Nachhaltiges Wirtschaften - lokal und global

Ungebremstes Wachstum versus Nachhaltigkeit: Diese Widersprüchlichkeit wurde bei der Tagung „Nachhaltige Entwicklungspolitik – lokal – global“ an der FernUniversität intensiv diskutiert.


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Das Referententeam um Prof. Helmut Wagner (Mitte). Mit Jens Martens (Global Policy Forum, rechts) und Dr. Tilmann Altenburg (Deutsches Institut für Entwicklungspolitik) hatte der FernUni-Wissenschaftler zwei Experten aus der Praxis nach Hagen geholt.

Ungebremstes Wachstum versus Nachhaltigkeit: Diese Widersprüchlichkeit wurde bei der Tagung „Nachhaltige Entwicklungspolitik – lokal – global“ an der FernUniversität in Hagen intensiv beleuchtet und diskutiert. Nicht zuletzt das Handelsabkommen TTIP hat die Debatte über die Beziehungen zwischen Handel und nachhaltiger Entwicklung neu entfacht. Auf der einen Seite argumentieren viele Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Effizienzgewinnen, auf der anderen Seite verweisen Kritikerinnen und Kritiker auf Verdrängungseffekte und Einbußen für die Umwelt.

„Eine Begrenzung allein auf den Umweltfaktor wäre in der Nachhaltigkeitsdebatte zu eng“, unterstrich Gastgeber Prof. Dr. Helmut Wagner in seiner Begrüßung. Der Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insb. Makroökonomik an der FernUniversität rief zur kritischen Auseinandersetzung mit den oft kurzfristigen Maßnahmen von Wirtschaft und Politik auf. Mit Jens Martens (Global Policy Forum, Bonn und New York) und Dr. Tilmann Altenburg (Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Bonn) hatte er zwei Experten aus der Praxis zur Veranstaltung innerhalb der Reihe „Nachhaltiges Wirtschaften“ eingeladen. Das zahlte sich aus. „Wir haben anschließend positives Feedback erhalten, das insbesondere auch die fachübergreifende, praxisnahe Ausrichtung der Thematik betonte“, fasste Prof. Wagner zusammen.

Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen

Zum Auftakt stellte Jens Martens die Nachhaltigkeitsziele 2030 der Vereinten Nationen vor und erläuterte deren Auswirkungen auf die internationale Entwicklungspolitik. Ausgangslage für die Festlegung der 17 Nachhaltigkeitsziele waren etwa die veränderten geopolitischen Kräfteverhältnisse, das Wachsen der Kluft zwischen Arm und Reich und verschärfte Umweltprobleme. Zu den Zielen wurden 230 Indikatoren formuliert. Auf dieser Basis wurde für Deutschland am 11. Januar 2017 die „Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie“ vom Bundeskabinett verabschiedet.

„Was ist nachhaltige Entwicklungspolitik?“, fragte anschließend Prof. Dr. Helmut Wagner in seiner Betrachtung am besonderen Beispiel Chinas. Seine Definition: „Nachhaltige Entwicklungspolitik liegt dann vor, wenn ein eingeschlagener Weg sehr lange beibehalten werden kann, ohne dass das Gesellschaftssystem in Schieflage gerät bzw. zusammenbricht.“

China habe eine rasante ökonomische Entwicklung hinter sich, die zu einer drastischen Senkung der Armutsquote geführt hat. Das Bruttoinlandsprodukt stieg immens, der Handel mit Integration in den Weltmarkt nahm zu. Dies erfolgte aber zulasten der Umwelt und von Systemungleichgewichten. Ein daraus resultierendes Ungleichgewicht war z.B. eine hohe Privatverschuldung. Folge war die Gefahr einer Finanzkrise. Die Häuserpreise stiegen an. Ebenso nahmen Umweltverschmutzung und Einkommensungleichheit drastisch zu. Die Armutsquote sank drastisch. Diese Effekte bewogen China zu einer Systemumkehr.

Blick ins Plenum
Rund 50 Teilnehmende waren zur Tagung von Prof. Wagner gekommen. Viel Lob gab es für die praxisnahe Ausrichtung der Thematik.

China und die Grenzen des Wachstums

„China muss einen Rückgang des Wirtschaftswachstums akzeptieren, solange es keine eigenen fortlaufenden, bahnbrechenden Innovationen generiert“, so das Fazit von Prof. Wagner. Es gebe sozusagen „natürliche“ Grenzen des Wachstums, die durch die Angebotsseiten der Subsysteme determiniert seien, das heißt im ökonomischen System durch das Angebot von Arbeit, Kapital und Technik/Wissen.

„Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer?“ Damit befasste sich Dr. Tilmann Altenburg in seinem Vortrag über internationalen Handel. Der Referent diskutierte, wie in Entwicklungs- und Schwellenländern eine entwicklungspolitisch sinnvolle Balance zwischen handelspolitischer Öffnung und Regelung gestaltet werden kann. Wenn ein Land im Welthandel eine erfolgreiche Rolle spielen wolle, müsse es seine Möglichkeiten des Upgradings untersuchen. Ein Beispiel aus der Praxis: In der Bekleidungsindustrie werden über das Kerngeschäft des Zuschneidens und Nähens der Kleidung hinaus weitergehende Schritte der Wertschöpfungskette überprüft. Das Marktsegment wird geöffnet hin zu Haute Couture, die Entwicklung geht weg von Auftragsarbeit für Dritte hin zu Eigenmarken-Herstellung, es werden kürzere Lieferzeiten analysiert und umgesetzt.

Die drei Vorträge stießen auf lebhaftes Interesse und boten darüber hinaus Anreiz zu angeregten Diskussionen. „Die Tagung war mit 50 Teilnehmenden, darunter Vertreterinnen und Vertreter gesellschaftlicher Gruppen, privater Unternehmen und FernUni-Studierende, sehr erfolgreich“, so die Bilanz von Helga Gösling, bei der die organisatorischen Fäden im Dekanat der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft zusammenliefen.

Carolin Annemüller | 02.02.2017