„Yippie Yippie Yeah Yippie Yeah – Krawall und Remmi Demmi!“

Politik und Spaßhaben waren für die Yippies – einer 1967 in den USA entstandenen Bewegung – keine Gegensätze. Ihren Spuren bis in die heutige Protestkultur spürt Dr. Franka Schäfer nach.


Dr. Franka Schäfer
Dr. Franka Schäfer (Foto: Dinko Skopljak)

„Yippie Yippie Yeah Yippie Yeah!“ Aber muss das nicht heißen: „Hippie Hippie…“? Nein, die Yippie-Bewegung entstand in den späten 1960-er Jahren in den USA unter anderem aus der Hippie- und Avantgarde-Kultur, war aber nicht identisch mit damit. Heute ist sie viel weniger bekannt als diese – und dennoch hat sie Spuren in der Protestkultur hinterlassen. Diesen spürt Dr. Franka Schäfer von der FernUniversität in Hagen wissenschaftlich nach: „Die Art, wie heute mit Aktionen und Witz protestiert wird, ist von den Yippies mitgeprägt“, betont die Soziologin im Lehrgebiet Soziologie I / Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie (Prof. Dr. Frank Hillebrandt).

Remmi Demmi

Den Begriff „Remmi Demmi“ hat Dr. Franka Schäfer der Single „Remmi Demmi (Yippie Yippie Yeah)” der Hamburger Band „Deichkind“ entnommen.

Entstanden ist die Yippie-Bewegung 1967 in den USA, ihre Quellen waren das Free Speech Movement – ein Teil der Bürgerrechtsbewegung – und die Anti-Vietnamkriegsbewegung. Von diesen beiden als prüde und wenig spaßorientiert geltenden Bewegungen grenzten die Yippies sich als Hippie-ähnliche, jugendlich orientierte und anarchistische Alternative ab. Franka Schäfer: „Im Zuge ausschweifender Festivitäten wurde die Youth International Party als Pendant zu etablierten politischen Parteien gegründet.“ Hierarchie und formale Mitgliedschaft dieser Gegenbewegung zum Establishment entsprachen ihrem anarchistischen Selbstverständnis: Beides gab es nicht.

Aus den Anfangsbuchstaben der Parteil und aus dem Motto „We are young, we are international and our revolution is a party!“ wurde „Yippie“ als Bezeichnung ihrer Mitglieder abgeleitet. Im Englischen steht „Party“ sowohl für „Partei“ wie für „Feier“, Politik und Spaßhaben waren für die Yippies also keine Gegensätze. Wie die Hippies konsumierten sie „bewusstseinserweiternde Substanzen“, sie lebten in Kommunen und kleideten sich phantasievoll.

Eine klassische Protestbewegung, die Reformen zum Ziel hat, waren sie nicht. „Die eigentlichen Ziele der Yippies waren ‚kein Ziel‘ und ‚keine Reform‘„, erläutert Schäfer, „ihnen ging es um eine Fundamentalkritik am damaligen ‚American Way of Life‘. Dafür entwickelten sie ganz neue Protestformen wie Performances mit viel Humor und Ironie.“ Der Alltag jenseits herrschender Konventionen als solcher sollte eine Form des Protestes sein.

Die ersten Proteste fanden in New York statt, zum Teil mit Drogen, mit Live Musik und mit Performance-Theater. Dies wurde zur Hauptprotestform und gipfelte 1968 im Chicago Festival of Life, als Pendant zur Nominierungsveranstaltung der Demokratischen Partei für die Präsidentschaftswahl. Wegen des zentralen Parteitagsthemas „Weiterführung des Vietnamkriegs“ bezeichneten die Yippies diesen als „Festival of Death“.

Diese Anti-Kriegsdemonstration fand während des Parteitags der US-Demokraten in Chicago statt.
Diese Anti-Kriegsdemonstration fand während des Parteitags der US-Demokraten in Chicago statt. (Foto: David Wilson, https://www.flickr.com/photos/davidwilson1949/6056934707/in/photolist-5coszA-aeenEK-2CqzzK-8QZ5mo).

Amerikanischen Lebensstil neu gestalten

Ihnen ging es bei ihrem Festival of Life darum, den amerikanischen Lebensstil neu zu gestalten. Sie wussten: Wenn wir Krawall und Remmi Demmi machen, kommt die Presse. Kurzerhand kündigten sie an, beim Festival LSD ins Trinkwasser zu kippen und Geld zu verbrennen. Mit Erfolg: Polizei und Medien liefen auf. So konnten die Yippies – auch das war neu – Medien gezielt in ihre Aktionen einbeziehen. Ohne Gewalt und LSD im Wasser.

