Do IT!
Erfassung sozio-kultureller Hemmnisse für die Wahl von IT-Berufswegen von Frauen
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Trotz vieler Initiativen und Förderprojekte ist die Frauenquote in MINT-Studienfächern in den letzten 20 Jahren nur marginal gestiegen. Die Gründe für dieses Auseinanderfallen sind vielfältig und komplex und daher noch nicht vollständig erforscht. Angesichts der Zukunftsträchtigkeit dieser Studienfächer und guter Erwerbschancen ist es sinnvoll, diese Diskrepanz zu verstehen, um Maßnahmen abzuleiten, die gesellschaftliche und persönliche Potenziale besser ausschöpfen. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Einzelprojekt „Do IT!“ untersuchte von 2019 bis 2022 mit Studien an Schulen in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg und Niedersachsen sozio-kulturelle Hemmnisse der Studien- und Berufswahl im Bereich Wirtschaftsinformatik. Ziel war eine systematische Analyse relevanter Einflussfaktoren.
Ziele
Entsprechend dem Ziel des Projektes, die Diskrepanz zwischen bestehendem Interesse junger Frauen an IT und ihrer tatsächlichen Studienwahl im Fach Wirtschaftsinformatik systematisch zu analysieren, wurde ein realitätsnahes Szenario aus dem Studien- und Berufsalltag von Wirtschaftsinformatikerinnen als Referenz für einen MINT-Beruf modelliert, um die Entscheidungsdynamik im Übergang von der Studienabsicht zur konkreten Einschreibung zu analysieren und situative wie strukturelle Einflussfaktoren sichtbar zu machen.
Theoretische Grundlage bildete ein integratives Erklärungsmodell, das Determinanten aus der MINT-Forschung und der IT-Akzeptanzforschung zusammenführt. Als unabhängige Variablen wurden der soziale Kontext von IT, der Angebotscharakter von IT sowie individuelle IT-Fähigkeiten und -Interessen berücksichtigt. Zwischen diesen Variablengruppen werden wechselseitige Beziehungen angenommen, die sowohl direkte als auch indirekte Effekte auf die abhängigen Variablen der Studien- und Berufswahl entfalten. Um diese Mechanismen abzubilden, wurden nutzungsbezogene Variablen als Mediatoren integriert, über die Effekte von IT-Akzeptanz und tatsächlicher Nutzung vermittelt werden. Kontrollvariablen ermöglichten darüber hinaus differenzierte Analysen nach Art der betrachteten IT-Artefakte, etwa utilitaristisch oder hedonistisch, sowie nach unterschiedlichen Probandengruppen.
Zentrale Forschungsfragen adressieren die Bedingungen der Umsetzung bzw. Revision von Studienabsichten sowie die Rolle sozio-kultureller, psychologischer und wahrnehmungsbezogener Einflussfaktoren. Ein besonderer Fokus lag auf der Rolle der Eltern als potenzielle Rollenvorbilder und darauf, unter welchen Bedingungen familiäre Unterstützung die Studienentscheidung langfristig stärken kann.
Abbildung: BiGsI
Projektphasen
Das Projekt wurde als mehrstufiges Mixed-Methods-Design konzipiert, um qualitative und quantitative Forschungsansätze systematisch zu integrieren und robuste Erkenntnisse über die Entscheidungsprozesse junger Frauen zu generieren. In der ersten Phase führte das Projektteam moderierte Fokusgruppeninterviews direkt vor Ort an den Partnerschulen durch. Die persönliche Durchführung ermöglichte es, Vertrauen aufzubauen und differenzierte Einblicke in die alltägliche IT-Nutzung, individuelle Kompetenzwahrnehmungen sowie wahrgenommene soziale Erwartungen zu erhalten. Ziel war es, Determinanten der IT-Akzeptanz mit Einflussfaktoren der Studien- und Berufswahl aus der MINT-Forschung systematisch zu verknüpfen und erste Erklärungsmuster herauszuarbeiten.
Auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse wurden in der zweiten Phase theoriegeleitete Hypothesen formuliert und mithilfe standardisierter Fragebogenerhebungen empirisch überprüft. Die Datenerhebung erfolgte über die Partnerschulen ohne direkte Präsenz des Projektteams und wurde organisatorisch durch Lehrkräfte unterstützt. Dadurch konnten größere Stichproben realisiert und die identifizierten Zusammenhänge quantitativ validiert werden.
In der dritten Phase kehrte das Projektteam für experimentelle Erhebungen wieder an Schulen in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Hessen zurück. Dort wurde ein realitätsnah gestaltetes Szenario aus dem Studien- und Berufsalltag von Wirtschaftsinformatikerinnen inszeniert. Im Rahmen eines kontrollierten Experiments wurde untersucht, wie situative Eindrücke, wahrgenommene Passung zum Studienfach sowie implizite Rollenbilder die Dynamik zwischen Studienabsicht und tatsächlicher Entscheidungsumsetzung beeinflussen.
Die vierte Phase setzte ein Triaden-Design ein, bei dem Eltern-Kind-Triaden über die Schulen rekrutiert wurden. Mittels standardisierter Fragebögen wurden sowohl individuelle Einstellungen als auch Interaktionsmuster im familiären Kontext erfasst. Dies erlaubte die Analyse interdependenter Effekte innerhalb der Familie.
In der fünften Phase wurden erneut Fragebögen an Partnerschulen eingesetzt und ergänzend Online-Experimente durchgeführt. Ziel war es, die Wirkung erster Eindrücke von Personen aus der Wirtschaftsinformatik systematisch zu untersuchen und deren Einfluss auf Studien- und Berufswahlentscheidungen empirisch zu erfassen.
Abbildung: BiGsI
Ergebnisse
Das Projekt „Do IT!“ generierte im Rahmen eines Multi-Methoden-Ansatzes umfangreiche und methodisch valide Datensätze, die konsistente Ergebnisse über qualitative und quantitative Erhebungsformen hinweg aufweisen. Die Analysen unterstützen zentrale theoretische Annahmen zu Einflussfaktoren der Studien- und Berufswahl junger Frauen im Bereich Wirtschaftsinformatik.
Ein wesentliches Ergebnis ist der signifikante Einfluss negativer Geschlechterstereotype auf die Wahrnehmung eigener IT-Fähigkeiten und damit verbundene Entscheidungsprozesse. Insbesondere die Stereotyp-Bedrohung erweist sich als hemmender Faktor für die Umsetzung bestehender Studienabsichten. Gleichzeitig zeigen die Befunde, dass gezielte Interventionen wirksam sein können: Frühzeitige Aufklärung sowie strukturierte Studien- und Berufsorientierung tragen dazu bei, stereotype Zuschreibungen zu relativieren und positive Einstellungen gegenüber Wirtschaftsinformatik zu fördern.
Darüber hinaus unterstreichen die Ergebnisse die Relevanz des familiären Kontextes. Regelmäßige Gespräche über IT-Themen innerhalb der Familie fördern Reflexionsprozesse und unterstützen die Entwicklung stabiler Interessen. Dabei zeigen sich differenzierte Effekte elterlicher Rollenmodelle, wobei sowohl väterliche als auch mütterliche Einflüsse zur Stärkung der Studienabsicht beitragen.
Insgesamt liefert „Do IT!“ evidenzbasierte Ansatzpunkte, um den Frauenanteil in Wirtschaftsinformatik und MINT-Berufen nachhaltig zu erhöhen, indem sowohl stereotype Hemmnisse reduziert als auch familiäre Unterstützung gezielt gestärkt werden.
Projektförderung
Foto: BMBF
Foto: MINT
Weitere Informationen
Homepage des Projektes: https://www.projekt-do-it.de/
Ansprechperson am Lehrstuhl: Sophie Kniepkamp