Aktuelles Programm
Die Vorlesungen richten sich an eine breite regionale Öffentlichkeit, die an aktuellen soziologischen Forschungsergebnissen interessiert ist. Die Vortragenden aus Hagen und dem ganzen Bundesgebiet referieren in allgemeinverständlicher Form zu gesellschaftlichen Themen in Deutschland und Europa.
Viele Vorlesungen früher Semester können Sie weiterhin kostenfrei in der Mediathek des Lehrgebietes der Ernsting-Stiftungsprofessur für Mikrosoziologie abrufen:
Mediathek der BürgerUniversität Coesfeld
Veranstaltungsort:
WBK | Wissen Bildung Kultur
Osterwicker Straße 29, 48653 Coesfeld
Veranstaltungen im Wintersemester 2026/2027
Die Tücken der Mehrheitsentscheidung.
Der athenische Volksbeschluss zur Vernichtung der Polis Mytilene (427 v. Chr.).
Prof. Dr. Egon Flaig (Vorlesung)
Mittwoch, 28.10.2026 um 19.00 Uhr im WBK
Direkte Demokratien sind erstaunlich entscheidungsfähig. Denn das Mehrheitsprinzip führt zu eindeutigen Beschlüssen, und es beschleunigt das kollektive Entscheiden. Allerdings wächst damit das Risiko von allzu schnell gefassten Entscheidungen. Ein markantes Ereignis der griechischen Geschichte illustriert dieses Problem. Im Frühjahr 427 v. Chr., während des Peloponnesischen Krieges, musste die athenische Volksversammlung eine schwere Entscheidung treffen. Die Stadt Mytilene war von Athen abgefallen, wurde belagert und musste kapitulieren. Als Strafe beschlossen die Athener – auf Antrag des gefürchteten Redners Kleon –, Mytilene zu vernichten. Doch ein Großteil der Bürger bereute diesen Beschluss. Es kam zu einer zweiten Volksversammlung, und diese revidierte die erste Entscheidung. Freilich war die Debatte um die Revision sehr hart und sehr grundsätzlich, und das Stimmenmehr für die Revision war sehr knapp. Denn Kleon argumentierte gegen die Revision, indem er darauf hinwies, dass Demokratien besonders gefährdet seien, wenn sie nicht an ihren Entscheidungen festhielten.
Egon Flaig, geb. 1949, 1997 Professor für Alte Geschichte an der Universität Greifswald, 2008 Professor für Alte Geschichte an der Universität Rostock. Preis der Aby-Warburg-Stiftung 1997. Forschungsschwerpunkte: Politische Anthropologie von Konsensritualen und Entscheidungsverfahren, Ideengeschichte von Freiheit und Sklaverei, Geschichte und Politische Philosophie des Republikanismus. Bücher: Den Kaiser herausfordern. Die Usurpation im Römischen Reich, Frankfurt 2019; Weltgeschichte der Sklaverei, München 2018; Die Mehrheitsentscheidung. Entstehung und kulturelle Dynamik, Paderborn 2013.Stiftungen als Instrument bürgerschaftlichen Engagements und der Unternehmensnachfolge
Prof. Dr. Bernd Andrick (Vorlesung)
Mittwoch, 25.11.2026 um 19.00 Uhr im WBK
Das Stiften ist so alt wie die Menschheit. War zunächst die Wohlfahrt das bestimmende Merkmal der Stiftung, hat sie sich im Laufe der Jahrhunderte zu einer Rechtsform entwickelt, die in vielfältiger Weise ihren Platz in der Gesellschaft und in der Wirtschaft gefunden hat. Sie ist nicht nur ein geeignetes Instrument für altruistisches Handeln, sondern sie ermöglicht darüber hinaus auch der Wirtschaft, eine geordnete und erfolgreiche Unternehmensnachfolge zu sichern. Sie vermag bürgerschaftliches Engagement und erfolgreiches Unternehmertum zu verbinden. Stiften ist Ausdruck der von der Verfassung garantierten Freiheit im Sinne von Selbstbestimmung und Eigeninitiative, zugleich aber auch der Verantwortung für den Einzelnen und das Gemeinwohl. Die Stiftung bietet allen den Gestaltungsraum, der für die Verwirklichung individueller Vorstellungen benötigt wird. Der Wille der Stifter bestimmt dabei das Wirken der Stiftung; seine jederzeitige Beachtung ist das oberste Gebot des Stiftungsrechts.
