Gespräche am Tor - Karlsruher Begegnungen zu Wissenschaft, Politik und Kultur

Mittler-2026 Foto: FernUniversität
Prof. Dr. Barbara Mittler im Vortrag

Der Erinnerung zum Trotz

Warum China immer noch an Mao glaubt

20. Mai 2026, 18 Uhr
Prof. Dr. Barbara Mittler

Flyer zur Veranstaltung (PDF 286 KB)

Mao als Ikone – die Deutung eines multimedialen Bildensembles

„Woher kommt […] die manifeste Mao-Verehrung, die sicherlich für Deutsche vor dem Hintergrund der Hitlervergangenheit schwierig nachvollziehbar ist?“ Mit dieser Frage brachte Prof. Dr. Barbara Mittler (Professorin für Sinologie an der Universität Heidelberg) das Anliegen der Veranstaltung auf den Punkt, die sich anlässlich des 50. Todestags Mao Zedongs (1893-1976) mit der Entstehung, Entwicklung und dem posthumen Fortbestand des Mao-Kults befasste, der die chinesische Gesellschaft in den letzten fünf Jahrzehnten maßgeblich prägte. Dabei bot die Referentin überraschende multimediale Einblicke, welche die ikonographischen und musikwissenschaftlichen Hintergründe dieses Personenkults plausibel veranschaulichten, indem sie zu einer Reflexion über die „Macht der Bilder“ in ihrer visuellen, musikalischen und textlich-poetischen Ausprägung anregten.

Barbara Mittler bot zunächst einen kaleidoskopartigen Einstieg in die Entstehung und Entwicklung des Personenkults um Mao Zedong, der sich auf beispielhafte Äußerungen aus Kunst (Wang Xingwei, Erró), Zivilgesellschaft (Xu Zhiyong) und KP-Führung (Xi Jinping) stützte. Dabei ging sie der Frage nach, wie sich die über alle politischen und sozialen Milieus feststellbare und auch politische Machtwechsel überdauernde Mao-Verehrung in Gesellschaft und Politik der Volksrepublik erklären lässt. Neben der offiziellen Geschichtsschreibung (正史, zhèngshǐ) schrieben auch die Geschichtsdeutung „von unten“ (野史 yěshǐ) sowie die volksreligiöse Verehrung Maos als „Chairman Buddha“ maßgeblich den Personenkult fort. Den geschichtspolitischen Grundsatz, wonach „jede Erinnerung für eine bestimmte Gegenwart eine bestimmte Funktion“ erfüllt, visualisierte die Referentin mit Verweis auf die bis heute ungebrochene, quasi popkulturelle Bedeutung der Mao-Hymne „Der Osten ist rot“ (东方红, dōngfānghóng, 1942) mit einem audiovisuellen Tanzerlebnis. Dabei zeigte sie den Wandel der erinnerungspolitischen Funktion der Mao-Verehrung auf, die sich aus der fortgesetzten Wirksamkeit und popkulturellen Aneignung der immer gleichen Bildmotive speist – wie z.B. der Visualisierung von Michael Jacksons „Beat It“ im Mao-Stil.

Sodann schilderte Barbara Mittler in einem historischen Überblick zur jüngeren Geschichte Chinas den politischen Aufstieg Maos 1919-1976. Ausgehend von der Vierten-Mai-Bewegung von 1919, dem langwierigen Bürgerkrieg zwischen der nationalchinesischen Kuomintang unter der Führung von Chiang Kai-shek und Maos kommunistischer Bewegung sowie der Gründung der Volksrepublik China (1949) veranschaulichte sie über den „Großen Sprung nach vorn“ (1958–1961) und die Kulturrevolution (1966-1976) den Weg zur technologisch-militärischen Aufrüstung (Abschuss des ersten als „Der Osten ist rot“ titulierten Satelliten), zur internationalen Anerkennung der Volksrepublik im Rahmen der mit Unterstützung vieler postkolonialer afrikanischer Staaten erlangten UN-Aufnahme (1971) sowie zur Annäherung an die USA unter Richard Nixon (1972). Besonders erhellend erwies sich hier erneut die kompetente Deutung der Bildsprache etwa am Beispiel des symbolischen Bedeutungswandels des republikanischen Sun-Yatsen-Anzugs im Zuge seiner Aneignung durch den kommunistischen Führer („Mao-Anzug“). Letztendlich begründeten die Einigung Chinas, die Emanzipation der Volksrepublik gegenüber den Kolonialmächten und die Sozialreformen im Innern die bis heute anhaltende Bedeutung des „Großen Steuermanns“.

In der Tat prägt der posthume Personenkult um Mao Zedong bis heute das gesellschaftliche Leben in der VR China, was Barbara Mittler anhand reichlichen neueren Bildmaterials dokumentierte. Gemäß der Resolution zur chinesischen Geschichte Deng Xiaopings (1981) wurde für die in der Mao-Ära gemachten Fehler die sog. „Vierer-Bande“ verantwortlich gemacht – womit der kurze Moment einer freien und kritischeren Auseinandersetzung mit dem Maoismus beendet war. Die Referentin machte den Fortbestand des Personenkults über Maos Tod (09.09.1976) hinaus durch eine fundierte Einordnung der Bilder in den sich wandelnden machtpolitischen Rahmen von Deng Xiaoping bis zu Xi Jinping verständlich, wobei bspw. die historische Referenz der von Gao Zhen und Gao Qiang entwickelten Bildsprache zu den einschlägigen Gemälden Edouard Manets und Francisco Goyas im 19. Jahrhundert überraschte. Neben der anhand vieler Zeugnisse der zeitgenössischen Kunst nachgewiesenen ambivalenten Deutung Maos schloss der Vortrag mit einem kritischen Urteil über den aktuellen chinesischen Führer: So bleibt in der weitgehend zum Schweigen gebrachten chinesischen Zivilgesellschaft die Selbstüberhöhung Xi Jinpings umstritten, der sich nach Maos Vorbild zum „höchsten Führer auf Lebenszeit“ proklamierte (2018), um unter geschickter Aneignung des multimedialen Repertoires des Mao-Kults dessen Erbe zu beanspruchen und sich selbst zur neuen „roten Sonne des Ostens“ zu verklären – womit er „nicht wirklich erfolgreich“ ist.

