Vom „Mädchen vom Land“ zur zweiten Frau im Staat

Als Ministerin musste Rita Süssmuth viele heiße Eisen anfassen. Zehn Jahre lang war sie Bundestagspräsidentin. Im Lüdenscheider Gespräch schilderte sie wichtige Stationen ihres Lebens.


AIDS, Flüchtlinge, Frauenrechte und -gleichstellung: Es waren brisante und oft auch heute noch aktuelle Themen, die Prof. Dr. Rita Süssmuth in ihrer politischen Laufbahn anpackte. Im Lüdenscheider Gespräch „Das Gift des Politischen“ – dem Titel ihrer Autobiografie aus dem Jahr 2015 – schilderte die geachtete CDU-Politikerin und Wissenschaftlerin wichtige Stationen ihres 80-jährigen Lebens. Mit sanfter Stimme, deutlichen Worten, eindrücklichen Gesten und brillantem Gedächtnis. Das Interview führten Prof. Dr. Arthur Schlegelmilch und Dr. Eva Ochs vom Institut für Biografie und Geschichte der FernUniversität in Hagen.

Eine Seniorin spricht mit erhobenen Händen.
Eindringlich und hochkonzentriert schilderte Rita Süssmuth wichtige Stationen und Ereignisse ihres Lebens. (Foto: FernUniversität, Pressestelle)

Als Vorreiterin einer modernen Frauen- und Familienpolitik machte die Katholikin sich innerhalb und außerhalb der CDU nicht nur Freunde. „Die Frau muss weg!“ forderte ein katholischer Bischoff. Auch für die Rechte vieler anderer Menschen setzte sie sich ein: für Migration und Integration, gegen die Benachteiligung AIDS-Kranker. Wichtig sind ihr ebenfalls immer noch die Beziehungen zu Polen und der Türkei. Über sich selbst sagt sie, dass sie heute weit radikaler und konsequenter denkt als vor 30 Jahren.

Aus der Wissenschaft in die Politik

Rita Süssmuth hatte verschiedene Professuren inne und leitete von 1982 bis 1985 das Forschungsinstitut Frau und Gesellschaft in Hannover. Dann berief Helmut Kohl sie als Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit – ab 1986 für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit – in sein CDU-FDP-Kabinett. Aus dem Ministerium wechselte sie 1988 nach dem überstürzten Rücktritt von Philipp Jenninger in das Amt der Bundestagspräsidentin, auch wenn sie dort weniger Gestaltungsspielraum hatte. Bis 1998 war sie die protokollarisch „zweite Frau“ in der Bundesrepublik. 2000 wurde sie unter der SPD-B90/Grüne-Regierung Vorsitzende der Unabhängigen Kommission Zuwanderung. Deren Gesamtkonzept für ein neues Ausländerrecht wurden 2001 als Bericht „Zuwanderung gestalten – Integration fördern“ vorgelegt. Im darauffolgenden Jahr wurde Süssmuth in die Limbach-Kommission berufen, die in Fragen zu NS-Raubkunst tätig wurde. 2002 schied sie aus dem Deutschen Bundestag aus, in dem sie seit 1987 den Wahlkreis Göttingen vertreten hatten. 2005 bis 2010 war sie Präsidentin einer Privathochschule. In der CDU war sie viele Jahre Mitglied im Präsidium und Vorsitzende der Frauen-Union. Für ihr großes Engagement im Kampf gegen AIDS erhielt Rita Süssmuth 2007 den Reminders Day Award.

Drei Personen sitzen bei dem Interview an einem Tisch, dieses Bild wird auf eine große Leinwand projiziert.
Damit auch alle der zahlreichen Besucherinnen und Besucher das Interview von Prof. Arthur Schlegelmilch und Dr. Eva Ochs (li.) mit Rita Süssmuth verfolgen konnten, wurde es auf eine große Leinwand projiziert. (Foto: FernUniversität, Pressestelle)

Prägende Eigenschaften und Erfahrungen

Wie wurde aus dem „Mädchen vom Land“, das noch dazu katholisch war – nach Süssmuths eigenen Worten schon „nicht die besten Startchancen“ – Bundesministerin und Präsidentin des Deutschen Bundestages? Da waren zum einen persönliche Eigenschaften, zum anderen Erfahrungen, aus denen sie lernte und Konsequenzen zog. Deutlich wurde, dass sich durch ihr Leben Bodenständigkeit, die Zuwendung zu den Menschen und Eigensinn wie ein roter Faden zogen.

