Kultur der Höfe und Residenzen
- Thema:
- Kultur der Höfe und Residenzen
- Veranstaltungstyp:
- Präsenzveranstaltung
- Semester:
- Wintersemester 2025/26
- Zielgruppe:
- BA KuWi: Modul 25202/G2; Modul 25203/G3; Modul 25204/G4; Modul 25205/G5; MA GeEu: Modul 26201/I; Modul 26202/II; Modul 26203/III; Modul 26204/IV; Modul 26205/V; Modul 26206/VI;
- Ort:
- Wolfenbüttel
- Adresse:
-
Herzog August Bibliothek
Lessingplatz 1
38304 Wolfenbüttel - Termin:
- 15.06.2026
bis
19.06.2026 - Zeitraum:
- Mo, 15.06.2026, 9:00 Uhr bis
Fr, 19.06.2026, 16:00 Uhr - Leitung:
-
Prof. Dr. Felicitas Schmieder
Prof. Dr. Sven Externbrink
Dr. Daniel Syrbe - Anmeldefrist:
- 05.02.2026 - 10.05.2026
- Anmeldung:
- Online-Anmeldung unten möglich. Achtung: Teilnahmebeschränkung!
- Auskunft erteilt:
-
Christiane Eilers B.A. Sekretariat Schmieder
E-Mail: sekretariat.schmieder
Telefon: +49 2331 987-4752 - Hinweis:
- Veranstaltung wird als Seminar im Sinne der Studienordnung anerkannt. Es wird eine Teilnahmebescheinigung ausgestellt.
INFO „Kulturen der Höfe und Residenzen“
Personale Herrschaft, gegründet auf der Abfolge in der Regel verwandtschaftlich verbundener Herrscher und Herrscherinnen, ist eine Alteuropa/ die Vormoderne prägende Struktur langer Dauer und dies seit der Antike. Fürstliche Herrschaft oder die Herrschaft eines/ einer primus/ prima inter pares konkretisiert sich an den Höfen, die Lebensraum der Herrscher:innen und ihrer Familien sind. Darüber charakterisiert den Hof, dass er politisches Entscheidungszentrum, Ort der Repräsentation/ Selbstdarstellung des Fürsten und Zentrum der politischen Kommunikation ist. Diese Funktionen ziehen die „Eliten“ an, seien es schriftkundige Spezialisten, die in Entscheidungsprozesse eingebunden werden, seien es die Großen oder der Adel und ihre jeweilige Klientel – und natürlich bevölkert die Höfe eine ständig wachsende Schar von Fürstendienern. Diese abstrakte Definition benennt zugleich zentrale, epochenübergreifende Fragen der Hofforschung, deren Bandbreite wir im diesjährigen Wolfenbüttel-Seminar von der Antike bis zum 19. Jahrhundert diskutieren wollen.
Den „Hof“ eines Herrschers assoziieren wir oft – ausgehend von Vorstellungen über frühneuzeitliche absolutistische Monarchen – mit barocker Prachtentfaltung und Hochkultur. Im zeitlichen Längsschnitt lassen sich aber bemerkenswerte Ambivalenzen in Struktur und Repräsentation herrscherlicher Höfe beobachten. Die von Augustus auf den Trümmern der res publica errichtete de-facto-Monarchie der römischen Kaiser kleidete sich bspw. ganz bewusst in ein republikanisches Gewand. Weil „Königsherrschaft“ in Rom seit Menschengedenken negativ besetzt war, durfte das Umfeld des ersten Kaisers – der sich selbst als princeps, als “Erster (unter theoretisch Gleichen)” gab – dezidiert nicht wie der Hof eines Monarchen wirken. Augustus residierte daher in Rom weiterhin in seinem demonstrativ bescheidenen Haus (domus) auf dem Palatin (seit Jahrhunderten ein gehobenes Wohnviertel der römischen Nobilität), dessen Türen der Stadtbevölkerung ebenso demonstrativ offenstanden. Gleichzeitig gab sich Augustus als Förderer der Kultur und Künste. In der Spätantike hingegen wurde der Kaiser seit dem 4. Jahrhundert zunehmend aus der weltlichen Öffentlichkeit in eine überirdische Sphäre entrückt. In der neuen kaiserlichen Residenz Konstantinopel fand diese Überhöhung Ausdruck in einem ausgefeilten Hofzeremoniell, das der byzantinische Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos Mitte des 10. Jahrhunderts in einer Art Handbuch beschrieb und über das der Bischof Liutprand von Cremona als Gesandter des „deutschen“ Kaisers Otto I. voll Bitterkeit ob der empfundenen Zurücksetzung seiner selbst polemisierte.
