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40 Jahre FernUniversität: Feste Fundamente

Folge 3: FernUniversität etabliert sich in Wirtschaft und Gesellschaft

Ansicht auf eine Baustelle: Mit dem Bau des Technologie- und Gründerzentrums auf dem Campus der FernUniversität im Jahr 1997 entsteht auch das Informatikzentrum.
Die Bagger rollen: Mit dem Bau des Technologie- und Gründerzentrums auf dem Campus der FernUniversität im Jahr 1997 entsteht auch das Informatikzentrum. Foto: FernUniversität, Archiv

Es waren hochschulpolitisch stürmische Zeiten, in die Prof. Dr. Dr. h.c. Günter Fandel als Rektor Mitte der 90er Jahre geriet. 1993 war er zum Rektor gewählt worden. Damals hatte der Landtag NRW gerade seine bildungspolitischen Zielvorstellungen erklärt. Studienstrukturreform, Eigenverantwortung und Effizienz der Hochschulen, Förderung der Forschung zur Erhaltung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Insbesondere die Effizienzuntersuchung stellte Fandel vor Herausforderungen.

„In dem Jahr, als ich gewählt wurde, wollte die damalige Wissenschaftsministerin Anke Brunn eine Beratungsgesellschaft zur Effizienzuntersuchung an die FernUniversität schicken. Das hintergründige Ziel war wohl, an der FernUniversität 80 bis 90 Stellen zu streichen. Wir hatten diese Beratungsgesellschaft quasi schon in der Tür stehen. Ich habe mich dafür eingesetzt, mit meinem Lehrstuhl eine eigene Effizienzuntersuchung zur FernUniversität durchzuführen.“ Im Ergebnis blieb die Unternehmensberatung draußen und Fandel veröffentlichte zwei Gutachten, die auf positive Resonanz in der Staatskanzlei stießen – aber: „Das Verhältnis der Ministerin zu mir war daraufhin angespannt.“

Für die weiter wachsende Universität in Hagen wäre der Stellenabbau „kontraproduktiv“ gewesen. Die Nachfrage seitens der Studierenden war groß, so dass sich der dritte Rektor mit einer weiteren wichtigen Aufgabe konfrontiert sah: „Ich wollte damals weitere Studiengänge entwickeln und vorhandene Fächer ausbauen.“ Neben grundständigen Studiengängen standen die wissenschaftlichen Weiterbildungsangebote im Fokus, denn auch damals kamen viele Studierende mit einem ersten Uniabschluss an die FernUniversität. Um die Studierenden zu unterstützen sollten die Betreuung intensiviert und die Präsenzphasen ausgebaut werden.

FernUni etabliert sich in Wirtschaft und Gesellschaft

Die FernUniversität war ohnehin längst über ihren Gründungsauftrag hinaus gewachsen und von einer Entlastungs- zur Ergänzungshochschule geworden. Allerdings hielt die räumliche Entwicklung nicht Schritt mit dem Wachstum der Hagener Hochschule – nach 20 Jahren noch verteilte sich die FernUniversität auf über 20 Standorte im Stadtgebiet. Erst Anfang der 1990er Jahre kam Schwung in die Bauvorhaben. Das Logistikzentrum im Lennetal wurde eingeweiht, kurz darauf folgten auf dem Campus das Philipp-Reis-Gebäude als Neubau für den Fachbereich Elektrotechnik, das Technologie- und Gründerzentrum (TGZ) mit dem integrierten Informatikzentrum. Im Jahr 2001 wurde die Universitätsbibliothek um einen transparenten Neubau aus Glas erweitert, die Mensa war in Planung.

„Diese Entwicklung begrüße ich insgesamt sehr. Es war die richtige Entscheidung, die Standorte der FernUni in der Stadt nach und nach aufzugeben und auf dem Campus zu konzentrieren“, resümiert Fandel. Vor allem für die Studierenden bedeutet es nach wie vor, bei Bedarf kurze Wege vor Ort zu haben.

