Gespräche am Tor - Karlsruher Begegnungen zu Wissenschaft, Politik und Kultur

Frank Engehausen im Vortrag Foto: FernUniversität
Frank Engehausen im Vortrag

220 Jahre nach der Rheinbundgründung

Baden zwischen liberalem Musterstaat, NS-Herrschaft und Nachkriegsföderalismus

15. Juli 2026, 18 Uhr
Prof. Dr. Frank Engehausen

Flyer zur Veranstaltung (PDF 142 KB)

Badens doppelter Verlust: Abrupte Aufkündigung der liberalen Tradition und schrittweiser Entzug der politischen Eigenständigkeit

Nach der eingangs deutlich gemachten Absage an jeglichen „historischen Lobgesang regionaler Liberalität“ bot Frank Engehausen (Historisches Seminar, Universität Heidelberg) „eine eher nüchterne, vergleichende Einordnung“ der badischen Geschichte von der Rheinbundakte bis in die zweite Nachkriegszeit hinein. Dieser in sieben Etappen strukturierte „Ritt“ durch 220 Jahre Regionalgeschichte behandelte, jeweils mit Seitenblick auf die gesamtdeutsche Entwicklung, zunächst die Gründungs- bzw. Ausbauphase des badischen Staatswesens nach seiner Erhebung zum Großherzogtum infolge der Rheinbundakte von 1806, um sich dann der Verfassungsgebung von 1818 sowie dem Vormärz und der Revolution von 1848/49 zuzuwenden.

Der enorme territoriale und demographische – respektive vierfache und fast sechsfache – Zugewinn des Rheinbundstaats generierte einen erheblichen Reformdruck, der sich in einer grundlegenden, zum Teil am französischen Vorbild orientierten Modernisierung vor allem im Verwaltungs-, Finanz- und Rechtsbereich niederschlug. Im Gegensatz zur zeitgleichen preußischen Reformära ebnete die badische Reformpolitik den Weg in den Verfassungsstaat, wie er 1818 durch das großherzogliche Oktroi vollzogen wurde. Das in diesem konstitutionellen System vorherrschende und zunehmend eskalierende Spannungsverhältnis zwischen monarchischem Prinzip und Volkssouveränität führte im Baden des 19. Jahrhunderts zu „einigen markanten Sonderentwicklungen, die den Nährboden des Narrativs eines liberalen Musterlandes bilden.“ Dabei spielte vor allem die sich im Klima einer weitgehend liberalen Pressegesetzgebung entfaltende politische Öffentlichkeit eine Rolle, durch die der badische Landtag und die Verfassung von 1818 eine überregionale Ausstrahlung als Hort der gesamtdeutschen Liberalität erlangten. Diese lebhafte, von Parteiendifferenz gekennzeichnete politische Kultur mündete in der Dynamik der Revolution von 1848/49 in eine weitere badische Sonderentwicklung, in der sich der unversöhnliche Konflikt zwischen Liberalen und radikalen Demokraten entlud, der sich mit dem bisherigen Narrativ des liberalen Musterstaats allerdings nicht ohne Weiteres vereinbaren ließ.

Als weitere Etappen seiner historischen Analyse sprach Engehausen die Rolle Badens bei der Reichsgründung von 1871 und seine Entwicklung im Kaiserreich, die Revolution von 1918/19, Baden im Nationalsozialismus sowie den Verlust der föderalen Eigenständigkeit im Zuge der Gründung des Südweststaats 1952 an. Die infolge des revolutionären Traumas von 1848/49 „domestizierten“ badischen Nationalliberalen trugen 1871 die unter preußischer Führung orchestrierte Reichseinigung mit, obwohl Baden im preußisch beherrschten Kaiserreich einen großen Teil seiner politischen Eigenständigkeit verlor. Anschließend unterstützten die Nationalliberalen, die fast das gesamte Kaiserreich hindurch (zuletzt dank des „Großblocks“ mit Linksliberalen und Sozialdemokraten, der auch als Modell für die Reichspolitik diskutiert wurde) in Regierungsverantwortung standen, die Reformpolitik Großherzogs Friedrich I. (Regierungszeit 1856-1907), wodurch Baden im Reichsgefüge – trotz der Schärfe des dortigen Kulturkampfes und mancher konservativer Akzente (verzögerte Demokratisierung des Wahlrechts) – abermals zu einem „liberalen Musterland“ avancierte.

