SMART-AGE
Smartes Altern im kommunalen Kontext: Untersuchung intelligenter Formen von Selbstregulation und Ko-Regulation unter Realbedingungen
Die fortschreitende Digitalisierung verändert zentrale Lebensbereiche, insbesondere Kommunikation, Informationsverhalten und Gesundheitsmanagement. Ältere Menschen stehen dabei häufig vor spezifischen Herausforderungen im Umgang mit digitalen Technologien. Das von der Carl-Zeiss-Stiftung geförderte Konsortialprojekt „SMART-AGE“ untersucht unter realweltlichen Bedingungen, in welchem Ausmaß und durch welche Mechanismen digitale Anwendungen Selbstregulation, Ko-Regulation sowie Alltags- und Gesundheitsverhalten im höheren Lebensalter beeinflussen. Die reale Feldstudie des Projekts wird mit Probanden in den Städten Mannheim und Heidelberg und in Kooperation mehrerer Universitäten (u.a. Universität Heidelberg, Universität Mannheim, Karlsruher Institut für Technologie, Goethe-Universität und FernUniversität in Hagen) sowie der Universitätskliniken Heidelberg und Mannheim umgesetzt.
Ziel
Ziel des Teilprojekts der FernUniversität innerhalb des SMART-AGE-Konsortiums ist es, die Nutzungsakzeptanz intelligenter Assistenzsysteme (IAS) bei älteren Menschen systematisch und im Rahmen ihrer gelebten und realen Nutzungserfahrungen zu untersuchen und dadurch zentrale Einflussfaktoren für Nutzung und Akzeptanz zu identifizieren. Vor dem Hintergrund bislang begrenzter empirischer Befunde zur IT-Akzeptanz in dieser Altersgruppe werden folgende Forschungsfragen bearbeitet: (1) Welche individuellen, emotionalen und sozialen Faktoren beeinflussen Wahrnehmungen und Einstellungen gegenüber digitalen Technologien? (2) Inwiefern unterscheiden sich die eingesetzten Assistenzsysteme hinsichtlich Akzeptanz, Nutzungsmustern und wahrgenommener Performanz? (3) Lassen sich kausale Rückkopplungseffekte zwischen Nutzungserfahrungen, subjektivem Erfolgserleben und zukünftiger Nutzungsbereitschaft nachweisen?
Zur Beantwortung dieser Fragen werden objektive Nutzungsdaten (z. B. Aufgabenerfüllung, wiederholte Teilnahme) mit standardisierten Fragebogenerhebungen in einem longitudinalen Studiendesign kombiniert. Das zugrunde liegende Analysemodell postuliert Wechselwirkungen zwischen Nutzung, Performanz, Selbstwirksamkeit und Akzeptanz. Zudem wird untersucht, inwiefern Akzeptanz mit wahrgenommener sozialer Inklusion und gesellschaftlicher Partizipation zusammenhängt.
Durchführung
Abbildung: BiGsI
Die SMART-AGE-Studie wurde in den Städten Mannheim und Heidelberg durchgeführt und von beiden Kommunen offiziell unterstützt. Im Rahmen der Studie wurden insgesamt 14.259 Bürgerinnen und Bürger aus Mannheimund Heidelberg kontaktiert, von denen 649 aktiv teilnahmen Die Rekrutierung erfolgte auf Grundlage einer zufälligen Stichprobe: Bürgerinnen und Bürger ab einem Alter von 67 Jahren wurden postalisch kontaktiert und zur Teilnahme eingeladen. Einschlusskriterien waren ein Wohnsitz im eigenen häuslichen Umfeld (einschließlich Betreutem Wohnen), ein funktionsfähiger Internetanschluss, grundlegende Vorerfahrungen im Umgang mit digitalen Endgeräten, ausreichende Deutschkenntnisse sowie eine Erwerbstätigkeit von maximal 20 Stunden pro Woche. Die Genehmigung der Studie erfolgte durch die Ethikkommission der Medizinischen Fakultät Heidelberg. Darüber hinaus wurde ein umfassendes Datenschutzkonzept gemäß den Vorgaben der DSGVO umgesetzt.