Im Krieg und in der Nachkriegszeit entwickelte sie schon in jungen Jahren den Willen zum Durchhalten und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen: „Es waren also keine verlorenen Jahre. Ich habe vieles gelernt, was teilweise in meinem späteren Leben wichtig war“, blickt sie heute auf diese Zeit zurück. Bereits ihr Vater, ein Lehrer, hatte erkannt, „dass ich nicht leicht zu zähmen war“.

Dass dies immer eine ihrer wesentlichen Charaktereigenschaften blieb, mussten Mitarbeitende wie Weggefährtinnen und Weggefährten erfahren. Auch Helmut Kohl: Rita Süssmuth gehörte zu den CDU-Politikerinnen und -Politikern, die erfolglos versuchten, Kohl wegen seines Verhaltens in der Parteispendenaffäre als CDU-Vorsitzender abzulösen.

Auch Schlüsselerlebnisse schilderte Süssmuth im Lüdenscheider Gespräch. Sie, die in der Nachkriegszeit weniger mit Bildung zu tun hatte als vielmehr mit dem nackten Überleben, studierte Geschichte, Französisch und Philosophie. In Paris erlebte sie einen „Sturz ins Leben“: Sie sah, wie schlecht Algerier behandelt wurden, unter welchen Bedingungen die Prostituierten arbeiten mussten und wunderte sich über die vielen Clochards in der Stadt von Welt.

Nach dem Studium wurde sie 1966 Dozentin in der Lehrerausbildung. Unter anderem arbeitete sie in Hagen an der Pädagogischen Hochschule (PH). 1971 wurde sie Professorin für Erziehungswissenschaft an der PH Ruhr.

Ein Senior spricht stehend in ein Mikrofon.
Wiedersehen nach 48 Jahren: Im Frage- und Diskussionsteil der Veranstaltung „outete“ sich Rolf Engelkamp als ehemaliger Student der damaligen Dozentin Rita Süssmuth an der Pädagogischen Hochschule Hagen. (Foto: FernUniversität, Pressestelle)

Politik mit langem Atem

Die Chance, etwas zu verändern, ergab sich dann, als Helmut Kohl ihr das Familienministerin anbot. „Meine Ministerzeit war kurz – aber sie war von ganz entscheidenden Umbrüchen geprägt“, erinnerte sie sich: Eines der Themen, die sie heute immer noch besonders beschäftigen, ist AIDS – „Wir müssen die Krankheit bekämpfen und nicht die Menschen!“ war schon damals ihre feste Überzeugung. Das zweite zentrale Thema wurde die Frauenpolitik. Unter anderem setzte sie sich für die Reform des Abtreibungsparagrafen und für die Frauenquote ein. Schlüsselerlebnisse hierfür waren unter anderem Bewerbungen mit Fragen nach „möglichen Kindern“ oder nach dem Verzicht auf eine eigene Familie aufgrund des Berufes. Fragen, die einem Mann nie gestellt wurden. Rita Süssmuth wählte übrigens beides, Beruf und Familie: Sie ist seit 1964 mit dem Universitätsprofessor Hans Süssmuth verheiratet und hat eine Tochter.

„Die Kritik an den Frauen hörte ich noch einmal bei den Migranten. Wir haben ja ein starkes Bewusstsein für Defizite, ein weniger starkes für Potentiale. Mein Thema sind die Potentiale! Da hatte ich viel Ärger mit der Partei – die aber würde sagen: Sie hat uns viel Ärger gemacht.“ Die CDU stand 2001 auf dem Standpunkt: Wir sind kein Einwanderungsland und wir brauchen kein Integrationsgesetz. Heute könnte es sein, dass in der nächsten Legislaturperiode doch ein Einwanderungsgesetz kommen könnte, weil Asyl ein viel schlechteres Steuerinstrument ist: „Es handelt sich um sehr langfristige Prozesse.“

Gerd Dapprich | 25.09.2017