Fragilität zwischen Ästhetik und Gefährdung

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Der Begriff der Fragilität ist schillernd und genau hierin liegt sein analytisches Potential. Er kann – affirmativ – eine besondere ästhetische und sinnliche Qualität (einer Person, eines Kunstwerks, eines kulturellen Zeugnisses) bezeichnen oder aber die Gefährdung bzw. Zerbrechlichkeit von etwas, so wenn wir von der Fragilität der Wirtschaft oder ganzer Staaten sprechen. In der durchaus kontrovers diskutierten Verfasstheit moderner Subjektivitäten wird diese Ambivalenz vielleicht am sinnfälligsten. Gleichzeitig macht diese den Begriff der Fragilität erst so überaus anschlussfähig für viele Debatten und begründet seine Konjunktur in unsicheren Zeiten. Der Fragilität kann man also durchaus etwas abgewinnen – was genau und auf welche Figurationen von Unsicherheit dies verweist, wollen wir auf der Tagung diskutieren.

Fragilität hat ihre eigene Begriffsgeschichte: Noch 1906 meint Fragilität in Meyers Konversationslexikon neben der Gebrechlichkeit auch die „Sündhaftigkeit“ als Ausdruck der fragilen Menschennatur. Ein Jahrhundert später interpretieren Jansen u.a. (2013) Fragilität angesichts des Brüchigwerdens staatlichen Wissens und impliziert damit eine Ausweitung der Handlungsmöglichkeiten ‚von unten‘. Judith Butler verfolgt seit langem eine Konzeption der Subjektivität, welche die Verletzlichkeit und deren diskursive und symbolischen Anerkennungsbedingungen in den Mittelpunkt stellt. Die nur selektive Anerkennung gruppenspezifischer Verletzlichkeiten verweist dabei auf unterschiedliche strukturelle Fragilitäten von Kollektiven. Jürgen Straub spricht gar von ‚Verletzungsverhältnissen‘, die aus erlittener kollektiver Gewalt herrühren und über Generationen nachwirken.

Teilnahme an der Tagung

Die Tagung findet vom 11.05.2023 bis zum 13.05.2023 auf dem Campus der FernUniversität in Hagen statt. Das Format sieht Panels vor, in denen drei Vorträge von maximal 20 Minuten Länge durch einen diskussionsöffnenden Kommentar begleitet werden. Reise- und Übernachtungskosten können für die Referent*innen übernommen werden.

Weitere Infos zur Einreichung von Abstracts finden Sie im Call for Papers.

Call for Papers (PDF, 189 KB)

Die spezifische Ambivalenz, die in der Fragilität zum Ausdruck kommt, dass also Verletzlichkeit, Brüchigkeit und Ausgesetztsein auch neue Handlungs- und Widerstandsmöglichkeiten bis hin zu aggressiven Akten hervorbringen (vgl. die Beiträge in Hentschel/Krasmann 2020), bildet den Ausgangspunkt unserer Tagung. Hierzu ist ein interdisziplinärer Austausch über die Bedeutungen, die Begriffsgeschichte und die Verwendungsweisen von Fragilität notwendig. Unstrittig scheint dabei zu sein, dass es nicht die eine Definition von Fragilität gibt und dementsprechend diverse Perspektiven miteinander ins Gespräch gebracht werden müssen. Dies gilt insbesondere auch in Hinblick auf das Verhältnis der Fragilität zu komplementären und zu konkurrierenden Begriffen: Verletzlichkeit, Empfindsamkeit und Verletzungsverhältnisse; Gewalt und Gewaltverhältnisse; Stabilität, Resonanz, Resilienz, Krise, Widerspruch und Pathologie, um nur einige zu nennen. Fragil kann offenbar vieles sein und entsprechend anschlussfähig sind Fragilität und benachbarte Begriffe für Soziologie, Psychologie, Geschichtswissenschaften, Bildungswissenschaften, Literatur- und Medienwissenschaften, Medizin usw. Die Tagung ist daher explizit interdisziplinär angelegt und widmet sich den folgenden Themenfeldern:

