Was prüfen wir eigentlich noch? Zwei Workshops zu KI und Prüfungskultur

Ein Bericht von Dr. Annabell Bils

Ein sprachlich makelloser Text beweist nichts mehr. Seit generative KI jede Hausarbeit glätten, strukturieren und notfalls vollständig schreiben kann, verliert die Bewertung des fertigen Produkts ihre Aussagekraft. Damit verlieren Hochschulen einen Gradmesser, auf den sie sich jahrzehntelang verlassen haben. Was folgt daraus für unsere Prüfungen? Dieser Frage bin ich in den vergangenen Wochen in zwei Workshops nachgegangen, die ich gemeinsam mit Prof. Dr. Doris Weßels (FH Kiel) und Dr. Jannica Budde (CHE / Hochschulforum Digitalisierung) konzipiert und geleitet habe: am 22. Juni 2026 als Lab beim University:Future Festival in Berlin mit Lehrenden und Bildungsexpert*innen, am 15. Juli beim Netzwerktreffen „Strategische Hochschulentwicklung in Zeiten generativer KI“ in Bielefeld mit Vizepräsident*innen und Prorektor*innen. Ausgangspunkt war unser gemeinsames Diskussionspapier „Wissenschaftliche Abschlussarbeiten im KI-Zeitalter“ des Hochschulforums Digitalisierung. Die ausführlichen Ergebnisse haben wir im Blog des HFD veröffentlicht; hier fasse ich zusammen, was mir für die FernUniversität besonders relevant erscheint.

Die Diagnose ist eindeutig, die Antwort nicht

In beiden Workshops, bei den Lehrenden wie bei den Hochschulleitungen, zeigte sich dasselbe Paradox: Ein inhaltlich starker, aber sprachlich holpriger Text kann heute schlechter bewertet werden als eine oberflächliche, KI-perfektionierte Arbeit. Die Konsequenz der Diskussion war: Wir müssen als Hochschulen weg vom fertigen Produkt, hin zum Weg der Erkenntnisgewinnung, zur Methodenwahl, zu den Entscheidungen im Prozess, zum Umgang mit KI-Ergebnissen. Relevant werden Fragen wie:

  • Wie ist die Fragestellung entstanden?
  • Warum wurde diese Methode gewählt?
  • Welche Entscheidungen fielen im Arbeitsprozess?
  • Wie wurden KI-Ergebnisse geprüft, verworfen oder weiterentwickelt?

Uneins waren sich die Teilnehmenden dagegen bei der Frage, welches Format das leisten kann. Mündliche Verteidigungen, Portfolios, Live-Demonstrationen gewannen in der Diskussion an Gewicht, allerdings gibt es aber kein Format, das für alle Fächer und Gruppengrößen funktioniert. Genau hier liegt für mich der eigentliche Gestaltungsaspekt für die FernUniversität. Mündliche Prüfungen und enge Betreuung sind an Präsenzhochschulen mit kleinen Seminargruppen leichter zu organisieren als bei uns mit unseren Kohortengrößen und der Fernlehre-Logistik. Wenn Prozessverständnis wichtiger wird als das fertige Produkt, brauchen wir Prüfungsformate, die auch bei mehreren hundert Studierenden pro Modul skalieren.

Eine trennscharfe Linie zwischen erlaubter und unerlaubter KI-Nutzung lässt sich kaum ziehen. Inzwischen gehen Rechtschreibkorrektur, Strukturierungshilfe und vollständige Texterstellung fließend ineinander über. Entscheidend ist doch eher, wie und mit welcher Absicht KI genutzt wurde (zumindest war dies die Meinung der Workshopteilnehmenden). Für die eigene Lehrpraxis lässt sich das auf eine Kernfrage zuspitzen:

Ist für jede Prüfungsaufgabe klar definiert, welche Kompetenz sie prüfen soll? Zweitens: Darf KI dabei eine Rolle spielen? Als Bewertungskriterien kommen Transparenz, Reflexionsfähigkeit und ein Bewusstsein für die Verzerrungen von KI-Modellen noch dazu. Damit verschiebt sich auch die Haltung, mit der wir an das Thema herangehen sollten. Es geht uns weniger darum, mit noch besseren Verfahren jede Täuschung aufzudecken (was ohnehin nicht funktioniert). Sinnvoller ist es aus unserer Sicht, an den Prüfungsformaten selbst zu arbeiten, sodass die Frage nach unerlaubter KI-Nutzung in vielen Fällen gar nicht mehr entscheidend ist.

Ein Gedanke, der über die Prüfung hinausgeht

Was mich aus beiden Workshops am meisten beschäftigt, betrifft nicht einmal die Prüfung selbst, sondern die Bedeutung der Hochschule als sozialer Ort. Gerade weil KI viele individuelle Arbeitsschritte übernehmen kann, werden persönliche Begegnung und gemeinsames Lernen wichtiger. Für uns als Fernuniversität, deren Studierende sich ohnehin seltener persönlich begegnen, ist das eine ganz eigene Herausforderung mit eigenem Gewicht. In den Workshops wurden KI-freie Austauschräume genannt, würde das funktionieren? Oder braucht es mehr Interaktion in den Lehrveranstaltungen selbst?

Was auf jeden Fall deutlich wurde: Ohne Zeit, Qualifizierung und verlässliche Infrastruktur bleibt jedes Zukunftsbild eine gute Idee auf dem Papier. Das gilt für die FernUniversität genauso wie für jede andere Hochschule.

Wer die Diskussion in der eigenen Fakultät oder im eigenen Team fortsetzen möchte, findet beim HFD den vollständigen Workshop-Report, ein Poster mit den vier Thesen und die Tischvorlagen aus dem Lab. Alle Materialien stehen unter CC BY-SA 4.0 und dürfen für eigene Workshops nachgenutzt werden. Über Rückmeldungen aus der FernUni-Lehre freue ich mich: Welche Prüfungsformate funktionieren bei Ihnen bereits, welche scheitern an den Rahmenbedingungen?



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