Bildungsprivilegien unter Druck

Kann man Anfang des 21. Jahrhunderts noch von Bildungsprivilegien sprechen? Wie diese unter Druck geraten, war jetzt Thema der Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Katharina Walgenbach.


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Prof. Katharina Walgenbach (2.v.l.) nach ihrer Antrittsvorlesung mit Kanzlerin Regina Zdebel (l.), Rektorin Prof. Ada Pellert und KSW-Dekan Prof. Frank Hillebrandt. (Foto: FernUniversität)

Kann man Anfang des 21. Jahrhunderts noch von Bildungsprivilegien sprechen? Wie diese unter Druck geraten, war jetzt Thema der Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Katharina Walgenbach. Die Wissenschaftlerin leitet seit zwei Jahren das Lehrgebiet Bildung und Differenz an der FernUniversität in Hagen und baut das Thema Bildungsprivilegien als Forschungsschwerpunkt aus. „Dabei geht es mir um einen Wechsel der Perspektive: Nicht Bildungsbenachteiligung steht im Mittelpunkt, sondern Bildungsprivilegien“, sagt Katharina Walgenbach.

Grundlage ihrer Forschung sind Studien von Pierre Bourdieu. Der französische Soziologe fand in den 1960er Jahren heraus, dass bildungsprivilegierte Studierende ihren eigenen Bildungserfolg auf Talent oder Begabung zurückführten, nicht aber auf privilegierte Startbedingungen.

Abitur als Massenzertifikat

Seitdem ist viel in Bewegung geraten. Die Bildungsreformen in Deutschland haben zu einer gestiegenen Bildungsbeteiligung beigetragen. In allen sozialen Milieus ist das Bildungsniveau gestiegen. Die Quote der Studienberechtigten lag im Jahr 2016 bei 52 Prozent. „Das Abitur hat sich von einem exklusiven Bildungstitel zu einem Massenzertifikat gewandelt“, sagt Katharina Walgenbach. Hinzu kommen der technische Fortschritt und der gesellschaftliche Strukturwandel. Alle diese Tendenzen tragen zu einer Öffnung der höheren Bildung bei, „wie wir sie an der FernUniversität täglich in der Lehre erleben“, sagt Walgenbach. Darüber hinaus öffnen sich die Hochschulen gegenüber neuen Zielgruppen wie zum Beispiel Beruflich Qualifizierten, denen ein Studium auch ohne Abitur erleichtert wird. Bestes Beispiel ist hier das Förderprogramm „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), das von der FernUni wissenschaftlich begleitet wird. Die Folge: „Bildungsprivilegien sind Anfang des 21. Jahrhunderts unter Druck geraten“, fasst Walgenbach zusammen.

Bildungsprivilegien als unsichtbare Ressource

Im Fokus ihrer Forschung steht ein bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beantragtes Projekt zu Bildungsprivilegien als unsichtbare Ressource. „Inwiefern stellen Bildungsprivilegien für Studierende der oberen sozialen Milieus nach wie vor eine unsichtbare Ressource dar?“ lautet die zentrale Forschungsfrage. Geplant sind problemzentrierte Interviews mit Studierenden der Musikwissenschaft, Medizin und Betriebswissenschaft.

In einem zweiten Projekt geht es um Eltern unter Druck und Humanistische Gymnasien als Refugien für Bildungsprivilegien. Hier wird die Frage erforscht, wie Gymnasien im Kontext der Etablierung neuer Schulformen unter Druck geraten und sich legitimieren.

Des Weiteren möchte Katharina Walgenbach das Forschungsfeld Hochschule und Diversität stärker fokussieren. Dazu hat sie ab Sommer 2018 eine Nachwuchsforschergruppe von der Hans-Böckler-Stiftung bewilligt bekommen.

Zwei Rufe abgelehnt

Ihre Forschungsinteressen sieht sie im Kontext der FernUni hervorragend aufgehoben. „Die Idee der Chancengerechtigkeit im Feld der universitären Bildung gehört zum Gründungsnarrativ der FernUniversität. Was liegt also näher, als meine Forschungsvorhaben zu Bildung und sozialer Ungleichheit Anfang des 21. Jahrhundert in genau dieser Bildungsinstitution zu verorten?“, betonte Katharina Walgenbach zum Abschluss ihrer Antrittsvorlesung. Dazu passt auch, dass sie zuletzt zwei Rufe der Universitäten Duisburg-Essen und Wien abgelehnt hat, um Lehre und Forschung an der FernUniversität fortführen zu können.

Carolin Annemüller | 20.10.2017