HORIZON

Herausforderungen durch Online-Lehre Reflexion über Inklusion, Zugänglichkeit und Optimierte Nutzung

Neue Horizonte des E-Learning: Gendergerechte Texte, Leseleistung und Studierendenresonanz

Das Forschungsteam analysiert Diagramme zu ESG-Nachhaltigkeitsdaten Foto: stock.adobe.com

An der FernUniversität in Hagen findet geschlechtergerechte Sprache in vielen Lehr- und Lernmaterialien sowie offiziellen Dokumenten Anwendung. Im Kontext des E-Learnings (digitale, textbasierte Lehr- und Lernangebote im Fernstudium) sind zugleich klare und barrierearme Texte erforderlich, insbesondere für Studierende mit Lese-Rechtschreibschwäche oder Einschränkungen im Textverständnis. Das intern geförderte Forschungsprojekt HORIZON hatte daher das Ziel zu erforschen, inwieweit sich geschlechtergerechte Sprache in diesen Lehrmaterialien auf Lernende/Studierende mit entsprechenden Einschränkungen auswirkt. Im Rahmen einer empirischen Studie mit betroffenen Personen wurden Textverständnis und Akzeptanz sprachlich angepasster (geschlechtergerechter) und unangepasster (generisches Maskulinum) Lernmaterialien analysiert, um daraus Handlungsempfehlungen für eine inklusive und barrierefreie Gestaltung digitaler Lernumgebungen abzuleiten.


Ziele

Das Projekt HORIZON verfolgte das Ziel, die Implementierung geschlechtergerecht angepasster Sprache in digitalen, textbasierten Lehr- und Lernmaterialien im Fernstudium so zu gestalten, dass chancengleiche Teilhabe gewährleistet wird, ohne vulnerable Gruppen im Hinblick auf Textverständnis und Leseleistung zu benachteiligen. Frühere Untersuchungen zeigten keine generelle Beeinträchtigung durch geschlechtergerecht angepasste Texte, berücksichtigten jedoch kaum Lernende mit Lese- und Rechtschreibstörungen, Deutschlernende oder ältere Studierende. Vor diesem Hintergrund wurde untersucht, ob Gendersternchen oder ähnliche Schreibweisen die kognitive Belastung erhöhen und das Textverständnis beeinflussen. Ergänzend analysierte das Projekt die Akzeptanz geschlechtergerecht angepasster Texte, insbesondere hinsichtlich wahrgenommener Nützlichkeit und individueller Einstellungen. Die ethische Betrachtung setzte Geschlechtergerechtigkeit und potenzielle Exklusion vulnerabler Gruppen in Beziehung. Daraus leiteten sich folgende Forschungsfragen ab: Gab es innerhalb der untersuchten Gruppen Unterschiede im Verständnis geschlechtergerecht angepasster Texte im Gegensatz zu nicht angepassten Texten? Wie unterschieden sich diese Gruppen in ihrer Akzeptanz? Welche ethischen Bewertungen folgen aus der Untersuchung des Einsatzes geschlechtergerechter Sprache? Die Ergebnisse ermöglichten praxisnahe Handlungsempfehlungen für inklusive und barrierefreie Lernumgebungen.

Horizon-Ziele_2 Abbildung: BiGsI

Durchführung

Das Projekt HORIZON wurde in mehreren aufeinanderfolgenden Phasen durchgeführt. Zunächst erfolgte die Planung der Studie, einschließlich der Definition der Zielgruppen, der Auswahl geeigneter Textmaterialien sowie der Festlegung der methodischen Instrumente. Anschließend wurde die Rekrutierung der Teilnehmenden über bundesweite Netzwerke und Institutionen umgesetzt. Für Menschen mit Lese-Rechtschreibstörungen (LRS) wurden Fachverbände, therapeutische Einrichtungen und Selbsthilfeorganisationen kontaktiert. Deutschlernende (DaZ) wurden über Volkshochschulen, berufsbezogene Deutschkurse und Migrantenorganisationen gewonnen. Ältere Lernende (65+ Jahre) wurden über seniorenspezifische Bildungs- und Interessensnetzwerke angesprochen sowie über bestehende Kontakte des Lehrstuhls gewonnen. Die Kontrollgruppe wurde über den Fragebogen-Pool der FernUniversität in Hagen rekrutiert.

