Aktuelles

Zwischen Natur und Technik: Bioethik-Sommerschule der FernUniversität auf Kreta

[12.10.2026]

Das an der FernUnversität in Hagen ins Leben gerufene internationale Sommerschulprojekt „Bioethik im Kontext“ lud in diesem Jahr zum dreizehnten Mal zum philosophischen Nachdenken über Grundfragen der modernen Lebenswelt ein, diesmal an die Universität Rethymno auf Kreta. Dort diskutierten Studierende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über die Grenzen des Natürlichen, künstliche Intelligenz sowie die Frage, wie viel technisch vermittelte Umgestaltung der Mensch seiner eigenen Existenz zumuten darf. Ein Ausflug nach Eleftherna führte die Teilnehmer zugleich tief in die Kulturgeschichte Kretas ein.


Gruppe vor historischer Kulisse Foto: privat
Kulturelle Höhepunkte: Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Ausflug zum Kloster Arkadi

Die Themen der diesjährigen Sommerschule waren keineswegs rein akademische: „Was ist eigentlich natürlich?“ – „Wie ergänzen sich Natürliches und Künstliches, wo geraten sie in Widerspruch mit einander?“ – „Wann wird aus einer natürlichen Fähigkeit ein technisches Produkt, aus einer Therapie ein Enhancement oder aus einem Werkzeug ein eigenständiger Akteur?“: Studierende, Doktoranden und Lehrende verschiedener europäischer Hochschulen versuchten vom 13. bis zum 18. September gemeinsam, sowohl die entsprechenden Fragen präzise zu formulieren als auch qualifizierte Antworten zu erarbeiten. Außer von der gastgebenden Hochschule in Rethmyno kamen sie aus aus Hagen, aus Zagreb, aus Sofia, aus Thessaloniki sowie von der Katholischen Privat-Universität Linz und der Katholischen Stiftungshochschule München. Von Hagener Seite war Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann (Lehrgebiet Philosophie II: Ethik, Recht, Ökonomie) für das Proekt verantwortlich. Die Veranstaltung wurde im Rahmen eines Erasmus+ Blended Intensive Programme durchgeführt.

Eine alte philosophische Frage – neu gestellt

Web-gastgeberin Prof Tsinorema Foto: privat
Gastgeberin Prof. Tsinorma bei ihrem Vortrag zur Künstlichen Intelligenz

Die Unterscheidung zwischen Natur und Künstlichkeit gehört zu den ältesten Problemen der europäischen Philosophie. Auf Kreta erhielt sie dabei einen besonders passenden Schauplatz. Schon der Mythos von Daidalos erzählt von einem Menschen, der sich nicht mit den Grenzen des Gegebenen abfinden will: Er baut das Labyrinth und fertigt künstliche Flügel. Technik erscheint damit zugleich als Ausdruck menschlicher Freiheit und als Möglichkeit der Selbstgefährdung. Genau diese Ambivalenz prägt auch die moderne Bioethik. Genomeditierung, Reproduktionsmedizin, Neurotechnologien und künstliche Intelligenz machen den Menschen zunehmend zu einem Wesen, das seine biologischen Bedingungen selbst verändern kann. Die Frage lautet deshalb nicht allein, was technisch möglich ist, sondern auch, was diese Möglichkeiten mit unserem Verständnis von Mensch, Natur und Verantwortung machen.

Von künstlichen Flügeln des Daidalos zur künstlichen Intelligenz unserer Tage

Web-hoffmann Diskussion Foto: privat
Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann in der Diskussion

Die Vorträge machten deutlich, wie weit das Thema reicht. PD Dr. Marcus Knaup von der FernUniversität in Hagen eröffnete die Sommerschule mit ebenso grundsätzlichen wie anschaulichen Überlegungen zur „Machbarkeit“ des Menschen und zur Zukunft der Menschheit. Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann widmete sich dem begrifflichen, aber auch lebenspaktischen Verhältnis von Natur, Künstlichkeit und Vernunft. Weitere Beiträge beschäftigten sich mit der Natur moderner Technik, technologischen Gesellschaften, moderner Landwirtschaft sowie der Frage, ob künstliche Intelligenz überhaupt als vernünftiger Akteur verstanden werden kann.

Wissenschaft und Kultur gehören zusammen

Web-eröffnungsvortrag Knaup- 1_ Foto: privat
PD Dr. Marcus Knaup bei seinem Eröffnungsvortrag: „Bioethik im Zeitalter der Machbarkeit”

Das Programm in Rethymno verband wissenschaftliche Vorträge und studentische Präsentationen mit einem Kulturprogramm. Ein Höhepunkt war die gemeinsame Exkursion zur archäologischen Stätte von Eleftherna mit anschließendem Abendessen. Der Ausflug war dabei mehr als eine Unterbrechung des akademischen Programms. Die Begegnung mit der Geschichte Kretas führte gewissermaßen zurück zu einer Zeit, in der die heutigen technischen Möglichkeiten noch unvorstellbar waren – und zugleich zu den philosophischen Ursprüngen vieler Fragen, die heute unter dem Begriff Bioethik diskutiert werden.

