Tagung

Thema:
Diegetische Nobilitierung: das kritische Potential von ästhetischen Texten der Gegenwart – literatur-/medienwissenschaftliche und literatur-/mediendidaktische Perspektiven
Semester:
Wintersemester 2025/26
Zielgruppe:
MA NdL: Modul 26305/MANDL 5; alle Interessierten des BA KuWi und des MA Neuere deutsche Literatur
Ort:
Münster
Adresse:
Universität Müster (hybrid)
Termin:
09.03.2026 bis
11.03.2026
Zeitraum:
09.03-2026 16:00 - 19:00 Uhr
10.03.2026 9:30 - 19:00 Uhr
11.03.2026 9:30 - 19:00 Uhr
Leitung:
PD Dr. Katja Kauer
Anmeldefrist:
01.03.2026
Hinweis:
Veranstaltung wird nicht als Seminar im Sinne der Studienordnung anerkannt.

Veranstalter:innen: Katja Kauer, Fernuni/Hagen und Sebastian Bernhardt, Universität Münster

Literarische Texte und Medien konstruieren fiktionale Weltmodelle, denen jeweils spezifische Normen und Werte eingeschrieben sind (vgl. dazu Bernhardt 2019). Entsprechend kann ein literarischer Text auch als Dokument gelesen werden, in das sich bestimmte gesellschaftliche, ideologische, juristische oder wissenschaftliche Diskurse einschreiben. Wünsch weist allerdings schon früh darauf hin, dass es einer Verengung des Blicks auf Literatur gleichkomme, sie ausschließlich als eine Art der Verdopplung realer Diskurse zu lesen (vgl. Wünsch 1975: 308). Der Versuch, Literatur im Sinne einer Widerspiegelung aktueller gesellschaftlicher Debatten zu verstehen, stellt eine Verengung dar, weil Literatur auch Gegendiskurse entwerfen oder theoretische Diskussionen in einem von der Last der Realität befreiten Raum der Fantasie führen kann (vgl. ebd.). Literatur, so konturieren jüngst Huemer und Nagy, konstruiert ihre Welten bisweilen auch unabhängig von der Realität, bietet entsprechend Möglichkeiten, in andere, alternative Welten einzutauchen (vgl. Huemer/Nagy 2025).

Literatur hat auf diese Weise die Möglichkeit, vermeintliche Selbstverständlichkeiten ihrem Automatismus zu entreißen (vgl. dazu Eke 2014; jüngst ausführlich Kißling/Tönsing 2024). Ein literarischer Text kann also in Teilen Regeln entwerfen, die asymmetrisch zur extrafiktionalen Welt sind. Der Text muss dafür nicht einmal aktiv politisch konzipiert sein, bezugnehmend auf einen politischen Diskurs beworben werden oder mit einem solchen Label versehen sein.

Sogar ein Text, der auf den ersten Blick nichts mit der aktuellen Gesellschaft zu tun hat und eine fantastische Welt entwirft, die erst in mehreren tausend Jahren situiert ist, kann doch wiederum Mechanismen von In- und Exklusion reproduzieren, binäre Ordnungen oder gesellschaftliche Strukturierungsmechanismen perpetuieren, affirmieren oder aber subvertieren. Das gilt für die Kinder- und Jugendliteratur (KJL) ebenso wie für die Allgemeinliteratur.

KJL-Forschung, Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik nehmen sich der Betrachtung der impliziten Wertungen von Literatur seit einigen Jahren an und betrachten Texte und Medien in Bezug auf Fragen des Rassismus (vgl. etwa Kißling 2020), von Gender und Genderreflexionen (vgl. etwa die Beiträge in Willms 2022) oder allgemein Machtaffirmation und Machtsubversion in kulturwissenschaftlicher Kontextualisierung (vgl. die Beiträge in Esau et al. 2024). Mit dieser Fokussierung gesellschaftlicher Machtdiskurse, Differenzkategorien und der Frage nach den implizierten Wertungen geht auch eine immer stärkere Theorieaufladung einher: Die Auseinandersetzungen mit literarästhetischen Texten erweisen sich als sehr voraussetzungsreich und werden in Debatten zu Subjektpositionierungen, Diskurshoheiten und Dekonstruktionspraxen eingebettet.

Wenn Fragen der Affirmation binärer Ordnungen grundsätzlich und immer wieder erst durch eine intensive theoretische Aushandlung kontextualisiert werden müssen, besteht die Gefahr, das Eigentliche eines literarischen Textes zu verfehlen und sich im eigenen Theoriegebäude zu verfangen.

