2019, 16:30 Uhr

    Prof. Dr. Günther Pöltner (Wien)

    Freiheitsillusion oder illusorische Freiheit?

    Gemäß einem neuen Aufklärungsprogramm ist die Rede von Freiheit eine Illusion. An diesem Programm interessieren weniger der performative Widerspruch, in dem sich dessen Vertreter verwickeln, sondern der unreflektierte Freiheitsbegriff, den es voraussetzt. Die teilweise berechtigte Kritik bekämpft zwar eine illusorische Vorstellung von Freiheit, fordert aber eben deshalb eine neue Besinnung auf unser Menschsein heraus.


    11. April 2019, 16:30 Uhr

    PD Dr. Frank Ruda (University of Dundee)

    Mut und Politik

    Theodor W. Adorno bemerkt irgendwo, dass die Geschichte der Philosophie angefüllt ist mit Problemen, die eine lange Zeit im Brennpunkt allen Nachdenkens stehen, dann aber, aus meist nur schwer verständlichen Gründen, in allgemeine Vergessenheit geraten. Er selbst hat vergessen hinzuzufügen, dass das Gleiche auch für vormals zentrale Begriffe der Philosophie gilt. Der Vortrag wird von der Diagnose ausgehen, dass ab einem bestimmten – politisch überdeterminierten – geschichtlichen Moment der Begriff, die Kategorie des Muts in der Philosophie in Vergessenheit geriet. Er wird in einem ersten Schritt die Gründe für dieses Vergessen klären, um im Anschluss den Fragen nachzugehen, was mit dem Begriff des Mutes – zurecht oder unrecht – verloren gegangen ist und inwiefern dieser Verlust Konsequenzen nicht nur für die Philosophie, sondern für deren Durchdenken der Politik hat.


    21. Februar 2019, 16:30 Uhr

    Prof. Dr. Christina Schües (Lübeck)

    Epistemische Verletzlichkeit. Wie ist Phänomenologie politisch?

    Tatsachen werden zur Meinung, die Meinung zum alternativen Fakt. Vertraute gesellschaftliche und politische Erkenntniskategorien verschwimmen. Gegenwärtige Handlungs- und Normbereiche unterliegen einem Wandel, Verhaltensweisen ändern sich, Politik tritt in neuem Gewand auf. Ist der öffentliche politische Raum prekär, fragil geworden? Die Sphäre des Meines wird zum Hort einer zerstörten normativen Ordnung, der von der Faktizität des Wirklichen und der Erfahrung befreit ist. Deshalb fragt Christina Schües in ihrem Vortrag: Sind die Menschen - die Bürgerinnen und Bürger, auch die Kinder und Jugendlichen - einer neuen Verletzlichkeit ausgesetzt? Haben wir es mit einer epistemischen Verletzung zu tun, die uns zeigt, dass wir auch sprachlich und epistemisch verletzlich sind, und zwar hinsichtlich unserer Erkenntnisfähigkeit und Wissensordnung, Sprache und unserers normativen Bezugsrahmens. Der Vortrag diskutiert, wie Verletzlichkeit und Prekarität aus phänomenologischer und politischer Perspektive verstanden werden kann. Wie hängen Verletzlichkeit und Erkenntniskategorien hinsichtlich unserer Kommunikation und politischen Interaktion zusammen?

  • 29. November 2018, 16:30 Uhr

    Prof. Dr. Volker Peckhaus (Paderborn)

    Von der Regel zum Algorithmus: Die Rolle rechnerischen Denkens in der Geschichte der Logik

    Die Macht der Algorithmen scheint uns zunehmend zu beherrschen. Sie dienen der Analyse der Daten, die jeder von uns in großer Menge Tag für Tag hinterlässt. Damit sollen automatisierte Entscheidungen getroffen werden, manche wohl auch zu unserem Wohl. Gleichwohl laden sie zum Mißbrauch ein und liefern uns als gläserne Menschen denen aus, die die Algorithmen besitzen.

    Der Vortrag geht den Ursprüngen algorithmischen Denkens nach, die mit der Entstehung der modernen Logik zusammenfallen. Die Entwicklung regelgeleiteter Methoden und logischer Kalküle (rechnendes Denken) etwa bei René Descartes und Gottfried Wilhelm Leibniz oder auch der modernen Mathematischen Logik bei Ernst Schröder war eng verbunden mit der umfassenden Suche nach wissenschaftlichen Universalsprachen. Algorithmen und Kalküle stellten dabei die Syntax dieser Sprachen dar. Die damit gegebenen Verknüpfungs- und Transformationsregeln dienten der Steigerung der Effizienz logischen Schließens und der Erschließung neuen Wissens.


    18. Oktober 2018, 16:30 Uhr

    Dr. Fernando Moldeo (Hagen)

    Kants Antwort auf die Frage: „Ist überall Metaphysik möglich?“

    Im Rahmen der Aufklärung und der dementsprechenden Erforschung der Ansprüche der menschlichen Vernunft setzt sich Kants Projekt einer Kritik der reinen Vernunft mit der Frage nach der Möglichkeit einer Metaphysik der Natur und der Moral auseinander. Die Ergebnisse dieses Projekts sorgen jedoch seit dem Ende des 18. Jahrhunderts für Kritik. Der Vortrag möchte sich mit dieser kritischen Strömung auseinandersetzen. Diesbezüglich ist auf zwei grundlegende Probleme aufmerksam zu machen, die innerhalb des Kantischen kritischen Projekts auf mögliche offene Fragen hinweisen. Diese Probleme betreffen die Rechtfertigung der Kategorien als Verstandesbegriffe eines Objekts im Allgemeinen, die den allgemeinsten Teil der Metaphysik bilden und die Rechtfertigung der absolut verbindlichen Natur des Sittengesetzes, das den Grund der Moralphilosophie ausmacht.


    20. September 2018, 18:30 Uhr

    Rolf Schönberger (Regensburg)

    Buridans Esel

    Über den Grund und die Bestimmung von freien Alternativen.

    Durch die Philosophie der Neuzeit geistert das Beispiel von Buridans Esel, der angesichts zweier gleich verlockender Heuhaufen vor diesen verhungert. Eine Entscheidung scheint vorauszusetzen, dass ein Entscheidungsgrund stärker als ein anderer war. Die Philosophie der Neuzeit hat das allerdings durchgängig als ein unangemessenes Exempel für die menschliche Freiheit angesehen.

    Die Thematik der Freiheit wurde erwartungsgemäß im mittelalterlichen Denken auch zu einer komplexen Problemstellung der Theologie. Buridan ist allerdings zeitlebens Philosoph geblieben. Die bisherige Deutung seiner Theorie bezieht diese entweder auf die Diskussion in der theologischen Fakultät oder auf die Freiheitstheorie Kants. Buridan bietet jedoch eine ausdifferenzierte und umfängliche Theorie, in der es neben der Frage, welches Wissen der Mensch von seiner Freiheit haben kann, auch darum geht, wie Freiheit überhaupt verstanden werden muss. Gründet sie in der Rationalität, weil erst durch Kategorie des Gegensatzes Alternativen zu denken sind, oder in der reinen Spontaneität, durch die das zunächst Unbestimmte – die Pluralität von Optionen – zu einer Bestimmung, sprich zu einer Entscheidung kommt? Buridans Theorie entwickelt eine bisher unbekannte "Psychologie" der Willensbildung, die allerdings nicht der einzig originelle Aspekt in seiner Konzeption der Freiheit ist.


