Die Kunst der Beleidigung

Thema:
Die Kunst der Beleidigung
Veranstaltungstyp:
Präsenzseminar
Semester:
Wintersemester 2026/27
Zielgruppe:
BA KuWi: Modul 25202/G2; Modul 25203/G3; Modul 25204/G4; MA GeEu: Modul 26201/I; Modul 26202/II; Modul 26204/IV; Modul 26205/V; Modul 26206/VI;
Ort:
Hagen
Adresse:
Campus Hagen
Gebäude 11, D 1005
Universitätstsr. 37
Termin:
22.01.2027 bis
24.01.2027
Zeitraum:
22.1.27: 16-20 Uhr
23.1.27: 9-18 Uhr
24.1.27: 9-15 Uhr
Leitung:
Dr. Daniel Syrbe
Dr. Petra Waffner
Anmeldefrist:
15.10.2026 - 15.12.2026
Anmeldung:
Online-Anmeldung - nach Freischaltung unten möglich.
Auskunft erteilt:
Dr. Daniel Syrbe
E-Mail: daniel.syrbe
Hinweis:
Veranstaltung wird als Seminar im Sinne der Studienordnung anerkannt. Es wird eine Teilnahmebescheinigung ausgestellt.

Irgendwann in den ersten Monaten des Jahres 1726 verspottete Guy Auguste de Rohan-Chabot, der standesbewusste Comte de Rohan, bei einem Theaterbesuch in der Comédie-Française einen gewissen François-Marie Arouet, besser bekannt als: Voltaire. Jener erwiderte die Beleidigung; wenige Tage später rief der desavouierte Comte, die Unverschämtheit des bürgerlichen Voltaire nicht auf sich beruhen lassend, einige Bedienstete zusammen und ließ diesen verprügeln. Wiedergutmachung dieser erlittenen Schmach wurde Voltaire verwehrt, denn keiner seiner adeligen Freunde wollte ihm beistehen und die Affäre so vielleicht eskalieren lassen. Voltaire aber mochte nicht nachgeben und forderte zum Duell. Statt sich der nicht standesgemäßen Herausforderung zu stellen, nutzte der Comte seinen Einfluss bei Hofe und erwirkte einen Haftbefehl. Einem längeren Aufenthalt in der Bastille entging Voltaire nur durch den Gang ins Exil nach England.

Die Episode um Voltaire verdeutlicht die Brisanz von Worten und Taten: Ein Wortwechsel wird als beleidigend empfunden, die daraus resultierende Verletzung der Ehre erfordert Handlungen zur Wiederherstellung des persönlichen Ansehens und der sozialen Hierarchie, Rechtsnormen sollen der Beleidigung und der Wiedergutmachung Grenzen setzen.

Die Beleidigung findet sich aber nicht nur in der persönlichen Konfrontation, auch in der politischen Kontroverse dient die gezielte verbale, öffentlich wahrnehmbare Schmähung als Mittel der Auseinandersetzung, mal brachial, mal kunstvoll, in der Regel aber mit dem Ziel, Abgrenzungen zum Gegner zu schärfen und eigene Reihen zu schließen. Der feinsinnige Cicero ging bspw. mit seinen Konkurrenten in den innenpolitischen Konflikten der zerbrechenden römischen Republik des 1. Jh. v. Chr. wenig zimperlich um, der Epiker Claudian komponierte um 400 grandiose Panegyriken auf herausragende Persönlichkeiten des weströmischen Kaiserhofes, aber auch bissige Invektiven gegen die Strippenzieher am konkurrierenden oströmischen Hof in Konstantinopel.

Handfeste Folgen eines Ehrverlustes finden sich ausreichend im Ausgang des Mittelalters in Form der sog. Ehrstrafen, die körperliche Bestrafung mit öffentlicher Bloßstellung kombinierten und die Ehrverletzung über diesen Prozess hinaus verdauerten, dies z.B. durch eine mögliche Verbannung des Delinquenten. Die Grenze zu magischen Handlungen wurde überschritten durch die Verballhornung des Namen Gottes oder der Heiligen, wie z.B. im sog. „Antoniusfluch“. In der Frühen Neuzeit ist es vor allem die Technologie des Buchdrucks, der eine neue Form von Öffentlichkeit ermöglichte und die polemischen Möglichkeiten in Streitigkeiten erweiterte. Es sind vor allem die schnell reproduzier- und verbreitbaren Flugschriften, die die Adressierung und Diffamierung des Gegners einfacher machten. Der Phantasie waren dabei kaum Grenzen gesetzt: Mittels Satire und/oder bildlicher Karikatur stritten Gegner, diffamierten und stellten einander bloß. Einer der kreativsten Nutzer war bekannterweise Martin Luther, der sowohl im gelehrten Latein aber auch in der Volkssprache seine Gegner angriff. Dieser, ebenso wie Johannes Eck oder Andreas Bodenstein (genannt Karlstadt) verdeutlichen, dass schärfste Polemik im Rahmen der Gelehrtendebatte der Zeit durchaus akzeptiert war.

In diesem Seminar wollen wir uns mit solchen Formen der polemischen Konfrontation anhand ausgewählter Text- und Bildquellen aus Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit beschäftigen. Die Beleidigung verstehen wir als übergeordneten Begriff für eine spezifische Form der Interaktion zur Stabilisierung politischer und sozialer Beziehungen zwischen verschiedenen Akteursgruppen. Wir konzentrieren uns dabei auf die beabsichtigte, gezielte Diffamierung, die sich gegen einen konkret benannten Gegner wendet und eine bewusst einbezogene Öffentlichkeit adressiert. Uns interessiert also weniger, welche politischen, sozialen oder religiösen Konflikte ausgetragen wurden, wir fragen vielmehr aus epochenübergreifender Perspektive, wie diese Konflikte geführt wurden. Anders gesagt: Uns interessiert die Kunst der Beleidigung als Element einer Kultur der Konfliktführung.

Organisatorisches:

Im Rahmen des Seminars ist es möglich, bei Themen, die zu den von Ihnen belegten Modulen passen, eine Portfolioprüfung zu absolvieren. Sollten Sie an dieser Prüfungsform interessiert sein, nehmen Sie bitte möglichst frühzeitig per E-Mail Kontakt mit der/dem zuständigen Betreuer/in auf.

Quellen und Literatur zur Vorbereitung auf das Seminar sowie eine Liste möglicher Referatsthemen stellen wir rechtzeitig vorab auf einer Moodle-Plattform zur Verfügung.

Literatur zum ersten Einlesen:

  • Pausch, Dennis: Virtuose Niedertracht. Die Kunst der Beleidigung in der Antike (München 2021).
  • Schreiner, Klaus/Schwerhoff, Gerd (Hg.): Verletzte Ehre. Ehrkonflikte in Gesellschaften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (Köln/Weimar/Wien 1995).