„Ich brauchte eine Struktur“ – eine Studentin berichtet aus ihrem lernOS-Zirkel

lernOS in a Nutshell
lernOS in a Nutshell, Illustration: Karl Damke, CC-BY

Seit mittlerweile zwei Jahren beschäftige ich mich mit Lernzirkeln im Kontext der Hochschule. Im Fokus stand dabei bisher häufig Working out Loud (WOL), das wohl bekannteste Format, das gleichzeitig Methode und Mindset ist.

Es gibt aber auch noch weitere Formate:

  • lernOS – ein umfassendes Betriebssystem für das Wissensmanagement, das sich an Einzelpersonen, Teams und Organisationen richtet
  • Learning Circle – eine selbstorganisierte Lerngruppe, die die gleichen Onlinekurse bearbeiten
  • ALEx – eine Kombination aus WOL, Scrum und Experimentierräume ausgerichtet auf die Zielgruppe Verwaltungsmitarbeiter*innen

lernOS wollte ich mir nun schon länger mal anschauen. Dabei handelt es sich ähnlich anderer Lernzirkelformate um eine Struktur, mit der ich als Einzelperson oder gemeinsam im Austausch mit anderen mein individuelles Lernziel innerhalb einer festvorgegebenen Zeit erreichen kann. Klassische Themen, für die es sogar eigene Toolboxen gibt, sind beispielsweise Sketchnoting, Podcastproduktion oder Achtsamkeit. Das zugehörige Lernziel wird anhand smarter Kriterien [1] formuliert. Ein lernOS-Sprint, d.h. ein Durchlauf, dauert insgesamt 13 Wochen. Zur Orientierung gibt es mehrere Lernpfade, die als Einzelperson, im Tandem oder in einer kleinen Gruppen von 4-5 Personen (ein Zirkel) verfolgt werden können. Die einzelnen Leitfäden greifen Elemente von Working out Loud, Getting Things Done (GTD), Objektive & Key Results (OKR) und Scrum auf.

Für die Teilnahme an einem Zirkel reichte bei mir im vergangenen Jahr die Zeit nicht, daher habe ich mich darauf beschränkt, Beispiele zu finden, in denen lernOS im Hochschulkontext erprobt wurde. Das Netzwerk führte mich über Clemens Stieger zu Marlene Schön, die im Rahmen ihres Masterstudiums an der Hochschule St. Pölten, an einem lernOS-Zirkel teilgenommen hat. Mit Marlene habe ich mich Ende 2021 virtuell verabredet und sie hat mir einen Einblick in ihre Motivation und ihre Erfahrungen gegeben, die ich im Folgenden zusammenfassen und weitergeben möchte.

18 ECTS für das eigene Lernziel

Zu Beginn ihres Masterstudiums der Sozialen Arbeit erhielt Marlene die Aufgabe, 18 ECTS frei im Sinne eigener Lernziele zu füllen. Begleitet wurde sie dabei von Tutor*innen, auf die sie bei Fragen zugehen konnte – einen weiteren Rahmen gab es nicht. Marlene stellte für sich selbst allerdings fest: „Ich brauche eine Struktur“. Über ihren Vater ist der Kontakt zu Clemens Stieger entstanden, Geschäftsführender Gesellschafter der Gesellschaft für Personalentwicklung GmbH in Wien und Berater für Führungsentwicklung, Lernarchitekturen sowie agiles und organisationales Lernen in Unternehmen. Er begleitet lernOS-Zirkel. Marlene konnte in einen lernOS-Zirkel mit berufstätigen Teilnehmer*innen einsteigen und hat damit insgesamt sehr positive Erfahrungen gemacht – knapp zwei Jahre später konnte ich ihre Begeisterung immer noch sehr deutlich wahrnehmen.

Zu Beginn des lernOS-Zirkels musste sie ihr persönliches Lernziel für den lernOS-Sprint definieren. Dabei ging es ihr darum, die 18 ECTS mit Inhalt zu füllen und herauszufinden, ob die betriebliche Sozialarbeit für sie ein attraktives Arbeitsumfeld werden könnte. Wie sie im Nachhinein reflektiert, hat sie sich ihre eigenen Ziele zu Beginn viel zu hoch gesteckt und die Formulierung, insbesondere im Hinblick auf Messbarkeit, fiel ihr schwer. Die regelmäßigen Zirkeltreffen und das „Nein“ der anderen Teilnehmer*innen haben ihr dabei geholfen, das Ziel und die damit einhergehenden Arbeitspakete sukzessive einzugrenzen. Gleichzeitig ist aus diesem ersten Sprint eine längere Lernreise entstanden, die u.a. im Thema ihrer Masterthesis mündete und sie zu ihrem jetzigen Arbeitgeber führte.

Der Zirkel hat sich in den folgenden drei Monaten regelmäßig einmal pro Woche getroffen, um die Lernfortschritte gemeinsam zu besprechen. Das Konzept war von Beginn an auf Blended-Learning ausgelegt, so dass ein persönliches Kennenlernen unter den Zirkelmitgliedern zu Beginn möglich war. Für die meisten folgenden Treffen wurde MS Teams genutzt. Darüber hinaus hat die Gruppe Trello als Tool genutzt, um die einzelnen Arbeits- bzw. Lernpakete zu visualisieren. Somit war für alle im Zirkel jederzeit transparent, wer sich gerade womit beschäftigt und welche Fortschritte die einzelnen erreicht haben.

