Gespräche am Tor - Karlsruher Begegnungen zu Wissenschaft, Politik und Kultur

Non ci è stato regalato niente/Geschenkt wurde uns nichts. Frauen im italienischen Widerstand

Heike Herzog bei der historischen Einführung zum Dokumentarfilm Eric Essers Foto: Werner Daum
Heike Herzog bei der historischen Einführung zum Dokumentarfilm Eric Essers

Historische Einführung und Dokumentarfilm (OmU) von Eric Esser

20. April 2016, 18 Uhr
Heike Herzog

Flyer zur Veranstaltung (PDF 238 KB)

Vom Widerstand zur Frauenemanzipation – der berührende Lebensbericht einer ehemaligen italienischen Partisanin in den Karlsruher „Gesprächen am Tor“

„Den Frauen hat niemand jemals etwas geschenkt. Ich bin überzeugt, dass das, was alle Frauen der Welt heute erreicht haben, sie sich verdient haben, denn sie mussten es sich wirklich mit großen Mühen erkämpfen.“

Mit dieser nachdenklichen Bilanz blickt die ehemalige italienische Partisanin Annita Malavasi (1921-2011) auf ihr bewegtes Leben zurück. Es handelt sich um das berührende Schlusswort im Dokumentarfilm „Geschenkt wurde uns nichts“, mit dem der Berliner Filmemacher Eric Esser (MakeShiftMovies) die häufig unterschlagene Rolle zahlreicher Frauen in der „Resistenza“, der italienischen Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzung (1943-1945), anschaulich gewürdigt hat. Der Filmvorführung im Regionalzentrum Karlsruhe ging eine historische Einführung Heike Herzogs (Geschichte für alle e.V., Nürnberg / www.resistenza.de) voraus, die den Besuchern die militärische und innere Zerrissenheit Italiens 1943 plastisch vor Augen führte: In dieser von inneren und militärischen Umbrüchen gekennzeichneten historischen Situation war die italienische Bevölkerung plötzlich gezwungen, sich für eine der Seiten zu entscheiden.

Aus welchen Gründen sich die Filmprotagonistin letztendlich dem Widerstands anschloss und „in die Berge ging“, veranschaulicht ihre lebhafte Schilderung auf beeindruckende Weise. Während aber ihre beiden ehemaligen Kampfgefährtinnen, die ebenfalls im Film zu Wort kommen, sich 1945 wieder ins familiäre Privatleben zurückzogen, sah sich Frau Malavasi infolge ihrer Erfahrung in der Resistenza zu einem politischen und gewerkschaftlichen Engagement veranlasst, mit dem sie bis an ihr Lebensende für die Anerkennung der Partisaninnen und die Durchsetzung der Frauenrechte eintrat. Der Film dokumentiert somit ein außergewöhnliches, durch das biografische Schlüsselerlebnis der Resistenza in besonderer Weise gezeichnetes und konsequent auf Selbstverantwortung verpflichtetes Frauenleben.

Das erfrischende Temperament der Filmprotagonistin schien sich in der anschließenden Diskussion auf das Publikum übertragen zu haben. In jedem Fall trug der lebhafte Austausch zur weiteren Vertiefung und Kenntnis des Themas bei. So konnte dank der Expertise Heike Herzogs manche Frage zum historischen Kontext des Films und zu seiner Entstehung geklärt werden. Auch rief die Ignoranz der deutschen Justiz gegenüber den Kriegsverbrechen der Wehrmacht im damaligen Italien manche Perplexität hervor. Schließlich wurde deutlich, dass die innere Zerrissenheit Italiens in der betreffenden Epoche bis heute in der italienischen Gesellschaft nachwirkt.

Heike Herzog, geb. 1967, studierte Musikwissenschaften, Soziologie und Pädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie arbeitete als freie Rundfunkjournalistin und Medienpädagogin in der Jugendarbeit mit den Themenschwerpunkten Nationalsozialismus, Rassismus, Toleranzerziehung. Seit den 1990er Jahren beschäftigt sie sich mit dem Widerstand gegen die deutsche Besatzung in Italien während des Zweiten Weltkriegs und betreut das Fachportal www.resistenza.de . Derzeit ist sie als Rundgangsleiterin des Vereins Geschichte für Alle e.V. am Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitage und am Memorium Nürnberger Prozesse tätig.

Eric Esser, Jg. 1975, erster Kurzfilm 2003; er arbeitete nach dem Studium der Medieninformatik am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. 2005 rettete er sich auf die Filmarche, eine selbstverwaltete Filmschule in Berlin, und wählte den Studienschwerpunkt Dokumentarfilm-Regie. Dort ist er verantwortlich für verschiedene Vorlesungen und Workshops. Inzwischen ist er Mitglied des Ältestenrats der Filmarche und engagiert im Berufsverband AG DOK; 2014 Artiste en Residence im französischen Cerbère. Seit Herbst 2014 besucht er den Masterstudiengang Dokumentarfilm an der Filmuniversität in Potsdam-Babelsberg. Eric Esser lebt und arbeitet in Berlin.

Zusammenfassender Bericht der Veranstaltungen bis zur Sommerpause 2016, in: FernUni Perspektive 57 (Herbst 2016), S. 19.