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Tagungen

Foto: Hardy Welsch
 

Auf dieser Seite informieren wir Sie über aktuelle Tagungen und Veranstaltungen des Instituts für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft.

Zu vergangenen Tagungen und Veranstaltungen vergleichen Sie bitte unser Web-Archiv.


Tagung: Ars metabolica. Stoffwechsel und Digestion als literarisch-kulturelle Prozesse

23.-25. Juni 2022, Regionalzentrum Leipzig der FernUniversität in Hagen
Organisation: Dr. Vanessa Höving und Prof. Dr. Peter Risthaus

Geht es um die Rezeption von Literatur, wird auffallend häufig auf eine Digestions- und Stoffwechselmetaphorik zurückgegriffen: Von schwer oder leicht verdaulicher Kost ist ebenso die Rede wie von erbaulicher oder kräftigender Lektüre; Lesematerial erscheint als Schinken oder Schwarte, Rezipient*innen als Bücherwürmer. Stoffwechselprozesse sind zur Lebenserhaltung zwingend nötig, sie verantworten den Auf- und Abbau von Körpersubstanzen sowie ausscheidbarer Stoffe und generieren Energie. Nährstoffe werden dafür im Verdauungsvorgang verwertbar gemacht, um schließlich resorbiert zu werden und in den Blutkreislauf zu gelangen. Die Transformationsprozesse rund um Digestion und Metabolismus verweisen auf Verarbeitung, Distribution und Zirkulation sowie auf Verwertung und ihre Reste – schließlich umfassen Verdauungs- und Stoffwechselverfahren in letzter Konsequenz auch Vorgänge der Ausscheidung und Exkretion.

> Tagungsflyer als PDF (PDF 4 MB)

> Tagungsplakat als PDF (PDF 669 KB)

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Die Literatur hat das ästhetische, rhetorische und poetologische Potenzial solcher Prozesse und Phänomene längst entdeckt, das zeigen einschlägige Texte wie beispielsweise E.T.A. Hoffmanns Kater Murr, Wilhelm Raabes Odfeld und Stopfkuchen, James Joyces Finnegan’s Wake oder Günter Eichs Gedicht Latrine. Auch Georg Büchners Woyzeck verhandelt prominent Verdauungsfragen und schließt mit der literarischen Schilderung eines Nahrungsexperiments an zeitgenössische physiologische Versuchsanordnungen und deren Erkenntnisinteressen an. Bildende Kunst, Theater oder Film greifen ebenfalls auf Verdauungsprozesse und Körpermaterie zurück, etwa um Kunstökonomien zu kommentieren oder Fragen nach Präsenz und Körperlichkeit/Verkörperung sowie – u.a. im Fall des Cinéma Vomitif (vgl. Brottman 1997) – Rezeptionsästhetiken zu akzentuieren. Auch Kommunikations- und Medienphänomene, das zeigen die Termini Logorrhö oder Shitstorm, entbehren der digestiven Logik nicht. Aber auch die Philosophie arbeitet diese Logik durch, man denke an Hegel, der den dialektischen Prozess auf verschlungenen Wegen quasi zwischen dem Darmkanal des Polypen und dem Abendmahl von Brot und Wein zur Aufhebung kommen lässt. Nietzsches Zarathustra wiederum stellt, die Verdauungsmetaphorik des abendländischen Gedächtnisses vor Augen, dann auch fest: „Denn wahrlich meine Brüder, der Geist ist ein Magen!“.

Stoffwechsel und Verdauung verfügen – je nach Perspektive – über medizinische, kulturelle, gesellschaftliche, politische oder ökologische Dimensionen. Die dabei auftretenden Phänomene und Stoffe rücken schnell in eine tabuierte ‚dunkle Ecke‘, wenngleich jüngere literatur- und kulturwissenschaftliche Arbeiten die variantenreiche Signifikanz abjekter Körpermaterie vermehrt herausstellen (vgl. z.B. Balke 2020; Breuer/Vidulić 2018; Werner 2011). Die psychoanalytische Analitätstheorien von Sigmund Freud, Ernest Jones oder Sándor Ferenczi schreiben Digestionsphänomenen subjektkonstituierende und zentrale kulturtheoretische Bedeutung zu. Jacques Lacan wählt daher nicht zufällig Toilettentüren als zentrales Beispiel für seine Theorie des Signifikanten aus. Slavoj Žižek folgt Lacan, indem er die hinter diesen Türen versteckten Toilettenschüsseln dazu nutzt, um an ihren Spülungen ideologische Positionen zu unterscheiden.

