WOL im Einsatz in einem Erstsemesterkurs – erste Erfahrungen und Erkenntnisse

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Nicole Ondrusch, HS Heilbronn

Nach dem wir in der letzten Woche beleuchtet haben, was Working Out Loud ist und welche Szenarien für Studium und Lehre vorstellbar sind, haben wir in dieser Woche einen Erfahrungsbericht von der HS Heilbronn gewinnen können. Dort hat Professorin Nicole Ondrusch das Konzept in einem Erstsemesterkurs eingesetzt.

Während insbesondere IT-Unternehmen seit vielen Jahren, bedingt unter anderem durch die jeweiligen Sourcing-Strategien für den Mitarbeitereinsatz in Projekten, virtuell zusammenarbeiten, ist dies in Hochschulteams noch wenig etabliert und methodisch unterstützt. Zwar sind die Student*innen in der Nutzung der Technologien, etwa aus ihrem privaten Umfeld, sehr vertraut und auch die Teamzusammenarbeit ist fester Bestandteil ihres Studium geworden, jedoch hat das vergangene Semester gezeigt, dass insbesondere Student*innen in den ersten Semestern in der Teamzusammenarbeit unterstützt werden müssen. Working out Loud (WOL) ist eine Methode von John Stepper [1], die in Firmen bereits erfolgreich eingesetzt wird, um Mitarbeiter*innen zu vernetzen und zu kooperativem, wertschätzenden, reflektierten und gewinnbringendem Miteinander anzuleiten. Wir hofften, dass die Anwendung der Methoden auch uns helfen würde, um zweiten rein virtuellen Semester den Student*innen einen guten Start zu ermöglichen und gleich zu einer neuen Haltung zum Lernen und der Zusammenarbeit zu finden. Wir hatten uns hohe Ziele für den Einsatz von WOL gesetzt [2]:

  • Steigerung der Gruppenbindung, vor allem in virtuellen Teams, die sich gar nicht oder sehr wenig kennen, so wie dies gerade in unteren Semesters derzeit der Fall ist.
  • Förderung eines lernorientierten Denkens durch gegenseitige Hilfe und Unterstützung, Übernahme von Verantwortung füreinander auch über die jeweilige Veranstaltung hinaus.
  • Erlernen eines selbstorganisierten und zielgerichteten Lernens in Zusammenarbeit mit einem Netzwerk innerhalb einer komplexen und digitalisierten Arbeitswelt (VUCA).
  • Erhöhung des Reflektionsvermögens – fachlicher Inhalte wie auch der individuellen Wahrnehmung von Gruppenstrukturen und Emotionen.
  • Erlernen, eigene Ziele, Ideen oder Projekte – die eigene Arbeit zu exponieren – in sozialen Medien, wie aber auch in Online- oder hybriden Veranstaltungen und damit zu den Veranstaltungen beizutragen und selbst zu zielgerichtet zu lernen.

Im Wintersemester 2020/21 wollten wir anhand eines Erstsemesterkurses die Einführung und Nutzung von WOL und die Erreichung unserer Ziele erproben. Die etwas über 60 Student*innen des Kurses wurden hierfür in Gruppen eingeteilt, die jeweils von einem Tutor begleitet werden. WOL basiert auf einem einstündigen Treffen (Circle) der Gruppe über 12 Wochen hinweg, geführt durch Circle Guides – Dokumente, die die Treffen strukturieren und durch Aufgaben und Anleitungen beschreiben. In diesen Treffen wählen die Student*innen jeweils individuelle Ziele, unterstützen sich gegenseitig in der Erreichung und reflektieren diese. Unsere fest eingeteilten Semester-Gruppen haben 12 Wochen lang diese Circle-Treffen durchgeführt.  Begleitet wurden sie hierbei durch Tutor*innen, die jeweils auf sehr unterschiedliche Weise die Circle unterstützt und motiviert haben. Unsere Arbeit wurde durch eine Graduierungsarbeit untersucht, die durch Observationen, Befragungen und Workshops mit den Tutor*innen und Onlinefragebögen für die Student*innen die Erreichung unserer Ziele untersucht. Die Ergebnisse sind noch nicht vollständig ausgewertet aber erste Aussagen lassen sich schon absehen:

  1. Wahl des Ziels sollte unterstützt werden: WOL orientiert die Zusammenarbeit in den Circles an persönlichen Zielen der einzelnen Circle-Teilnehmer*innen, die diese zu Beginn wählen und in jeder Woche reflektieren. Es stellt sich heraus, dass sinnvollerweise Ziele gewählt werden sollten, bei denen eine Vernetzung der Erfüllung hilfreich ist. Dies sollten wir in zukünftigen Semestern stärker moderieren. Ein Kollegin berichtete auch, dass sie dieser Zielfindung einen Workshop widmet, um die Student*innen hier intensiver zu unterstützen. Auf diese Aufgabe haben wir definitiv zu wenig Augenmerk gerichtet. Die Student*innen haben zwar fast alle ihre Ziele bis zum Ende beibehalten und nicht geändert (was durchaus möglich wäre), aber wir hatten den Eindruck, dass nicht alle gewählten Ziele den Wert von WOL zeigen konnten.
  2. Vernetzung funktioniert gut: Sowohl die Tutor*innen als auch die Student*innen haben sehr einstimmig festgestellt, dass die Circle den Einstieg ins Studium und das Kennenlernen erleichtern.
  3. Verständnis für die Ziele und Grundideen von WOL vermittelt: Die Student*innen sollten in einem Onlinefragebogen in eigenen Worten Ideen und Ziele von WOL beschreiben. Es stellte sich heraus, dass viele die Ideen gut darstellen konnten. In unseren Augen reicht dies jedoch nicht aus, um zu erkennen, dass sich auch eine Idee hinter der Lernhaltung und des eigenverantwortlichen Lernens verbirgt. Dies schien von einige Student*innen gut erkannt worden zu sein und in den Observationen entstand der Eindruck, dass Student*innen die Aufgabe annehmen. Allerdings ist uns dies nicht im vollen Umfang gelungen. So gab es durchaus Student*innen, die lieber klare Anweisungen erhalten hätten, also wissen wollten, was wie zu tun ist, um etwa die Vorlesung mit einer guten Note abzuschließen.
  4. Nutzung der Guides – Adaptionen scheinen uns sinnvoll: Es stellt sich heraus, dass die Student*innen ein Vehikel, an dem sie sich in den ersten Wochen der Zusammenarbeit orientieren können, durchaus zu schätzen wissen. Jedoch gibt es einige Übungen in den Guides, mit denen die Student*innen wenig anfangen können. Dies sind typischerweise Aufgaben, die eine starke Interaktion in den sozialen Medien erfordern oder Reflektionsaufgaben, die das eigenen Erleben übersteigen. Ein Beispiel ist hier der „Großzügigkeitstest“, in dem verschiedene Emails (oder andere Kommunikationen) auf bessere Einfühlung in die Adressat*innen untersucht werden sollten. Erfahrungen mit entsprechenden Emails liegen bei den Student*innen selten vor. Es schien uns aber möglich, dies auf die Erfahrungswelt der Student*innen (etwa: das Gefühl, wenn eigenen Textnachrichten nicht beantwortet werden) zu transformieren. Diese Aufgabe mussten jedoch die Tutor*innen übernehmen.

Wir sind sehr ambitioniert in dieses Projekt und die erste Iteration in diesem Semester gestartet. Es war zu erwarten, dass wir hieraus viel für die nächsten Semester und die Begleitung des Einsatzes lernen würden und einige Dinge anpassen müssen. Derzeit erarbeiten wir unterstützende Kommentare zu den Guides, eine technische Unterstützung (in Ilias) zu den Reflektionsaufgaben und unser Konzept zur Vermittlung der Grundideen bzw. Unterstützung der Circle. Der Einsatz von WOL in den unteren Semestern bleibt also auch im nächsten Semester ein Experiment, aus dem wir weiter lernen werden.



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