Gespräche am Tor - Karlsruher Begegnungen zu Wissenschaft, Politik und Kultur

Prof. Dr. Sabine Liebig im Vortrag Foto: FernUniversität
Prof. Dr. Sabine Liebig im Vortrag

Ein Leben für die Schule: die Lehrerin, das unbekannte Wesen

Einblicke in das Leben von Lehrerinnen im 19. Jahrhundert

15. April 2026, 18 Uhr
Prof. Dr. Sabine Liebig

Flyer zur Veranstaltung (PDF 154 KB)

Lehrerinnen im 19. Jahrhundert – ein Forschungsgegenstand der Frauenemanzipation

„Wenn man heiratete, war man [als Frau] dem Mann unterstellt […] – die Lehrerinnen jedoch waren frei!“ Mit diesen Worten brachte Prof. Dr. Sabine Liebig (Pädagogische Hochschule Karlsruhe) die positive Seite des Eheverbots auf den Punkt, das für Lehrerinnen im deutschen Kaiserreich galt. Ihr Vortrag zeichnete ein facettenreiches Bild von der beruflichen und persönlichen Lebenswelt von Lehrerinnen im 19. Jahrhundert.

Die Referentin erläuterte zunächst die Quellenlage, wobei sie am Beispiel der Lehrerin Febronie Rommel (1853-1927) die mühsamen Arbeitsschritte der Historikerin bei der Rekonstruktion solcher Lebenswege veranschaulichte. Dabei wurde auch deutlich, wie sich aus einer mitunter detektivischen Herangehensweise überraschende Erkenntnisse gewinnen lassen. In diesem Fall verriet der Nachlass im Stadtarchiv Freudenstadt, der ein Konvolut von über 1.000 Briefen umfasst, dass Febronie Rommel eine langjährige persönliche Freundschaft mit ihrer Mitbewohnerin Martha Moritz verband, die ebenfalls Lehrerin und mit ihr zusammen immer an derselben Schule tätig war: „Febronie und Martha waren höchstwahrscheinlich mehr als nur Kolleginnen“.

Die seit 1871 im deutschen Kaiserreich betriebene systematische Qualifizierung der Lehrerschaft erfolgte bis in die Weimarer Republik hinein an nach Geschlechtern getrennten Seminaren, die eine unterschiedliche Ausbildung von Lehrern und Lehrerinnen vorsahen. Die Seminare für Lehrerinnen waren zunächst private, häufig auch konfessionell gebundene Einrichtungen. 1878 eröffnete Badens erstes Lehrerinnenseminar in Karlsruhe. Um 1886 zählte man 6.848 Lehrerinnen, die nur an Volksschulen unterrichten durften, während ihren 58.872 männlichen Kollegen auch die Gymnasien offenstanden.

Obwohl Frauen im Kaiserreich von jeglicher politischen Partizipation ausgeschlossen waren, gelang es den Lehrerinnen, im Rahmen von Vereinsbildung, publizistischen Initiativen (darunter das zentrale Sprachrohr „Die Lehrerin in Schule und Haus“), Vortragsveranstaltungen und Petitionen eine gewisse Interessenvertretung zu entwickeln. Diesbezüglich machte Sabine Liebig deutlich, wie die prekäre soziale Lage der Lehrerinnen eine hohe Vernetzung nicht zuletzt auch durch Brieffreundschaften zur Folge hatte, die vor allem der Information und Beratung über Versorgungsangebote (Erholungsheime, Krankenkassen, Pensionen) diente. Das Vereinswesen – der erste Lehrerinnenverein entstand 1869 in Berlin, dessen badisches Pendant wurde 1888 in Karlsruhe gegründet – gipfelte 1890 in der Gründung des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins (ADLV), der unter dem Vorsitz der Frauenrechtlerin Helene Lange (1848-1930) und mit Febronie Rommel als Schriftführerin den Dachverband für sämtliche Vereine abgab. In diesem Zusammenhang überrascht außerdem der hohe Grad der internationalen Vernetzung, wofür die Referentin deutsche Lehrerinnenvereine in England, Frankreich, Italien, Rumänien und den USA ins Feld führte.

