Arbeitskreis Hagen postkolonial

Collage: Mike Glüsing

Hagen liegt nicht am Meer. Kein Kolonialministerium war hier angesiedelt, und die großen Entscheidungen im internationalen Handel wurden anderswo getroffen: nicht zwischen Ruhrgebiet und Sauerland, sondern in Zentren wie Berlin, Hamburg oder Bremen, bei denen das koloniale Thema auf der Hand liegt.

Und doch zeigt gerade ein dezentrales Beispiel wie Hagen besonders deutlich, welche vielfältigen Verbindungslinien zwischen Stadtgeschichte und Kolonialgeschichte bestanden, vor allem zwischen etwa 1850 und 1960. Koloniales Denken und Handeln waren im Alltag fest verankert. Koloniale (Krieger-)Vereine, Völkerschauen, unternehmerische Tätigkeit in Übersee, Auswanderung, die Entsendung von Missionaren und Kolonialbeamten, Alltagsrassismus, Straßenbenennungen und revisionistische Ansprüche verdeutlichen, dass koloniales Denken keine bloße Randnote von Stadtgeschichte ist.

Hagen ist somit Teil von einer postkolonialen Geschichte im Ruhrgebiet und in ganz Nordrhein-Westfalen.


Zu diesen Facetten wurde im November 2018 ein Seminar an der FernUniversität in Hagen abgehalten. Die 25 TeilnehmerInnen des Seminars haben die „lokale Kolonialgeschichte“ Hagens erforscht und 34 Beiträge zu einer Publikation verfasst, die am 17. September 2019 erschienen ist:

Fabian Fechner/Barbara Schneider (Hg.): Koloniale Vergangenheiten der Stadt Hagen, Hagen 2019.
Das Inhaltsverzeichnis dieser 146-seitigen Publikation (PDF 2 MB)

Am 12. Dezember 2019 wurde außerdem der Stadtplan „Koloniale Spuren in Hagen“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Auf ihm sind 21 „koloniale“ Orte verzeichnet, die die Forschungsergebnisse der Publikation anschaulich zusammenfassen.

Ein Buch oder einen Stadtplan können Sie direkt in der HAGENinfo (Körnerstraße 25, gegenüber vom Sparkassen-Karree in Hagen) abholen. Alternativ können Sie sich unter Angabe einer Postanschrift an die Adresse hagen.postkolonial wenden. Der Stadtplan ist kostenfrei erhältlich, das Buch wird gegen eine Schutzgebühr von 1 Euro abgegeben.


Abbildung: FernUniversität

Am 10. Juni 2021 wurde zur „Kolonialgeschichte vor Ort“ eine weitere Publikation vorgestellt:

Fabian Fechner/Barbara Schneider (Hg.): Fernes Hagen. Kolonialismus und wir, Hagen 2019.
Das Inhaltsverzeichnis dieser 123-seitigen Publikation (PDF 5 MB)

Exotisches liegt in der Ferne – könnte man meinen. Doch sind Kolonialismus und Stadtgeschichte häufig eng miteinander verschränkt, so auch in Hagen. In der Publikation „Fernes Hagen“ werden diese Verbindungen in sechs Aufsätzen diskutiert: An der Selbstdarstellung einiger Hagener Unternehmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist sichtbar, wie wirkmächtig exotisierende und koloniale Bildtraditionen und Vorurteile sind. Im Hasper Schulalltag waren die deutschen „Schutzgebiete“ durch zeitgenössische großformatige Wandbilder präsent. Auch im Sammlungswesen in der Stadt und in militärischen Vereinen sind die Verbindungen zwischen Hagen und Kolonialgebieten deutlich. Die Biographien von zwei Hagener Ethnologen, Heinrich Wieschhoff und Burkhart Waldecker, verbinden Westfalen mit Afrika. Ausgewählte Sammelobjekte aus dem Nachlass eines Hagener Missionars werden vorgestellt und machen die Verbindung zwischen Ostafrika und Nordrhein-Westfalen materiell greifbar.

Die Artikel sind thematisch mit einer gleichnamigen Ausstellung verzahnt, die im Rahmen des 275. Hagener Stadtjubiläums Ende 2021 in der Universitätsbibliothek gezeigt werden soll. Es gibt bereits zahlreiche Ansätze, den lokalen Kolonialismus in Ausstellungen aufzuarbeiten. Einen ersten Einblick bieten dreizehn Berichte zu solchen Ausstellungen, die in den letzten zwanzig Jahren gezeigt wurden. Daneben wird eine Übersicht der 28 bislang gelaufenen Ausstellungen geboten, die einen „Kolonialismus vor Ort“ aufarbeiten.

Die Publikation ist kostenfrei erhältlich. Senden Sie bei Interesse an einem gedruckten Exemplar einfach eine Postanschrift an

E-Mail: hagen.postkolonial

Zudem besteht derzeit die Möglichkeit, sich ein Exemplar in der „Buchhandlung am Rathaus“ in der Marienstraße in Hagen abzuholen.

Kontakt bei Rückfragen: hagen.postkolonial@outlook.de


Presse:

Rezensionen:

Beiträge zum Thema "Hagen postkolonial" von Mitgliedern des Arbeitskreises:

  • Pascal Hirschberg: Der Reichskritikus spricht – Der Abgeordnete Eugen Richter als kolonialpolitischer Skeptiker, in: HagenBuch 2021. Impulse zur Stadt, Heimat- und Kunstgeschichte, S. 117-127.
  • Barbara Schneider: Gaumenfreuden aus fernen Ländern. Kolonialwaren in Hagen – einige sozialgeschichtliche Beobachtungen, in: HagenBuch 2021. Impulse zur Stadt, Heimat- und Kunstgeschichte, S. 129-136.
  • Fabian Fechner: Statt „Gründervätern“ und „Kolonialhelden“: Biographische Potenziale zur Erforschung und Vermittlung eines regionalisierten deutschen Kolonialismus, in: Sebastian Bischoff/Barbara Frey/Andreas Neuwöhner (Hg.): Koloniale Welten in Westfalen (Studien und Quellen zur Westfälischen Geschichte, Bd. 89) Paderborn 2021 [im Druck].
Karin Gockel | 15.06.2021