Präsenzveranstaltung

Thema:
Das Phänomen Mythos
Veranstaltungstyp:
Präsenzseminar
Semester:
Sommersemester 2026
Zielgruppe:
BA KuWi: Modul 25403/P3; MA Phil: Modul 26406/VI;
Ort:
Hannover
Adresse:
Campus Hannover
Termin:
05.06.2026 bis
07.06.2026
Zeitraum:
05.06.2026 12:00 Uhr bis 07.06.2026 16:00 Uhr
Leitung:
Dr. Abbed Kanoor
Auskunft erteilt:
Mona Peperkorn
E-Mail: lg.philosophie3
Hinweis:
Veranstaltung wird als Seminar im Sinne der Studienordnung anerkannt. Es wird eine Teilnahmebescheinigung ausgestellt.

Das Phänomen Mythos. Philosophische Ansätze

Blockseminar Sommersemester 2026

Dr. Abbed Kanoor

Der Mythos begleitet das Denken der Menschheit von seinen Anfängen bis in die Gegenwart. In diesem Seminar wird er nicht als überholte Vorstufe rationaler Welterkenntnis verstanden, sondern als eigenständige symbolische Form menschlicher Weltaneignung. Im Mittelpunkt stehen die transzendentalphilosophischen und kulturphilosophischen Ansätze von Ernst Cassirer und Hans Blumenberg.

Cassirer fragt – im Anschluss an Kant – nicht nach den Ursachen, sondern nach den Bedingungen der Möglichkeitmythischen Denkens. Der Mythos erscheint ihm als eine spezifische Weise der Objektivation von Welt, durch die der Mensch Wirklichkeit in symbolischen Gestalten fasst. Er steht für eine ursprüngliche Einheit des Geistes, die sich in Sprache, Kunst und Wissenschaft gleichermaßen verwirklicht.

Blumenberg hingegen versteht den Mythos als Arbeit am Sinn, als Versuch, das Unverfügbare und Bedrohliche der Welt erzählend zu bewältigen. Im Zentrum steht der Akt der Benennung: Durch das Benennen verwandelt der Mensch das Unbekannte in etwas Bekanntes – „das Andere ist noch nicht der Andere“. So entsteht eine erste Form von Distanz und Orientierung. Der Mythos schafft eine strukturierte Beziehung zwischen Mensch und Welt und wird zur Formgebung des Vergessens, zum Abbau des „Absolutismus der Wirklichkeit“. Diese mythische Funktion bleibt auch in der Moderne wirksam: Noch die Wissenschaft, etwa bei Francis Bacon, setzt auf das Benennen als Mittel der Weltbeherrschung. Die Moderne, so Blumenberg, ist „die Epoche, die endlich für alles einen Namen gefunden hat“ – und bleibt damit im Kern mythisch.

Gemeinsam eröffnen Cassirer und Blumenberg eine philosophische Perspektive auf den Mythos als Form kultureller Selbstverständigung, die zwischen Rationalität und Imagination vermittelt und bis in die Gegenwart nachwirkt.

Die Leitfragen des Seminars sind:

  • Welche Struktur und Funktion besitzt mythisches Denken?
  • Wie verhält sich der Mythos zu Sprache, Symbol und Erkenntnis?
  • Inwiefern wirkt der Mythos in der Moderne fort?

Literatur

  • Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen. Teil 2: Das mythische Denken, Hamburg 1955.
  • Hans Blumenberg: Arbeit am Mythos, Frankfurt a.M. 1979.
  • Hans Blumenberg: Höhlenausgänge, Frankfurt a.M. 1989.

Sekundärliteratur zu Cassirer

  • Heinz Paetzold: Ernst Cassirer. Von der Erkenntnistheorie zur Kulturphilosophie, Darmstadt 1983.
  • John Michael Krois: Cassirer. Symbolic Forms and History, New Haven/London 1987.
  • Sebastian Luft (Hg.): The Philosophy of Ernst Cassirer. A Novel Assessment, Berlin/Boston 2015.
  • Birgit Recki: Kulturphilosophie. Eine Einführung, Hamburg 2004.
  • Peter A. Schmid: Ernst Cassirer und die Mythische Welt, Würzburg 2002.

Sekundärliteratur zu Blumenberg

  • Rüdiger Zill: Hans Blumenberg. Eine intellektuelle Biographie, Frankfurt a.M. 2020.
  • Angus Nicholls: Myth and the Human Sciences: Hans Blumenberg’s Theory of Myth, London/New York 2015.
  • Felix Heidenreich / Jörg Volbers (Hg.): Blumenberg lesen, Berlin 2014.
  • Odo Marquard: „Abschied vom Prinzipiellen. Über Hans Blumenbergs Mythosbegriff“, in: Apologie des Zufälligen, Stuttgart 1986.
  • Robert Buch: The Pathos of the Real: Hans Blumenberg and the Poetics of Myth, Evanston 2019.

Allgemeine und ergänzende Mythos-Theorien

  • Kurt Hübner: Die Wahrheit des Mythos, München 1985.
  • Claude Lévi-Strauss: Mythologica I–IV, Frankfurt a.M. 1971–1981.
  • Mircea Eliade: Mythos und Wirklichkeit, Frankfurt a.M. 1968.
  • Günter Figal: Mythos und Logos. Beiträge zu einer hermeneutischen Phänomenologie des Mythos, Tübingen 1998.
Mona Peperkorn | 15.01.2026