Screenshot von Marlenes Lernreise-Board
Marlenes Lernreise-Board, Screenshot: FernUniversität

„Raus aus der eigenen Bubble“

Marlene folgte einem persönlichem Bedürfnis, als sie sich dem lernOS-Zirkel anschloss. Ein entsprechendes Angebot der Hochschule gab es zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich habe sie daher gefragt, wie sie das gemeinsame Lernen mit Menschen empfunden hat, die nicht parallel studieren, sondern berufstätig sind. Sie antwortete mir darauf, dass sie diese Zusammenstellung sehr wertvoll fand. Es hat ihr die Möglichkeit geboten, den Blick über den Hochschulkontext hinaus zu weiten und sich entsprechend zu vernetzen. Bestehende Beziehungen aller Zirkelmitglieder wurden genutzt und neue Kontakte geknüpft. Gleichermaßen hat Marlene es als wertschätzend empfunden, dass sie als Feedbackgeberin explizit angesprochen wurde. Auf den Hochschulkontext bezogen fasst Marlene resümierend zusammen, dass auch eine Zirkelzusammenstellung nur unter Studierenden sicherlich sehr sinnvoll sein kann. Sie würde allerdings immer empfehlen, die Gruppe fachübergreifend zusammenzustellen – wenn möglich gerne auch international – um ein „raus aus der eigenen Bubble“ zu ermöglichen.

Im Optimalfall schlägt Marlene eine feste Verankerung im Studium vor. Dabei darf es dann aber durchaus einige Abweichungen zu den bestehenden Lernpfaden geben. Einige der Aufgaben, in den Leitfäden als Kata bezeichnet, findet sie absolut passend und gewinnbringend. Von anderen sagt sie, dass sie genervt haben. Plane man, lernOS im Studium zu verankern, würde sie daher an die Leitfänden vermutlich einmal ran gehen und diese anpassen. Auch die zeitliche Dauer würde sie noch mal im Hinblick auf die Semestertaktung hin überprüfen.

Computerschläue und Offenheit

Neben ihrem Lernziel hat Marlene auch noch einiges Anderes erreicht und gelernt. Sie ist „computerschlauer“ geworden. Der Einsatz von Videokonferenzen und Kanban-Boards war für sie bis zu diesem Zeitpunkt neu, hat sie im Nachhinein aber optimal auf das danach folgende, erste Corona-Semester vorbereitet. Darüber hinaus ist sie durch die Aktivitäten und den Austausch im Zirkel offener für die Zusammenarbeit mit anderen geworden. Marlene kommt für sich selbst zum Schluss, dass sie gelernt hat, mehr aus sich herauszugehen. Es fällt ihr mittlerweile leichter, auf andere zuzugehen und über Themen zu sprechen, die sie beschäftigen.

Auf den Prozess vertrauen

Abschließend habe ich Marlene gefragt, welche Tipps sie anderen Studierenden mitgeben würde, wenn diese neugierig darauf sind, selbst mit lernOS zu starten. Sie rät dazu, sich auf den Prozess einzulassen. Aus ihrer Sicht ist es völlig okay, zu Beginn Ideen für mehrere Ziele im Kopf zu haben und darauf zu vertrauen, dass das Feedback der anderen und die Iterationen dabei helfen werden, das passende Lernziel festzulegen. Ferner empfiehlt sie, sofern irgendwie möglich, zu Beginn, in der Mitte und am Ende des Sprints Treffen in Präsenz einzuplanen. Last but not least betonte sie den Wert der gegenseitigen Transparenz über die individuellen Ziele noch einmal und hob hervor, dass der Austausch nicht auf die wöchentlichen Treffen begrenzt werden sollte, sondern auch Möglichkeiten für das Feedback zwischendurch gewinnbringend sind.

Lust bekommen, sich mit lernOS etwas tiefer zu beschäftigen? Dann empfehlen wir den Blick in unsere folgenden Linktipps.

Weiterführende Linktipps

Quickstart-Guide für lernOS: https://cogneon.github.io/lernos/de/lernOS-Quick-Start-Guide-de-v03.pdf

Einführung in lernOS von Simon Dückert, aufgenommen bei einem Treffen der Gesellschaft für Wissensmanagement e.V. Regionalgruppe Frankfurt-Rhein-Main im Juni 202o: https://www.youtube.com/watch?v=F5-f61GvXE4

Working Out Loud in Studium und Lehre: https://www.fernuni-hagen.de/zli/blog/working-out-loud-in-studium-und-lehre/

WOL im Einsatz in einem Erstsemsterkurs – erste Erfahrungen und Erkenntnisse: https://www.fernuni-hagen.de/zli/blog/wol-im-einsatz-in-einem-erstsemesterkurs-erste-erfahrungen-und-erkenntnisse/

Lernzirkel – ein kleiner Überblick: https://agile-verwaltung.org/2021/08/30/lernzirkel-ein-kleiner-uberblick/

Wer gern mit Marlene Kontakt aufnehmen möchte, kann dies gern via E-Mail tun.


[1] SMART = spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert.



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