Wenn in einem Roman, sei es ein Kinderbuch, sei es ein kanonisierter Text, ein prekär lebendes Subjekt mit einer in wohlhabenden Verhältnissen lebenden Figur in Kontakt tritt, ist es leicht, die Bewertung „anti-klassistisch“ aufzurufen, so als würde einen Klassengegensatz zu thematisieren ein Äquivalent zum Anti-Klassismus darstellen. Doch nicht bloß die Existenz dieser Figuren oder die Darstellung von Prekarität macht etwas zu einem anti-klassistischen Kunstwerk. Vielmehr basiert die Zuordnung als anti-klassistisch auf einem Urteil aus der extradiegetischen Realität. Wenn nämlich im Handlungsverlauf erkennbar wird, dass sich die beiden Figuren weder moralisch noch sozial wirklich in anderen Klassen bewegen, weil der Text verdeutlicht, dass vielleicht sogar die als sozial weniger abgesichert figurierte Figur innerhalb der Handlung der anderen überlegen ist oder mehr Agency als die sozial privilegierte Figur aufweist, hätten wir einen durch den Text produzierten Anti-Klassismus, der sich diegetisch etabliert. Analog dazu wäre auch eine Figur, die gleichgeschlechtlich liebt oder eine nicht binäre Geschlechtsidentität aufweist, nicht schon der Ausweis für die diegetische Queerness eines Textes; ein genuin queerer Sinngehalt entstünde allerdings dadurch, dass die Kategorisierung von „queer“ vs. „straight/normal“ auch, oder gerade, von den normalisiert geltenden Figuren im Handlungsverlauf nicht eingelöst wird und sich die Identitäten als gesellschaftlich produziert erweisen (vgl. Kauer 2019; 2024).

Analysen sollten niemals zu schematisch sein, sondern achtsam gegenüber ihrem eigenen Habitus bleiben. Der für diese Tagung postulierte Ansatz vermeidet eine angestrengte Politisierung zugunsten von Lektüren, deren soziale oder politische Sprengkraft keineswegs minimiert, nur diegetisch gerechtfertigt sein sollte.

Uns geht es im Rahmen der Tagung darum, den Blick direkt auf diegetische Aushandlungsprozesse zu lenken, eine Erstbegegnung zu vollziehen, auf deren Basis dann im Nachgang eine theoretische Kontextualisierung erfolgt.

Das bezieht sich etwa auf

· Intersektionalität

· Age

· Ableismus

· Diversity

· Geschlechtliche Vielfalt

· Sexuelle Identität

· Rassismus

· Kulturelle Phänomene

· Ökologie und Ökonomiekritik

Literatur

· Bernhardt, Sebastian (2019): „Transgender in der Kinder- und Jugendliteratur – Analysen und literaturdidaktische Perspektiven“. In: Jeleč, Marijana (Hg.): Tendenzen der Gegenwartsliteratur. Literaturwissenschaftliche und literaturdidaktische Perspektiven. Berlin: Peter Lang, S. 127–148.

· Eke, Norbert Otto (2014): „Was ist. Spielen wir weiter?“ Praktiken der Entautomatisierung im Theater Heiner Müllers. In: Brauerhoch, Annette/Eke, Norbert Otto/Wieser, Renate/Zechner, Anke (Hg.): Entautomatisierung. Paderborn: Fink, S. 265–279.

· Esau, Miriam/Hofmann, Michael/Thielking, Siegrid (2024): Neue Perspektiven einer kulturwissenschaftlich orientierten Literaturdidaktik. Würzburg: Königshausen & Neumann.

· Huemer, Georg/Nagy, Hajnalka (Hg.) (2025): Kinder- und Jugendliteratur zwischen Ästhetik und Pragmatik. In: ide 1/2025.

· Kauer, Katja (2024): Feministisch lesen. Eine Einführung mit Lektüretools und Textbeispielen. Tübingen: Narr.

· Kauer, Katja (2019): Queer lesen. Anleitung zu Lektüren jenseits eines normierten Textverständnisses. Tübingen: Narr.

· Kißling, Magdalena (2020): Weiße Normalität. Perspektiven einer postkolonialen Literaturdidaktik. Bielefeld: Aisthesis.

· Kißling, Magdalena/Tönsing, Johanna (Hg.) (2024): Einfach aussortieren? Anregungen für kritische Lektüren des Literaturkanons. Berlin: Frank & Timme.

· Willms, Weertje (Hg.) (2022): Genderaspekte in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Berlin: De Gruyter.

· Wünsch, Marianne (1975): Der Strukturwandel in der Lyrik Goethes. Die systemimmanente Relation der Kategorien ‚Literatur‘ und ‚Realität‘: Probleme und Lösungen. Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz: Kohlhammer.

