Seminar "Behavioral Finance"
Seminarleiter: Prof. Dr. Rainer Baule
Semester: WS 2026/27
Studiengänge: M. Sc. Wirtschaftspsychologie, B. Sc. Wirtschaftswissenschaft, M. Sc. Wirtschaftswissenschaft u. a.
Ort: Campus Frankfurt am Main
Teilnehmerzahl: 16
Inhalt:
Die klassische Ökonomie geht häufig vom Bild des homo oeconomicus aus: eines vollkommen rationalen, stets eigennützig handelnden und kognitiv unbegrenzt leistungsfähigen Entscheiders. Auf dieser Vorstellung bauen sowohl die Neoklassik als auch wichtige Teile des Neoinstitutionalismus, etwa die Prinzipal-Agenten-Theorie, auf.
Doch wie treffen Menschen tatsächlich Entscheidungen? Warum halten Anleger verlustreiche Aktien oft zu lange, während sie Gewinner zu früh verkaufen? Weshalb kaufen Investoren strukturierte Finanzprodukte mit scheinbar attraktiven Gewinnchancen, obwohl diese häufig eine ungünstige Rendite-Risiko-Struktur aufweisen? Wie verstehen sie überhaupt Renditen und Risiken?
Seit den Arbeiten von Daniel Kahneman und Amos Tversky und der Entwicklung der Prospect Theory hat sich gezeigt, dass menschliches Entscheidungsverhalten systematisch von den Vorhersagen klassischer Modelle abweicht. Gerade auf Finanzmärkten spielen psychologische Faktoren, Wahrnehmungsverzerrungen und Heuristiken eine zentrale Rolle.
Im Seminar werden wir zentrale Erkenntnisse der Verhaltensökonomik und Behavioral Finance kennenlernen und diskutieren. Dabei sollen nicht nur theoretische Konzepte behandelt werden: In Zweiergruppen werden klassische Experimente aufbereitet und im Teilnehmerkreis nachvollzogen. Teil jeder Seminararbeit ist entsprechend die Durchführung eines solchen Experiments.
Mögliche Themen sind beispielsweise:
- Nutzenfunktionen und abnehmender Grenznutzen
- Verlustaversion
- Möglichkeits- und Sicherheitseffekt
- Das Allais-Paradoxon
- Wahrnehmung und Beurteilung von Renditen
- Beurteilung von Wahrscheinlichkeiten und strukturierte Finanzprodukte
- „Warm glow“ und Präferenzen für Nachhaltigkeit
Geforderte Leistungen:
- Teilnahme an der Vorbesprechung,
- Durchführung einer empirischen Untersuchung,
- Anfertigung einer Seminararbeit,
- Präsentation und Verteidigung der Seminararbeit,
- Teilnahme an der Diskussion zu allen Seminarthemen,
- Schriftliche Rekapitulation des Seminars.
Literatur:
Die Grundlage für das Seminar sind Kenntnisse in der klassischen Entscheidungstheorie, dem Bernoulli-Prinzip sowie dessen Verhältnis zur Prospect Theory. Entsprechende Ausführungen findet man in etlichen Lehrbüchern. Wir empfehlen (im Sinne einer Pflichtlektüre) insbesondere Kapitel 5 und 6 aus
Laux, H.; Gillenkirch, R. M.; Schenk-Mathes, H. Y.: Entscheidungstheorie. 11. Auflage, Springer 2025.
Pflichtlektüre für alle Teilnehmer ist zudem der Beitrag zur Neuen Erwartungstheorie:
Kahneman, Daniel; Tversky, Amos: Prospect theory: An analysis of decision making under risk. Econometrica 47 (1979), 263–291.
Als Einstieg in die Thematik kann empfohlen werden:
Daxhammer, Rolf J.; Facsas, Máté; Zsolt Papp: Behavioral Finance. 3. Auflage, utb 2025.
Eine populärwissenschaftliche Einführung bietet:
Kahneman, Daniel: Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler 2012.
Weitere Literatur in Form von wissenschaftlichen Beiträgen (zumeist in englischer Sprache) zu den einzelnen Themen wird im Rahmen der Vorbesprechung bekanntgegeben.
Voraussetzungen:
Das Seminar ist besonders geeignet für Studierende im M. Sc. Wirtschaftspsychologie, ferner in den Studienrichtungen Finanzwirtschaft und Bewertung sowie Risikomanagement im M. Sc. Wirtschaftswissenschaft.
Daneben kann das Seminar aber auch in allen anderen Studiengängen der Fakultät gewählt werden.
Es werden je nach Studiengang die Inhalte folgender Module vorausgesetzt:
- M. Sc. Wirtschaftspsychologie: 32201 Einführung in die Wirtschaftspsychologie
- M. Sc. Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftsinformatik: 32271 Finanzwirtschaftliches Risikomanagement oder 32831 Kapitalmarkttheorie und Bewertung
- M. Sc. Wirtschaftswissenschaft für Ingenieure/-innen und Naturwissenschaftler/-innen: 31021 Finanzierung und Investition
- B. Sc. Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftsinformatik: 31021 Finanzierung und Investition
Des Weiteren werden Mathematik- und Statistikkenntnisse im Umfang des Moduls 31101 vorausgesetzt. Ferner sollte der Umgang mit einem Tabellenkalkulationsprogramm beherrscht werden. Eine Auffrischung statistischer Grundlagen zusammen mit einer Einführung in das empirische Arbeiten wird im Rahmen der Vorbesprechung gegeben.
Wir empfehlen vor Beginn des Seminars die Belegung des Brückenkurses 09805 zum wissenschaftlichen Arbeiten – Grundfragen, Orientierung, Werkzeuge.
Zeitplan:
| 28.09.2026 | Erste Seminarphase (Online über Zoom)
|
| 10.11.2026 | Pflichttermin zur Druchführung einer experimentellen Untersuchung (Online über Zoom, ab 18:00 Uhr) |
| 23.12.2026 | Abgabe der schriftlichen Seminararbeit |
| 25.01.–27.01.2027 | Präsenzphase in Frankfurt mit Präsentation der Seminararbeiten |
| 31.01.2027 | Abgabe der schriftlichen Rekapitulationen |