Weiterhin diskutierte Sabine Liebig die negativen, aber auch positiven Auswirkungen des Lehrerinnenzölibats auf die Lebenswelt von Lehrerinnen im 19. Jahrhundert. Zu Jahresbeginn 1879 führte Baden als erstes Land im Kaiserreich die Bestimmung ein, dass nur unverheiratete Frauen im Schuldienst angestellt werden durften und sie bei Heirat ihre Anstellung verlieren sollten. Viele Lehrerinnen gingen zwar mit zum Teil erfolgreichen Rechtsklagen gegen diese Diskriminierung vor. Eine öffentliche Diskussion über das Lehrerinnenzölibat setzte aber erst 1904 ein, wobei dies ganz unterschiedlich bewertet wurde. In diesem Zusammenhang überrascht die Ähnlichkeit mancher zugunsten des Zölibats entwickelten Argumentation mit jüngeren Diskussionsbeiträgen gegen die Berufstätigkeit von Ehefrauen und Mütter. Die Referentin machte allerdings auch auf eine positive Seite des Eheverbots aufmerksam: „Die Lehrerinnen, die nicht verheiratet waren, hatten enorme Freiheiten!“ Die damit mögliche freizügigere Lebensweise schloss auch gleichgeschlechtliche Beziehungen mit ein.

Der Vortrag endete in einer abschließenden Reflexion über den Erkenntnisgewinn, den die Auseinandersetzung mit einer solchen historischen Fragestellung zu generieren vermag. Sabine Liebig hob hervor, dass die Lehrerinnen nicht nur bessere Bildungsmöglichkeiten für Mädchen und Frauen erkämpften (Gründung des ersten deutschen Mädchengymnasiums in Karlsruhe, 1893), sondern sich auch für das Frauenwahlrecht und Rechtsgleichheit einsetzten. In diesem Sinne deutete die Referentin die Geschichte der Lehrerinnen als Teil der Emanzipationsgeschichte der Frauen, die nicht zuletzt auch dem gesamtgesellschaftlichen Fortschritt gedient habe. Sie appellierte abschließend dafür, hinter diese Errungenschaften nicht wieder zurückzufallen, „denn die Vergangenheit war nie besser, sie war höchstens anders.“

Die anschließende Diskussion vertiefte verschiedene Aspekte der im Vortrag skizzierten Lebenswelt von Lehrerinnen im 19. Jahrhundert. So interessierten die Unterschiede zu den männlichen Berufskollegen, die sich etwa in den Ausbildungskosten und im Gehalt manifestierten. Auch eine geschlechtsspezifisch evtl. abweichende Handhabung der in der Epoche üblichen Gewaltpädagogik wurde thematisiert. Hinsichtlich der für Frauen strafrechtlich nicht relevanten gleichgeschlechtlichen Lebensweisen stellte sich gerade angesichts der herausragenden sozialen Position von Lehrerinnen die Frage nach gesellschaftlicher Diskriminierungserfahrung.

Sabine Liebig, Prof. Dr., geb. 1964, war nach ihrer historischen Promotion an der PH Weingarten zunächst als Wissenschaftliche Assistentin an der Universität Hannover tätig; seit 2004 lehrt sie Neuere und Neueste Geschichte und ihre Didaktik an der PH Karlsruhe. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen neben der Geschichtsdidaktik und Fragestellungen der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts auf den Feldern der jüdischen Geschichte, der Migrationsgeschichte und der Gender Studies. So hat sie neben Publikationen etwa zur Geschichte des Frauenwahlrechts auch Studien zur Migration sowohl in ihrer globalgeschichtlichen Ausprägung als auch im Karlsruher Kontext vorgelegt.

Weiterführende Hinweise zur Vertiefung des Themas:

  • Die Lehrerin in Schule und Haus, in: Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF, online: https://bibliothekskatalog.bbf.dipf.de/
  • Gerhard Silberer, Die Anfänge einer Lehrerinnenbildung in Baden, in: Lenz Kriss-Rettenbeck/Max Liedtke (Hg.), Regionale Schulentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, Bad Heilbrunn 1984, S. 152-161.
  • Gisela Brühl, Das ‚Prinzessin-Wilhelm-Stift‘ in Karlsruhe – ein Lehrerinnenseminar im Lichte seiner Bibliothek, in: Karlsruher pädagogische Beiträge. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft und Fachdidaktik 35 (1995), S. 105-138.

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