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Neue Publikation in Attention, Perception, & Psychophysics: Zeit ist relativ – auch bei einfachen Intervallvergleichen
[27.01.2026]Wie nehmen Menschen Zeit wahr? Ein Kooperationsprojekt der FernUniversität Hagen mit der Universität Tübingen ist dieser Frage in mehreren Experimenten nachgegangen. Dabei verglichen Versuchspersonen wiederholt zwei kurze Zeitintervalle miteinander: Ein Intervall blieb stets gleich lang, während das andere variierte.
Im Fokus stand die Frage, ob die Reihenfolge der Intervalle beeinflusst, mit welcher Präzision die Zeitunterschiede wahrgenommen werden. Theoretische Modelle machen hierzu unterschiedliche Vorhersagen:
Das Internal Reference Model geht davon aus, dass das Gehirn mit einer dynamischen inneren Zeitreferenz arbeitet, die sich fortlaufend an frühere Eindrücke anpasst. Wird das variable Vergleichsintervall zuerst präsentiert, fällt seine interne Repräsentation ungenauer aus – der Vergleich gelingt daher besser, wenn das Standardintervall zuerst erscheint. Das Sensation Weighting Model nimmt hingegen an, dass beide Intervalle unterschiedlich stark gewichtet werden, und sagt unter bestimmten Bedingungen eine Umkehr des besagten Reihenfolgeeffekts voraus.
Die aktuelle Kooperationsstudie zeigte über vier Experimente ein bestimmtes Muster: Zeitunterschiede werden genauer wahrgenommen, wenn das konstante Intervall zuerst präsentiert wird. Dieses Ergebnis ist im Einklang mit dem Internal Reference Model. Die Daten sprechen dafür, dass das menschliche Gehirn Zeit nicht direkt abbildet, sondern relativ zu einer dynamischen Referenz bewertet, die sich als inneres Bezugssystem laufend an frühere Erfahrungen anpasst.
Kelber, P., Ulrich, R., Bausenhart, K. M., Liepelt, R. & Ellinghaus, R. (in press). Internal reference updating in visual duration discrimination: A search for boundary conditions. Attention, Perception, & Psychophysics.