An der räumlichen Konzentration auf dem Gelände neben der Feithstraße zeigte sich: Die FernUniversität hatte ihren Platz auch in Wirtschaft und Gesellschaft eingenommen. Ein weiteres Indiz: Gemeinsam mit dem 1978 gegründeten Förderverein Gesellschaft der Freunde der FernUniversität e.V. (GdF) initiierte Die Hochschule den Bau des Arcadeons als „Haus der Wissenschaft und Weiterbildung“ – eine besondere Form des Public-Private-Partnership. Die Unterstützung durch die heimische Wirtschaft war groß: Unternehmen vergaben die ersten Stiftungsprofessuren an der FernUniversität und kooperierten mit der Hochschule für Weiterbildungsangebote an die Beschäftigten. Innerhalb der GdF etablierte sich im Lauf der Jahre der Absolventenkreis, in dem sich seitdem Alumni der FernUniversität als wichtige Botschafterinnen und Botschafter für das Fernstudium engagieren.

Ihre Verbundenheit mit dem lokalen Umfeld wurde unter anderem auf den Unifesten durch steigende Besucherzahlen deutlich. Nachdem die FernUniversität erstmals im Dezember 1974 durch ein Schild vor der Villa Bechem an der Feithstraße sichtbar wurde, heißt die Straße um den Campus seit 2002 Universitätsstraße und seit 2010 schmückt sich die Stadt mit dem Zusatz „Stadt der FernUniversität“ auf ihren Ortseingangsschildern.

Der Lernraum Virtuelle Universität wird zum Campus

Mehrere Personen stehen auf einer Baustelle: Die FernUniversität, die Freundesgesellschaft, Stadt und Wirtschaft bauen gemeinsam das Tagungshotel Arcadeon. 1997 legten sie den Grundstein für das
Die FernUniversität, die Freundesgesellschaft, Stadt und Wirtschaft bauen gemeinsam das Tagungshotel Arcadeon. 1997 legten sie den Grundstein für das "Haus der Wissenschaft und Weiterbildung". Foto: FernUniversität, Archiv

1994 nahm die FernUniversität ihren eigenen Web-Server in Betrieb und läutete damit eine neue Ära ein: den Lernraum Virtuelle Universität (LVU). Alle Funktionen rund ums Studium sollten über elektronische Kommunikationsnetze zur Verfügung stehen. Aus dem traditionellen Fernstudiensystem mit Papier, Stift und Postversand war ein Mix aus digitalen und analogen Medien geworden – das Konzept des Blended Learning. Mit einem Gesamtvolumen von fast vier Millionen Euro aus Haushaltsmitteln und knapp zwei Millionen Euro Zuschuss vom Wissenschaftsministerium NRW aus dem Topf der verkauften UMTS-Lizenzen konnten über 120 einzelne Projekte finanziert werden.

Für die FernUniversität festigte sich der Weg in die Zukunft. Sie schärfte ihr Profil als Universität, die eine führende Rolle in der Digitalisierung der Lehre einnahm. Besondere Schubkraft erfuhr das Projekt durch den vierten Rektor der FernUniversität, Prof. Dr.-Ing. Helmut Hoyer, der 1997 gewählt wurde und bis heute im Amt ist. „Ziel ist es, das bedarfsorientierte, individualisierte und gleichwohl betreute Lernen mit bislang nicht gekannter Flexibilität zu unterstützen“, sagte Hoyer damals den Paradigmenwechsel von der lehrzentrierten zur lernorientierten Universität voraus. Oberste Priorität hatte für alles Neue immer die didaktische Qualität und die technische Stabilität, denn die Zugriffszahlen übers Netz waren von Anfang an hoch. Schon damals wurden potenzielle Medien auf ihren Einsatz für das Fernstudium geprüft.