Auch darin zeigt sich der integrative Anspruch der Sommerschule: Bioethik soll nicht auf einzelne medizinische Problemfälle reduziert werden. Sie fragt nach den größeren Zusammenhängen, in denen Menschen ihr Leben gestalten. Autonomie, Menschenwürde, Leben, Wille und Verantwortung sind dabei keine rein medizinischen Begriffe. Sie haben eine lange philosophische, rechtliche und kulturelle Geschichte.

Internationale Perspektiven

Die Sommerschule lebt zudem vom Austausch über nationale und disziplinäre Grenzen hinweg. Neben philosophischen Perspektiven kamen medizinische, naturwissenschaftliche, gesellschaftliche und technologische Fragestellungen zur Sprache. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten die Möglichkeit, eigene Forschungsprojekte vorzustellen und in Diskussionen weiterzuentwickeln. Das Veranstaltungsformat umfasste Vorträge, Seminare und zahlreiche studentische Präsentationen. Es zeigte sich erneut, in welchem Maße für eine Disziplin wie die Bioethik ein Austausch zwischen Technik und Gesellschaft, zwischen individuellen Freiheitsrechten und kollektiven Interessen nicht nur wünschenswert, sondern unabdinglich ist. Eine Integrative Bioethik versucht deshalb, diese unterschiedlichen Perspektiven nicht gegeneinander auszuspielen, sondern miteinander ins Gespräch zu bringen.

Begeisterte Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Web-im Hörsaal Foto: privat
Blick in den Hörsaal

Das Echo war überaus positiv und für die Organisatoren ermutigend. Paulo Rašica, der an der Universität Zagreb an einer philosophischen Promotion zur antiken Philosophie arbeitet, zeigt sich ganz begeistert: „Die Sommerschule auf Kreta bot eine einzigartige Gelegenheit, eine Woche lang gemeinsam mit denselben Kollegen intensiv an einem Thema zu arbeiten. Zudem blieb in den Pausen viel Zeit für Diskussionen, in denen das Themenspektrum erweitert und vertieft werden konnte. Die Veranstaltung war zudem eine wertvolle Gelegenheit, Experten aus verschiedenen Fachgebieten zu treffen und vielfältige Perspektiven auf Fragestellungen zu gewinnen, die auch aus philosophischer Sicht von Bedeutung sind.“ Dem stimmt seine Kommilitonin Alina Barendt von der FernUniversität begeistert zu: „Durch das Setting einer Sommerschule wurde schnell eine Atmosphäre geschaffen, in der vielfältige Ideen ausgetauscht wurden. Gerade die vielfältige Studierendenschaft aus Philosophen, Biologen und Medizinern hat dazu beigetragen. Dabei habe ich die Sommerschule immer als Veranstaltung wahrgenommen, bei der man auf Augenhöhe voneinander lernt. Die englischsprachige Veranstaltung bereitet einen darauf vor, sich auch international bewegen und philosophisch ausdrücken zu können.“ Und sie ergänzt das Gesagte: „Insgesamt kann ich die Sommerschule wärmstens empfehlen. Einen erwartet eine Form der Konferenz, die ein hohes akademisches Niveau aufweist, bei der aber trotzdem alle mitgenommen und unterstützt werden. Im Vergleich zu anderen Konferenzen kann die Sommerschule sich damit rühmen, dass sie es schafft Gemeinschaft zwischen allen Teilnehmenden aufzubauen.“ Das freut natürlich auch Prof. Dr. Stavroula Tsinorema, die Gastgeberin der Universität Rethymno. „Es war eine großartige intellektuelle und soziale Erfahrung, Sie in Rethymno zu Gast zu haben, und ich hoffe, dass unsere Sommerschulen auch in den kommenden Jahren florieren werden.“

Von Kreta nach Deutschland

Web-barendt Hoffmann- 1_ Foto: privat
Studentin Alina Barendt aus Hagen bei ihrem Vortrag, moderiert von Prof. Dr. Thomas S. Hoffmann

Mit dem Ende der Sommerschule in Rethymno ist die erfolgreiche Sommerschulreihe jedoch nicht abgeschlossen. Die nächste Sommerschule soll 2027 wieder in Deutschland stattfinden. Als mögliche Austragungsorte stehen Leipzig oder Freiburg im Raum. Inhaltlich wird sich der Blick dabei von der Unterscheidung zwischen Natur und Künstlichkeit auf eine weitere Grunddimension des Lebens richten. Das Thema für 2027 lautet: „Time and Life. Temporal Dimensions of Bioethics“. Damit rückt die Zeit selbst ins Zentrum bioethischer Reflexion. Was bedeutet es, dass menschliches Leben immer zeitlich verfasst ist? Geburt, Entwicklung, Krankheit, Alter und Tod markieren nicht nur biologische Vorgänge, sondern prägen auch unsere Vorstellungen von Verantwortung und einem guten Leben. „Auch die moderne Medizin verändert den Umgang mit Zeit. Sie kann Leben verlängern, Krankheiten früher erkennen, Entwicklungen aufhalten oder reproduktive Entscheidungen zeitlich verschieben. Zugleich stellt sich die Frage, ob jede gewonnene Zeit auch als Gewinn erfahren werden muss – und wie sich unterschiedliche Vorstellungen von Lebenszeit, Zukunft und Endlichkeit ethisch bewerten lassen“, so Hoffmann.

Web-altstadtabendessen Foto: privat
Die historische Stadtkulisse lud zum gemeinsamen Abendessen und Gesprächen ein
Presse | 12.10.2026