Adynatoi, poverello, parish boys. Armutsvorstellungen, Armut und Armenfürsorge in der Vormoderne

Thema:
Adynatoi, poverello, parish boys. Armutsvorstellungen, Armut und Armenfürsorge in der Vormoderne
Veranstaltungstyp:
Onlineseminar
Semester:
Wintersemester 2026/27
Zielgruppe:
BA KuWi: Modul 25202/G2; Modul 25203/G3; Modul 25205/G5; Modul 25307/W GEN; MA GeEu: Modul 26201/I; Modul 26202/II; Modul 26203/III; Modul 26205/V; Modul 26206/VI;
Ort:
Online
Adresse:
Zoom
Termin:
13.01.2027 bis
10.03.2027
Zeitraum:
13.01.2027 / 27.01. / 10.2. / 17.2. / 24.2. / 10.3. jeweils von 18 - 21 Uhr

(von den sechs regulären Terminen müssen Sie bei mindestens vier anwesend sein, damit Ihnen eine Seminarveranstaltung im Sinne der Studienordnung bescheinigt werden kann)
Leitung:
Prof. Dr. Felicitas Schmieder
Dr. Daniel Syrbe
Dr. Petra Waffner
Anmeldefrist:
08.10.2026 - 13.12.2026
Anmeldung:
Online-Anmeldung - nach Freischaltung unten möglich.
Auskunft erteilt:
Christiane Eilers, Sekretariat Schmieder
E-Mail: sekretariat.schmieder
Telefon: 4752
Hinweis:
Veranstaltung wird als Seminar im Sinne der Studienordnung anerkannt. Es wird eine Teilnahmebescheinigung ausgestellt.

Wer ist arm? Und wann ist man arm? Der Philosoph Seneca hatte darauf eine auf den ersten Blick recht geradlinige Antwort: “Nicht, wer zu wenig hat, sondern wer zu viel begehrt, ist arm” (ep. II 6). Diese aus dem Stoizismus, der Mode-Philosophie der imperialen upper class der römischen Kaiserzeit, schöpfende Sicht dürfte einem großen Teil der Einwohner des Römischen Reiches durchaus zynisch angemutet haben, denn in Armut – oder besser gesagt: unter prekären Lebensbedingungen – lebte in der römischen Antike wie auch in früheren und späteren Epochen der Vormoderne die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung. Armut in diesem existenziellen Sinne dürfte in der Vormoderne ein allgegenwärtiges Phänomen gewesen sein. Sich diesem anzunähern, ist für uns als sozial- und wirtschafts- und kulturgeschichtlich interessierte Historiker:innen immer wieder eine methodische Herausforderung. Weil die uns zur Verfügung stehenden Quellen meist die Lebenswelten der gesellschaftlichen Oberschichten spiegeln, sprechen die Armen der Vormoderne in der Regel nicht direkt zu uns. Greifen lassen sich in den Quellen aber Diskurse über Armut. Oft idealisieren diese Beiträge Armut, wie das Beispiel Senecas oder die wiederkehrenden Rufe nach (Rückkehr zu) apostolischer Armut in christlichen Zeiten vorführen. Mitunter greifen diese Diskurse aber Armut auch als ein konkretes, die Gesellschaft destabilisierendes Problem auf, für dessen von der Gesellschaft zu leistende Lösung unterschiedliche Ursachenanalysen präsentiert werden. Zu all dem kommt erschwerend hinzu, dass auch in modernen wissenschaftlichen Diskursen die Definitionen dessen, was “Armut” ist, stark variieren, nicht zuletzt von ideologischen Vorstellungen geleitet.

In der griechischen Antike lagen Umgang mit Fürsorge für Arme in den Händen der einzelnen Poleis und unterschieden sich damit lokal signifikant. Das Abrutschen in Armut bedeutet nicht nur den Verlust der sozialen Stellung, sondern (möglicherweise) auch der politischen Teilhabe. Verarmung von Bürgern konnte die Polis insgesamt gefährden. In der römischen Antike kämpfte insbesondere die späte Republik mit vergleichbaren Problemen: Vor allem die Verarmung der kleinen Bauern führte zum Anwachsen eines existenziell an den Rand gedrängten, gewaltbereiten städtischen Prekariats. Nicht ohne Grund wurde die Vorsorge gegen Armut zu einer der zentralen gesellschaftlichen Aufgaben der römischen Kaiser. Aber auch die gesellschaftlichen Eliten engagierten sich in der Kaiserzeit mittels Einrichtung von Stiftungen in der Armenfürsorge, wobei die Gewichtung der treibenden Motive -- gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein oder individuelle Prestigeakkumulation -- in der historischen Forschung durchaus umstritten sind.