    5. Juli 2018, 18:30 Uhr

    Alexander Schnell (Wuppertal)

    Wozu Phänomenologie heute?

    Nicht nur die geisteswissenschaftliche Welt unterliegt heute einem grundlegenden Wandel. Die Fortschritte an allen Fronten der Naturwissenschaften vermitteln den Eindruck, dass vielerlei Neuartiges am Entstehen ist, das aber offenbar noch dem begrifflichen Erfassen harrt. Dies stellt die Philosophie vor (mindestens) eine zweifache Aufgabe. Einerseits muss sie sich, wie zu aller Zeit, diesen Neuerungen gegenüber öffnen, das heißt, die Mittel bereitstellen, um die darin unterschwelligen Sinnbildungen und Sinnstiftungen zur Sprache zu bringen. Andererseits stellen diese neuartigen Prozesse aber auch die Sinnfrage an die Philosophie selbst. Wozu braucht man noch Philosophie in der heutigen Zeit? In diesem Vortrag soll es darum gehen, eben danach zu fragen, welche Rolle die Philosophie – und dabei insbesondere die Phänomenologie – nach einem sehr umwälzenden Jahrhundert, und angesichts des spürbaren Aufkommens einer noch nicht eindeutig zu identifizierenden Realität, zu spielen vermag. Im Zentrum der Überlegungen wird dabei der Zusammenhang zwischen Erkenntnis und Realität stehen – gerade weil die Phänomenologie vielleicht eines der letzten Refugien ausmacht, in denen solche Fragen noch gestellt werden.


    22. Februar 2018, 16:00 Uhr

    Prof. Dr. Paul Hoyningen-Huene (Hannover, Zürich)

    Sagt die Physik die Wahrheit?

    Der Vortrag beginnt mit einer Klärung der Titelfrage „Sagt die Physik die Wahrheit?“ Der Wahrheitsanspruch der Physik erscheint als verhältnismäßig unproblematisch, insoweit er sich auf beobachtbare Tatsachen bezieht. Die tiefergehenden Aussagen der Physik beziehen sich aber auf Unbeobachtbares, z.B. auf die Existenz eines Urknalls („Big Bang“) als Anfangspunkt unseres Universums. Wie werden in der Physik solche Aussagen über (evtl. sogar prinzipiell) Unbeobachtbares begründet? Sind solche Begründungen hinreichend für die Wahrheit der entsprechenden physikalischen Behauptungen? Oder sind hier ernsthafte Zweifel legitim? Im Vortrag werden die einschlägigen Argumente in historischer und systematischer Perspektive diskutiert.

  • 30. November 2017, 16:00 Uhr

    Univ.-Prof. (em.) Dr. phil. Dr. med. h. c. Jan Beckmann (Hagen)

    Des Menschen Anfang und Ende als Gegenstand aktueller medizinethischer Debatte

    Traditionell und auch heute noch gilt ganz allgemein, dass das Leben eines Menschen mit der Geburt beginnt und mit seinem Tod endet. Die Fortschritte der Perinatalmedizin, vor allem aber die völlig neuen von den Wissenschaften in jüngster Zeit etablierten Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin lassen Zweifel daran aufkommen, ob das Leben eines Menschen wirklich erst mit seiner Geburt beginnt oder nicht vielmehr bereits mit seinem fetalen („werdender Mensch“) oder gar seinem embryonalen Werden begonnen hat („embryonaler Mensch“), von der extrakorporalen Existenz als Embryo in vitro ganz abgesehen.

    Ähnlich die Unsicherheit in Bezug auf des Menschen Ende. Lange Zeit galt der kardiale Arrest mit nachfolgender Hypoxie des Gehirns oder der nicht mehr behebbare Ausfall anderer Organe als Todeszeitpunkt. Doch die Fortschritte der Intensivmedizin der vergangenen Jahrzehnte, insbesondere die Möglichkeiten apparativer Erhaltung der Herz-Kreislauffunktionen trotz kardialem Arrest oder vollständigem Funktionsausfall des gesamten Gehirns haben in der Bevölkerung Zweifel oder zumindest Unsicherheiten ausgelöst, ob das traditionelle Todesverständnis noch zutrifft.

    Beides, Anfang und Ende menschlichen Lebens werfen nicht nur anthropologische, sondern auch ethische Fragen auf. Der Vortrag skizziert die aktuelle Debatte, zeigt Möglichkeiten und Grenzen (medizin-) ethischer Analysen auf und stellt einen eigenen Antwortvorschlag zur Diskussion.


    19. Oktober 2017, 16:00 Uhr

    Dr. Marcus Knaup (Hagen)

    Vertauschte Köpfe?
    Bioethische Reflexionen zur Frage der Kopftransplantation

    Der Titel des Vortrags von Dr. Marcus Knaup (FernUniversität in Hagen) spielt an auf die lesenswerte Erzählung Die vertauschten Köpfe. Eine indische Legende des deutschen Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann (1875-1955) aus dem Jahr 1940. Die beiden Hauptfiguren, Nanda und Schridaman, enthaupten sich. Schridamans Frau entdeckt das fürchterliche Blutbad und setzt nach dem Eingreifen einer Göttin die Körperteile wieder zusammen. Doch ihr unterläuft der folgenreiche Fehler, dass sie die Köpfe auf die falschen Körper setzt. Nun steht die Frage im Raum, mit wem sie es da eigentlich zu tun hat. Wer ist wer, wenn die Köpfe der beiden Männer vertauscht sind? Wen hat sie vor sich, wenn sie den Kopf des einen küsst, während sie mit dem Leib des anderen schläft?

    Doch das Thema ist nicht nur eines für die Belletristik, sondern auch in bioethischer Hinsicht höchst brisant, geht es hierbei nämlich ebenso um die Zukunft der Neuromedizin wie unser Selbstbild. An Aktualität hat es nicht zuletzt durch die medienwirksamen Auftritte des italienischen Mediziners Sergio Canavero (Turin) gewonnen, der beabsichtigt, in absehbarer Zeit eine Kopftransplantation durchführen zu wollen. Im Rahmen einer Konferenz der American Academy of Neurological and Orthopaedic Surgeons in Annapolis im Jahr 2014 hat er seine Pläne vorgestellt. Ein Patient ist bereits gefunden.

    Der Beitrag von Dr. Knaup diskutiert die Frage, was zu diesen Plänen aus ethischer Sicht zu sagen ist und welche unausgesprochenen Vorstellungen vom Menschen bei diesen Überlegungen im Hintergrund mitschwingen.


