Präsenzveranstaltung
- Thema:
- Spinozas Ethik. Systematisches Philosophieren für Anfänger. Vorbereitend auch für die Sommerschule Collegium Spinozanum V (in Hagen, In Zusammenarbeit mit der Universität Groningen)
- Veranstaltungstyp:
- hybrid
- Semester:
- Sommersemester 2026
- Zielgruppe:
- BA KuWi: Modul 25401/P1; Modul 25404/P4; MA Phil: Modul 26401/I; Modul 26403/III; Modul 26405/V; AT Phil; Interessierte
- Ort:
- Hagen
- Adresse:
-
Campus Hagen
FernUniversität in Hagen, Campus
und online - Termin:
- 19.06.2026
bis
21.06.2026 - Zeitraum:
- Freitag, 19 Juni 2026, 15-21 Uhr,
Samstag, 20. Juni 2026, 10-20 Uhr,
Sonntag, 21. Juni 2026, 10-14 Uhr. - Leitung:
- Prof. Dr. Martin Lenz
- Anmeldefrist:
- 10.04.2026 bis 12.06,2026
- Anmeldung:
- Die verbindliche Anmeldung erfolgt über das untenstehende Formular.
- Auskunft erteilt:
-
Doris Meyer
E-Mail: lehrgebiet.lenz
Telefon: +49 2331 987-2150 - Hinweis:
- Veranstaltung wird als Seminar im Sinne der Studienordnung anerkannt. Es wird eine Teilnahmebescheinigung ausgestellt.
Spinozas Ethik: Systematisches Philosophieren für Anfänger
Seminarplan
Obwohl Baruch de Spinoza (1632-1677) als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte gilt, waren seine Ansichten bereits zu seinen Lebzeiten scharfer und manchmal sogar gehässiger Kritik ausgesetzt. In diesem Kurs werden wir versuchen, seine Ethica (1677) genau zu lesen und die darin enthaltenen philosophischen Annahmen und interpretativen Herausforderungen zu bewerten. Dabei geht es nicht nur um einen Zugang zu Spinozas Philosophie, sondern um die Einübung selbständigen systematischen Philosophierens. Systematisch ist ein Philosophieren dann, wenn Überlegungen zu einer Frage nicht nur auf einen Punkt zielen, sondern Aspekte verschiedener Disziplinen (etwa der Metaphysik, Erkenntnistheorie, Emotionstheorie und Ethik) verbunden werden.
Eine besondere systematische Herausforderung stellt Spinozas Begriff der Freiheit dar: Wie Spinoza betont, zielt sein Werk darauf ab, uns einen Weg zur Freiheit zu weisen. Doch angesichts seiner metaphysischen Prämissen scheint dies eine paradoxe Idee mit sich zu bringen: Einerseits erfordert Freiheit, dass wir mit rationaler Einsicht in die kausal bestimmte Ordnung der natürlichen Welt handeln. Andererseits scheint uns die Erkenntnis dieser Ordnung zu der Einsicht zu führen, dass es nichts gibt, was man mit Recht als menschliche Person bezeichnen könnte. Ist Spinozas Ansatz also inkohärent? Oder gibt es Möglichkeiten, diese Spannung aufzulösen? Geleitet von der Frage, wie Spinozas theoretische und praktische Philosophie zusammenhängen, werden wir seinen Ansatz in den historischen Kontext einordnen und zentrale Themen seiner Metaphysik, Philosophie des Geistes und Moralphilosophie auch im Blick auf neuere Interpretationen der Ethica diskutieren.
Zur Lektüre
Zur Vorbereitung haben Sie die Ethik idealerweise mindestens einmal ganz gelesen. Allerdings vermute ich, dass der Versuch, den Text auf diese Weise zu durchdringen, frustrierend sein wird. Natürlich sollen Sie den Text durchlesen. Aber um sich das Werk philosophisch zu erarbeiten, benötigen Sie eine Strategie. Hier also ein paar Tipps:
- Konzentrieren Sie sich auf eine konkrete Leitfrage, mit der Sie auf den Text zugehen. Fragen Sie sich zum Beispiel: Was sagt der Text zum Freiheitsbegriff? Dann ergeben sich rasch weitere Fragen, die Sie aber stets auf die Leitfrage zurückbeziehen können: Was ist zum Verständnis dieses Begriffs erforderlich? Welche Rolle spielt Gott? Welche Rolle spielt das Denken, der Conatus etc.?
