„Leuchtturm“ im internationalen philosophischen Austausch

Der zweite Deutsch-lateinamerikanische Hegel-Kongress in Chile hatte ein hohes Niveau, auch beim akademischen Nachwuchs. Das Forschungs- und Promotionsnetzwerks FILORED wächst weiter.


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Der zweite Deutsch-lateinamerikanische Hegelkongress fand an der Päpstlichen Universität von Valparaíso statt.

Ein ehrgeiziges Ziel haben sich die derzeit zehn Universitäten des deutsch-lateinamerikanischen Forschungs- und Promotionsnetzwerks FILORED – das seine „Zentrale“ am Institut für Philosophie der FernUniversität in Hagen hat – gesteckt: Alle drei Jahre soll an wechselnden Austragungsorten ein großer, die internationale Forschung zur klassischen deutschen Philosophie ansprechender „Deutsch-lateinamerikanischer Hegelkongress“ stattfinden. Während das „Alltagsgeschäft“ von FILORED in der Betreuung von binationalen Promotionen, in der Abhaltung von Online-Colloquien über den Atlantik hinweg, in der Förderung von wissenschaftlichem Personenaustausch und der Organisation von kleineren Fachtagungen liegt, bilden die Kongresse „so etwas wie die weithin sichtbaren Leuchttürme unserer Arbeit“ – so der FILORED-Koordinator Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann (Hagen) bei der Eröffnung des zweiten Deutsch-lateinamerikanischen Hegelkongresses an der Päpstlichen Universität von Valparaíso (PUCV). Sie ist eine der großen, alteingesessenen Universitäten Chiles. „Zugleich erlauben es unsere Kongresse, auf zentrale Themen der Forschung mit nicht alltäglicher Kompetenzenakkumulation aus internationaler Perspektive einzugehen“, so Hoffmann weiter.

Philosophie als enzyklopädische Wissensform

Das diesjährige Kongressthema war aus einem aktuellen Anlass gewählt: Vor 200 Jahren hatte Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) in Heidelberg die erste Ausgabe seiner „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ erscheinen lassen. Das Buch machte mit dem Anspruch Hegels ernst, dass sich in der Philosophie im Grunde alles menschliche Wissen spiegeln lassen müsse.

Prof. Dr. Hardy Neumann Soto von der PUCV, der Gastgeber in Valparaíso, erläuterte die Relevanz des gewählten Themas: „Hegel verstand sich als ein Denker, der alle Wissensbereiche abdecken wollte und der dafür auf ein Konzept des sich in verschiedenen Wissensformen selbst entwickelnden Geistes zurückgriff: eine Selbstentwicklung, die bis in unsere Tage hinein weiterzudenken ist“. Hegels Anspruch blieb nicht unwidersprochen, kann aber als unverzichtbarer Impuls im Nachdenken über Philosophie nicht entbehrt werden. In seinem Eröffnungsvortrag zeigte Neumann dann zugleich auf, wie Hegel auch die Vergangenheit – insbesondere die Konzepte des Denkens und Erkennens bei Aristoteles und Kant – in den eigenen Ansatz zu integrieren vermochte.

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An dem Kongress - hier die Eröffnung - nahmen etwa 100 Referentinnen und Referenten teil.

FILORED „stiftet akademische Freundschaft“

Der Rektor der PUCV, Prof. Dr. Claudio Elórtegui, begrüßte im Rahmen eines Festaktes zur Eröffnung alle Teilnehmer mit den Worten, dass seine Universität den Kongress auch deshalb gerne beherberge, weil sie die Arbeit von FILORED in besonderer Weise schätze: „FILORED stiftet Begegnung und akademische Freundschaft, und es unterstützt und realisiert die Internationalisierung unserer Arbeit, der unsere Universität seit Jahrzehnten Priorität einräumt.“ Auch Udo Ewertz, Kulturreferent der deutschen Botschaft in Chile, die die Schirmherrschaft übernommen hatte, hob in seiner Rede zur Eröffnung des Kongresses den Aspekt des wissenschaftlichen und menschlichen Austauschs über die Grenzen von Kontinenten hinweg hervor: „2011 begann das Projekt FILORED, welches durch den Austausch von Professoren und Studierenden renommierter Universitäten in Deutschland und Lateinamerika auch dazu beiträgt, unsere guten Beziehungen zu festigen und zu fördern. Ich hoffe, dass noch viele weitere Konferenzen stattfinden werden, sei es in Chile, in Deutschland oder an anderen Orten, die diesen geisteswissenschaftlichen akademischen Austausch von Menschen und deren Gedanken fördern.“

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Prof. Thomas Sören Hoffmann war mit dem Kongressverlauf und den Ergebnissen höchst zufrieden.

Rege Beteiligung auch beim Nachwuchs

An dem Kongress nahmen etwa 100 Referentinnen und Referenten aus 16 Ländern, darunter auch FILORED-Doppel-Promovierende sowie interessierte Studierende und andere Gäste als Zuhörende teil. Unter den Verantwortlichen kam man zu einem sehr positiven Resümee: „Als Vertreterin des Projektpartners Ruhr-Universität Bochum habe ich an diesem Kongress teilgenommen und mich von der Lebendigkeit und Produktivität des Netzwerkes überzeugen können. Der Kongress erwies sich als ein Forum für einen überaus fruchtbaren und niveauvollen Austausch. Sowohl der wissenschaftliche Diskurs als auch die interkulturelle Erfahrung sind ein wesentlicher Ertrag des Kongresses. Dass dieser Kongress außerdem zur Festigung des Netzwerkes beitrug, das perspektivisch auf weitere Kongresse, auf Doppelpromotionen sowie auf viele unterschiedliche Formen des Austausches hin angelegt ist, war das einhellige Fazit der Teilnehmenden“, so Prof. Dr. Annette Sell aus Bochum. Sie hielt auf dem Kongress zwei gut besuchte Vorträge zum Stand der Hegel-Gesamtausgabe, an der sie selbst siebzehn Jahre lang mitgearbeitet hat.

Prof. Dr. Héctor Ferreiro aus Buenos Aires, der vor drei Jahren den Vorgänger-Kongress ausgerichtet hatte, stellte fest: „Ich habe auf diesem Kongress ein erfreulich hohes Niveau gerade auch bei dem akademischen Nachwuchs feststellen können. Und ich freue mich, dass FILORED, das in Lateinamerika inzwischen seinen festen Platz gewonnen hat, weiter wächst: In Kürze wird die erste Universität aus Mexiko beitreten, und weitere Bewerber gibt es ebenfalls!“

Nach dem Kongress ist vor dem Kongress

Daneben sind die Vorbereitungen für den dritten Deutsch-lateinamerikanischen Hegelkongress bereits angelaufen: „Mit dem dritten Kongress im Jahre 2020 werden wir auch etwas zu feiern haben, denn er fällt in Hegels 250. Geburtstagjahr. Wir haben bereits verschiedene Ideen, wie wir diesen Anlass angemessen und auch vielleicht auch für andere Wissenschaften spannend gestalten können“, berichtet Thomas Sören Hoffmann aus den ersten Beratungen. In jedem Fall wird es im kommenden Jahr wohl wieder mindestens zwei Doppelpromotionen und eine FILORED-Fachtagung geben, für die als Standort Montevideo ausgewählt wurde. Zudem werden 2018 in zwei Sammelpublikationen die Beiträge aus Valparaíso erscheinen.

Gerd Dapprich | 24.11.2017