Veranstaltung
Die Tücken der Mehrheitsentscheidung
Der athenische Volksbeschluss zur Vernichtung der Polis Mytilene (427 v. Chr.)
| Termin(e) | Leitung | Ort/Raum |
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Mi, 28.10.2026
19:00 |
Prof. Dr. Egon Flaig | WBK - Wissen Bildung Kultur |
Direkte Demokratien sind erstaunlich entscheidungsfähig. Denn das Mehrheitsprinzip führt zu eindeutigen Beschlüssen, und es beschleunigt das kollektive Entscheiden. Allerdings wächst damit das Risiko von allzu schnell gefassten Entscheidungen. Ein markantes Ereignis der griechischen Geschichte illustriert dieses Problem. Im Frühjahr 427 v. Chr., während des Peloponnesischen Krieges, musste die athenische Volksversammlung eine schwere Entscheidung treffen. Die Stadt Mytilene war von Athen abgefallen, wurde belagert und musste kapitulieren. Als Strafe beschlossen die Athener – auf Antrag des gefürchteten Redners Kleon –, Mytilene zu vernichten. Doch ein Großteil der Bürger bereute diesen Beschluss. Es kam zu einer zweiten Volksversammlung, und diese revidierte die erste Entscheidung. Freilich war die Debatte um die Revision sehr hart und sehr grundsätzlich, und das Stimmenmehr für die Revision war sehr knapp. Denn Kleon argumentierte gegen die Revision, indem er darauf hinwies, dass Demokratien besonders gefährdet seien, wenn sie nicht an ihren Entscheidungen festhielten.
Prof. Dr. Egon Flaig, geb. 1949, 1997 Professor für Alte Geschichte an der Universität Greifswald, 2008 Professor für Alte Geschichte an der Universität Rostock. Preis der Aby-Warburg-Stiftung 1997. Forschungsschwerpunkte: Politische Anthropologie von Konsensritualen und Entscheidungsverfahren, Ideengeschichte von Freiheit und Sklaverei, Geschichte und Politische Philosophie des Republikanismus. Bücher: Den Kaiser herausfordern. Die Usurpation im Römischen Reich, Frankfurt 2019; Weltgeschichte der Sklaverei, München 2018; Die Mehrheitsentscheidung. Entstehung und kulturelle Dynamik, Paderborn 2013.