Eine Reise durch die Jahrhunderte des spanischen Weltreichs

Das Lehrgebiet „Geschichte Europas in der Welt“ war auf Forschungsreise in Madrid. Eva Engelhardt berichtet als Studierende von der fünftägigen Exkursion.


Mehrere Personen sitzen auf einer Treppe, die zu einem historischen Gebäude führt.
Die Gruppe tauchte vor Ort ein in die Geschichte Spaniens. (Fotos: Eva Engelhardt)

Die Forschungsreise „Madrid – Zentrum des spanischen Weltreichs“ führte in eine der faszinierendsten Städte Europas. Sie startete täglich vom „Forschungszentrum für Geistes- und Sozialwissenschaften“ des Spanischen Wissenschaftsrats aus, wo die Gruppe der 24 Studierenden der FernUniversität fünf Tage zu Gast sein durfte und von renommierten Historikerinnen und Historikern in die Geschichte Spaniens eingeführt wurde.

In der Regel wurden dort vormittags Seminarsitzungen abgehalten, nachmittags erhellten dann Stadtrundgänge den spanischen Kolonialismus in all seinen Facetten – stimmig veranschaulicht durch die Referate, die die Teilnehmenden in der Regel vor Ort hielten.

„Ist das Korruption?“

Fabian Fechner, einer der beiden Leiter der Exkursion, machte den Auftakt mit einem Vortrag über die Geschichte Madrids als Zentrum des spanischen Weltreiches. Alfredo Alvar Ezquerra, Mitglied der „Königlichen Akademie für Geschichte“, gab anhand historischer Stadtpläne einen eindrucksvollen Überblick über die Entwicklung Madrids zur Metropole.

Eberhard Crailsheim, ebenfalls Exkursionsleiter und Gastgeber vor Ort, gab einen Einblick in seine Forschungen über Sevilla, dem Knotenpunkt der Handelswege zwischen der Neuen und der Alten Welt im 16. und 17. Jahrhundert. Alfredo Moreno Cebrián forscht über Ämterkauf im Amerika des 18. Jahrhunderts und fragte im Rahmen seines Vortrags provokant zu verschiedenen sozialen Praktiken der Interaktion: „Ist das Korruption?!“ Diese Frage entwickelte sich zum Running Gag der Exkursionswoche.

Blick auf eine burgähnliche Gedenkstätte über der ein übergroßes Kreuz thront: Das Heilige Kreuz steht über der monumentalen Gedenkstätte „Tal der Gefallenen“.
Das Heilige Kreuz steht über der monumentalen Gedenkstätte „Tal der Gefallenen“.

Zeugnisse einer „großen Zeit“

Im Schifffahrtsmuseum tauchten wir tief ein in die Geschichte Spaniens als Seemacht. Ausgestellt waren originale Seekarten der Entdecker, Navigationswerkzeuge, Schiffsmodelle, Portraits der Seefahrer und weitere Zeugnisse einer sehr oft angeführten „großen Zeit“. Hier konnten auch die spanischen Forschungsreisen des 18. und 19. Jahrhunderts nachvollzogen werden. Einer von vielen Höhepunkten war die Führung in der Handschriftenabteilung der spanischen Nationalbibliothek mit einmaligen Schriftzeugnissen aus verschiedenen Jahrhunderten.

Francisco de Goya y Lucientes – kurz: Goya –, der wichtigste Maler Madrids, war mein Referatsthema. Seine Spuren in der ganzen Stadt zu verfolgen mein ganz persönliches Highlight: im Prado, in der Königlichen Akademie für Geschichte, im Stadtmuseum, im Klosterpalast El Escorial und an einem besonders verwunschenen Ort: der Ermita de San Antonio de la Florida. Diese eher unscheinbare Kapelle wurde innen von Goya komplett mit wunderschönen Fresken ausgestaltet und dort fand der Maler seine letzte Ruhestätte. Sich über Goya der Geschichte des spanischen Reiches in einer Zeit des Umbruchs vom Ancien Regime zur Moderne zu nähern, wird mich sicher weiterhin wissenschaftlich beschäftigen.

Ins „Allerheiligste“ spanischer Geschichte

Bei der Führung in der Königlichen Akademie für Geschichte hatten wir die besondere Ehre, in das „Allerheiligste“ der spanischen Geschichte eingeführt zu werden. In dieser für das öffentliche Publikum unzugänglichen Institution erforscht ein Gelehrtenzirkel von 36 Mitgliedern seit bald drei Jahrhunderten „die Wahrheit der Ereignisse, verbannt die Legenden, die durch Unwissenheit und Bosheit eingeführt worden sind, führt ein in die Kenntnis vieler Dinge, die durch das Alter verdunkelt oder aus Vernachlässigung vergraben worden sind“. So ist es im königlichen Statut vom 18. April 1738 festgelegt.

Mehrere Personen stehen vor einem Gebäude. In das Pflaster ist ein historischer Stadtplan der spanischen Hauptstadt Madrid eingelassen.
Während der Stadtrundgänge hielten Exkursionsteilnehmende Referate.

Im Museo Reina Sofia besichtigten wir Picassos künstlerische Auseinandersetzung mit dem spanischen Bürgerkrieg, das monumentale Werk „Guernica“, 1937 für die Weltausstellung in Paris geschaffen. An diesem Meisterwerk und politischem Symbol konnte exemplarisch die Wahrnehmung von 80 Jahren politischer Erinnerungskultur entwickelt werden, wie uns auch im Vortrag von Andrea Mills anschaulich erläutert wurde.

Der Ausflug zur Kloster- und Palastanlage „Real Sitio de San Lorenzo de El Escorial“ am letzten Exkursionstag führte noch einmal tief ins Machtzentrum Philipps II. von Spanien, der diese weltgrößte Klosterburg im Renaissancestil in den Jahren 1563 bis 1584 errichten ließ. Der Grundriss hat die Form eines Gitters, zu Ehren des heiligen Laurentius, der der Legende nach das Martyrium auf einem Feuerrost erlitt.

Zum Abschluss besuchten wir die franquistische Gedenkstätte für die Opfer des spanischen Bürgerkriegs, das „Tal der Gefallenen“ (Valle de los Caídos), in der sich bis auf den heutigen Tag(!) die Grabstätte des spanischen Diktators Francisc o Franco befindet.

Geschichte vor Ort erlebbar zu machen ist hier eindrucksvoll gelungen.

Eva Engelhardt | 08.08.2017