Die Revolution von 1918/19 und der Übergang zur Weimarer Republik markierten mit der zunehmenden staatlichen Zentralisierung eine weitere Verengung der politischen Eigenständigkeit Badens wie auch das Ende von dessen liberalen Ära im „langen 19. Jahrhundert“. Im Übergang zum Nationalsozialismus zeichnete sich bei den Reichstagswahlen von 1930 und 1932 bereits mit dem Reichsdurchschnitt vergleichbare Ergebnisse für die NSDAP in Baden ab: „Wehrhafter als die deutsche Demokratie insgesamt war die badische auch nicht.“ Dies zeigte sich auch in der besonderen öffentlichen Inszenierung der nationalsozialistischen Machtübernahme in Karlsruhe („Schaufahrt nach Kislau“), bei der „die badische Regierung […] kein gutes Bild abgab“. Auch ist in der weiteren regionalen Entwicklung bis zur Gleichschaltung der Länder keinerlei badische, etwa auf die so gefeierte liberale Tradition gegründete Resilienz gegen den Nationalsozialismus erkennbar. In diesem Zusammenhang widerlegte der Referent plausibel das lange vorherrschende „Entlastungsnarrativ“ eines gemäßigteren Verlaufs des Nationalsozialismus in Baden, dessen Repressionsapparat gemäß der neueren Forschung hingegen in Baden „besonders effektiv arbeitete“.

Das faktisch bereits im Nationalsozialismus herbeigeführte Ende der badischen Eigenstaatlichkeit wurde nach 1945 durch die territorialen Vorentscheidungen der alliierten Besatzungspolitik besiegelt, die den Weg zur 1952 vollzogenen Gründung Baden-Württembergs ebneten. In diesem Kontext analysierte Engehausen die komplexe Motivlage der badischen Gegner des Südweststaats, die bspw. in der Sorge der katholischen Mehrheit vor einer religiös-kulturellen Marginalisierung durch die überwiegend protestantischen Württemberger oder in der Furcht möglicher „Fusionsverlierer“ vor dem Verlust von wirtschaftlichem oder politischem Einfluss gründete. Zugleich mangelte es der badischen Identität an einer plausiblen historischen Begründung, denn „einen liberalen Sonderweg, den man zum Nutzen Badens oder vielleicht sogar ganz Deutschlands hätte fortsetzen können, gab es 1952 schon seit geraumer Zeit nicht mehr.“ Und selbst diese im Liberalismus des 19. Jahrhunderts gründende Traditionslinie hatte nie einem badischen Selbstzweck gedient, sondern immer auf eine Verbesserung der politischen Verhältnisse in Gesamtdeutschland gezielt – wie der Referent in seiner abschließenden historischen Korrektur einer in Baden spielenden „Tatort“-Folge veranschaulichte (Tatort 935: Château Mort, 2015).

Die anschließende Diskussion vertiefte manche der beschriebenen Etappen der badischen Geschichte, in der sich mit den Zäsuren von 1871, 1918/19, 1933/34 und 1945 eine fortschreitende Einschränkung der politischen Eigenständigkeit Badens ergab. Im Zusammenhang mit dem im 19. Jahrhundert begründeten sprichwörtlichen badischen Liberalismus stellte sich abermals die Frage, warum diese Tradition keine Wirksamkeit gegen den Aufstieg des Nationalsozialismus entfaltete. Demgegenüber wurde aber auch der im Unterschied zu den Hohenzollern ganz andere Umgang der badischen Dynastie mit den Nationalsozialisten herausgestellt. Schließlich hinterfragte man die Legitimität der den Südweststaat begründenden Volksabstimmung von 1951, deren „Wahlkreisgeometrie“ das Bundesverfassungsgericht nachträglich beanstandete.

Frank Engehausen, Prof. Dr., geb. 1963, lehrt Neuere Geschichte am Historischen Seminar der Universität Heidelberg. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der nationalen und südwestdeutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und hier insbesondere auf der Revolution von 1848/49 und der Zeit des Nationalsozialismus.

Weiterführende Hinweise zur Vertiefung des Themas:

  • Frank Engehausen, Die Revolution von 1848/49, Paderborn 2007.
  • Frank Engehausen, Kleine Geschichte des Großherzogtums Baden 1806-1918, 3. Aufl. Karlsruhe 2012.
  • Frank Engehausen/Sylvia Paletschek/Wolfram Pyta (Hg.), Die badischen und württembergischen Landesministerien in der Zeit des Nationalsozialismus, Stuttgart 2019.
  • Frank Engehausen, Tatort Heidelberg. Alltagsgeschichten von Repression und Verfolgung 1933-1945, Frankfurt a.M./New York 2022.

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