Tausend Plattformen: Plattformforschung nach dem Digital Services Act

Veranstalter: Jun.-Prof.‘in Dr. Jennifer Eickelmann, Dr. Thorben Mämecke

07.-08. November 2024 in Berlin


„Panopticon“, „Plateau“‚ „Plattform“… bedeutungsgeladene Begriffsfiguren sind in der kritischen Medienforschung so allgegenwärtig, wie die ständige Wiederkehr der immer gleichen Phänomene auf die sie bezogen werden. Das bloße Perpetuieren eben solcher Begriffsfiguren läuft jedoch nicht nur Gefahr Gemeinplätze zu produzieren, sondern verkennt auch die Dynamiken der zugrundeliegenden Phänomenbereiche. Dies zumindest dann, wenn diese nicht stetig angesichts ihrer sozialen und politischen Einbettungen samt entsprechender Transformationen neu befragt und mit empirischen Wissen überprüft werden.

So hat der metaphorische Begriff der Plattform, wie er von Tim O’Reilly zu Beginn der 2000er Jahre geprägt wurde, der Öffentlichkeitswirksamkeit von Social Media Unternehmen in die Hände gespielt. Dies nicht zuletzt deswegen, weil er suggeriert, es handele sich um neutrale, flache, an sich eigenschaftslose, egalitäre wie offene Kommunikationsumgebungen. Darüber hinaus kaschiert er ökonomisch oder politisch motivierte Einflussnahmen auf das Kommunikationsgeschehen. Zahlreiche wissenschaftliche sowie zivilgesellschaftliche Perspektivierungen und Forschungsprojekte hatten entsprechend seitdem auf den ideologischen Charakter ebendieser Metaphorik hingewiesen und Plattformen entsprechend in vielfältiger Art und Weise problematisiert.

Mit dem Digital Services Act sind im Februar dieses Jahres nun nicht nur die destruktiven Potenziale ihrer gesellschaftspolitischen Relevanz erstmals umfänglich juridisch anerkannt worden, sondern Plattformen sind nun auch erstmals dazu verpflichtet sich der wissenschaftlichen Forschung zu öffnen.

Wir möchten dies zum Anlass nehmen, uns den Plattformen noch einmal aus den sich nun eröffnenden neuen Perspektiven zuzuwenden. Dazu nehmen wir aktuelle Transformationsdynamiken mit Blick auf Begriffe, methodische Perspektiven der Plattformforschung sowie auch konkrete Phänomenbereiche im Feld der Regulierung, sozialen Praxis und Politisierung von Plattformen in den Fokus der fünften Jahrestagung des FSP digitale_kultur.

Programm

  • Begriffe ermöglichen Zugänge zu Phänomenen, sind performativ aber ebenso an der Konstitution von Phänomenen beteiligt. Dabei schwingen in spezifischen ökonomischen, sozialen und politischen Kontext immer auch spezifische Begriffsimplikationen mit. Das Panel zielt darauf ab, aktuelle Begriffe wie z.B. ‚Sicherheit‘, ‚Vertrauen‘ und ‚Transparenz‘. im Plattformkontext vertiefend zu diskutieren und populäre Begriffe der Plattformforschung einer kritischen Relektüre unterziehen.

  • Dark Design Patterns, Doomscrolls, Rage farming, User Engagement, Retention Messages, Infinity Reels, Intermittent Reinforcement – der psychopolitische Werkzeugkasten von Social-Media-Plattformen ist vielfältig, wenn es darum geht, Nutzer*innen zu bestimmten Handlungen zu bewegen. Der Fokus dieses Panels soll auf Apps und IoT-Environments liegen, die vergleichbare soziotechnische Steuerungs- und Kontrolltechniken auf soziale Praxen außerhalb der Social Media übertragen. Beispiele können plattformisierete Workplace Sourveillance-, Mobilitätsmanagement-, New-Learning-, eHealth-Systeme oder Augmented-Gaming-Apps sein.

  • Das Panel behandelt die Verantwortung großer Plattformen für systemische Risiken unter dem Digital Services Act. Dabei soll beleuchtet werden, ob die neue Kategorie der systemischen Risiken, zu denen bspw. die Beeinflussung der gesellschaftlichen Debatte gehört, dazu beitragen kann, Plattformen für gesellschaftlich relevante Gefährdungen zur Verantwortung zu ziehen und für unabhängige Forschungsprojekte zu öffnen. Ziel ist eine kritische Analyse des Regulierungsansatzes des DSA und der beteiligten und adressierten Akteure.

  • Neben der juridischen Regulierung von Plattformen sind auch zivilgesellschaftliche Initiativen, Projekte und Praktiken von Relevanz. Im Kontext zivilgesellschaftlicher Politisierungen von Plattformen geht es nicht zuletzt um Problematisierung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit entlang intersektionaler Differenzkategorien entlang algorithmisierter Aufmerksamkeitsmärkte. Davon ausgehend fokussiert das Panel auf konkrete Formate, Ästhetiken und Praktiken zivilgesellschaftlicher Gegenstrategien im Kontext Sozialer Medien.

  • Das Frontend der Plattform ist ein hochgradig technifizierter und interaktiver Sozialraum. Im Forschungsprozess erscheint uns ebendieser nicht als stiriles Forschungsobjekt, sondern jede Beobachterin wird notwendigerweise durch eigene Datenspuren, algorithmische Aufmerksamkeitsmärkte und interaktive Dynamiken aktiv in das Geschehen involviert. Damit gehen besondere method(olog)ische Herausforderungen und Fragen einher. Handelt es sich bei Plattformen um Forschungsfelder‚ Gegenstände‘ der Forschung oder gar ‚Instrumente‘?

  • „Rhizome“ is a Dancer… [tba]