Für mittelalterliche Höfe hat man in der Forschung in der jüngeren Zeit mehrere wichtige Aspekte stark gemacht. Zum einen haben wir es die längste Zeit nicht mit ortsfesten, baulich bestimmten Höfen oder gar Residenzen zu tun, sondern mit mobilen Formen (die sich allerdings – im Süden und Westen Europas früher als im „jüngeren Europa“ – an wechselnden, aber immer häufiger wiederkehrenden Orten manifestierten). Gründe dafür sind ökonomischer und gesellschaftlicher Natur: Der Herrscher mit seinem gesamten Anhang und allen Besuchern benötigte eine Versorgung, die dauerhaft kaum an einem Ort zu gewährleisten war. Und zumindest der laikale Teil der Gesellschaft funktionierte die längste Zeit weitgehend oral, was eine face-to-face- oder Präsenzgesellschaft bedingte. Der in diesem Zusammenhang zu verzeichnende (gemessen an modernen Vorstellungen) geringe Grad von Institutionalisierung hat zum zweiten dazu geführt, überspitzt zu betonen, dass wir es nicht mit Monarchien zu tun haben. Der Herrscher herrscht nicht allein: Einerseits benötigt der König eine Königin an seiner Seite, andererseits sind seine (und ihre) Vasallen nicht nur zu Tat, sondern auch zu Rat verpflichtet und der Herrscher umgekehrt dazu, diesen Rat auch einzuholen – er ist wahrhaft als primus inter pares anzusehen, der permanent unterwegs ist, denn um sein Reich unter Kontrolle zu halten, muss er sichtbar sein.
Die Frühe Neuzeit sieht das langsame Sesshaftwerden der Höfe, i.d.R. in oder in der Nähe von größeren Städten, die durch die Ansiedlung von Höfen zu überregionalen Zentren und zu politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Hauptstädten der sich ausbildenden frühmodernen Staaten werden. Zugleich beginnt ein Wettstreit der dynastischen Herrscher und einiger weniger Herrscherinnen, die versuchen, sich in der Repräsentation ihrer Herrschaft – sei es im architekturalen Rahmen, in der Ikonographie ihrer Selbstdarstellung, in der Organisation ephemerer Festlichkeiten – zu übertreffen. Einen Höhepunkt dieser Entwicklung stellt sicherlich der Hof der französischen Könige und insbesondere Ludwigs XIV. (reg. 1661–1715) dar, aber auch in ganz Europa finden sich vergleichbare höfische Zentren: schon in Italien seit der Renaissance mit dem Hof des Papstes und denen der italienischen Fürsten in Florenz, Mantua, Modena oder Turin, oder im Alten Reich mit den Kaiserhöfen in Prag (Rudolf II.) oder Wien (Leopold I.) und Fürstenhöfen wie in Heidelberg in der Kurpfalz (bis 1619) oder der Brandenburgisch-preußische Hof seit 1701. Pracht entfalteten in England die Höfe der Tudorkönige/innen Heinrich VIII. und Elisabeth I. und der Stuarts von James I. bis zu Karl II. Stilbildend galt lange auch der Hof der spanischen Habsburger von Philipp II. bis Philipp IV. Bis in die 1970er Jahre überließ man die Geschichte der Höfe einer anekdotischen Geschichtsschreibung, die mit Vorliebe die Liebschaften bekannter Herrscher thematisierte. Erst die Publikation und Rezeption der schon in den 1930er Jahren entstandenen Studie des Soziologen Norbert Elias veränderte dies und führte zu einer mittlerweile europaweit etablierten Hofforschung.
Im Seminar wollen wir uns den Kulturen der Höfe und Residenzen aus epochenübergreifender Perspektive annähern. Erschließen wollen wir uns zum einen die Strukturen herrscherlicher Höfe an ausgewählten Beispielen: Wie funktionierte ein „Hof“ in Antike, Mittelalter oder Früher Neuzeit? Zum anderen wollen wir der Frage nachgehen, wie die Höfe und Residenzen die Kulturen ihrer Zeit beeinflussten oder gar prägten. Uns interessieren dabei Akteure, Ausdrucksformen, Zeremoniell und Verhaltensnormen am Hof, aber auch die Tabus und Fauxpas, die im höfischen Kontext lauern konnten. Besonderes Augenmerk wollen wir auch immer wieder auf die Rezeption vorangehender in den später folgenden Epochen legen und uns fragen, wie tradierte Vorstellungen und Werte zeitgenössische Normen beeinflussten.