- Beginnen Sie die Lektüre nicht am Anfang, sondern mit dem Appendix zum ersten Teil. Hier spricht Spinoza nicht more geometrico, sondern entwickelt seine Argumente auf uns vertrautere Weise. Deshalb wird ihnen dieser Ansatz helfen, sich von dort aus auf weitere Passagen zuzubewegen.
- Im Seminar können wir nicht alles behandeln. Wir werden uns vielmehr ausgewählten Passagen aus Teil I bis III widmen. Nach der Lektüre des Appendix, sollten Sie sich also einen Überblick über die Themen dieser Teile verschaffen und dann mit Teil I beginnen.
- Konzentrieren Sie sich dann auf Passagen, die Sie besonders interessant oder dunkel finden, und versuchen Sie, sich diese Passagen durch strukturierte Fragen zu erschließen (mehr dazu unten).
- Erst wenn Sie selbst etwas mit dem Text gerungen haben, sollten Sie sich gezielt zu bestimmten Fragen, die Ihnen wichtig sind, mit der Sekundärliteratur beschäftigen: Della Roccas Einführung ist sehr systematisch angelegt. Die Aufsätze aus der Reihe Klassiker Auslegen beziehen sich eher auf bestimmte Textstellen.
Zum Ansatz im Seminar
Der Kurs wird im Seminarstil abgehalten und sollte ausreichend Raum für Diskussionen bieten. Ich erwarte nicht, dass Sie bereits über irgendwelche Fähigkeiten verfügen, aber Sie sollten lernen, ein Verständnis von Texten anhand der folgenden Punkte aufzubauen und zu artikulieren: Was sagt der Text? Was sind hier wesentliche Argumente oder Begriffe? Was sagt er nicht? Was sind stillschweigende Annahmen? Warum werden bestimmte Dinge überhaupt gesagt? Können sie in unsere zeitgenössischen Ideen und Kontexte übersetzt werden? Wenn nicht, warum nicht?
Denken Sie nicht, dass Diskussionen eine Ablenkung vom Lernprozess sind. Diskussionen sollten Ihnen helfen, akademische Gewandtheit im Umgang mit Ideen, Fragen, Argumenten und Terminologie zu erlangen. Die meisten Dinge, die ich Ihnen erzähle, können Sie woanders lesen. Was Sie woanders nicht tun können, ist, sie durch Gespräche lebendig werden zu lassen. Der Text, den wir diskutieren, ist über dreihundert Jahre alt. Dennoch kann es sein, dass Sie diesem Text jetzt zum ersten Mal begegnen. Diese Konfrontation macht die Sache interessant! Im Seminar sollten Sie lernen, sich den Stoff, den ich unterrichte, anzueignen und ihn sich zu eigen zu machen, indem Sie ihn mit Ihren eigenen Ansichten und Interessen vermischen. In diesem Sinne hoffe ich auch, von Ihnen zu lernen. Der genaue Plan ist noch ziemlich offen, da ich mir gerne ein Bild von Ihren Interessen und Spezialgebieten machen möchte. In jedem Fall sollten Sie Folgendes tun:
1. Lesen Sie die zugewiesenen Passagen immer vorher. Das betrifft hier nun vor allem die unten genannte Textgrundlage. Warum? Einfach, weil ich sie voraussetze, und wenn Sie sie nicht gelesen haben, werden Sie keine Ahnung haben, worum es in der Diskussion geht.
2. Bereiten Sie immer mindestens drei Fragen zum Text schriftlich vor. In meinem Blogpost über Fragen finden Sie Einzelheiten dazu, wie man eine Frage strukturiert.
3. Versuchen Sie, die Fragen im Kurs bei mir oder einem Kommilitonen zur Sprache zu bringen. Formulieren Sie Ihre Frage also schriftlich und strukturieren Sie diese etwa folgendermaßen:
• Ziel/Thema: sagen Sie, worum es in der Frage geht
• Frage: formulieren Sie die eigentliche Frage
• Voraussetzung/Motivation: geben Sie eine kurze Erklärung, warum die Frage aufkommt
• Geben Sie einen kurzen Vorgriff auf mögliche Antworten (bei Diskussionen ist dies hilfreich, um Folgefragen vorzubereiten)
4. Führen Sie ein Notizbuch für Ihre Fragen und Erkenntnisse, um Ihren Fortschritt und Ihre Ideen im Auge zu behalten.
5. Wenn Sie ein Referat zu einer Passage oder einem Interpretationsansatz halten möchten, melden Sie sich bitte vorher bei mir. Dann kann ich Ihnen auch gezielt weitere Literaturhinweise geben. In jedem Fall sollten Sie sich auf etwa 10-20 Minuten beschränken, in denen Sie:
- eine konkrete Textpassage oder Interpretationsthese in den Fokus rücken,
- eine bestimmte Frage (bezogen auf einen problematischen Aspekt) aufwerfen,
- erläutern, warum die Frage aufkommt,
- einen Weg aufzeigen, wie die Frage beantwortet werden kann,
- andeuten, was man gegen diese Antwort einwenden könnte,
- andeuten, was sich auf diesen Einwand erwidern ließe
Die ersten vier Punkte dienen dem Verständnis; die letzten zwei sollen die Diskussion vorbereiten.