    21. September 2017, 18:30 Uhr

    Prof. Dr. Petra Lohmann (Siegen)

    Fichtes Theorie des Unbewussten

    Seit Freud ist „keine Bewußtseinsphilosophie mehr sinnvoll, die nicht zugleich eine Philosophie des Unbewussten ist“ und die „nicht auch“ die Beziehung [der Rationlität] zum ‚Irrationalen’“ (G. Böhme/H. Böhme 1985, S. 11) berücksichtigt. Während es „in der Forschung […] weitgehend unbestritten [ist], dass [in der Vorläuferschaft zu Freud] mit der Philosophie Schopenhauers ein bedeutender Schritt zur Entwicklung einer Theorie des Unbewußten verbunden ist, die in der Psychoanalyse eine klassische Gestalt erhalten hat“ (Koßler 2005, S. 180), würde man bei Schopenhauers Lehrer Fichte einen solchen Bezug auf das Unbewusste eher nicht vermuten, weil man ihn zu sehr auf das rein Spekulative einschränkt, so dass man ihm einen Schopenhauer ähnlich wirkungsmächtigen Vorbildcharakter für einen Anknüpfungspunkt an die Naturwissenschaften abspricht. Der Vortrag zielt auf die Widerlegung dieser vereinseitigenden Sichtweisen auf Fichte, indem erstens Fichtes Bezugsrahmen seiner Bestimmung des Unbewussten nachgezeichnet wird, der sowohl formale als auch faktische Aspekte des Unbewussten umfasst und deutlich macht, dass Fichte zwischen der Funktion des Unbewussten für den Aufbau des Systems der Wissenschaftslehre und der Funktion des Unbewussten als Bewusstseinsmodus für die Genese des Realitätsbewusstseins des Ich unterscheidet. Auf dieser Basis lässt sich am Beispiel von Helmholtz’ (1821-1894) Theorie des unbewussten Schlusses nachweisen, dass und wie Fichte mit seiner Theorie des Unbewussten auf die naturwissenschaftliche Psychologie Einfluss genommen hat.

    Prof. Dr. Petra Lohmann lehrt seit 2013 als Professorin für Architekturtheorie am Department Architektur der Universität Siegen. Sie hat Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte studiert und wurde 2000 mit einer Arbeit zum Begriff des Gefühls in der Philosophie Fichtes promoviert. 2008 hat sie sich mit der Studie „Architektur als Symbol des Lebens. Zur Wirkung der Philosophie Johann Gottlieb Fichtes auf die Architekturtheorie Karl Friedrich Schinkels von 1803 bis 1815“ habilitiert. Von 2010 bis 2016 war sie Präsidentin der „Internationalen Gesellschaft für Architektur und Philosophie“, seit 2015 ist sie Vizepräsidentin der „Internationalen Johann Gottlieb Fichte-Gesellschaft“ sowie außerdem Membre associé von CNRS UMR 71712THALIM in Paris (Sorbonne 3).


    29. Juni 2017, 18:30 Uhr

    Prof. Dr. Jan Slaby (Berlin)

    Affekt und Politik

    Das jüngste Aufkommen und der Erfolg rechtspopulistischer Bewegungen in Europa und den USA lassen die Frage nach dem Verhältnis von Affekt und Politik dringlich werden. Welche Rolle spielen Affekte und Emotionen im politischen Geschehen? Im Vortrag wird es zunächst um eine kritische Sondierung aktueller Positionen zu diesem Thema gehen, vor allem aber soll eine ontologisch grundlegende Verhältnisbestimmung von Affektivität und Politik unternommen werden. Das Politische betrifft die kollektive Gestaltung menschlicher Angelegenheiten, sofern diese kontingent und somit veränderbar sind. Die menschliche Affektivität ist ihrerseits nur verstehbar, wenn sie sowohl auf die Kontingenz und Endlichkeit des Lebens bezogen wird als auch in jenem „Bezugsgewebe der menschlichen Angelegenheiten“ (Arendt) situiert wird, das allein die Sinnhaftigkeit und damit Verstehbarkeit menschlicher Lebensvollzüge ermöglicht. Damit ergibt sich die Möglichkeit einer wechselseitigen Bestimmung von Affekt und Politik, und auf dieser Grundlage sowohl eine Politisierung der Affektforschung als auch eine affekttheoretisch fundierte Analyse politischer Vorgänge und deren Voraussetzungen. Es werden u.a. Arbeiten von Arendt, Butler, Massumi, Mohrmann, Nussbaum und Protevi angesprochen.

    Jan Slaby ist Professor für Philosophie des Geistes an der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Philosophie der Emotionen, im Bereich sozialer Theorien des Geistes, in einer kritischen Philosophie der Humanwissenschaften sowie in der Sozial- und politischen Philosophie. Jan Slaby ist Vorstandsmitglied im Berliner Sonderforschungsbereich Affective Societies. Veröffentlichungen u.a. die Monographie Gefühl und Weltbezug, 2008; der Sammelband Critical Neuroscience: A Handbook of the Social and Cultural Contexts of Neuroscience. 2012 (hg. mit Suparna Choudhury), und zuletzt der Artikel „Mind Invasion: Situated Affectivity and the Corporate Life Hack“, Frontiers in Psychology, 2016.


    27. April 2017, 18:30 Uhr

    Prof. Dr. Hans‐Johann Glock (Zürich)

    Von Fröschen, Hunden und Menschen: Handeln, Intelligenz und Vernunft bei
    Tieren

    Der Vortrag widmet sich folgenden Fragen: a) Können Tiere überhaupt handeln oder verhalten
    sie sich nur? b) Können Tiere intelligent handeln? c) Können Tiere rational handeln? d) Können
    Tiere aus Gründen handeln? e) Können Tiere nachdenken, bzw. Schlüsse ziehen? Und er
    beantwortet alle diese Fragen mit Ja, allerdings mit Qualifikationen und Kautelen, die von (a)
    nach (d) kontinuierlich zunehmen. Sein Angriffsziel ist der Lingualismus; diese besonders in der
    rationalistisch gesinnten Philosophie verbreitete Position verneint alle gestellten Fragen unter
    Berufung auf allgemeine begriffliche Argumente, wonach (rationales) Handeln der Sprache
    bedarf. Bei der Auseinandersetzung mit dem Lingualismus werden zwei Punkte eine besondere
    Rolle spielen: erstens die Wichtigkeit des ungerechtfertigter Weise vernachlässigten oder sogar
    verleumdeten Begriffs der Intelligenz; zweitens eine revisionistische Position in der
    zeitgenössischen Handlungstheorie, wonach Handlungsgründe nicht subjektive mentale
    Zustände oder Ereignisse des Handelnden sind, sondern objektive Sachverhalte und Ziele,
    welche die Handlung für den Handelnden attraktiv machen.


    15. März 2017, 18:30 Uhr

    Prof. Dr. Bernhard Waldenfels (München)

    Hören auf die fremde Stimme

    Bernhard Waldenfels ist der wichtigste phänomenologische Philosoph deutscher Sprache der letzten 50 Jahre. Ausgehend von einer kritischen Auseinandersetzung mit der Phänomenologie Edmund Husserls und v. a. durch sein Studium bei Maurice Merleau-Ponty entwickelt Waldenfels eine Erneuerung der Phänomenologie als sachorientierter Erfahrungswissenschaft. Indem er im Anschluss an Merleau- Pontys Philosophie der Leiblichkeit die bewusstseinsphilosophischen Restbestände der Phänomenologie hinter sich lässt, sich durch Emmanuel Levinas’ Philosophie des Anderen anregen lässt und sie mit Michel Foucaults Theorie diskursiver Ordnungen verbindet, schafft Waldenfels mit seiner Philosophie der „responsiven Rationalität“ eine Weiterentwicklung der Phänomenologie, deren Produktivität über die Grenzen einer Schule hinausweist. Bernhard Waldenfels hält im Rahmen seines zweitägigen Aufenthalts an der FernUniversität im Rahmen einer für Studierende und DoktorandInnen offenen Masterclass einen öffentlichen Vortrag mit dem Titel „Hören auf die fremde Stimme“. Immer wieder hat Waldenfels Erfahrungen des Fremden und der Fremdheit jenseits aller Versöhnungs- aber auch Dämonisierungsversuche auf zahlreichen Feldern menschlicher Kulturleistungen reflektiert. Im Vortrag wird der Fremdbezug in seiner sinnlichleiblichen Ausformung beleuchtet, wodurch sich interdisziplinäre Bezugsfelder ergeben (ärztliches Gespräch, Musik, Bühnenkunst).

