Es geht um mehr als Punkte und Tore

Um die Regeln auf dem Fußballplatz zu umreißen, reicht die Phrase „der Ball ist rund...“. Die Führung eines Profiklubs ist ungleich komplexer. Dr. Thomas Hahn promovierte zu dem Thema.


Edler Lederschuh auf Fußball
Volle Kontrolle über das Spielgeschehen, auch auf der Führungsebene (Foto: Thinkstock, iStock, trendobjects)

Ein Volltreffer für Thomas Hahn: Mit seiner Dissertation „Corporate Governance in Profifußballunternehmen: Eine konflikttheoretische Analyse aus Sicht des Controllings” promovierte der Diplom-Kaufmann an der FernUniversität in Hagen zum Dr. rer. pol. Bereits seit 2009 ist Thomas Hahn als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbes. Unternehmensrechnung und Controlling (Prof. Dr. Jörn Littkemann) tätig.

„Bei ‚Corporate Governance‘ geht es um die Wahrung von Qualität und Rechtmäßigkeit der Unternehmensführung und um deren Kontrolle. Zahlreiche Unternehmensschieflagen und -skandale haben Defizite in deren Führungs- und Aufsichtsratspraxis offengelegt. Angestoßen wurde das Thema, weil Fußballklubs mit herkömmlichen Wirtschaftsunternehmen immer besser vergleichbar werden. Daher sehen sich Bundesliga-Klubs ebenso wie Unternehmen mit Fragestellungen zur eigenen Unternehmensführung konfrontiert“, erläutert Dr. Thomas Hahn. Seine Arbeit analysiert das konstruktive Zusammenwirken von Management und Kontrollgremien in deutschen Profifußballunternehmen. Den Forscher interessiert vor allem der Umgang mit Konflikten zwischen Gruppen, die Ansprüche an einen Verein stellen. Zu diesen sogenannten Anspruchsgruppen (oder Stakeholdern) zählen zum Beispiel Großsponsoren und Anteilseigner, aber auch Angestellte, Vereinsmitglieder oder die Öffentliche Hand. Methodisch hat Hahn die Perspektive des Controllings eingenommen, das dem Management helfen soll, fundierte Entscheidungen zu treffen.

Besonnenheit statt Bauchentscheidungen

Führungskräfte sind auf diese Form der Unterstützung angewiesen, denn es dreht sich viel um Emotionen (wie beim Thema Fußball ja nicht anders zu erwarten). „Früher war es schon mal üblich, dass wütende Vereinspatriarchen ihre Trainer in der Halbzeitpause entlassen haben“, meint Hahn. „Wichtige Entscheidungen sollten aber nicht aus dem Bauch heraus getroffen werden.“ Im Konfliktfall sei eine gründliche Abwägung entscheidend, da die Interessenlage in einem Verein sehr vielschichtig ausfallen könne.

Wie vielschichtig, wird am Beispiel des FC Augsburg deutlich, der im Dezember 2016 seinen Trainer Dirk Schuster nach nur 166 Tagen in Rekordzeit entließ – trotz sportlicher Erfolge. Hauptgrund für den kontroversen Beschluss: Schuster favorisierte eine defensive, rein zweckmäßige Spielweise, die nicht zum Image des Vereins passte. Mitglieder und Sponsoren hatten zusehends Missfallen an den unattraktiven Spielen ausgedrückt und mehr Angriffslust gefordert, bis die Geschäftsführung um Manager Stefan Reuter schließlich reagierte. Aus unternehmerischer Sicht sei diese Vorgehensweise nachvollziehbar, meint Hahn: „Das Markenprofil eines Fußballklubs kann interessensmäßig sogar über dem kurzfristigen sportlichen Erfolg stehen“.

Wie Konflikte mit der richtigen Strategie schon im Vorfeld umschifft werden können, zeigt eine Imagekampagne von Borussia Dortmund von 2008: Der Verein begann damals, mit dem Slogan „Echte Liebe!“ zu werben. Mit Blick auf die starke Kommerzialisierungstendenz des Vereins sei diese Maßnahme sehr sinnvoll gewesen. „Sie haben’s gut gemacht!“, befindet der Experte. Die bodenständige Selbstinszenierung habe dafür gesorgt, dass sich die Basis weiterhin, trotz der wirtschaftlichen Neuausrichtung, mit ihrem Verein identifizieren konnte.

Dr. Thomas Hahn
Dr. Thomas Hahn (Foto: FernUniversität, Pressestelle)

Gefährlicher Wettbewerb

Welche Governance-Herausforderungen warten in naher Zukunft auf die Profiklubs? Gefahrenpotential sieht Hahn insbesondere im jetzigen System der Ligen, weil es die Vereine dazu verleite, bei gleichbleibenden Gewinnaussichten mehr und mehr Geld zu investieren. Der Wirtschaftswissenschaftler veranschaulicht das Problem mit George Akkerloffs Metapher der Positionsrennen: „Es geht in den Ligen wie bei einem Rattenrennen zu: Die Tiere liefern sich einen Wettlauf zum Käse. Dabei rennen sie immer schneller und verbrennen zusehends mehr Kalorien. Der Haken ist dabei nur, dass der Käse am Ende gleich groß bleibt – egal, wie viel Energie vorher aufgebracht wurde.“ Infolge dieser Entwicklung könnte einzelnen Vereinen die totale Überschuldung drohen, warnt er. Ökonomisch rationales Verhalten der Entscheidungsträger erhöht die Überlebensfähigkeit.

Wann immer er neben Familie und Beruf die Zeit dafür fand, hat Thomas Hahn in den Jahren seit seiner Anstellung als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Dissertation geschrieben. „Ich bin natürlich sehr stolz auf meine Arbeit, gleichzeitig freue ich mich aber auch, dass ich es endlich geschafft habe“, verrät der frischgebackene Doktor und ehemalige Fernstudent.

Eine letzte unvermeidliche Frage beantwortet er mit einem Schmunzeln: „Ich selbst bin Fan von Eintracht Frankfurt.“

Benedikt Reuse | 02.05.2017