Im Fachbereich Informatik war ab dem Wintersemester 1999/2000 der erste komplette Studiengang der Virtuellen Universität möglich: der B.A. Informatik. Im 25. Jubiläumsjahr der FernUniversität, im Jahr 2000, hatten 14.000 Studierende einen Account zur Virtuellen Universität. „Die FernUniversität ist die führende Online-Hochschule“, würdigte Johannes Rau die Entwicklung. Den Titel „Universität der Zukunft“ verlieh die damalige NRW-Wissenschaftsministerin Gabriele Behler bei den Jubiläumsfeierlichkeiten. „Die FernUni ist ein starkes, ein gutes und ein zukunftsorientiertes Stück Bildung ,made in NRW‘.“

Nur zwei Jahre studierten bereits 30.000 virtuell.

Universitätsentwicklung: Leitbild, Zielvereinbarungen und Hochschulkonzept 2010

Mit dem Ausbau der Multimedia- und Kommunikationstechnologien nahm die FernUniversität die hochschulpolitischen Herausforderungen an, die auch von außen an sie herangetragen wurden. Mit dem europäischen Bologna-Prozess, der Novellierung des nationalen Hochschulrahmengesetzes (1998) und dem nordrhein-westfälischen Qualitätspakt (1999) hatte auf allen Ebenen der systematische Umbau der Hochschullandschaft begonnen: Modularisierung der Studienangebote, zunehmende Internationalisierung, mehr Durchlässigkeit und Berufsbezogenheit durch die Einführung gestufter Bachelor- und Masterstudiengänge.

In NRW wurde die Hochschulreform bereits Ende der 1990er Jahre vorrangig unter den Leitbegriffen Profilierung, Modernisierung und Eigensteuerung der Hochschulen betrieben – im Laufe der Jahre neben den Qualitätspakten gesteuert über Instrumente wie Zielvereinbarungen und Globalhaushalt. Insgesamt definierte die Hochschule ein Leitbild, in dem sie ihre Position als Anbieterin grundständiger Studiengänge sowie berufsbezogener und nachfrageorientierter wissenschaftlicher Weiterbildungsangebote festigte.

Diese Planungen flossen im Jahre 2002 ebenfalls in die ersten Zielvereinbarungen – ein Novum in der nordrhein-westfälischen Hochschulpolitik – mit dem Wissenschaftsministerium NRW ein. Darüber hinaus fanden weitere, fachbereichsübergreifende Themen Eingang: etwa Internationalisierung und Frauenförderung.

Die FernUniversität baute auch Fachbereiche um und führte ein dreistufiges Modell ein: Neben den Regelstudienangeboten mit Bachelor- und Master-Studiengängen sowie den auslaufenden Diplom- und Magister-Studiengängen und den wissenschaftlichen Weiterbildungsangeboten konzipierte sie das Akademiestudium, das mit dem Gasthörerstudium an Präsenzuniversitäten zu vergleichen ist. Ab diesem Zeitpunkt waren einzelne Kurse und Modul on demand studierbar. Zudem ermöglichte das Akademiestudium den Zugang zur Universität auch ohne Abitur. Diese Durchlässigkeit im Bildungssystem wurde erst Jahre später zur politischen Forderung erhoben.

Analog zu den Entwicklungen im Wissenschaftsbetrieb stemmte die FernUniversität die Modernisierung der Verwaltung, wie es die Rot-Grüne Landesregierung in Qualitätspakten und Zielvereinbarungen beschlossen hatte. Die Leistungsorientierung hielt Einzug ins Dienstrecht. Kanzlerin Regina Zdebel, die im Jahr 2001 auf Gründungskanzler Ralf Bartz gefolgt war, hatte bereits vor dem Regierungsbeschluss mit der Umsetzung von Managementleitlinien begonnen und die FernUniversität weiterentwickelt.

Diese Prozesse begleitet Günter Fandel auch heute noch aktiv: „Ich bin der FernUniversität tief verbunden und ich möchte als Hochschulmitglied die Rahmenbedingungen weiterhin mitgestalten. Ich finde es erstrebenswert, dass der Erfolg der Institution zum eigenen Erfolg wird.“

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