Kolloquium
- Thema:
- Professionalisierung, funktionale Differenzierung und self-fashioning: Die sailing masters der Royal Navy als Fallstudie der historischen Expertiseforschung
- Referent/-in:
- Lena Moser, Tübingen
- Adresse:
- FernUniversität, Universitätsstraße 33, Gebäude 2, Raum 6
Sofern Sie an einer TN per Zoom interessiert sind, wenden Sie sich bitte an karin.gockel@fernuni-hagen.de - Termin:
- 05.05.2026 18:00 Uhr
Während des Großteils der Frühen Neuzeit war die zunächst nur embryoartig existierende Royal Navy für ihre militärischen Unternehmungen auf die Anmietung von Handelsschiffen samt Personal angewiesen. So entwickelte sich im Kriegsdienst auf See eine parallele Kommandostruktur zweier getrennter Berufszweige: der militärische Befehlshaber eines Schiffs war der captain, während der master mit der eigentlichen Schiffsführung, der Navigation und dem Kommando über die Seeleute betraut war.
Um die Jahrhundertwende vom 17. zum 18. Jahrhundert geriet dieses System ins Wanken. Die Royal Navy etablierte sich zunehmend als eigene, von der Armee gesonderte Institution und erwartete von ihren Offizieren seemännische und navigatorische Befähigung. Der militärische und der seemännische Berufszweig wurden ineinander integriert. Diese Entwicklung, die im Verlauf des 18. Jahrhunderts immer weiter und schneller fortschritt, hätte zum Verschwinden des masters führen müssen; tatsächlich existierte dieser Offiziersrang bzw. diese Funktion noch weiter, bis die Royal Navy im späten 19. Jahrhundert von Segel auf Dampf umsattelte.
Die frühere Forschung hat, sofern sie die masters überhaupt in den Blick genommen hat, deren Weiterbestehen mit dem oberflächlichen Verweis auf Traditionalismus oder bürokratischen Verzug erklärt. Die Quellen jedoch erzählen eine andere Geschichte: von den historischen Akteuren selbst – seien es captains oder Verwaltungsangestellte der Royal Navy – wurden masters nicht nur weiterhin geduldet, sondern für jedes Schiff als essenziell angesehen.
Dies lässt sich darauf zurückführen, dass, wie dieser Vortrag diskutiert, die Offiziersklasse der masters zwar den alten, zunehmend irreführenden, Titel behielt, in der Praxis aber einen dramatischen funktionalen Wandel durchmachte, ohne den auch die Professionalisierung der Royal Navy insgesamt nicht denkbar gewesen wäre. Die Rolle des masters entwickelte sich zu der eines hochspezialisierten Navigations- und Vermessungsoffiziers, dessen Anwesenheit jedes Schiff zu einer mobilen hydrographischen Station machte und mit dafür sorgte, dass die Royal Navy zu einem Ort der Wissensproduktion wurde, dessen Netzwerke die ganze Welt umspannten. So erfüllten die masters kollektiv jahrzehntelang die Funktion des Hydrographic Office avant la lettre.
Dieser funktionale Wandel erfolgte durch Druck von oben und von unten: die masters selbst entwickelten Strategien zur Beibehaltung ihrer Relevanz und ihrer navigatorischen Deutungshoheit, und die Admiralität witterte die Möglichkeit, eine freiwerdende personelle Ressource einem neuen Nutzen, der wissenschaftlichen Seevermessung, zuzuführen, die versprach, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine zentrale Rolle im modus operandi der Royal Navy einzunehmen.
In dieser dynamischen Situation waren die masters dazu gezwungen, Strategien ihrer Selbstinszenierung in Bezug auf ihre Expertise zu entwickeln, die sich an dem neuen wissenschaftlichen Ideal ihrer Rolle orientierten und nicht mehr (nur) auf den Archetyp des erfahrenen Seebären rekurrierten, was manchen historischen Akteuren besser gelang als anderen. Dies macht ihren Fall zu einer hervorragend geeigneten Petrischale, um Strategien der Expertiseperformance im 18. Jahrhundert zu beobachten.