Promotionsprojekt

Kaiser, Alexandra: Erbe und Tradition in der Politisierung und Popularisierung der Geschichtswissenschaft der DDR – Thomas Müntzer und die Konstruktion einer Traditionslinie

Projektleitung:
Prof. Dr. Felicitas Schmieder
Mitarbeitende:
Alexandra Kaiser
Status:
laufend

Erbe und Tradition in der Politisierung und Popularisierung der Geschichtswissenschaft der DDR – Thomas Müntzer und die Konstruktion einer Traditionslinie

Im Mittelpunkt meines Promotionsvorhabens steht die Frage, wie die Geschichtswissenschaft der DDR zur politischen Legitimation des sozialistischen Staates beitrug und welche Rolle dabei die historische Figur Thomas Müntzers spielte. Die DDR griff gezielt auf ausgewählte historische Traditionen zurück, um eine eigene sozialistische Identität zu entwickeln und zu legitimieren. Thomas Müntzer wurde dabei als revolutionärer Vorkämpfer sozialer Gerechtigkeit und als Vorläufer sozialistischer Bewegungen interpretiert und zu einer zentralen Erinnerungsfigur der DDR erhoben. Das Gedenken an Thomas Müntzer war ein Spezifikum der DDR und macht es deshalb als Untersuchungsgegenstand so interessant.

Die Arbeit soll untersuchen, wie dieses Müntzerbild entstand, welche wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Akteure daran beteiligt waren und wie es über Forschung, Bildung, Gedenkstätten, Jubiläen und öffentliche Erinnerung vermittelt wurde. Im Zentrum steht die Wechselwirkung zwischen Geschichtswissenschaft, Geschichtspolitik und Erinnerungskultur im staats-sozialistischen System der DDR.

Die Beschäftigung mit Thomas Müntzer und seiner Rezeption in der DDR ist heute aus mehreren Gründen von besonderer Aktualität. Zum einen zeigte das Gedenkjahr 2025 anlässlich des 500. Jahrestages des Bauernkrieges und des Todes Thomas Müntzers, dass die Auseinandersetzung mit seiner historischen Bedeutung und seiner politischen Instrumentalisierung weiterhin gesellschaftlich relevant ist. Zum anderen ist der Umgang der DDR mit Geschichte ein aufschlussreiches Beispiel dafür, wie historische Deutungen zur Legitimation politischer Herrschaft eingesetzt werden können.

Mich interessiert insbesondere das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisanspruch und politischer Einflussnahme. Die Untersuchung ermöglicht es, die Handlungsspielräume von Historikerinnen und Historikern in einem abgeschlossenen System ebenso zu analysieren wie die Mechanismen, mit denen Geschichte für politische Zwecke genutzt wurde. Darüber hinaus leistet die Arbeit einen Beitrag zum Verständnis heutiger Erinnerungskulturen und der Frage, welche Deutungen und Traditionen der DDR bis in die Gegenwart fortwirken.

Die Untersuchung basiert auf einer breiten Quellenbasis aus DDR-Publikationen, Partei- und Verwaltungsakten, Archivbeständen sowie ausgewählten westdeutschen Fachpublikationen. Methodisch verbindet sie wissenschafts- und politikgeschichtliche Ansätze mit Konzepten der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung. Ziel ist es, die Entstehung, politische Instrumentalisierung und gesellschaftliche Vermittlung des Müntzerbildes in der DDR zu analysieren und dessen Nachwirkungen nach 1990 zu untersuchen.

Alexandra Kaiser