    Bernhard Waldenfels war von 1976-1999 Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Er war Mitbegründer und Präsident der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung und Gastprofessor an zahlreichen internationalen Universitäten. Die von ihm begründete responsive Phänomenologie hat sowohl in der Philosophie als auch den angrenzenden Wissenschaft ihre Produktivität erwiesen.


    2. Februar 2017, 16:30 Uhr

    Prof. Dr. Inga Römer (Grenoble)

    „Realismus“ – ein Symptom der Gegenwartsphilosophie

    In den Debatten der Gegenwartsphilosophie sticht die Rede vom „Realismus“ besonders heraus. Obgleich die „Realisten“ immer zahlreicher zu werden scheinen, vertreten sie keineswegs denselben Realitätsbegriff. Vielmehr sind ihre Ansätze so heterogen, dass die Frage entsteht, weshalb sie sich überhaupt unter demselben Titel zusammenfinden. Neben einem gemeinsamen Gegner, dem sogenannten „Korrelationismus“, scheint es jedoch außerdem eine Reihe von nicht rein philosophischen Motiven zu geben, die die verschiedenen Autoren verbinden. Der Vortrag fragt in einem ersten Teil danach, welche Motive es sein könnten, die dem „Realismus“ der Gegenwartsphilosophie zugrunde liegen und inwiefern diese erklären könnten, weshalb plötzlich nahezu jedermann „Realist“ sein zu wollen scheint. Der zweite Teil verlässt die Vogelperspektive und widmet sich der von den gegenwärtigen „Realisten“ formulierten Kritik am „Korrelationismus“. Einer kritischen Diskussion der Korrelationismuskritik folgt eine Auseinandersetzung mit Kants differenziertem Realitätsbegriff, dessen Weiterentwicklungen in der zeitgenössischen Phänomenologie aufgezeigt werden.

    Prof. Dr. Inga Römer ist seit 2016 Professorin für Philosophie an der Université Grenoble Alpes. Sie promovierte und habilitierte sich an der Bergischen Universität Wuppertal, wo sie von 2008 bis 2016 lehrte. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Phänomenologie und Hermeneutik, Kantianismus und Postkantianismus, Philosophie der Subjektivität und Intersubjektivität, Philosophie der Zeit und Ethik. Sie ist Autorin der Monographien Das Zeitdenken bei Husserl, Heidegger und Ricœur (Dordrecht 2010) und Das Begehren der reinen praktischen Vernunft. Kants Ethik in phänomenologischer Sicht (Hamburg, voraussichtlich 2017).

  • 8. Dezember 2016, 16:30 Uhr

    Prof. Dr. Ruth Sonderegger (Wien)

    Zur Kolonialität der europäischen Ästhetik

    Der ästhetische Diskurs der Moderne gilt als einer der Emanzipation, der Demokratisierung und der Utopie. So erstaunt es nicht, dass die Feier der befreienden und egalisierenden ästhetischen Erfahrung von Kant über Schiller bis hin zu Jacques Rancière zum philosophischen und pädagogischen common sense geworden ist. Der Vortrag möchte dagegen nicht nur an einige Ausschlüsse erinnern, die den ästhetischen Diskurs der Moderne seit dem 18. Jahrhundert bestimmen. Es soll auch aufgezeigt werden, inwiefern die Gründung der philosophischen Disziplin der Ästhetik intrinsisch mit dem europäischen Kolonialismus verbunden ist.

    Ruth Sonderegger ist Professorin für Philosophie und ästhetische Theorie an der Akademie der bildenden Künste Wien. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Ästhetik, Cultural Studies, kritische Theorien und Resistance Studies. Letzte Buchveröffentlichungen: Foucaults Gegenwart, Wien 2016 (mit Isabell Lorey und Gundula Ludwig); Spaces for Criticism: Shifts in Contemporary Art Discourses (hrsg. m. P. Gielen, T. Lijster, S. Milevska), Amsterdam 2015; Pierre Bourdieu und Jacques Rancière. Emanzipatorische Praxis denken (hrsg. m. J. Kastner), Wien 2014; Art and the Critique of Ideology After 1989 (hrsg. m. E. Birkenstock, M. J. Hinderer Cruz, J. Kastner), Bregenz/Köln 2013; Conceptions of Critique in Modern and Contemporary Philosophy (hrsg. m. K. de Boer), Houndmills Basingstroke 2012.


    3. November 2016, 18:30 Uhr

    Dr. Gunnar Schumann (Hagen)

    Erklärungen in den historischen Geistes- und Sozialwissenschaften. Ein intentionalistischer Ansatz

    Was ist die angemessene Methode des Erklärens in den Geschichts- und Sozialwissenschaften? Diese Frage gehört zu einer traditionsreichen philosophische Debatte, die sich insbesondere um den Streitpunkt drehte, ob die Methode des Erklärens in den Geschichts- und Sozialwissenschaften dieselben sind wie in den Naturwissenschaften. So genannte „Monisten“ behaupten, dass historische und gesellschaftliche Ereignisse, genau wie physikalische Ereignisse, mittels ihrer Ursachen (womöglich unter zu Hilfenahme allgemeiner Gesetze) erklärt werden müssen – „Pluralisten“ hingegen verneinen dies. Monistische Angleichungsprogramme von Natur- und Geisteswissenschaften basieren auf kausalistischen Handlungstheorien, die in der zeitgenössischen Analytischen Philosophie und im szientifistischen Zeitgeist überhaupt weit verbreitet sind. Im Vortrag soll es um die Ausarbeitung und Verteidigung eines pluralistischen Standpunkts gehen. Ich möchte dafür argumentieren, dass historische Ereignisse im Wesentlichen Handlungen von individuellen oder kollektiven Akteuren sind und dass diese mittels Handlungsgründen, nicht mittels Ursachen erklärt werden (und dass Gründe etwas von Ursachen fundamental verschiedenes sind). Dies möchte ich unter Rückgriff auf intentionalistische Handlungstheorien in der Tradition des späten Wittgenstein und der „Philosophie der normalen Sprache“ zeigen.

    Dr. Gunnar Schumann ist wiss. Mitarbeiter am Lehrgebiet für Theoretische Philosophie an der FernUniversität in Hagen. Er promovierte 2011 mit der Arbeit "Epistemische Rechtfertigung und Wahrheit als Empfehlung" und forscht derzeit zum Problem der Methode historischen Erklärens Seine Arbeitsschwerpunkte sind Sprachphilosophie (insbesondere die Philosophie der normalen Sprache), analytische Handlungstheorie und Erkenntnistheorie.