Nach Studieneinschluss wurden die Teilnehmenden randomisiert und gleichmäßig drei Untersuchungsgruppen zugeteilt. Gruppe 1 erhielt ein Tablet mit vier speziell entwickelten SMART-AGE-Apps (smartVERNETZT, smartFEEDBACK, KOKU und smartIMPULS). Gruppe 2 erhielt ein Tablet mit Standard-Anwendungen sowie den beiden SMART-AGE-Apps smartVERNETZT und smartFEEDBACK. Gruppe 3 diente als Vergleichsgruppe und erhielt ein Tablet mit Standard-Apps wie E-Mail-Programm, Kalender oder Taschenrechner. Das im Rahmen der Studie bereitgestellte Tablet ging nach Studienabschluss in den Besitz der Studienpartner*innen über.
Abbildung: BiGsI
Es folgte eine sechsmonatige Interventionsphase, in der je nach Gruppenzugehörigkeit drei bis fünf Hausbesuche stattfanden. Diese beinhalteten eine strukturierte Einführung in die Bedienung des Tablets und der Anwendungen sowie die Durchführung standardisierter kognitiver und motorischer Aufgaben. Die Datenerhebung kombinierte objektive Nutzungsdaten, wie Aufgabenerfüllung, Nutzungsfrequenz und wiederholte Teilnahme, mit standardisierten Fragebogenerhebungen zu Beginn der Studie sowie nach drei und sechs Monaten. Das longitudinale Studiendesign ermöglichte die Analyse von Veränderungen in Nutzung, Performanz, Einstellungen und Akzeptanz über den Zeitverlauf.
Ergebnisse
Im Projekt SMART-AGE konnte ein qualitativ hochwertiger Datensatz zur Nutzung digitaler Technologien bei älteren Menschen erhoben werden. Objektive Nutzungsdaten der eingesetzten Anwendungen wurden mit standardisierten Fragebogenerhebungen kombiniert und über mehrere Messzeitpunkte hinweg analysiert, um Veränderungen in Einstellungen, Wahrnehmungen und Nutzungsverhalten abzubilden.
Die Ergebnisse zeigen eine hohe Stabilität interindividueller Unterschiede. Subjektive Altersstereotype beeinflussen die Wahrnehmung sozialer Stereotype, während zwischen Nutzungserfahrungen (z. B. Frustration) und Selbstzuschreibungen wechselseitige Zusammenhänge bestehen. Affektive Einstellungen erwiesen sich als weitgehend stabil, während wahrgenommener Nutzen im Zeitverlauf leicht abnahm. Die Nutzungsintention für die SMART-AGE-Anwendungen (smartVERNETZT, smartIMPULS und KOKU) stieg zunächst an, zeigte jedoch im weiteren Verlauf eine Abschwächung. Unterschiede zwischen den eingesetzten Anwendungen konnten nicht festgestellt werden. Zentrale Prädiktoren der Nutzung waren wahrgenommener Nutzen und Spaß (Enjoyment), während technikbezogener Stress keine signifikante Rolle spielte.
Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass der Einsatz digitaler Anwendungen positive Wirkungen entfalten kann. Die Nutzung der Apps wirkte sich förderlich auf Gesundheit, Akzeptanz digitaler Technologien und soziale Teilhabe aus. Teilnehmende nahmen häufiger an lokalen Veranstaltungen teil, die ihnen durch „smartVERNETZT“ vorgeschlagen wurden, und besonders Personen, die sich zu Beginn der Studie einsam fühlten, bewerteten ihre Situation nach sechs Monaten deutlich positiver. Auch bei gesundheitsbezogenen Apps wurden Effekte festgestellt, wenn auch begrenzt, da viele Teilnehmende bereits körperlich fit waren.
Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass Technikakzeptanz im höheren Alter vor allem durch stabile persönliche Muster und soziale Wechselwirkungen geprägt ist. Diese Erkenntnisse liefern wertvolle Hinweise, wie digitale Angebote gezielt angepasst werden können, um ältere Menschen langfristig in die digitale Welt einzubinden.
Weitere Analysen, insbesondere zu kausalen Wirkzusammenhängen, sind Gegenstand laufender Auswertungen.
Herzlicher Dank für die Unterstützung
Wir bedanken uns bei der Carl-Zeiss Stiftung für die großzügige 5-jährige Förderung von 2021 bis 2026 (P2019-003).
Weitere Informationen
Projektwebsite: https://smart-age.psychologie.uni-heidelberg.de/
Kontaktperson: Sophie Kniepkamp