Promotionsprojekt
Miemczyk, Helmut: Karolingische Herrschaft am nördlichen Bodensee. Strukturen, Akteure und Transformationsprozesse
- Projektleitung:
- PD Dr. Eva-Maria Butz
- Mitarbeitende:
- Helmut Miemczyk
- Status:
- laufend
Das vorliegende Dissertationsprojekt untersucht die karolingische Herrschaftsausübung im nördlichen Bodenseeraum. Im Mittelpunkt steht das sich in der Karolingerzeit wandelnde Machtgefüge, das traditionell unter dem Begriff der Grafschaftsverfassung zusammengefasst wird. Dabei zeigt sich, dass Orte wie das frühmittelalterliche Buchhorn, das heutige Friedrichshafen, für die von den Karolingern eingesetzten Grafen eine neue administrative Bedeutung erhielten. Besonders hervor trat dabei ein in der Forschung als Udalrichinger, Gerolde oder Ulriche bezeichneter Verbund von Magnaten. Ihre herausgehobene Stellung beruhte vor allem auf ihrer Königsnähe zu Karl dem Großen, dessen Gemahlin Hildegart aus diesem Familienverband stammte.
Trotz der guten Quellenlage bestehen weiterhin erhebliche Forschungsdefizite. Viele Untersuchungen beruhen auf älteren verfassungsgeschichtlichen Ansätzen des 19. und 20. Jahrhunderts und berücksichtigen die spezifischen Herrschaftsdynamiken des nördlichen Bodenseeraums nur unzureichend. Daraus ergibt sich die zentrale Forschungsfrage: Wie konstituierte und manifestierte sich Herrschaft durch die Karolinger am nördlichen Bodensee und seiner Peripherie, in welcher Weise wurde sie durch spezifische Amtsträgerverbände wie den udalrichingischen Grafen entwickelt und durch welche Transformationsprozesse erfuhr sie am Übergang zum 10. Jahrhundert Veränderungen?
Die Untersuchung stützt sich vor allem auf die umfangreichen Urkundenbestände des Stiftsarchivs St. Gallen, die rund 870 Urkunden aus den Jahren 700 bis 1000 umfassen. Ergänzt werden diese durch Verbrüderungsbücher der Klöster Reichenau, St. Gallen und Pfäfers. Besondere Bedeutung kommt zudem einem jüngst identifizierten Nekrolog aus Hofen zu, das Hinweise auf herrschaftliche Kontinuität des Raumes Buchhorn geben könnte. Zur Einordnung der regionalen Befunde in den übergeordneten politischen Kontext werden diese durch Zeugnisse der karolingischen Reichsgeschichte ergänzt.
Der Forschungsstand wurde maßgeblich durch Arbeiten von Karl Schmid und Michael Borgolte geprägt. Schmid betonte früh die Notwendigkeit interdisziplinärer Ansätze, die genealogische, besitzgeschichtliche und archäologische Methoden verbinden. Borgolte entwickelte darauf aufbauend prosopographische Untersuchungen zu Grafen und Grafschaften in Alemannien, wurde jedoch wegen terminologischer und methodischer Begrenzungen kritisiert. Neuere Forschungen von Eva-Maria Butz, Alfons Zettler und Peter Erhart erweitern die Perspektive um Fragen politisch instrumentalisierter Memoria, genealogischer Netzwerke und regionaler Herrschaftsstrukturen.
Zur Beantwortung der Forschungsfrage werden Urkunden, Verbrüderungsbücher, klösterliche Schriften und hagiographische Texte paläographisch aufbereitet und quellenkritisch analysiert. Ergänzend fließen topographische und archäologische Ansätze ein, um aus Siedlungs- und Sozialstrukturen Erkenntnisse über die administrative Herrschaftsausbildung der karolingischen Zeit im nördlichen Bodenseeraum zu gewinnen.