    8. September 2016, 18:30 Uhr

    Ass.-Prof. Dr. Dr. Max Gottschlich (Linz)

    Zur Form des Urteils. Antworten der formalen, transzendentalen und dialektischen Logik

    Was ein Urteil bzw. eine Aussage ist, scheint im alltäglichen Sprechen selbstverständlich zu sein. Doch ein Blick in die Logik zeigt, dass es ganz erstaunliche Auffassungsdifferenzen gibt, wie denn die Form eines Urteils zu begreifen wäre. Bereits innerhalb der formalen Logik tritt eine beachtliche Differenz zwischen der Urteilsauffassung der traditionell-aristotelischen und der modernen mathematisierten Logik im Anschluss an Frege auf. Von der formalen Logik insgesamt unterscheidet sich Kants transzendentallogische Urteilsauffassung – und von dieser wiederum jene im Rahmen der Hegelschen Dialektik, die sich prominent in der Lehre vom „spekulativen Satz“ ausspricht. Diese Differenzen sind fundamentalphilosophisch von enormen Gewicht, haben sie doch weitreichende Implikationen (etwa für den Begriff der logischen Form überhaupt, für die Relevanz der Urteilsform für das Erkennen, für die Methode der Wissenschaft und für die Auffassung von Sprache). Der Vortrag möchte diese Differenzen an einigen markanten Punkten herausstellen und nachvollziehbar machen.

    DDr. Max Gottschlich ist Ass.-Prof. am Institut für Praktische Philosophie/Ethik der Katholischen Privat-Universität Linz. Er arbeitet u.a. zu Fragen der Logik (Zusammenhang von formaler, transzendentaler und dialektischer Logik, Bedeutung der Logik für den Begriff des Menschen), zur Philosophie der Sprache sowie Ästhetik/Philosophie der Kunst.


    9. Juni 2016, 18:30 Uhr

    Prof. em. Dr. Werner Stegmaier (Greifswald)

    Die Zukunft der Werte.
    Nietzsche als Motor und Bremser

    Die Orientierung an Werten erscheint heute ganz selbstverständlich, die Ethik bestärkt sie, die Politik nutzt sie. Die Rede von "Werten" ist für philosophische Verhältnisse aber noch jung, sie entstand erst im 19. Jahrhundert. Nietzsche machte sie berühmt – und irritierte sie zugleich mit seiner Diagnose der „Entwertung der obersten Werte“ („Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“) und der Therapie, die ihm umso mehr für die Zukunft nötig schien, einer „Umwertung aller Werte“ („wir müssen hinter die Naivetät unsrer Ideale kommen“). Wenn sich Werte aber entwerten und wenn sie gezielt umgewertet werden können, geben sie der Orientierung nur begrenzten Halt. So droht der Rekurs auf Werte sich als solcher zu entwerten – davor schauderte selbst Nietzsche zurück. Können wir heute damit umgehen? Kann die Ethik und die Politik damit umgehen?

    Prof. em. Dr. Werner Stegmaier war Gründungsdirektor des Instituts für Philosophie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald nach der Wende und von 1994 bis 2011 Lehrstuhlinhaber für Philosophie mit Schwerpunkt Praktische Philosophie. Er ist Autor der Philosophie der Orientierung (2008) und von Nietzsches Befreiung der Philosophie (2012). Im Sommer 2016 erschien Nietzsche meets Luhmann. Orientierung im Nihilismus.


    14. April 2016, 18:30 Uhr

    Prof. Dr. Heiner F. Klemme (Halle-Wittenberg)

    Der Fremde als Person. Verbindlichkeitsdiskurse in Neuzeit und Moderne

    In der Philosophie der Neuzeit wurde eine intensive Debatte über den Begriff der moralischen Verbindlichkeit (obligatio) geführt. Einem weit verbreiteten Verständnis dieses Begriffs zufolge ist der Grund der Verbindlichkeit das (natürliche, göttliche, politische) Gesetz. Das Gesetz verpflichtet uns, bestimmte Handlungen gegenüber uns selbst, anderen Menschen und Gott auszuüben. Die moralisch gebotene Handlung wird Pflicht (officium) genannt. Pflichten begründen ihrerseits das Recht, das zu tun, wozu wir verpflichtet sind. In dem Vortrag soll der Begriff der Verbindlichkeit (der Verpflichtung) mit Blick auf die Frage nach den Pflichten erörtert werden, die wir gegenüber Fremden haben. Fallen sie mit den Pflichten gegen anderen Menschen zusammen? Unter welchen Bedingungen sind wir verbunden, unsere Pflicht zu tun? Welche Übereinstimmungen und Differenzen gibt es zwischen dem moralischen (sittlichen) und den rechtlich-politischen Dimensionen unserer Pflichten?

    Prof. Dr. Heiner F. Klemme ist seit 2014 Professor für Geschichte der Philosophie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Leiter des dortigen Immanuel-Kant-Forums. Er war Professor für praktische Philosophie an der Universität Wuppertal (2006-2008) und Professor für Philosophie der Neuzeit an der Universität Mainz (2008-2014) sowie Gastprofessor in Brasilien und China. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Philosophie der Neuzeit und der Gegenwart, insbesondere Kant und praktische Philosophie.


    4. Februar 2016, 18:30 Uhr

    Prof. Dr. Thomas Bedorf

    Politiken des Anderswo

  • 3. Dezember 2015, 18:30 Uhr

    Dr. Matthias Flatscher (Wien)

    Drei Formen der sprachlichen Wende

    Wahrscheinlich hat kaum eine andere Teildisziplin die Philosophie des 20. Jahrhunderts mehr geprägt als die Sprachphilosophie. Zugleich markiert die „sprachliche Wende“ in der Philosophie einen Paradigmenwechsel, dem heute jede Theorie- und Methodenreflexion in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften Rechnung tragen muss. Der Vortrag geht der Frage nach, was unter der „sprachlichen Wende“ zu verstehen sei, und wird hierfür drei unterschiedliche Spielarten des so genannten „linguistic turn“ nachzeichnen. Dabei sollen die diversen Inblicknahmen der Sprache in der analytischen Philosophie, in der hermeneutisch-phänomenologischen Tradition sowie im (post-)strukturalistischen Diskurs kritisch zur Diskussion gestellt werden.

    Dr. Matthias Flatscher ist wissenschaftlicher Assistent am Institut für Philosophie der Universität Wien; seine Forschungsschwerpunkte sind Sprachphilosophie, Sozialphilosophie, Politische Philosophie und Ästhetik.


