Forschungsprojekte

laufend

  • Globale Wissenszirkulation und die Verwaltung der außereuropäischen Missionsgebiete: Das Beispiel des Jesuitenordens in Südamerika (Quellenedition und einleitende Studie)

    Die Dynamik weltumspannender Informationsnetzwerke ist zu einem der bestimmenden Themen der Frühneuzeitforschung geworden. Dadurch werden die Grenzen der örtlich fokussierten Fallstudien und imperienbezogenen Blickwinkel geweitet. Dabei bieten die verschiedenen kolonialen Akteure in Mittel- und Südamerika besonders frühe und ergiebige Quellenbestände zu den Großthemen Kommunikation und Administration. Die rasche und andauernde iberische Expansion wurde von einer Ausdifferenzierung von Dokumenttypen begleitet, die auf unterschiedlichen Ebenen ein konstitutives und strukturierendes Element der Kolonisierungsprozesse waren.

    Die Missionsorden nahmen bei der Produktion und Zirkulation von Informationen über die neu entdeckten Gebiete eine entscheidende Rolle ein. Einerseits produzierten die Missionsorden Informationen aus unterschiedlichsten Themenbereichen, wodurch sie Formen (proto)wissenschaftlicher Informationen konfigurierten, die ein Bewusstsein von Globalität schaffen und Ende des 18. Jahrhunderts eine Ausdifferenzierung der Wissenschaften befördern würden. Andererseits etablierten die Missionsorden systematische Informationsflüsse, um interne Abläufe reibungslos zu gestalten und eine effiziente politisch-administrative Entscheidungsfindung zu gewährleisten. Missionsorden wie die Gesellschaft Jesu wurden vermehrt in dieser Hinsicht untersucht, was vor allem durch die dichte Überlieferung aus drei Jahrhunderten ermöglicht wurde. Die Jesuiten waren hinsichtlich der modernen Interkonnektivität, wie Luke Clossey herausgestellt hat, überaus anpassungsfähig, überraschend dezentral und auch multilateral ausgerichtet.

    Das Ziel des Forschungsaufenthalts in Hagen ist abschließender Teil eines größeren Forschungsvorhabens über ein Quellenkorpus, das von den Jesuiten für die Verwaltung und den Informationsfluss in Übersee geschaffen worden war. Das Projekt beinhaltet eine systematische Untersuchung bislang praktisch unbekannter Quellentypen über die Kommunikation zwischen Missionsgebieten in Südamerika und den europäischen Zentren und die damit verbundenen Entscheidungsprozesse. Ausgehend von einer Analyse exemplarischer, umfangreicher Einzeldokumente zielt das Projekt auf einen innovativen Vergleich von Kommunikationsprozessen in Südamerika, Nordamerika, Indien und Japan. Allen Quellen ist gemeinsam, dass es sich um ortsspezifische, handgeschriebene Gesetzessammlungen handelt, die in ihrer Zeit explizit nicht zur Veröffentlichung gedacht waren, um das Ideal einer homogenen und universalen Gesellschaft Jesu in der Außenwirkung aufrecht zu erhalten. Oftmals werden in der Kulturkontaktforschung zu Missionsorden – wenn überhaupt legislative Dokumente hinzugezogen werden – die gedruckten römischen Gesetzestexte konsultiert, was ortsspezifische Anpassungsprozesse und zentrifugale Verwaltungstendenzen ausblendet.

