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Theorien und Methoden erleben: Planspiel über Macht in Organisationen
[19.06.2026]Von Freitag, dem 12.06.26, bis Samstag, den 13.06.26, fand am Campusstandort Frankfurt die richtungsweisende Klausurtagung der Hagen Connect AG – kurz HaCon – statt. Dass es das Unternehmen gar nicht gibt, tat der Sache keinen Abbruch: In dieser Kombination aus Planspiel und Präsenzseminar des Lehrgebiets Soziologie III schlüpften Studierende in verschiedene Positionen eines fiktiven Telekommunikationsunternehmens, das vor einer großen Richtungsentscheidung steht. Soll die HaCon künftig auf den Ausbau ihrer Netzinfrastruktur setzen oder sich zum digitalen Dienstleister wandeln? Bis Samstagmittag musste der Vorstand eine Entscheidungsempfehlung an den Aufsichtsrat abgeben.
Vom Seminarleiter Benedikt Engelmeier, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet, bekamen alle Teilnehmenden des Seminars eine eigene Rolle – vom Vorstand über die Abteilungsleitungen bis zum Betriebsrat – mit unterschiedlichen Aufgaben, Interessen und Wissensständen. Was die Akteure daraus im Planspiel machten, war ihnen überlassen. In den gemeinsamen Plenumsphasen und dazwischen in den dynamischen Arbeitsphasen bildeten sich Koalitionen, wurden Argumente geschmiedet, mit Zahlen untermauert oder erschüttert. Die Interessen der betroffenen Abteilungen prallten aufeinander; mit jeder Stunde rückte die Deadline näher und neue Informationen sorgten für unerwartete Wendungen auf der Suche nach einer Entscheidung. Spätestens als sich der Vorstand zur internen Beratung zurückzog und alle anderen warten ließ, war die Hierarchie einer Organisation deutlich spürbar.
Wie sehr das Spiel die Teilnehmenden in seinen Bann zog, zeigte sich am Freitagabend: Beim gemeinsamen Tagesausklang mit Abendessen wurde munter weiter über die Positionen und anstehenden Entscheidungen der HaCon AG diskutiert.
Eine besondere Perspektive zum Seminar steuerte eine Studierende bei, die die Rolle einer Feldforscherin übernahm: Sie verfolgte das Geschehen während der Klausurtagung als teilnehmende Beobachterin und berichtete im Anschluss von ihren Eindrücken. So wurde qualitative Organisationsforschung auf eine neue Art in der Lehre erfahrbar.
An das Planspiel schloss sich am Samstagnachmittag eine gemeinsame Reflexion an, in der die Teilnehmenden das Erlebte mit theoretischen Perspektiven verknüpften, die sie selbst mit kurzen Inputs für das Seminar aufbereitet hatten: strategische Organisationsanalyse – die Dualität von Struktur – Exit, Voice, and Loyalty – das Garbage-Can-Modell – Isomorphie – begrenzte Rationalität – Sensemaking – die Unterscheidung von Formalität und Informalität – die kontingente Kopplung von Geschlecht – Mikropolitik. Was sonst in der Lehre oft abstrakt bleibt, hatten sie zwei Tage lang selbst erlebt.
Für Benedikt Engelmeier hat sich der Aufwand gelohnt: Organisationssoziologie lässt sich nicht nur lesen, sondern mit einem solchen Planspiel auch erleben. Sein Dank gilt allen Teilnehmenden für ihr großes Engagement und ihre Spielfreude.
Foto: FernUniversität
Foto: FernUniversität