BMBF-Projekt für politikwissenschaftliche Forschung zur Bioökonomie

Ein wissenschaftliches Team aus Hagen und Magdeburg untersucht politische Prozesse zur Gestaltung einer Bioökonomie in Deutschland im Spannungsfeld von Ökonomie und Ökologie.


Aus den Kühltürmen eines Kraftwerke quellen riesige Dampfwolken. Im Vordergrung steht ein Pkw vor einer roten Ampel und einem Stop-Schild. Foto: FernUniversität
Die Stromerzeugung aus fossilen Energieträgern belastet die Umwelt besonders.

Die Weltbevölkerung wächst, gleichzeitig werden Ressourcen knapper und das Klima wandelt sich. Die Herausforderungen können nur bewältigt werden, wenn vorhandene Ressourcen effizienter genutzt und gleichzeitig der Ausstoß klimaschädigender Emissionen von der Wirtschaftsleistung entkoppelt wird. „Hierzu kann die Bioökonomie einen entscheidenden Beitrag leisten, wenn es um die Weiterentwicklung der mineralölbasierten zu einer biobasierten Wirtschaft und Gesellschaft abzielt“, betont Prof. Dr. Annette Elisabeth Töller von der FernUniversität in Hagen. Jedoch gibt es nach ihren Worten noch großen Forschungsbedarf, etwa zur Produktion ausreichender Biomassemengen, mit denen die stofflichen und energetischen Bedarfe gedeckt werden können. Auch die Implementierung ressourceneffizienter Prozessabläufe sowie die Bewertung sozio-ökologischer Auswirkungen einer biobasierten Wirtschaftsweise müssten weiter untersucht werden. Darüber hinaus fehle es bislang an empirisch fundierten theoriegeleiteten Studien über politische Prozesse zur Initiierung, Förderung oder Regulierung bioökonomischer Techniken, Verfahren und Produkte.

Das Team des Bio-Ökopoli-Projekts,es besteht aus drei Frauen und drei Männern. Foto: Ingrid Lacher
Bei einem transdisziplinären Workshop zum Projekt Bio-Ökopoli traf sich das Forschungsteam aus Hagen und Magdeburg auf dem Campus der FernUniversität (v.li.): Katrin Beer, Prof. Michael Böcher, Prof. Annette Elisabeth Töller, Thomas Vogelpohl, Nesrin Günes, Dr. Daniela Perbandt und Alexander Bollmann.

Zusammen mit Prof. Dr. Michael Böcher will sie diese politikwissenschaftliche Forschungslücke ein Stück weit füllen: Ihr gemeinsames Projekt „Politische Prozesse der Bioökonomie zwischen Ökonomie und Ökologie – Bio-Ökopoli“ wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) drei Jahre lang gefördert. Die Leiterin des Lehrgebiets Politikwissenschaft III: Politikfeldanalyse & Umweltpolitik an der FernUniversität in Hagen ist Projektkoordinatorin, ihr Kooperationspartner hat den Lehrstuhl für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Nachhaltige Entwicklung der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg inne.

Dauerhafte Versorgungssicherheit

Der Bioökonomie-Rat definiert Bioökonomie als „die Erzeugung und Nutzung biologischer Ressourcen, um Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsfähigen Wirtschaftssystems bereitzustellen“.

Zentrale Ziele dabei sind

  • die dauerhafte Sicherung der Versorgung von Wirtschaft und Gesellschaft mit Rohstoffen,
  • die Stärkung Deutschlands und der EU als technologischer Innovationsstandort,
  • die Sicherung der globalen Lebensmittelversorgung
  • sowie der Schutz von Klima und natürlichen Ressourcen.

Gefördert, entwickelt und etabliert werden sollen Techniken, Verfahren und Produkte, mit denen insbesondere – im Bereich der industriellen Produktion und der Energiegewinnung – fossile durch nachwachsende Rohstoffe ersetzt werden.

Die Bioökonomie basiert auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und schlägt eine Brücke zwischen Technologie, Ökologie und effizienter Wirtschaft. Dabei wird die gesamte Wertschöpfungskette vom Anbau der Rohstoffe über die Verarbeitung und Veredelung bis zur ressourceneffizienten Nutzung biogener Rest- und Abfallstoffe betrachtet.