Orientierung bieten werden uns dabei die einzigartigen Bestände der Herzog-August-Bibliothek, gelegen im Zentrum der Residenzstadt Wolfenbüttel. Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts von Herzog Julius zu Braunschweig-Wolfenbüttel initiiert, galt die Bibliothek im 17. Jahrhundert nicht nur als die größte nördlich der Alpen, sondern es hing ihr auch der (vielleicht ein wenig hochgegriffene) Ruf an, ein achtes Weltwunder zu sein. Viel spannender ist für uns aber, dass die in der Bibliothek versammelten Bestände insbesondere an klassischen, aber auch an zeitgenössischen Texten einen Blick auf das erlauben, was man in der Frühen Neuzeit als Kanon des Wissens sah und uns damit einen Blick mitten hinein in die Kultur eines kleinen Hofes gab, dessen Herzöge sich zeitweise ganz bewusst als Gelehrte gerierten. Jenseits der Herzog-August-Bibliothek soll die Residenzstadt Wolfenbüttel selbst nicht zu kurz kommen, die wir im Rahmen des Seminars erkunden und erschließen wollen.
Organisatorisches:
Im Rahmen des Seminars ist es möglich, für die Module 26205/ V und 26206/ VI im MA-Studiengang „Geschichte Europas“ sowie die Module 25202/ G2, 25203/ G3 und 25204/ G4 des BA-Studiengangs „Kulturwissenschaften, Fachschwerpunkt Geschichte“ bei zum Modul passenden Thema eine Portfolioprüfung zu absolvieren. Sollten Sie an dieser Prüfungsform interessiert sein, nehmen Sie bitte möglichst frühzeitig per E-Mail Kontakt mit der/ dem für die betreffende Epoche zuständigen Betreuenden auf.
Einen Reader und Quellen zur Vorbereitung auf das Seminar stellen wir ebenso wie eine Liste möglicher Referatsthemen rechtzeitig auf einer Moodle-Plattform zur Verfügung.
Erwartet wird von allen teilnehmenden Studierenden die Übernahme eines Beitrags zu Seminar, bspw. in Form eines Referats oder einer Literaturdiskussion oder einer anderen zum Seminar passenden Präsentation, wie z.B. die Vorstellung eines mit der Residenz Wolfenbüttel verbundenen Ortes im Rahmen eines Stadtrundgangs. Auch hierzu gilt: nehmen Sie ggf. rechtzeitig Kontakt mit uns auf.
Wie immer müssen die Studierenden Anreise und Unterkunft selber organisieren; das Seminar ist teilnahmebegrenzt.
Erste Literaturhinweise zum Einlesen:
- Duindam, Jeroen/ Artan, Tülay/ Kunt, Metin (Hg.): Royal Courts in Dynastic States and Empires: A Global Perspective, Leiden 2011 – der Band geht in seiner thematischen Bandbreite deutlich über das hinaus, was wir im Seminar behandeln können, ist aber gerade deswegen ein sehr schöner Einstieg in das Themenfeld der Höfe und Residenzen; (open access: http://www.jstor.org/stable/10.1163/j.ctt1w8h2rh).
- Erskine, Andrew/Llewellyn-Jones, Lloyd/Wallace, Shane (Hg.): The Hellenistic Court. Monarchic Power and Elite Society from Alexander to Cleopatra, Swansea 2017.
- Kelly, Benjamin/Hug, Angela (Hg.): The Roman Emperor and His Court, c. 30 BC – c. AD 300, 2 Bde. (vol. 1: Historical Essays, vol. 2: A Sourcebook), Cambridge 2022.
- Die Welfen und ihr Braunschweiger Hof im hohen Mittelalter, hg. v. Bernd Schneidmüller, Wiesbaden 1995.
- Hirschbiegel, Jan u.a. (Hg.): Residenzstädte im Alten Reich (1300–1800). Ein Handbuch, Abt. I – III, Ostfildern 2019-2026.
- Müller, Rainer A.: Der Fürstenhof in der Frühen Neuzeit, (Enzyklopädie deutscher Geschichte 33), München 1995.
- Adamson, John (Hg.): The Princely Corts of Europe 1500–1750, London 22000.