6. Ganz gleich, ob Sie sich jetzt schon für eine konkrete Prüfungsform interessieren oder nicht, konsultieren Sie den Hagener Leitfaden für philosophische Arbeiten.
Literatur
Textgrundlage:
Spinoza, Baruch de, Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt, hrsg. v. Wolfgang Bartuschat, Hamburg: Meiner 2015.
Literatur zur Einführung:
Hampe, Michael; Schnepf, Robert; Renz, Ursula (Hrsg.): Baruch de Spinoza - Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt, Berlin : Akademie-Verl., 2006. (Klassiker Auslegen 31).
Della Rocca, Michael 2008: Spinoza, London: Routledge.
Literatur zur Vertiefung:
Brandom, Robert 2001: Tales of the Mighty Dead (Cambridge/Mass.: Harvard University Press.
Garrett, Don 1996: Spinoza’s Ethical Theory, in: D. Garrett (ed.), The Cambridge Companion to Spinoza, Cambridge: Cambridge University Press, 267–314.
Kisner, Matthew 2011: Spinoza on Human Freedom: Reason, Autonomy and the Good Life, Cambridge: Cambridge University Press.
Lenz, Martin, Socializing Minds: Intersubjectivity in Early Modern Philosophy, Oxford University Press 2022. (Einleitung und Kapitel 1)
Perler, Dominik 2008: Begriffliche und psychologische Ordnung bei Spinoza, Archiv für Geschichte der Philosophie 90, 188–215.
Renz, Ursula 2010: Die Erklärbarkeit von Erfahrung: Realismus und Subjektivität in Spinozas Theorie des menschlichen Geistes, Frankfurt/Main: Klostermann.
Programm
Freitag, 19. Juni 2026, 15-19 Uhr
Teil I: Einführung in die Philosophie Spinozas
15:00 Begrüßung, Vorstellungsrunde, Einführung
16:00 Einführung: Eine systematische Einführung in die Kernthesen anhand des Freiheitsproblems
Integrativer Naturalismus:
- Nezessitarismus
- Substanzmonismus
- Holismus
Siehe Ethik I definitio 7 und I appendix
17:00 Pause / Konversation
17:30 Übung: Strukturierte Fragen zu schwierigen Passagen (v.a. aus I Appendix) entwickeln: v.a. systematische Täuschungen; Anti-Teleologie, Conatus
19:00 Abschluss des ersten Teils
Samstag, 20. Juni 2026, 10-19 Uhr
Teil II: Fokus: Spinozas Ideentheorie, bes. E II
10:00 Einführung: Holismus versus Atomismus
10:30 Textarbeit (in Gruppen)
Ethik, Teil II propositio 7sowie IIp10-IIp19; IIp35-IIp49
11:30 Präsentation und Diskussion
13:00 Pause
14:30 Verbindungen zu Interpretationen herstellen: Michael Della Roccas rationalistisches Interpretationsprinzip: PSR; Beispiel: Pancreas Problem 108 ff.
15:30 Strukturierte Fragen zu Texten (von Teilnehmer:innen)
16:30 Pause
17:00 Übung: Strukturierte Fragen und Verbindungen (points of contact) zwischen Texten herstellen
18:30 Textarbeit: Das Conatus-Argument, Ethik IIIp1-IIIp11; vgl. Della Rocca 137 ff.
19:30 Gemeinsames Abendessen
Sonntag, 21. Juni 2026, 10-13 Uhr
Teil III: Verteidigung einer Interpretation
10:00 Übung: Konstruktiv: Wie lassen sich Ideentheorie und Conatus-Argument auf das Freiheitsproblem beziehen? --- Auseinandersetzung mit einem Einwand: Was bedeutet der Rekurs auf den Conatus für die Anti-Teleologie
11:00 Pause
11:15 Grenzen und „Übersetzung“ historischer Philosophie: Was bleibt für das systematische Philosophieren in der Gegenwart?
12:45 Schluss: Fragen