Die Datenerhebung erfolgte im Rahmen einer mehrteiligen Online-Studie mit vier Gruppen. Untersucht wurden digitale, textbasierte Lehr- und Lernmaterialien im Kontext des Fernstudiums. Zur Messung des Textverständnisses erhielten die Teilnehmenden zufällig ausgewählte Ausschnitte aus geschlechtergerecht angepassten und nicht-angepassten Texten und beantworteten anschließend standardisierte Verständnisfragen. Ergänzend wurde die Lesegeschwindigkeit erfasst. In einem zweiten Schritt wurde die Akzeptanz geschlechtergerecht angepasster Texte mithilfe

Die Auswertung erfolgte mittels statistischer Verfahren zur Analyse von Unterschieden zwischen den Gruppen hinsichtlich Lesegeschwindigkeit, Textverständnis und Akzeptanz. Die Studie wurde vorab durch die zuständigen Datenschutz- und Ethikinstanzen der FernUniversität in Hagen geprüft und genehmigt. Ziel war es, die Wirkung gendergerechter Sprache auf unterschiedliche Zielgruppen empirisch fundiert zu untersuchen.

Horizon-Projektphasen_3 Abbildung: BiGsI

Ergebnisse

Die Analyse der Daten zeigte keine statistisch signifikanten Unterschiede in Lesegeschwindigkeit und Textverständnis zwischen geschlechtergerecht angepassten und nicht-angepassten Texten innerhalb der untersuchten Gruppen. Sowohl Personen mit Lese-Rechtschreibstörungen (LRS), Deutschlernende, ältere Lernende als auch die Kontrollgruppe erzielten vergleichbare Ergebnisse bei standardisierten Verständnisfragen zu digitalen, textbasierten Lehrmaterialien.

In Bezug auf die Akzeptanz zeigten sich hingegen gruppenspezifische Unterschiede. Für alle Gruppen mit Ausnahme der LRS-Gruppe hatte die wahrgenommene Nützlichkeit geschlechtergerecht formulierter Texte einen signifikanten Einfluss auf die Nutzungsabsicht. Die wahrgenommene sprachliche Ästhetik beeinflusste insbesondere die Einstellung der Deutschlernenden stärker als in den anderen Gruppen.

Zur Minimierung von Verzerrungen durch Selbstauswahl wurde die Erhebung unter einem neutralen Studientitel durchgeführt. Ergänzend zu den quantitativen Ergebnissen wurden subjektive Rückmeldungen der Teilnehmenden erhoben, die auf eine teilweise Diskrepanz zwischen gemessener Verständlichkeit und individueller Wahrnehmung hinweisen.

Aus ethischer Perspektive verdeutlichen die Ergebnisse ein Spannungsfeld zwischen sprachlicher Inklusion und Barrierefreiheit. Während geschlechtergerechte Sprache zur Sichtbarkeit von Geschlechtervielfalt beiträgt, kann sie von einzelnen Gruppen als zusätzliche Hürde wahrgenommen werden. Die Ergebnisse legen nahe, beide Zielsetzungen bei der Gestaltung von Lehrmaterialien systematisch zu berücksichtigen.

Weitere Informationen

Gefördert durch:

  • Forschungsförderung der FernUniversität in Hagen im Rahmen des Gleichstellungskonzeptes 2019-2024
  • Förderzeitraum: 01.12.2023–31.08.2024

Kontaktperson am Lehrstuhl: Sophie Kniepkamp, M.A.

Lehrstuhl Krönung | 22.06.2026