Das Foto zeigt gebrochene Baumstämme nach einem Orkan. Foto: Wido Panitz
Die Zahl von Orkanen und anderen schwerwiegenden Naturereignissen als Folge des Klimawandels nimmt bereits zu.

Positive und negative Umwelteffekte

Der Einsatz vieler bioökonomischer Verfahren und Produkte lässt bei Energieerzeugung, industrieller Produktion, Anwendung und Entsorgung Umwelteffekte erwarten. Diese können positiv wie auch negativ sein,. „Verschiedene Fachdisziplinen können durchaus mögliche ökonomische Nutzen einerseits und zu erwartende oder bereits identifizierbare Umweltauswirkungen eines Verfahrens andererseits ermitteln und bewerten“, erläutert Töller. „Ob dessen ökonomische und ökologische Folgen tatsächlich akzeptabel sind, kann aber nur in geeigneten gesellschaftlichen und politischen Prozessen entschieden werden.“

Politische Maßnahmen (Policies) zur Einsetzung, Förderung oder Regulierung der bioökonomischen Verfahren oder Produkte werden in demokratischen politischen Prozessen verhandelt und beschlossen. Diese finden im politischen Mehrebenensystem zwangsläufig auf verschiedenen territorialen Ebenen – von der kommunalen bis zur internationalen – und in deren Zusammenspiel statt. Bei den bisherigen Studien bleiben diese politischen Entscheidungsprozesse weitgehend ausgeblendet.

Forschungslücken in Sozialwissenschaften

Bisher befassen sich vor allem Natur- und Ingenieurwissenschaften mit der Bioökonomie. Politikwissenschaftliche oder andere sozialwissenschaftliche Arbeiten zu entsprechenden Politiken oder deren Entstehungsprozessen gibt es daher bislang nicht. Somit wurden politische Aspekte wie Akteursinteressen oder Macht und Konflikte kaum bearbeitet. „Diese große Forschungslücke wollen wir schließen“, unterstreicht Prof. Annette Elisabeth Töller.

Diese Defizite haben insofern große Bedeutung für die Weiterentwicklung der deutschen Bioökonomiestrategie, als es bei der Verfolgung bioökonomischer Ziele durchaus zu Konflikten kommen kann. Die Thematisierung dieser Konflikte sowie die Entwicklung von Lösungs- und Entschärfungsmöglichkeiten sind ein wichtiges Thema der sozio-ökonomischen Forschung.

Ein Feld mit Sonnenblumen Foto: Wikimedia Commons, Frank Vincentz
Sonnenblumen können als nachwachsender Rohstoff für die menschliche Ernährung, als Tierfutter und in Schmierölen, Treibstoffen und Weichmachern verwendet werden.

Das Projekt zielt daher auf Fragen der politischen Gestaltung, zu denen die Politikfeldanalyse wichtige konzeptionelle und theoretische Instrumente anbieten kann. Im Fokus stehen zwar politische Entscheidungen in Deutschland. „Dazu muss man aber Entscheidungen auf verschiedenen territorialen Ebenen, insbesondere auch in der EU, betrachten“, so Töller. Zudem beschränkt sich das Projekt auf Verfahren und Produkte, die einen Effekt auf die Umwelt haben könnten, „weil wir mögliche Zielkonflikte zwischen Umweltschutz und anderen Zielen für besonders relevant halten und diese politikwissenschaftlich wenig erforscht wurden“, so Töller.

Bioökonomie „als gesellschaftlicher Wandel“ (BMBF 2014) ist auf gesellschaftliche Unterstützung und politische Gestaltung angewiesen. Mit seiner Fokussierung auf die politischen Prozesse bei der Implementierung einer Bioökonomie in Deutschland kann das Projekt einen wichtigen Beitrag zu den Zielen der Förderrichtlinie leisten, indem politische Rahmenbedingungen untersucht und damit Voraussetzungen geschaffen werden können, um „Herausforderungen auf gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Ebene“ anzugehen, „Veränderungen an[zu]stoßen und Wandlungsprozesse“ zu gestalten (BMBF 2015).

Dafür wurden in Hagen drei Stellen für Wissenschaftliche Mitarbeitende geschaffen, in Magdeburg eine.

Gerd Dapprich | 16.03.2018