Prof. Dr. Andrick ist bereits seit über 40 Jahren mit dem Stifterwesen befasst. Als Richter, insbesondere am Oberverwaltungsgericht Münster, hat er wegweisende Entscheidungen zum Stiftungsrecht verfasst. Im Bereich der Gesetzgebung war er als Sachverständiger sowohl im Deutschen Bundestag als auch in den Landesparlamenten eingebunden. Seine Bücher und Kommentare zählen zu den Standardwerken des Stiftungsrechts. Wissenschaftlich beheimatet ist Prof. Dr. Andrick an der Ruhr-Universität Bochum, an der er die Professur für das Gebiet des Stiftungsrechts innehat.
Henri Meschonnic oder Die Poetik des Rhythmus
Prof. Dr. Vera Viehöver (Vorlesung)
Mittwoch, 20.01.2027 um 19.00 Uhr im WBK
Rhythmus ist ein Begriff, der in der Alltagssprache fest verankert ist und bei vielen von uns die gleichen Assoziationen weckt: die wiederkehrenden Jahreszeiten, der Wechsel von Tag und Nacht, die Wellenbewegung des Meeres, der regelmäßige Herzschlag, die zeitliche Gliederung eines Musikstücks. Schon Platon hat ῥυθμός mit Takt und Maß in Verbindung gebracht und damit, so meint der französische Dichter, Übersetzer und Sprachtheoretiker Henri Meschonnic, eine ältere Bedeutung des Begriffs zum Verschwinden gebracht. Meschonnic stellt diese ältere Auffassung in den Mittelpunkt eines vielgestaltigen Werks, das in Deutschland gerade erst entdeckt wird. Vera Viehöver, die einige seiner Essays übersetzt und eine Monografie über ihn verfasst hat, stellt Meschonnics „anderes“ Rhythmus-Denken vor und zeigt, in welchen Bereichen unseres Lebens es sein Potenzial entfalten kann: im Nachdenken über Literatur, in der Begegnung mit Werken der bildenden Kunst, ja sogar in der Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen von KI.
Prof. Dr. Vera Viehöver studierte Germanistik, Romanistik und Philosophie in Aachen, Brüssel und Düsseldorf. Seit 2013 lehrt sie Deutsche Literatur an der Université de Liège (B). Forschungsschwerpunkte sind die Literatur des 18. Jahrhunderts, deutsch-jüdische Autorinnen, Autobiografien von Frauen sowie Übersetzungstheorie und -geschichte. Zu Henri Meschonnic hat sie eine „Denkbiografie“ sowie eigene Übersetzungen vorgelegt (Matthes& Seitz Berlin 2025).
Demokratie und Rechtsstaat in guter Verfassung?
Kritische Anmerkungen zum aktuellen Zustand des demokratischen Verfassungsstaates
Prof. Dr. Dr. Volker Boehme-Neßler (Vorlesung)
Mittwoch, 10.02.2027 um 19.00 Uhr im WBK
Das Grundgesetz, die deutsche Verfassung, will, dass wir in einem Rechtsstaat und in einer Demokratie leben. Demokratischer Rechtsstaat – das ist die Staatsform, die der Menschenwürde, dem obersten Wert der Verfassung, entspricht. Seit der Corona-Zeit mit ihren oft unverhältnismäßigen Einschränkungen der Bürgerfreiheiten kann man daran zweifeln, ob Demokratie und Rechtsstaat noch in einem guten Zustand sind. Eine Zahl wirft ein Schlaglicht auf die gegenwärtige Lage. Nach aktuellen Umfragen sagt knapp die Hälfte der Bürger, dass man seine Meinung frei sagen könne. Fast die Hälfte meint aber, dass man vorsichtig sein müsse, was man sage. Wer den Mainstream der Meinungen kritisiert, wird schnell ausgegrenzt, nicht selten auch stigmatisiert. Für eine Demokratie, die vom freien Meinungsaustausch freier Bürger lebt, ist das ein erschreckender Befund. Was ist da los? Wohin führt das? Was kann man, was muss man tun? Das sind die Fragen, mit denen sich der Vortrag beschäftigt.
Prof. Volker Boehme-Neßler ist Rechtswissenschaftler und Politologe. Er lehrt Verfassungsrecht und Medienrecht an der Universität Oldenburg. Seine Forschungen bewegen sich im Grenzbereich von Verfassungsrecht, Demokratieforschung, Digitalisierung und Psychologie. Angefangen hat er sein Berufsleben nach der Wende als Rechtsanwalt in Berlin. Seit einigen Jahren engagiert er sich zunehmend außerhalb des akademischen Elfenbeinturmes als Publizist und kritischer Beobachter des politischen Zeitgeschehens.