·

Programm:

Montag, 9.3.2026

16 bis 17 Uhr

Begrüßung: Wie wir lesen können/sollen/müssen: Wider das Denken in Schubladen

17 bis 18.30 Uhr

Erste Sektion: Für ein besseres Verständnis der Texte: Theorie und Praxis

1. Michael Hofmann: Diegetischer Aktivismus. Zum Verhältnis von Narratologie, Dominanzkritik und Literaturdidaktik im Kontext von Shida Bazyars Roman Drei Kameradinnen (2021)

2. Nadine Bieker: Wer darf ‚Ich‘ sagen? Zwischen hegemonialer Abhängigkeit und einer neuen Konstruktion von Identität: erzählt, aber nicht erzählend

19 Uhr Abendessen

Dienstag, 10.3.2026:

Zweite Sektion: Diegetische Aushandlungsprozesse

09:30 bis 11.00 Uhr Aushandlungen von Themen in Bilderbüchern

3. Juliane Dube & Tim Tichy: Mehr als Repräsentation – Zur macht- und diskriminierungskritischen Analyse von Behinderung im fiktionalen Raum des Bilderbuchs

4. Marc Kudlowski: Brücken ins (Un-)Behagen? Gender-Flips im Medienverbund und ihre didaktischen Potenziale

11.00 bis 11.15 Kaffeepause

11.15 bis 13.00 Uhr Aushandlungsprozesse in der Kinder- und Jugendliteratur

5. Maria Reinhard: Male Loneliness im Waldhäuschen: Behauptete und erzählte Vielfalt im Kinderbuch Die Gurkentruppe (Niemöller/Oser 2024) – ein Blick auf Text und Kritik

6. Ralph Müller: Wörter für Sex gibt es in drei Kategorien“. Zur Konstruktion von sexuellen Wertsystemen in Eva Rottmanns Jugendbuch Fucking fucking schön

MITTAGESSEN

Dritte Sektion: Wie wird erzählt: Gender

13:45 bis 15.15 Uhr

7. Stephanie Bremerich „In den Leerstellen wurde ich zu Fall gebracht.“ Liminales Erzählen von Mutterschaft bei Helene Bukowski und Jessica Lindt

8. Ann-Kathrin Koppenhöfer: Femizide in der Gegenwartsliteratur – diegetische Wertungspraxis

15.15 bis 15.45 Uhr Kaffeepause

15:45 bis 17. 15 Uhr Gender, Klasse, Herkunft

9. Sven Schulte Eickholt: Krisenhafte Männlichkeit in Daniel Kehlmanns Du hättest gehen sollen und Juli Zehs Neujahr

10. Ines Heiser: (Anti-)Klassismus für die Masse? Millionärserzählungen als aktueller populärkultureller Trend

17.15 bis 17.30 Uhr Kaffeepause

17.30 bis 19 Uhr Beispiel: Erzählfiguren und Stimmen

11. Sarah Reuss: Die Interferenz von Erzähler- und Figurentext in Fatma Aydemirs Dschinns

12. Judith Albert: „Wenn Stimmen brechen: Diegetische Aushandlungen von Alter, Herkunft und Körper in Katharina Mevissens Mutters Stimmbruch“

Abendessen

Mittwoch, 11.03.2026

Sektion Herrschaftsrhetoriken in Populärmedien 09:30-11 Uhr

13. Merle Behnke: Prozedurale Herrschaftsrhetorik: Minecraft, Sandbox-Games und der Mythos des neutrales Weltmodells

14. Jo von Renteln: Björnstadt – Das Spiel mit (ausbleibender) diegetischer Wertung

11 bis 11.45: Kaffeepause

11.45 bis 13.00 Uhr

Abschlussdiskussion

13:00

Lunch to go und Abschied

Wenn Sie einen Link vollen, bitte melden Sie sich bei katja-luzia-jelka.kauer bis zum 1. März bitte an:
Name + E-Mail-Adresse. Der Link wird Ihnen zugeschickt.

(Falls Sie in Präsenz an der Tagung teilnehmen wollen, werden Ihnen auch alle Informationen zugesendet, Bitte in der E-Mail angeben).

Online-Anmeldung

Bitte füllen Sie das Formular vollständig aus. Eine Bestätigung über Ihre Teilnahme senden wir in den nächsten Tagen an Ihre E-Mail-Adresse.

Ich melde mich für: Tagung Diegetische Nobilitierung: das kritische Potential von ästhetischen Texten der Gegenwart – literatur-/medienwissenschaftliche und literatur-/mediendidaktische Perspektiven (09.03.2026 bis 11.03.2026 in Münster) verbindlich an.

Kontaktinformationen
Frau Herr ohne
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