Die anschließende Diskussion vertiefte einige Fragen, die der Vortrag beim Publikum aufwarf. So ging es im Zusammenhang mit der geopolitischen Ausrichtung Chinas unter Xi Jinping („Neue Seidenstraße“, Gebietsansprüche im südchinesischen Meer und gegenüber Taiwan) um die Einordnung dieser Expansionsbestrebungen gegenüber den früheren außenpolitischen Prioritäten Chinas. Auch die konkurrierende oder ergänzende Funktion der im heutigen China wirksamen Lehrgebäude (Konfuzianismus, Maoismus und Xi Jinpings Lehren) wurde besprochen. Im Zusammenhang mit der Deutung der Kulturrevolution als revolutionäre Massenbewegung oder machtstrategisch motivierte Manipulation der Massen stellte sich generell die Frage nach dem öffentlichen Umgang mit der Geschichte, nachdem diese mit dem Herrschaftsantritt der KP offiziell als „erfüllt“ erklärt wurde (Xi Jinping). Aufgrund der Kürze der verfügbaren Zeit konnten nicht alle Fragen, die der dichte Vortrag aufwarf, vertieft werden, weshalb die angekündigte Publikation der Referentin (The Art of Reading Mao, s.u.) mit Spannung zu erwarten ist.

Barbara Mittler, Prof. Dr., geb. 1968, studierte in Oxford, Taipei und Heidelberg Sinologie, Musikwissenschaft und Japanisch. Seit 2004 ist sie Professorin für Sinologie in Heidelberg, wo sie das Exzellenzcluster „Asia and Europe in a Global Context“ (seit 2007) und darauf aufbauend das „Centrum für Asienwissenschaften und Transkulturelle Studien“ (CATS, eröffnet 2019) mitbegründete und leitete. Ihre Forschungsarbeit fokussiert auf Fragen von Kulturpolitik in China, Hong Kong und Taiwan. Gegenwärtig leitet sie zwei größere Projekte, die die China-Kompetenz und den Dialog mit der sinophonen Welt befördern sollen: die China-Schul-Akademie (www.china-schul-akademie.de) und den Heidelberger Teil des BMBF-Verbundkollegs zu Epochalen Lebenswelten (www.worldmaking-china.org/projekte/3). Ihre zahlreichen Publikationen zur chinesischen Kultur, Kunstmusik, Literatur, frühen Presse, Kulturrevolution sowie den bildlichen und textuellen Elementen in der Formation von kulturellem Gedächtnis sind mehrfach preisgekrönt worden (bspw. 2012 mit dem Fairbank Prize für ihre Studie zur chinesischen Kulturrevolution). Barbara Mittler ist in mehreren Fachgremien vertreten (bspw. Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften seit 2008, Heidelberger Akademie der Wissenschaften seit 2013) und weilte als Fellow bzw. Gastprofessorin an der Academia Sinica in Taiwan, am Humanities Center der Stanford University und an der EHESS in Paris.

Weiterführende Ressourcen:

  • Barbara Mittler, A Newspaper for China? Power, Identity and Change in Shanghai’s News Media, 1872-1912, Cambridge/Mass. – London 2004.
  • Barbara Mittler, A Continuous Revolution: Making Sense of Cultural Revolution Culture, Cambridge/Mass. 2012.
  • Barbara Mittler, The Art of Reading Mao – The Making of a Global Icon, London [in Vorbereitung].
  • Daniel Leese, Maos langer Schatten. Chinas Umgang mit der Vergangenheit, München 2020.
  • Daniel Leese, Die chinesische Kulturrevolution 1966-1976, München 2016.
  • Felix Wemheuer, Mao Zedong, Reinbek b. Hamburg 2010.
  • Sabine Dabringhaus, Mao Zedong, München 2008.
  • Ge Zhaoguang, Wann debattierte China darüber, was China ist?, in: Daniel Leese/Shi Ming (Hg.), Chinesisches Denken der Gegenwart. Schlüsseltexte zur Politik und Gesellschaft, München 2023, S. 50-74.
  • Tiziano Terzani, Ein Fremder unter Chinesen. Reportagen aus China, Reinbek b. Hamburg 1984 (ital.: La porta proibita, Milano 1984).
  • Centrum für Asienwissenschaften und Transkulturelle Studien, Universität Heidelberg, online: https://www.hcts.uni-heidelberg.de/de .
  • China-Schul-Akademie, Universität Heidelberg, online: https://www.china-schul-akademie.de/ (insbes. Plattform ChinaPerspektiven).
  • China Spektrum. Debatten jenseits der offiziellen Regierungslinie, online: https://merics.org/de/china-spektrum .
  • Project Echowall, Universität Heidelberg, online: https://www.echo-wall.eu/ .

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