  • Von Pyritz nach Vava'u. Auswanderung von Pommern nach Polynesien und Bildung einer transkulturellen Diaspora von German Pacific Islanders

    Im Kern des Projektes steht die Geschichte von 25 Auswanderern aus Pommern nach Polynesien und die ihrer Nachfahren bis heute. Sie wird in mehreren Schritten erzählt. Zunächst geht es um die Menschen, zu einem guten Teil Mitglieder miteinander verwandter und verschwägerter Familien, die mehrheitlich aus dem kleinen pommerschen Städtchen Pyritz stammten. Nach und nach machten sie sich zwischen etwa 1850 und dem Ersten Weltkrieg auf den Weg nach Ozeanien, genauer gesagt auf die Vava'u-Inseln im Norden des Tonga-Archipels. Die Migration dorthin und das Leben in der Südsee zwischen deutschen Traditionen und den Gegebenheiten der polynesischen Residenzgesellschaft sind zweiter Kernpunkt des Vorhabens. Die Menschen des Samples wurden auf Tonga heimisch, und viele Nachfahren leben bis heute in der Inselgruppe. Andere wanderten im Laufe des 20. Jahrhunderts weiter und zerstreuten sich in andere pazifische Regionen.

  • Was Friedhöfe und ihre Grabsteine erzählen. Leben, Sterben und Erinnern in der deutschen Auslandsgemeinde in Bangkok.

    Friedhöfe und ihre Grabsteine erzählen Geschichten vom Leben und Sterben der Menschen, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben. Sie berichten von Geburtsort, Beruf, Alter, Lebensumständen und Familienverhältnissen der Verstorbenen. Damit sind sie ein Kristallisationspunkt historisch relevanter Informationen, ein "Überrest" geschichtlicher Ereignisse. Sie bergen in sich jedoch darüber hinaus auch das Potential eines Erinnerungsortes, der für eine Gemeinschaft von Menschen ein Maß an Bedeutung und identitätsstiftender Symbolik besitzt, der seine Gegenständlichkeit weit übersteigt.

    Im Mittelpunkt des Projektes steht der protestantische Friedhof in Bangkok. Wir verstehen ihn konzeptionell als einen – materiellen, aber auch immateriellen - "Lieu de mémoire" im Sinne des Ansatzes von Pierre Nora und der Arbeiten zu Deutschland und Europa, die sich von ihm inspirieren ließen. Anders als es vor allem bei Nora, aber weitgehend auch in den übrigen Sammelwerken der Fall ist, hat unser Vorhaben keinen nationalen Bezugsrahmen. Uns geht es um eine quer zu Grenzen lebende transnationale und -kulturelle Gemeinschaft. Wir nähern ihr uns mit Hilfe von Friedhof und Grabsteinen in mehreren Schritten und mit verschiedenen Perspektiven. Wir legen einen Weg zurück, der vom Materiell-Gegenständlichen zum Immateriell-Symbolischen, von der Realität zur Identitätsstiftung und vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis führt.

    Manche Grabsteine lassen erkennen, dass die Toten integriert waren in ihre Residenzgesellschaft. Prächtige Grabsteine erlauben Rückschlüsse auf Wohlstand und sozialen Status. Die Namen thailändischer oder chinesischer Frauen oder auch Gräber aus einer Familie über mehrere Generationen künden von lokaler Verwurzelung. Bei einigen der Verstorbenen lag schon ihr Geburtsort nicht in Deutschland, sondern in Südostasien. Andere starben nicht in Bangkok, sondern in einem Nachbarstaat Thailands und sind doch in dessen Hauptstadt beerdigt. Dies führt uns in einem ersten Schritt zu der Annahme, die es in dem Projekt zu untermauern gilt, dass der protestantische Friedhof in Bangkok mehr ist als ein Kristallisationspunkt individueller historischer Lebensdaten. In ihm konkretisiert sich die Geschichte einer Gemeinschaft, und zwar vermutlich sogar einer diasporischen Gemeinschaft. Es spricht einiges dafür, dass Bangkok Eckpunkt einer Handels- und/oder Arbeitsdiaspora und der protestantische Friedhof ein Ort war, in dem sich diese Situation abbildete. Die Grabsteine, so unsere Annahme, zeigen, inwieweit die Bangkok-Deutschen in transkulturelle Netzwerke eingebunden waren und welche Gestalt diese Netzwerke hatten.

abgeschlossen

24.08.2020