Konzeptionelle Überlegungen zur Fragilität

In den letzten Jahrzehnten ist eine Ausweitung der Fragilitätsdiskurse zu beobachten, die zum einen begriffliche Fragen danach aufwirft, was unter Fragilität verstanden wird und wie dies zu benachbarten Begriffen wie Unsicherheit oder Vulnerabilität im Verhältnis steht. Konzeptionell lässt sich zwischen der Fremdzuschreibung von Fragilität einerseits, der Selbstbeschreibung als fragil andererseits unterscheiden. Als analytische Kategorie verwendet, kategorisiert oder labelt Fragilität Institutionen, Organisationen, Gesellschaften, Staaten oder auch Individuen als zerbrechlich und prekär, mithin als latent bedroht. Diese Kategorisierung hat Konsequenzen: für Staaten etwa hinsichtlich ihrer Rolle im internationalen Ordnungsgefüge, innerstaatlich hinsichtlich prekärer Machtverhältnisse und sozialer Spannungen, oder für Individuen beispielsweise als negative Sozialprognose. Als Selbstbeschreibung erfolgt durch Fragilität eine Positionierung als bedroht, häufig verbunden mit der Einforderung von Schutzmaßnahmen. Zum anderen kann diese Selbstbeschreibung in Diskursen um gegenwärtige Selbstverhältnisse den Charakter einer Aufforderung oder gar Drohung gegenüber einem konstruierten Außen annehmen, wie es teilweise bei Debatten um ‘microaggressions‘ der Fall ist. Zu fragen wäre, durch welche sozialen und kulturellen Dynamiken solche Drohungs- und Bedrohungsvorgänge ausgelöst werden und welche gesellschaftlichen Folgen sie haben.

Fragile Gesellschaften

Schon in den 80er Jahren des letzten Jahrtausends hat Ulrich Beck mit der reflexiven Modernisierung eine Konstellation beschrieben, in der unintendierte Nebenfolgen als „Destruktivkräfte“ (Beck 1986) auf die Gesellschaft zurückwirken und so die selbsterzeugte Fragilität sozialer Ordnung vor Augen führen. In der heutigen Zeit haben Wachstum, Innovationsverdichtung und Beschleunigung nach Hartmut Rosa (2005) zu einer situativen Politik geführt, die große Gestaltungsentwürfe durch provisorische Lösungen und kurzfristige Operationen ersetzt. Andreas Reckwitz (2017) bemerkt mit dem Aufziehen neuartiger, auf Singularität ausgerichteter Aufmerksamkeits- und Valorisierungsmärkte eine Krise des Politischen. Und Armin Nassehi (2021) zufolge ist die Gesellschaft insgesamt mit sich selbst überfordert. Gesellschaftliche Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten scheinen an den eigenen Strukturen zu scheitern. Die Moderne, so kann man folgern, ist in der Dauerkrise – und die späte Moderne erst recht.

Diesen fast völlig auf die europäische (Spät-)Moderne ausgerichteten Globalanalysen sollen auf unserer Tagung Untersuchungen konkreter Erscheinungsformen von Fragilität in ihren zeitlichen und räumlichen Spezifitäten zur Seite gestellt werden. Zugleich ist danach zu fragen, ob und inwiefern verschiedene gesellschaftliche Bereiche gleichermaßen von Fragilisierung betroffen waren/sind und welche Auswirkungen dies wiederum auf gesamtgesellschaftliche Unsicherheitswahrnehmungen hat.

