forum philosophicum
Zur Veranstaltungsreihe:
Das forum philosophicum des Instituts für Philosophie der FernUniversität in Hagen ist eine seit 1987 bestehende Vortragsreihe, die das Gespräch zwischen Fachvertreter*innen der Philosophie und der Universitätsöffentlichkeit fördert sowie den interessierten Bürger*innen der Stadt Hagen die Möglichkeit geben soll, sich aus erster Hand über aktuelle wissenschaftliche Debatten zu informieren.
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Veranstaltungen 2026
16. Oktober 2026, 16:00 Uhr
Veranstaltungsort: Raum 4-5 (1. OG), Gebäude 2, Universitätsstaße 33, 58097 Hagen
Der Vortrag findet hybrid, online und live auf dem FernUni-Campus, statt. (Zoom-link am Ende dieses Eintrags).
Prof. Dr. Geert Keil (Humboldt-Universität zu Berlin)
Engagierte Philosophie zwischen Erkenntnissuche und Agendawissenschaft
Im Rahmen der Hagener Philosophietage 2026 vom 16. - 18. Oktober 2026 zum Thema
"Zwischen Erkenntnis und Engagement: Wie Philosophie arbeitet und wie politisch sie sein sollte."
Ankündigungstext zum Vortrag:
Engagierte Philosophie zwischen Erkenntnissuche und Agendawissenschaft
Den polemischen Ausdruck »Agendawissenschaft« verwendet die AfD, wenn sie die öffentlicher Finanzierung bestimmter Forschungsrichtungen kritisiert. Es gehe »dem Agendawissenschaftler« – genannt werden etwa die Genderforschung und Postkolonialismusstudien – »nicht um Erkenntnisfortschritt im Sinne eines erweiterten Verständnisses seines Forschungsgegenstandes, sondern darum, mittels Indienstnahme von Forschung und Lehre ein ideologiegeleitetes gesellschaftspolitisches Programm voranzubringen«.
Der Vortrag setzt sich nicht mit der durchschaubaren politischen Zielsetzung solcher Angriffe auseinander, sondern mit der Frage, wie politisches Engagement und wissenschaftliche Erkenntnissuche sich zueinander verhalten. Politisch engagierte Philosophie hat epochenübergreifend eine lange Tradition. Manche Philosophen, z. B. Bertrand Russell, hielten ihre Rollenstreng getrennt, bei anderen – Cicero, Seneca, Machiavelli, Mill, Heidegger, Hannah Arendt, Sartre, de Beauvoir, Habermas, Judith Butler, Martha Nussbaum, Slavoj Žižek – war und ist die Verbindung zwischen Philosophie und Engagement enger. Politisch engagierte Philosophie oder Wissenschaft kann ihrerseits unter politischen Beschuss geraten. Das erleben wir derzeit in vielen Ländern. Die grundgesetzlich geschützte Wissenschaftsfreiheit soll dieUniversität vor politischen Eingriffen in Forschung und Lehre bewahren. Geschützt ist aber nur wissenschaftliche Tätigkeit,also der »nach Inhalt und Form ernsthafte planmäßige Versuch der Wahrheitsermittlung«, als den das Bundesverfassungsgericht Wissenschaft einmal definiert hat. Nicht jede beliebige Verteidigung politisierter Forschung ist mit diesem Wissenschaftsverständnis vereinbar.
Der Vortrag diskutiert vor diesem Hintergrund gute und weniger gute Verteidigungen gegen den Vorwurf, »Agendawissenschaft« statt ergebnisoffener Erkenntnissuche zu betreiben.
Weitere Informationen befinden sich im Moodle-Kurs der Hagener Philosophietage.
Hier gibt es einen Zoom-link für die gesamten Hagener Philosophietage und hier den zugehörigen Flyer (PDF 265 KB).
25. Juni 2026, 18:00 Uhr
Veranstaltungsort: Raum 1-2 (EG), Gebäude 2, Universitätsstaße 33, 58097 Hagen
Der Vortrag findet hybrid und live auf dem FernUni-Campus statt. (Raum: s.o.).
Prof. Dr. Martin Lenz (FernUni Hagen)
Lesekompetenz als schwindende Situiertheit?
[Der Vortrag von Paula-Irene Villa Braslavsky musste krankheitsbedingt abgesagt werden.]
Ausgangspunkt ist die These, dass Lesekompetenz nicht lediglich eine Kulturtechnik, sondern eine historisch kontingente Form der Situiertheit ist, die bestimmte Praktiken des Denkens, Verstehens und Imaginierens überhaupt erst ermöglicht. Ausgehend von einem sozial-pragmatischen Verständnis des Lesens wird argumentiert, dass die Bedeutung von Texten nicht im Text selbst oder im lesenden Individuum liegt, sondern in den sozialen Interaktionen zwischen Leser*innen. Lesekompetenz erscheint dabei als historisch erworbene Voraussetzung für den distanzierten Umgang mit Schrift.
Anhand der Entwicklung von der mittelalterlichen Buchkultur zur scholastischen Universität wird gezeigt, wie sich Texte zu epistemischen Instrumenten abstrahieren konnten. Erst die zunehmende Beherrschung schriftsprachlicher Strukturen ermöglichte eine Loslösung des Textes von seinem materiellen Träger sowie neue Formen systematischen und reflexiven Denkens.
In einem zweiten Schritt werden Auswirkungen digitaler Medien auf diese Form der Lesekompetenz untersucht. Während die Buchkultur durch Distanz, Abstraktion und eine relative Entkopplung von unmittelbaren Handlungskontexten gekennzeichnet ist, binden soziale Medien schriftliche Kommunikation erneut eng an affektive Relevanzmarker, soziale Bewertungen und unmittelbare Anschlusshandlungen. Online-Kommunikation folgt damit zunehmend der Pragmatik gesprochener Sprache („fingered speech“).