In Spätantike und Frühmittelalter wurde die Armut – die Diskurse darüber wie die reale Armen-Fürsorge – Sache der Kirche. Dem Kloster Cluny sagte man nach, die vielen Verpflichtungen, Arme zu speisen, hätten das Kloster(gut) geradezu aufgefressen. Mit Entwicklung der Städte verdichtete sich die Bevölkerung und die entstehenden Bettelorden vor allem der Franziskaner, aber auch der Dominikaner (13. Jh.) Übernahmen predigend die Versorgung vor allem der geistlichen Armut, indem sie sich in freiwilliger apostolischer Armut den Armen zuwandten, aber in ihren extremen Ausformungen auch von der Kirche in die Häresie abzuwenden schienen. Weiterhin verwalteten (städtische) kirchliche Institutionen die Spenden für die Armenfürsorge, die jedoch im Übergang zur Frühen Neuzeit mehr und mehr städtische und dann weitere laikale Obrigkeiten an sich zogen.

In der Frühen Neuzeit lässt sich eine zunehmende Differenzierung im Umgang mit Armut beobachten. Ein starkes Bevölkerungswachstum, zunehmende Verstädterung sowie Veränderungen der Arbeits- und Sozialordnung, die mit wirtschaftlichen Krisen einhergingen, stellten Städte und Territorien vor neue Herausforderungen. Betteln, Vagabundentum und Arbeitslosigkeit fielen nun unter die Zuständigkeit obrigkeitlicher Regulierung. Die Armenfürsorge erfuhr eine Normierung, die sich in neuen Gesetzgebungen wie den Armenordnungen und der Etablierung kommunaler Versorgungssysteme unter Hinzunahme von Arbeitshäusern äußerte. Die Armenfürsorge verband sich somit mit kontrollierenden Instanzen. Parallel zu alldem blieben frühere religiös motivierte Formen der Armenhilfe durchgängig bestehen.

Im Seminar wollen wir uns dem Thema Armut aus einer epochenübergreifenden Perspektive nähern -- nicht im Sinne einer stringenten Geschichte der Armut in Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit, vielmehr wollen wir uns an ausgewählten Beispielen anschauen, wie über Armut gesprochen und wie Armut ethnisch und moralisch bewertet wurde, wir wollen uns erschließen, welche Lösungen man für grassierende Armut entwickelt, nicht zuletzt, um den gesellschaftlichen Frieden zu wahren.

Das Seminar ist nicht teilnahmebeschränkt; bei vollständiger Teilnahme an mindestens vier von sechs Sitzungen erhalten Sie eine Teilnahmebescheinigung für eine PV im Sinne der Studienordnung. Im Seminar kann eine begrenzte Anzahl von Referaten gehalten werden, die in Portfolioprüfungen in den dafür freigegebenen Modulen eingebracht werden können. Ebenso sind mündliche Prüfungen und Hausarbeiten auf der Grundlage des Seminars passend zu den jeweiligen Modulen möglich.

Literatur für einen ersten Überblick zum Thema:

  • Armut. Perspektiven in Kunst und Gesellschaft. Begleitband zur Ausstellung des Sonderforschungsbereichs 600 “Fremdheit und Armut”, Universität Trier in Kooperation mit dem Stadtmuseum Simeonstift Trier und dem Rheinischen Landesmuseum Trier, 10. April bis 31. Juli 2011, hg. von Herbert Uerlings, Nina Trauth und Lukas Clemens (Darmstadt 2011).

  • Kleinjung, Christine (Hg.), Freiwillig gewählt, gottgewollt oder schicksalhaft erlitten. Armut und Verzicht in der Vormoderne, Frankfurt a.M. 2025

Online-Anmeldung

Bitte füllen Sie das Formular vollständig und vorzugsweise mit Ihrem vorname.name@studium.fernuni-hagen.de account aus. NACH Ablauf der Anmeldefrist werden Sie per Mail über Ihre Teilnahme benachrichtigt!

Ich melde mich für: Adynatoi, poverello, parish boys. Armutsvorstellungen, Armut und Armenfürsorge in der Vormoderne (13.01.2027 bis 10.03.2027 Online) verbindlich an.

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