    8. Oktober 2015, 18:30 Uhr

    Dr. Jens Lemanski (Hagen)

    Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Aktuelle Antworten aus der Physik und Metaphysik

    Die in der griechischen Komödie erstmals sinngemäß aufgeworfene und dann seit dem Mittelalter immer wieder konkret gestellte Frage, warum überhaupt etwas sei und nicht vielmehr nichts, wird seit den 1970er Jahren in vielen Bereichen der Wissenschaft wieder sehr intensiv diskutiert. In den eher empirisch ausgerichteten Disziplinen, die man unter dem Sammelnamen „Physik“ bzw. „Naturwissenschaften“ fassen kann, zeigen sich dabei andere Detailprobleme, Herangehensweisen und Antwortstrategien als in den eher logisch orientieren Disziplinen, die als „Metaphysik“ bzw. „Geisteswissenschaften“ bezeichnet werden können. Während jene vor allem mittels Analogieschlüssen von der Faktizität der gegenwärtigen Naturgesetze und -konstanten auf deren vergangenen Ursprung des Seienden schließen, eröffnen in diesen Disziplinen hingegen gerade modallogische Umformulierungen einen neuartigen Zugang zu der einst als unlösbar geltenden „ultimativen Warum-Frage“.

    Dr. Jens Lemanski ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrgebiet Philosophie I der FernUniversität in Hagen; seine Forschungsschwerpunkte sind Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte, Logik und Sprachphilosophie sowie Metaphysik.


    3. September 2015, 18:30 Uhr

    Prof. em. Dr. Wolfgang Detel (Frankfurt a.M./Bremen)

    Kognitive Anthropologie. Was den Menschen ausmacht

    Was ist der Mensch? Wodurch unterscheidet er sich vom Tier? Auf diese ehrwürdige und immer noch aktuelle Frage skizziert der Vortrag eine neue Antwort: Es gibt zahlreiche Unterschiede zwischen Menschen und Tieren. Aber die grundlegenden Unterschiede, die dazu beitragen, viele andere Unterschiede zu erklären, beruhen auf speziellen kognitiven Fähigkeiten. Die Umrisse dieser kognitiven Anthropologie mit explanatorischen Ansprüchen werden auch anhand einiger Bilder und Videos erläutert.

    Prof. em. Dr. Wolfgang Detel ist emeritierter Inhaber des Lehrstuhls für Antike Philosophie an der Johann-Wolfgang- Goethe-Universität Frankfurt am Main; seine Forschungsschwerpunkte sind antike Philosophie, Epistemologie, Wissenschaftstheorie, Ontologie und Philosophie des Geistes.


    28. Mai 2015, 18:30 Uhr

    Dr. Oscar Cubo (Hagen)

    Öffentlichkeit und Politik bei Kant

    Die entscheidende Rolle des Begriffs der Öffentlichkeit in Kants praktischer Philosophie lässt sich durch die systematische Analyse des kategorischen Imperativs und des Publizitäts- prinzips feststellen. Das Verhältnis zwischen dem Publizitätsprinzip und dem kategorischen Imperativ besteht eben darin, dass die moralisch bzw. politisch zulässigen Maximen solche sind, die sich veröffentlichen lassen. Der Öffentlichkeitstest wird also für diejenigen Maximen erfüllt, die ein allgemeines Gesetz werden können. Im Gegenteil dazu sind die moralisch unzulässigen Maximen diejenigen, die das Licht der Öffentlichkeit nicht vertragen und aufgrund dessen geheim gehalten werden müssen. Die Analyse des internen Zusammenhanges zwischen der Universalisierung der Maximen und den politisch zulässigen Maximen soll als Ausgangspunkt dienen, um die Rolle des Öffentlichkeitsbegriffs in Kants politische Philosophie herauszuarbeiten.

    Dr. Oscar Cubo ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrgebiet Philosophie II, Praktische Philosophie: Ethik, Recht, Ökonomie, des Instituts für Philosophie der Fernuniversität in Hagen. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Klassische Deutsche Philosophie, Rechts- und Moralphilosophie.


    9. April 2015, 18:30 Uhr

    Prof. em. Dr. Jürgen Stolzenberg (Halle)

    Versuch über den Humor

    Wer als Philosoph über das Thema Humor nachdenkt, hat keinen Grund zur Freude: Die Philosophie kommt in der neueren Humorforschung nicht vor. Zur Begründung wird auf die unüberschaubare Vielfalt der Verwendungsweisen des Wortes Humor verwiesen . Nicht die Prinzipien suchende Philosophie, sondern die Einzelwissenschaften sollen sich, so meint man, den vielfältigen Spielarten von Humor in den verschiedenen Bereichen menschlicher Praxis widmen. Der Vortrag zeigt in einem ersten Teil, dass diese Ansicht aus begriffslogischen Gründen falsch ist. In einem zweiten Teil entwickelt der Vortrag eine Problemgeschichte neuzeitlicher Humortheorien, die von Laurence Sterne über Jean Paul bis zu Thomas Nagel reicht. Am Ende steht ein kunstgeschichtlicher Rückblick auf die aus der Antike bekannten Motive des lachenden Demokrit und des weinenden Heraklit, die erst in den Humortheorien der Moderne zusammengeführt werden.

    Prof. Dr. Jürgen Stolzenberg hatte 1998-2013 die Professur für Geschichte der Philosophie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg inne. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kant und die klassische deutsche Philosophie; Neukantianismus; der frühe Martin Heidegger; Theorie der Subjektivität; Ästhetik; Philosophie der Musik.


    5. Februar 2015, 18:30 Uhr

    Priv. -Doz. Dr. Christian Grüny (Witten-Herdecke)

    Warum betrifft uns die Musik?

    „Die anderen Künste überreden, die Musik überfällt uns.“ – Was Eduard Hanslick 1854 geschrieben hat, dürfte Anschluss in der Erfahrung der meisten Menschen finden. Auch wenn die Musik uns nicht immer überfällt, spielt sie doch im Leben der meisten eine Rolle, die mit der keiner anderen Kunst vergleichbar ist. Warum ist das so? Warum betrifft uns die Musik? Um Antworten auf diese Frage zu versuchen, wird darauf geblickt werden, wie Musik sich artikuliert, und zwar aus einer Perspektive, die die Motive und Phänomene von Rhythmus und Geste in den Mittelpunkt stellt.

    Dr. Christian Grüny ist Privatdozent an der Universität Witten-Herdecke. Seine Forschungsschwerpunkte sind Ästhetik, Musikphilosophie, Bildtheorie, Semiotik und ältere kritische Theorie.

  • 4. Dezember 2014

    Prof. Dr. Ruth Hagengruber (Paderborn)

    Der Kampf um die Hypothesen. Emilie du Châtelet zwischen Leibniz und den Newtonianern

    Emilie du Châtelet ist eine herausragende Wissenschaftlerin und Philosophin der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die aktiv und mit erheblicher Wirkung an den Auseinandersetzungen zwischen den Newtonianern und den Leibnizianern teilnahm.

    Der Vortrag legt auf dem Hintergrund des berühmten „hypotheses non fingo“ der Newtonianer die Leibniz- und Newton-Rezeption der französischen Elite dar und bestimmt darin die besondere Leistung Emilie du Châtelet’s Position im Kontext der Epoche.

    In ihrem naturphilosophischen Hauptwerk, der Naturlehre, widmete sie ein ganzes Kapitel der methodischen Analyse der Hypothesen und erläuterte deren Notwendigkeit für die Wissenschaft. In ihrer Lehre von den Hypothesen schuf sie einen innovativen und wirkungsreichen erkenntnistheoretischen Ansatz, da für sie Zahlen und alles Wissen letztlich nur Hypothesen sind.