In Vilém Flussers Kommunikationstheorie avancieren informative Recyclingprozesse zum strukturierenden Modus von Welterfahrung und ‑erkenntnis überhaupt. Relevant sind Digestion und Metabolismus nicht zuletzt auch deshalb, weil sie unter der Differenz rein/unrein auf gesellschaftliche wie kulturelle Ein- und Ausschlussverfahren verweisen, die durch Hygiene- oder Zugehörigkeitsdiskurse reguliert werden (vgl. Douglas 1966/1998). In literaturtheoretischer Perspektive halten sie Signifikationspotenziale für Verfahren und Prozesse von Intertextualität oder Intermedialität bereit, lenken zudem den Blick auf literarische Diätetiken und der daraus resultierenden ‚Energie‘ und weisen darüber hinaus auf produktions- und wirkungsästhetische Konstellationen hin, die den Textkörper in seiner Infrastruktur betreffen.

Ziel der Tagung ist, eine breite Perspektive auf Stoffwechsel- und Digestionsphänomene zu gewinnen, die zum Teil von Tabuisierung betroffen sind. In der Auseinandersetzung mit diversen Ausformungen einer ars metabolica sind Fallstudien und close readings literarischer Texte und kultureller Artefakte ebenso willkommen wie Überlegungen zu Übertragungsprozessen zwischen Literatur, Kultur und Theorie. Aneignungs- und Ausschlussanordnungen oder Figurationen von Verwertung und Verwertbarkeit stellen ebenfalls mögliche Themen dar. Zu fragen ist, in welchen Kontexten und zu welchem Zweck Literatur, Kultur und Theorie auf Denkfiguren und Rhetoriken von Digestion und Metabolismus zurückgreifen, welche ästhetischen, poetologischen und poietischen Potenziale hier bereitstehen und worin eigentlich die in literarischen und kulturellen Digestions- und Stoffwechselprozessen freigesetzte ‚Energie‘ besteht.

Kontakt: vanessa.hoeving


Jahrestagung „Digitale Hermeneutik: Maschinen, Verfahren, Sinn“ des FSP digitale_kultur der FernUniversität in Hagen

23. bis 25. März 2022 an der FernUniversität in Hagen
Organisation: Prof. Dr. Thomas Bedorf und Prof. Dr. Peter Risthaus

Anfänglich enträtselt Hermeneutik als eher praktische Kunst die Sprache der Götter. Jene sprach sich durch Musen und in Orakeln indirekt und verästelt aus, bevor sie in heiligen Schriften fixiert vorliegt, die hermeneutisch sachgerecht gedeutet und ausgelegt werden müssen, um überhaupt erst ihren eigentlichen Sinn zu verstehen. Dem Problem, dass Zeichen und Texte, sprachliche Kommunikation überhaupt, prinzipiell missverstanden werden können, stellt Hermeneutik methodisch abgesicherte Verfahren entgegen, die durch Auslegung und Interpretationen jenen Sinn hütet und hervorbringt, den sie Worten und Büchern, den Erlebnissen und der Geschichte, unterstellt, – bei eigenwilliger Vernachlässigung der Zahlen. Daraus wird in der Moderne nicht nur die Geisteswissenschaft entstehen, sondern die Idee abgeleitet, dass wir als sprachliche wesentlich verstehende, d.h. hermeneutisch bedürftige Wesen sind.

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Heute ist Hermeneutik vielfältig herausgefordert, denn die Lage hat sich fundamental geändert. Traute man anfänglich nur den Göttern zu, das Wetter vorherzusagen, erledigen das jetzt beachtlich zielgenau Computer. Um es mit den Worten von Hannes Bajohr zu sagen: »Das Unding ist das Digitale. [...] Bereits das Wort ›Wort‹ ist eine Ebene tiefer, hexadezimal, als 576F7274 codiert und wieder darunter, binär, als 01010111 01101111 01110010 01110100«. Von einem Zeitalter der Digitalisierung ist die Rede und nicht allein Dichter schulen auf Programmierer um. Auch die Geistes- und Kulturwissenschaften siedeln längst nicht mehr allein im Raum von Bibliotheken, sondern sie gebrauchen und entwickeln selbst Algorithmen, verdaten jenen Sinn, über den sie nicht mehr allein die Deutungshoheit beanspruchen können.

Die Jahrestagung des Forschungsschwerpunkts digitale_kultur fragt transdisziplinär nach jenen Herausforderungen, die sich dem Verstehen, dem Sinn, kurzum der Hermeneutik stellen, wenn Algorithmen, Programme, Maschinen und andere technische Verfahren an ihm mitarbeiten.

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Webredaktion | 01.06.2022
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