So wurde die Nominierung eines Yippie-eigenen Präsidentschaftskandidaten öffentlich gemacht: „Pigasus for President!“ Für das Hausschwein wurde sogar Wahlkampf gemacht. Damit sollte der soziale Status quo verhöhnt werden. Zuletzt wurde das arme Schwein „verhaftet“.

Wegen krimineller Verschwörung und Volksaufhetzung beim Parteikongress der Demokraten – wo es zu Ausschreitungen kam – wurden die beiden bekanntesten Yippies Abbie Hoffman und Jerry Rubin zusammen mit fünf weiteren als „Chicago Seven“ 1969 vor Gericht gestellt, wo die beiden unter anderem einmal in Richterroben erschienen.

„Auch wenn ich nicht sagen kann, was die Yippies gesellschaftlich in der Gesamtbewegung erreicht haben, so ist die Nachhaltigkeit ihrer Aktionen in der Protestbewegung eindeutig. Protestpraktiken der Zeit sind geradezu ‚in Serie gegangen‘“, betont Schäfer. „Proteste sind heute oft physisch und nicht nur virtuell. Demonstriert wird wieder auf der Straße.“ Ein Beispiel ist die linke antiautoritäte Clandestine Insurgent Rebel Clown Army (CIRCA. Heimliche Aufständische Rebellen-Clownarmee), die gegen in ihren Augen politische, wirtschaftliche, soziale Missstände protestiert. Ihre ironischen Waffen sind Staubwedel und Wasserpistolen.

Für die Soziologin liegt die Vermutung nahe, dass über Ironie und Humor hinaus auch die Medien sowie Eliten und Opposition gewaltfrei für die Proteste instrumentalisiert wurden. Hier sieht sie noch erheblichen Forschungsbedarf, weil Polizeiaktionen immer noch vor allem als Kontext von Protest beforscht werden, nicht als dessen Teil: „Untersucht werden immer noch vorwiegend Demonstrationen und oppositionelle Organisation.“

Dr. Franka Schäfer in einem Pullover mit dem Aufdruck Hippie Jippie Yeah
War die Musik allein bereits Protest, der die Umwälzungen auslöste? Der Antwort spürt Dr. Franka Schäfer in einem Theorieprojekt nach, das Diskurs- und Praxistheorie am Beispiel der Protestkultur zusammenbringt. (Foto: Dinko Skopljak)

Mitmachen spaßiger als zuschauen

Mit der Yippie-Kultur im Zusammenhang stehen könnten sogar „Flashmobs“: scheinbar spontane öffentliche Menschenaufläufe, zu denen sich die Teilnehmenden, die sich nicht kennen, per Mobiltelefonen bzw. Internet verabreden. Haben ihre Aktionen einen politischen oder wirtschaftlichen Hintergrund, spricht man oft von einem „Smartmob“. Schäfer: „Solche Aktionen könnten zu dem Puzzle gehören, das wir als Protest wahrnehmen.“

Kennzeichen vieler heutiger Proteste sind – wie bei den Yippies – Ironie und Street Performances. Und das Einbeziehen von Unbeteiligten: „Mitmachen ist oft spaßiger als Zuschauen.“ Die Interaktion zwischen Protestierenden und der Polizei ist für viele Teil des Protests: „Für sie ist Protest nur dann wirksam, wenn die Polizei dabei ist und wenn Medien berichten.“ So werden diese als Bestandteile des Protests instrumentalisiert.

Theorie und Praxis einer kulturellen Revolution

Die ursprünglich amerikanische Jugendkultur-Revolution in den 1960-er Jahren ist ohne die Pop-Musik kaum denkbar. Da sich das FernUni-Lehrgebiet Soziologie I intensiv mit dem Einfluss der Rock- und Pop-Musik auf Gesellschaft befasst, fragte sich Franka Schäfer: War die Musik allein bereits Protest, der die Umwälzungen auslöste? Oder musste noch etwas dazukommen? Der Antwort spürt sie in einem Theorieprojekt nach, das Diskurs- und Praxistheorie am Beispiel der Protestkultur zusammenbringt. Hierzu hielt sie den Vortrag „Yippie Yippie Yeah Yippie Yeah, Krawall und Remmi Demmi! Zum Verhältnis von affektiven Diskursen und Praktiken bewegter Protestformen am Beispiel des Yippie Festival of Life“ beim 38. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

Gerd Dapprich | 18.04.2017