Fragile Selbstverhältnisse

Die Diagnose fragiler Gesellschaften findet ihre Entsprechung in augenscheinlich zunehmend fragilen Selbstverhältnissen: „hier die Risikogesellschaft, dort die Risikobiografie“ (Stöhr et al. 2019: 169). Mit dem Individualismus haben sich sehr weiträumig (Selbst-)Praktiken herausgebildet, deren Ziel es ist, „Akteur der eigenen Veränderung zu sein“ (Ehrenberg 2011: 492), sich also selbstverantwortlich als autonomes und kompetentes Individuum zu behaupten. Das Selbst wird zum Projekt, dem entweder unternehmerisch-optimierend (Bröckling 2007; King et al. 2021) oder neuerdings achtsam (Hardering/Wagner 2018) und resilient (Graefe 2019) zu einem glücklichen Ausgang verholfen werden soll. Der fragilen Selbstverwirklichung inmitten eines Kampfes um Sichtbarkeit auf Singularitätsmärkten (Reckwitz 2017) stehen vielfältige Wegweiser zur Seite – von Glücksratgebern (Duttweiler 2007) über Coachings (Traue 2010) bis hin zu digitalen Self-Tracking-Apps (Noji/Vormbusch 2018; Kappler/Noji 2022). Fragilität wird hier einerseits als ein (medial, technisch, praktisch) adressierbares Problem dargestellt. Zugleich lässt sie sich auch als eine Auszeichnung im Kontext einer historisch lang zurückreichenden Fragilitätssemantik begreifen. Beginnend mit der Empfindsamkeit als protomoderner Subjektformation etablieren sich in der Literatur Muster der Selbstbeschreibung unter dem Vorzeichen von Fragilität. Schon die Zeitgenossen Goethes beschreiben Formen gesteigerter, wenn nicht hypertrophierter Sensibilität als Folgefragilität zivilisatorischer Entlastungen und Errungenschaften. Seither begegnen uns in Literatur und kulturellem Wissen Fragilitätsdiskurse in Gestalt von psychosomatischen Zivilisations- und Modekrankheiten: Melancholie, Hypochondrie, Hysterie, Neurasthenie, Burn Out, Tinnitus (Steiner 2012). Wenn mit der femme fragile eine epochal prägnante Gestalt die soziokulturelle Bühne betritt, exemplifiziert dies, wie sich in der Ästhetisierung des hypersensiblen Leidens mentalitätsgeschichtliche, sozialpsychologische und ästhetische Aspekte von Fragilität verschränken.

Ästhetik des Fragilen

Vom Fragilen geht eine besondere ästhetische Attraktivität aus: Das Zarte und Zierliche, das Empfindliche und Feine, das Filigrane, Grazile und Sachte gelten als fragil, das Zerbrechliche als schützenswert. Das Fragile erscheint zugleich aber auch als eine besondere Reflexionsfigur für die Verfasstheit der Moderne: Literatur und Film sind von fragilen Figuren bevölkert, mit denen diverse Subjektivitäts- und Identitätskonstruktionen verhandelt werden. Das reicht vom empfindsamen Genie bis zum Nervenschwachen; von Letzte-Mensch-Szenarien bis zu depersonalisierten Subjekten wie Kafkas K-Figuren in der Literatur, den schönen Frauenleichen der bildenden Kunst (vgl. Bronfen 1994/2004) oder den verschiedenen femmes fatales/femmes fragiles des Films. Selbst in der Architektur avanciert das Fragile mit der offenen Glas/Stahl-Bauweise zum Maßstab urbaner Gestaltung; nicht zuletzt wird das Fragile in den 1990er Jahren mit dem heroin chic zum Schönheitsideal der Mode und der Populärkultur. Dies ruft Fragen danach auf, wie Fragilität ästhetisch produktiv gemacht wird: Korrespondieren den fragilen Figuren auch fragile Erzählweisen sowie Darstellungsformen und Medien, denen Fragilität als etwas Gemachtes (Faktur) der Bruch (Fraktur) inhärent ist? Eine solche Ästhetik begreift das Fragile, das Gebrechliche, das Zerbrechliche, das Bedrohte immer auch als etwas Positives und Produktives. Gibt es also eine poiesis der Fragilität? Das Panel fragt grundsätzlich nach den Herkünften, den konkreten Ausgestaltungen und Wirkungsfeldern einer Ästhetik des Fragilen. Darüber hinaus sind folgende Fragen zentral: Inwieweit bietet sich Fragilität als Reflexionsfigur an, um Szenarien von Ungewissheit, eine Brüchigkeit des Zukunftswissens sowie kulturelle Identitäts- und Alteritätskonflikte, aber auch globale Krisenerfahrungen wie den Klimawandel zu verhandeln? Aus Genderperspektive lässt sich konkret fragen: Sind herrschende Weiblichkeitsentwürfe an eine Ästhetik der Fragilität gekoppelt? Und umgekehrt: In welchem Zusammenhang steht Fragilität zu einer Destabilisierung konventioneller, binärer Geschlechterbilder? Aus medienkulturwissenschaftlicher Sicht relevant sind die Fragen: In welchen medialen Formationen wird Fragilität inhaltlich thematisch? Wo spielen fragile Ordnungen formal und/oder auf der Verfahrensebene eine Rolle? Gibt es spezifische Gattungen, Genres oder gar Formate des Fragilen?