Der Vortrag schließt mit der Überlegung, dass die für Buch- und Wissenskultur zentrale Fähigkeit epistemischer Distanznahme keine selbstverständliche anthropologische Konstante, sondern eine historisch fragile Errungenschaft ist. Sollte sich die soziale Funktion schriftlicher Texte grundlegend verändern, könnte auch die daran gebundene Form der Lesekompetenz und damit eine wesentliche Bedingung wissenschaftlicher und imaginativer Praxis allmählich verloren gehen.
16. April 2026, 16:30 Uhr
Veranstaltungsort: Raum 1-2 (EG), Gebäude 2, Universitätsstaße 33, 58097 Hagen
Der Vortrag findet hybrid und live auf dem FernUni-Campus statt. (Raum: s.o.).
Prof. Dr. Kurt Walter Zeidler (Universität Wien)
Überlegungen zur Aktualisierung des Idealismus
Der Name ‚Philosophie‘ ist heute zu einem Oberbegriff für verschiedenste Forschungsprogramme verkommen, die aus dem Fundus der philosophischen Überlieferung spezifische Interessen bedienen. Soll sich Philosophie als autonome Wissenschaft behaupten, ist daher das Versprechen des antiken und des neueren Idealismus einzulösen und die Philosophie als Prinzipienwissenschaft zu erweisen.
Im Anschluß an die Exposition des Erkenntnisproblems in der Erkenntniskritik, stellt darum die Erkenntnislehre als Einführung in den Idealismus in der Dialektik oder Ideenlehre die ebenso schlichte wie grundlegende Frage: Wie sind Prinzipien oder gar ein Letztprinzip zu denken? Die Antwort gibt eine elementare Logik der Regeletablierung, die zugleich die begriffslogische Fundierung der Schlußlehre liefert. Sie erlaubt den Anschluß an die Logik des Idealismus in der ganzen Breite seiner Überlieferung: von Platon und Aristoteles, über Kant und Hegel, bis zu Peirce und verdeckten schlußlogischen Anläufen im Neukantianismus.
Im Gegensatz zu einer Überlieferung, die Begründungs- und Bestimmungstheorie vermengt, versteht sich die in der Dialektik oder Ideenlehre explizierte Logik der Freiheit und Theorie der Vernunft als reine Begründungstheorie. Erst die Analytik oder Kategorienlehre transformiert als Theorie des Verstandes die schlußlogische Begründungstheorie in die urteilslogische Bestimmungstheorie. Im Zuge dieser Transformation sind die Prinzipien der Urteilslogik neu zu bewerten und vor allem die traditionelle Unterscheidung von intuitivem und diskursivem Verstand neu zu bestimmen. Dies führt zur Unterscheidung zwischen den reinen Kategorien des intuitiven Verstandes und den Funktionen der Einheit seiner Gehalte, sowie den darauf aufbauenden Gegenstandskategorien des diskursiven Verstandes. Die Elementarlehre oder Phänomenologie hat sodann die Prinzipientheorie an den Phänomenen zu bewähren, indem sie das Zur-Erscheinung-Kommen von Erkenntnisobjekt und Erkenntnissubjekt und in dem Zusammenhang auch den Sprachbezug der Erkenntnis thematisiert.
Prof. Dr. Kurt Walter Zeidler lehrt und forscht seit 1984 als Lektor, ab 1988 als Privatdozent und seit 2000 als Titularprofessor an der Universität Wien. Seine zahlreichen Arbeiten zum Idealismus, zur Erkenntnislehre und Wissenschaftsphilosophie sind der Erneuerung des prinzipientheoretischen Anspruchs der Philosophie gewidmet.
Der Vortrag bezieht sich auf die Grundgedanken der folgenden Neuerscheinung: Kurt Walter Zeidler, Erkenntnislehre. Einführung in den Idealismus, Freiburg / Basel / Wien 2025
https://www.youtube.com/live/XKJmoAXXq4k
12. Februar 2026, 16:30 Uhr
Veranstaltungsort: Raum 1-2 (EG), Gebäude 2, Universitätsstaße 33, 58097 Hagen
Der Vortrag findet hybrid und live auf dem FernUni-Campus statt. (Raum: s.o.).
Prof. Dr. Daniel Martin Feige (abk Stuttgart)
KI und das Leben des Geistes
Die Fortschritte in der Entwicklung von KI-Technologien wie ihrer Implementierung in nahezu alle Bereiche unserer Praxis werden orchestriert von Diskursen, die in diesen Technologien nach der kosmologischen, der biologischen und der psychologischen ,Kränkung der Menschheit' eine vierte Kränkung heranziehen sehen: Unsere rationalen Vermögen sollen, so der Gedanke, nur kontingenterweise mit Lebensprozessen zusammenhängen, als materielle Grundlage der Entwicklung entsprechender Vermögen ist neben (so Bostrom) der ,Kohlenstoffbasis' auch eine ,Silikonbasis' denkbar.
Im Vortrag werde ich (unter anderem unter Rückgriff auf Davidson, McDowell und Cantwell Smith) zeigen, dass diese These deshalb problematisch ist, weil sie die Begriffe, anhand derer wir uns selbst verstehen, einem umfassenden Re-Engineering unterziehen. Ein solches Re-Engineering ist nicht primär epistemologischen oder handlungstheoretischen Argumenten geschuldet, sondern verdankt sich einer politischen Grammatik, die die Grundlagen unserer deliberativen Fähigkeiten selbst angreift.
Folien (PDF 969 KB)