Rhythmus ist ein Begriff, der in der Alltagssprache fest verankert ist und bei vielen von uns die gleichen Assoziationen weckt: die wiederkehrenden Jahreszeiten, der Wechsel von Tag und Nacht, die Wellenbewegung des Meeres, der regelmäßige Herzschlag, die zeitliche Gliederung eines Musikstücks. Schon Platon hat ῥυθμός mit Takt und Maß in Verbindung gebracht und damit, so meint der französische Dichter, Übersetzer und Sprachtheoretiker Henri Meschonnic, eine ältere Bedeutung des Begriffs zum Verschwinden gebracht. Meschonnic stellt diese ältere Auffassung in den Mittelpunkt eines vielgestaltigen Werks, das in Deutschland gerade erst entdeckt wird. Vera Viehöver, die einige seiner Essays übersetzt und eine Monografie über ihn verfasst hat, stellt Meschonnics „anderes“ Rhythmus-Denken vor und zeigt, in welchen Bereichen unseres Lebens es sein Potenzial entfalten kann: im Nachdenken über Literatur, in der Begegnung mit Werken der bildenden Kunst, ja sogar in der Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen von KI.
Prof. Dr. Vera Viehöver studierte Germanistik, Romanistik und Philosophie in Aachen, Brüssel und Düsseldorf. Seit 2013 lehrt sie Deutsche Literatur an der Université de Liège (B). Forschungsschwerpunkte sind die Literatur des 18. Jahrhunderts, deutsch-jüdische Autorinnen, Autobiografien von Frauen sowie Übersetzungstheorie und -geschichte. Zu Henri Meschonnic hat sie eine „Denkbiografie“ sowie eigene Übersetzungen vorgelegt (Matthes& Seitz Berlin 2025).