    21. Oktober 2014

    Prof. Dr. Héctor Ferreiro (Buenos Aires)

    Der Streit um die hundert Taler. Begriff und Sein bei Kant und Hegel

    In der Transzendentalen Dialektik seiner Kritik der reinen Vernunft entfaltet Kant das „Hundert-Taler-Argument“ als ein konkretes Beispiel seiner allgemeinen Argumentation gegen die Auffassung des Daseins als eines realen Prädikats. Für Kant kann der Inhalt eines jeden Begriffs schlicht als ein möglicher bzw. als ein bloß gedachter Inhalt durchgängig bestimmt sein. Eben deshalb setzt das Subjekt im Existenzialsatz diesen bereits durchgängig bestimmten, dennoch bloß gedachten Inhalt mit einem kognitiven Akt ins Verhältnis, durch welchen es erkennen soll, dass der Inhalt ein wirkliches Ding ist. Hegel kritisiert in diesem Punkt Kants Denken, indem er zwischen Vorstellung und Begriff unterscheidet und aus dieser Unterscheidung eine nuanciertere Seinsauffassung gewinnt.


    18. September 2014

    Dr. Steffen Herrmann (Hagen)

    Warum können Worte verletzen? Zur Gewalt der Sprache

    Mit Sprache kann man Gewalt nicht nur beschreiben, ankündigen oder androhen: Sprache selbst kann verletzen. Die Phänomene sprachlicher Gewalt können dabei von der leisen Ironie bis hin zur plumpen Beleidigung oder von der indiskreten Taktlosigkeit bis hin zum sarkastischen Spott reichen. Doch wie kann es sein, dass ›bloße Worte‹ zu verletzen vermögen? Diese Frage kann beantwortet werden, indem gezeigt wird, dass sprachliche Gewalt im Gegensatz zur physischen Gewalt nicht in erster Linie auf die Schädigung der materiellen Existenz des Individuums zielt, sondern auf seine soziale Existenz. Und in dieser Sphäre ist sprachliche Gewalt nicht weniger ›real‹ oder ›effektiv‹ als physische Gewalt – auch sie kann in letzter Konsequenz lebensbedrohlich sein. Woher diese Verletzungsmacht von Worten rührt und unter welchen Bedingungen sie sich zu entfalten vermag, soll im Zuge des Vortrags beantwortet werden.


    5. Juni 2014

    Prof. Dr. Hubertus Busche (Hagen)

    Die Zeit als Machwerk des Menschen


    3. April 2014

    Prof. Dr. Jon Stewart (Kopenhagen)

    Hegel und Kierkegaard – Die Frage von Wissen und Glauben

    Wie allgemein bekannt, hat der Begründer des Existenzdenkens, Sören Kierkegaard (1813 – 1855), zahlreiche Einwände gegen Hegels Philosophie vorgebracht. Einer seiner Haupteinwände war, dass Hegel das Wesen der Religion missverstehe, indem er in seiner Philosophie die Religion in der Rubrik von Wissenschaft und Wissen platziere. Im Gewand seiner pseudonymen Verfassernamen beharrt Kierkegaard darauf, dass Glauben und Wissen in ihrem Wesen unterschiedlich sind. Im Vortrag geht es um die Frage, was aus Sicht Hegels auf diesen Einwand Kierkegaards zu erwidern wäre. Hegel hätte wohl betont, dass Kierkegaards Glaubensbegriff rein formal und ohne jeglichen konkreten Inhalt sei und aus diesem Grunde auch nicht als christlicher Glaube bezeichnet werden könne. Religion bedarf eines konkreten Inhalts, schon damit sich eine Religion von einer anderen unterscheiden kann. Das Fehlen eines wohldefinierten Inhaltes öffnet die Tür für die Selbsttäuschung, dass die Eigenart und der Gegenstand des Glaubens der subjektiven Laune des Einzelnen überlassen bleiben könne.


    13. Februar 2014

    Prof. Dr. Bert van den Brink (Utrecht)

    Kampf um Sichtbarkeit: Fotojournalismus zwischen Anerkennung und Missachtung

    Foto- und Filmjournalismus vermitteln uns tagtäglich Bilder, die eine wichtige, bisweilen entscheidende Rolle spielen in der öffentlichen Meinungsbildung. Im Vortrag wird die Rolle von Bildern in der öffentlichen Meinungsbildung mit Hilfe von sozialphilosophischen Anerkennungstheorien analysiert. Fotograf, Fotografierte, Foto- und Presseagenturen, Hilfsorganisationen, Staaten, Politiker und Bürger scheinen im Umgang mit der Bilderflut in einem komplexen Kampf um Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit umstrittener Aspekte der Welt gefangen zu sein, der in dem Vortrag untersucht und gedeutet werden soll.

    Bert van den Brink ist Professor für politische Philosophie und Sozialphilosophie und Vize-Dekan der Fakultät der Geisteswissenschaften der Universität Utrecht in den Niederlanden. Er publizierte Bücher und Aufsätze über Liberalismus, Demokratie, Populismus, Multikulturalismus, und Anerkennung.

  • 5. Dezember 2013

    Prof. Dr. Tilman Borsche (Hildesheim)

    Kulturelle Grenzen des Verstehens

    Am Anfang steht die These, die der Vortrag explizieren wird: Alle Grenzen des Verstehens sind kulturelle Grenzen. Diese These gründet auf Begriffen des Verstehens bzw. der Kultur, die weiter gefasst sind als das der herrschende Sprachgebrauch nahelegt: individuell und universell zugleich; die Grenzen beider sind immanent und dynamisch. Zunächst wird das Feld von Verstehen und Nichtverstehen erörtert: Was wird (nicht) verstanden? Wer versteht (nicht)? Verstehen wird als ein komplex organisierter künstlicher Zeichenprozess ausgelegt. Diese Diskussion führt zu einem scheinbar aporetischen Ergebnis: Theoretisch ist das Problem des (Nicht-)Verstehens nicht zu lösen, weil alles Verstehen endlich und veränderlich ist. Mit dieser Einsicht aber verschiebt sich das Problemfeld. (Nicht-) Verstehen erweist sich als eine Frage der Praxis und der Geschichte, in dem die jeweiligen Grenzen des Verstehens das produktive Moment des Prozesses darstellen.

    Prof. Dr. Tilman Borsche lehrt Philosophie an der Universität Hildesheim. Er ist Mitherausgeber des „Historischen Wörterbuchs der Philosophie“. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Begriffsgeschichte, Sprachphilosophie und Zeichenphilosophie.


    24. Oktober 2013

    Dr. Klaus Honrath

    Freiheit der Märkte oder Freiheit der Menschen?

    Die Leitvorstellungen des Wirtschaftens pendeln in den vergangenen Jahrhunderten zwischen einem extremen oder auch nicht so extremen Staatsdirigismus und einem ebenso nuancierten Laissez-faire-Liberalismus. Auf die Merkantilisten folgten Adam Smith und seine Forderung nach freien Märkten. Die Große Depression führte zur Vorherrschaft Keynesianischen Denkens, wo dem Staat eine stärkere regulierende und vor allem aktive Rolle bei der Förderung von Wirtschaftswachstum eingeräumt wird. Dessen Scheitern im Phänomen der Stagflation leitete die Herrschaft des Monetarismus ein, der sich erneut die vollständige Deregulierung auf seine Fahnen schrieb. Der Vortrag versucht, die Gründe dieser Umschläge des Denkens darzulegen und darüber hinaus die Grenzen und Defizite der jeweiligen Denkhorizonte deutlich zu machen.