  • Beck, Ulrich (1986). Risikogesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.


    Bronfen, Elisabeth (1994/2004). Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhetik. Würzburg: Königshausen und Neumann.


    Bröckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt am Main: Suhrkamp.


    Duttweiler, Stefanie (2007): Sein Glück machen. Arbeit am Glück als neoliberale Regierungstechno-logie. Konstanz: UVK.


    Ehrenberg, Alain (2011): Das Unbehagen in der Gesellschaft, Berlin: Suhrkamp.


    Graefe, Stefanie (2019): Resilienz im Krisenkapitalismus. Wider das Lob der Anpassungsfähigkeit. Bielefeld: Transcript.


    Hardering, Friedericke; Wagner, Greta (2018): Vom überforderten zum achtsamen Selbst? Zum Wandel von Subjektivität in der digitalen Arbeitswelt. In: Thomas Fuchs, Lukas Iwer und Stefano Micali (Hg.): Das überforderte Subjekt. Zeitdiagnosen einer beschleunigten Gesellschaft. Berlin: Suhrkamp, S. 258-278.


    Hentschel, Christine; Krasmann, Susanne (2020) (Hg.): »Exposure« - Verletzlichkeit und das Politische in Zeiten radikaler Ungewissheit. Bielefeld: Transcript.


    Jansen, Stephan A.; Schröter, Eckhard; Stehr, Nico (2013) (Hg.): Fragile Stabilität – stabile Fragilität. Wiesbaden: Springer VS.


    Kappler, Karolin Eva/Noji, Eryk (2022): (Be-)rechenbare Zukunft: Digitale Selbstvermessung und ihre Bewertungsordnungen. In: Eryk Noji, Uwe Vormbusch, Arndt Neumann und Uwe Steiner (Hg.): Figurationen von Unsicherheit. Berlin: Springer VS, S. 161–190.


    King, Vera; Gerisch, Benigna; Rosa, Hartmut (2021) (Hg.): Lost in perfection. Zur Optimierung von Gesellschaft und Psyche. Unter Mitarbeit von Julia Schreiber und Benedikt Salfeld. Berlin: Suhrkamp.


    Nassehi, Armin (2021): Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft. München: C.H. Beck.

    Noji, Eryk; Vormbusch, Uwe (2018): Kalkulative Formen der Selbstthematisierung und das epistemische Selbst. In: psychosozial 41 (3), S. 16–35.


    Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp.


    Rosa, Hartmut (2005): Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frank-furt am Main: Suhrkamp.


    Steiner, Uwe C. (2012): Ohrenrausch und Götterstimmen. Eine Kulturgeschichte des Tinnitus, München: Wilhelm Fink.


    Stöhr, Robert/Lohwasser, Diana/Napoles, Juliane Noack/Burghardt, Daniel/Dederich, Mar-kus/Dziabel, Nadine/Krebs, Moritz/Zirfas, Jörg (2019): Schlüsselwerke der Vulnerabilitätsforschung. Wiesbaden: Springer VS.


    Traue, Boris (2010): Das Subjekt der Beratung. Zur Soziologie einer Psycho-Technik. Bielefeld: Transcript.