Christlicher Nationalismus in den USA und in Deutschland
Christlicher Fundamentalismus zwischen Frömmigkeit, Kulturkampf und demokratischer Herausforderung
Dr. Maria Hinsenkamp (Vorlesung)
Mittwoch, 03.03.2027 um 19.00 Uhr im WBK
Im Zentrum des Vortrags steht die Frage, was wir eigentlich meinen, wenn heute von christlichem Fundamentalismus oder christlichem Nationalismus gesprochen wird. Ausgangspunkt sind aktuelle Phänomene: die religiöse Aufladung der Trump-Bewegung, christliche Symbolik und martialische Tattoos bei Akteuren wie Pete Hegseth oder der Erfolg von „Christfluencern“ in sozialen Medien. Der Vortrag fragt, warum Religion zunehmend mit Kulturkampf, Identitätspolitik und politischen Machtansprüchen verschmilzt. Ein besonderer Fokus liegt auf der global gewachsenen Pfingstbewegung und neocharismatischen Netzwerken. Diese verbinden religiöse Erfahrung zunehmend mit konservativen Gesellschaftsbildern, Vorstellungen eines „geistlichen Kampfes“ und antipluralistischen Narrativen. Der Vortrag zeichnet diese Entwicklungen seit den 1970er-Jahren nach und fragt, welche Dynamiken inzwischen auch in Deutschland sichtbar werden.
Dr. Maria Hinsenkamp, geboren 1991 in Berlin, studierte Evangelische Theologie in Wuppertal und Berlin. 2023 promovierte sie in Göttingen bei Prof. Dr. Jennifer Wasmuth zu pfingstlich-charismatischen Netzwerken. Sie ist Pfarrerin im Entsendungsdienst in Hagen und Mitherausgeberin des 2026 erschienenen Bandes „Christlicher Nationalismus in den USA“ (mit Thorsten Dietz).
Workshop Familienbilder analysieren
Ein soziologischer Blick auf private Erinnerungsstücke
Dr. Silvia Herb (Seminar)
Samstag, 13.03.2027 von 10.00 bis 14.00 Uhr im WBK
Üblicherweise betrachten wir Familienfotografien als eine Art „visuellen Merkposten“, der Erinnerungen an vergangene Erlebnisse oder Situationen in uns wachrufen soll. Im Workshop wird gezeigt und an praktischen Beispielen eingeübt, wie Familienbilder mit wissenschaftlichen Methoden analysiert und dabei Rückschlüsse auf familiale Strukturen und Werte gezogen werden können.
Es werden Familienbilder zur Analyse zur Verfügung gestellt, es dürfen aber auch eigene (aktuelle oder auch ältere) Familienfotografien mitgebracht werden, sofern die Bereitschaft besteht, diese in der Gruppe analysieren zu lassen. Falls die Arbeit an eigenen Fotografien gewünscht wird, sollten diese mit hoher Auflösung eingescannt und der Scan ein bis zwei Wochen vor dem Workshoptermin an die Veranstaltungsorganisatorinnen gesendet werden. Es werden dann für die anderen Teilnehmenden Papierkopien im Din-A4-Format angefertigt, die im Rahmen der Analysearbeit zerschnitten werden können.Die Referentin hat an der FernUniversität in Hagen Sozialwissenschaften studiert und an der Universität Bielefeld in Soziologie promoviert. Dabei beschäftigten sie Fragestellungen wie: Was sagen mediale Darstellungen über unsere Auffassung von Wirklichkeit aus? Wie verändern neue Medien wie Internet und Social Media unseren Umgang miteinander? Und mit welchen Mitteln ist es überhaupt möglich, mediale Darstellungen wissenschaftlich zu untersuchen? Seit 2019 ist Frau Herb an der FernUniversität in Hagen am Lehrgebiet Ernsting-Stiftungsprofessur für Mikrosoziologie als Lehrbeauftragte tätig. Ihre Erfahrung im Umgang mit qualitativen medienanalytischen Methoden wendet sie nun auf familiensoziologische Themen und Fragestellungen an.
Eine Anmeldung ist bis zum 5. März 2027 in der Geschäftsstelle des Campus Coesfeld erforderlich.