14. Studienwoche Literatur- und Medienwissenschaft 2020

Foto: Hardy Welsch

Allgemeine Erläuterungen zur Studienwoche

Oberthema "Tabu/Bruch"

Ist etwas „tabu, gilt es als (scheinbar) unantastbar. Einst durch James Cook von seinen großen Südsee-Expeditionen der 1770er Jahre mitgebracht, bedeutet das Wort „tabu“ das Verbotene. Was als tabu gilt, fasst man nicht an und man spricht auch nicht darüber. Leicht wird der Charakter des Unerlaubten oder Unreinen von der tabuisierten Sache auf die Person übertragen, die sich den Bruch zuschulden hat kommen lassen und die nun selbst als kontaminiert gilt.

Der Südsee-Import erlebte eine steile Karriere. Wie andere, den frühmodernen, zumeist kolonialistisch geprägten Kulturkontakten entstammende Wörter und Konzepte, z.B. der Begriff des Fetischs, sollte Tabu zunächst in religionsethnologischer Orientierung Auffälligkeiten anderer kulturellen Kontexte bezeichnen, um dann bald auf die eigene Kultur angewandt zu werden, zumal in selbstkritischer Perspektive: Was als Aberglaube der sogenannten ‚Primitiven‘ erschien, fand sich im Herzen der Moderne selbst angesiedelt. Sigmund Freud erkannte im Tabu die Ambivalenz des Sakralen wieder, bezeichne das Heilige doch zugleich auch das Verfluchte. Insofern befördere das Verbot selbst die Lust, es zu übertreten. Im Tabu fallen also, wie die britische Sozialanthropologin Mary Douglas beschrieben hat und was sowohl Stammeskulturen als auch Industriegesellschaften charakterisiert, soziale und symbolische Systeme zusammen, die über Verbote reguliert und im Ritual performativ verfestigt werden. Über Tabus werden somit der Umgang mit dem Körper und das Leben in einer Gemeinschaft, ja deren Formen und Grenzen festgelegt. Je weniger ritualisiert die Gesellschaft ist, so Douglas, desto weniger Tabus sind in ihr zu finden. Tabus sind somit konstitutiv für die Differenzproduktion und symbolische Grenzziehungsprozesse; sie sagen etwas über die kulturelle, politische wie symbolische Sinngenese aus.

Daher sind Tabuthemen wie Tabubrüche für den ästhetischen Ausdruck von besonderer Bedeutung, sorgen sie doch für die Aufmerksamkeit des Publikums, verhandeln aber gleichzeitig jene sozialen Grenzen, die sich auf die Sinnproduktion einer Gesellschaft auswirken. Man könnte daher die Geschichte der Literatur und der Kunst spätestens seit der Aufklärung auch als Geschichte der Tabu/Brüche identifizieren, die vom Werther über Madame Bovary, Les Fleurs du Mal, den Reigen, Le Sacre du Printemps bis hin zu Die 120 Tage von Sodom, Belle de Jour, The Passion of Christ oder Tanz den Adolf Hitler reicht. Seit es ästhetische Avantgarden gibt, definieren sie sich im Kern durch eine politische Ästhetik des Tabubruchs.

Das wirft viele neue Fragen auf: Wie wirkt sich die Medienentwicklung auf Tabus aus? Wie grenzt sich das Tabu ab von der Provokation oder vom Skandal, auch von den Anforderungen sogenannter politischer Korrektheit? Und gibt es angesichts des verbreiteten Wohlgefallens am Tabubruch und an der Transgression auch Tabufiktionen? Kann man sich von Tabus überhaupt gänzlich befreien und wäre das überhaupt wünschenswert? Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen Tabu und Gewalt? Inwiefern sind literarische und filmische Narrationen besonders geeignet, die Dialektik von Tabu und Tabubruch zu beobachten? In welchen Genres finden solche Beobachtungen vor allem statt? Und gibt es auch Genres, in denen der Tabubruch gewissermaßen institutionalisiert und dadurch reproduziert wird?

Literatur zur ersten Orientierung

Wolfgang Braungart: [Art.:] Tabu. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. 3, hrsg. von Jan-Dirk Müller, Berlin - New York: de Gruyter 2003, S. 570-573.

Hartmut Schröder: [Art.:] Tabu. In: Handbuch interkulturelle Germanistik. Hrsg. von Alois Wierlacher und Andrea Bogner, Stuttgart - Weimar: Metzler 2003, S. 307-315.

Tabu und Tabubruch in Literatur und Film. Hrsg. von Michael Braun, Würzburg: Königshausen und Neumann 2007.

Mary Douglas: Reinheit und Gefährdung. Eine Studie zu Vorstellungen von Verunreinigung und Tabu. Übers. von Brigitte Luchesi, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1988 [Original u.d.T.: Purity and Danger: An Analysis of Concepts of Pollution and Taboo, London: Routledge & Kegan Paul 1966].

Mary Douglas: Ritual, Tabu und Körpersymbolik. Sozialanthropologische Studien in Industriegesellschaft und Stammeskultur, Frankfurt/ Main : Fischer-Taschenbuch-Verl., 4. Aufl., 2004 [Original u.d.T.: Natural Symbols: Explorations in Cosmology, London : Barrie & Rockliff, the Cresset Press 1970].

Alexandra Przyrembel: Verbote und Geheimnisse. Das Tabu und die Genese der europäischen Moderne, Frankfurt/ Main - New York: Campus Verl. 2011.

Texte und Tabu. Zur Kultur von Verbot und Übertretung von der Spätantike bis zur Gegenwart. Hrsg. von Alexander Dingeldein und Matthias Emrich, Bielefeld: Transcript 2015.



Webredaktion | 27.08.2019