    Dr. Klaus Honrath ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für praktische Philosophie (Recht, Wirtschaft, Ethik) von Prof. Dr. Hoffmann. Neben seinem Philosophiestudium mit dem Schwerpunkt Kant und der Deutsche Idealismus, den er auch in der Lehre behandelt, hat er das Studium der Volkswirtschaftslehre mit dem Diplom abgeschlossen.


    4. Juli 2013

    Prof. Dr. Gábor Boros

    Theologische und philosophische Deutungen der Liebe im 17. Jahrhundert

    Die Behandlung des Begriffs der Liebe lässt sich als Paradebeispiel des komplexen Vorgangs analysieren, innerhalb dessen die neue, wissenschaftlich orientierte Philosophie und die überkommenen, theologisch argumentierenden Denkweisen zunächst schroff gegeneinander aufzutreten schienen, später jedoch an verschiedenen Projekten gemeinsam zu arbeiten anfingen. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts verliefen die Bemühungen eines Franz von Sales einerseits und etwa Descartes und Hobbes andererseits völlig getrennt nebeneinander. Der Theologe versuchte einen Begriff der reinen Liebe zu Gott auszuarbeiten, die nichts für den Liebenden wünscht, außer dass der Wille des Göttlich-Geliebten in Erfüllung gehen möge; dagegen suchten die Philosophen im allgemeinen die Liebe im Rahmen einer mechanistischen, moraltheologische Wertungen vermeidenden Theorie zu erörtern, wobei ihre jeweiligen Gottesbegriffe charakteristische Abweichungen vom Gott des schlichten Offenbarungsglaubens aufwiesen. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zielten dagegen die gefühlstheoretischen Versuche der bedeutendsten Philosophen, unter denen Leibniz und Malebranche hervorzuheben sind, darauf ab, die grundlegende Einheit von Philosophie und Theologie auch in der Arbeit am Begriff der Liebe aufzuzeigen. Der Vortrag soll diese verborgene Entwicklung anhand von ausgewählten Textanalysen verdeutlichen.


    6. Juni 2013

    Prof. Dr. Johannes Rohbeck

    Praktische Geschichtsphilosophie

    Üblicherweise wird der Philosophie der Geschichte die Aufgabe zugeschrieben, die formalen Methoden historischer Forschung und Darstellung zu reflektieren. Darüber hinaus ist es jedoch auch möglich, über Inhalte der Geschichte nachzudenken und dabei Fragen nach der Zukunft zu stellen. Auf diese Weise nähert sich die Geschichtsphilosophie der Ethik an und begibt sich in den Kontext der praktischen Philosophie. Für die Ethiker der Zukunft folgt aus diesem Programm, dass sie sich gegenüber geschichtsphilosophischen Überlegungen öffnen und bestimmte Einsichten in die Struktur und Funktion historischen Bewusstseins in ihre eigene Grundlegung einbeziehen. Für die Theoretiker der Geschichte hat dies zur Konsequenz, dass sie sich mit der Zukunftsperspektive der Lösung aktueller Probleme widmen und sich am politischen Diskurs über eine langfristig verantwortbare Praxis beteiligen.


    7. März 2013

    Prof. Dr. Martin Zubiria

    Zur logotektonischen Verwandlung von „Bauen Wohnen Denken”

    Martin Heideggers Abhandlung „Bauen Wohnen Denken“ (Vorträge und Aufsätze) entfaltet ein Hauptanliegen der Besinnung des Denkers. Nach mehr als einem halben Jahrhundert und angesichts der herrschenden Klischees des postmodernen Denkens, zumal der anarchischen Reflexion (Merleau-Ponty, Foucault, Derrida), lässt sich freilich fragen, ob das in „Bauen Wohnen Denken“ Gedachte nicht bereits überholt oder gar überwunden ist. Welche Gegenwart vermag dieses Gedachte, vermag die ihm gemäße Gesinnung, noch zu beanspruchen? Eine Gegenwart im Sinne einer unmittelbaren Geltung nicht: dies bliebe wegen der der Postmoderne als Ganzem gebührenden Anerkennung ausgeschlossen. Wie steht es aber dann mit der höheren Eigenart des philosophischen Denkens, sich der verwandelnden Kraft des Denkens selbst nicht verschließen zu können? Was ist mit „logotektonisch“ gemeint?

  • 8. November 2012

    Prof. Dr. Reinhard Brandt

    Können Tiere denken?

    Tiere fühlen Lust und Schmerz, sie haben räumliche und zeitlich geordnete Vorstellungen, sie assoziieren Vorstellungen und handeln zielgerichtet. Können sie denken? Bezeichnet man alle mentalen Prozesse als Denken, können sie natürlich denken. Die „old, venerable question“ des Denkens von Tieren bezieht sich jedoch auf eine speziellere Tätigkeit, etwa die, die ausgeübt wird, wenn man diesen Zeilen folgt. Dazu gehört die Verwendung von Zeichen als stabilen öffentlichen Symbolen, durch die etwas Externes bezeichnet wird, und die bejahende oder verneinende Verbindung von wenigstens zwei Symbolen im Urteil. Das Urteil ist widerspruchsfähig und gehört damit nicht mehr nur zur Psychologie, sondern zur Logik. Der Erwerb der Denk- und Sprechfähigkeit muß auf natürlichem Weg in der Entwicklungsgeschichte stattgefunden haben, aber wie? Der Vortrag versucht ein Schema der Minimalbedingungen zu entwickeln.


    11. Oktober 2012

    Prof. Dr. Michael Hofer

    Transzendentale Ästhetik


    5. August 2012

    PD Dr. Michael Fuchs

    Forschungsethik: Prinzipien und Aufgaben

    25 Jahre Forum Philosophicum an der Fernuniversität in Hagen


    5. Juli 2012

    Dr. Andreas Gelhard

    Kritik der Kompetenz


    14. Juni 2012

    Prof. Dr. Hardy Neumann

    Vernunftbegriffe als Substrukturen des Denkens in der Philosophie Kants. Annäherung an vermeintliche Ersatzressourcen


    3. Mai 2012

    Prof. Dr. Lothar Kreimendahl

    Wie konnte die Welt entstehen? Bayles Kritik an der rationalen Kosmogonie


    12. April 2012

    Prof. Dr. Thomas Bedorf

    Zeit der Kompromisse


    22. März 2012

    Prof.em. Dr. Jan P. Beckmann

    Zum Begriff des Fortschritts


    1. März 2012

    Prof.i.R. Dr. Kurt Röttgers

    Sozialphilosophie als Rahmen für eine Ethik


    9. Februar 2012

    Prof. Dr. Thomas Grundmann

    Die Existenz stabiler Dissense als Problem der Philosophie


    12. Januar 2012

    Prof. Dr. Dr. Brigitte Falkenburg

    Mythos Determinismus - Was erklärt uns die Hirnforschung?

Institut für Philosophie | 22.11.2022