
ein Gastbeitrag von Jenson Göb, LG Digitale Transformation in Kultur und Gesellschaft
Mit dem zunehmenden Einzug generativer KI in den Hochschulalltag, sowohl in der Forschung als auch in der Lehre, offenbaren sich Bruchstellen grundlegender Konzeptionen wissenschaftlichen Arbeitens, die uns vor theoretische, praktische und nicht zuletzt prüfungsrechtliche Herausforderungen stellen. Eine Figuration, in der sich diese Herausforderungen verdichten, ist die der Autor*innenschaft. Wie lässt sich eine Textproduktion, z.B. in Form einer Hausarbeit, noch bewerten, wenn Nutzungspraktiken im Zusammenhang mit generativer KI sich etablieren und Grenzen zwischen menschlicher und maschineller Handlungsträger*innenschaft verschwimmen? Tradierte Verfahrensweisen des Hochschulbetriebs, wie eine formale Eigenständigkeitserklärung als prüfungsrechtliche Grundlage der Bewertbarkeit schriftlicher Leistungen, geraten im Zuge der Virulenz von ChatGPT und Co. zunehmend unter Druck.
Ein Blick in theoretische Diskurse der Geistes- und Sozialwissenschaften zeigt uns, dass ein klassisches Verständnis von ‚eigenständiger‘ Autor*innenschaft als grundlegendes Prinzip der Bewertbarkeit von Textproduktionen nicht erst seit dem Aufkommen generativer KI zur Debatte steht. Vielmehr ist die Philologie spätestens seit dem Aufkommen des (Post-)Strukturalismus mit der Frage nach den Bedingungen und Funktionsweisen von Autor*innenschaft beschäftigt. So lässt sich beispielsweise mit Michel Foucault von Autor*innenschaft als einem Dispositiv – also als machtvolle Anordnung sprachlicher wie nicht-sprachlicher Elemente – sprechen, das letztlich die strategische Funktion der Festschreibung von Bedeutung erfülle[1].
Eine Relationierung und Dezentrierung von Autor*innenschaft setzt sich auch in Perspektiven der interdisziplinären Science and Technology Studies (STS) fort. Mit dem dortigen Fokus auf wechselseitige empirische Bedingtheiten von menschlicher Handlungsträger*innenschaft und der produktiven Materialität technischer Apparaturen lässt sich Autor*innenschaft als ein Netzwerk aus menschlichen wie nicht-menschlichen Handlungsquellen begreifen[2]. Oder anders ausgedrückt: erkennen wir ein mediales Apriori an und folgen der Annahme, dass die Medien unseres Schreibens mehr sind als bloße Container unserer Gedanken, geraten die Bedingungen unserer Wissensproduktion in den Fokus. Handlungsfähigkeit erscheint uns dann als konstitutive Un/Eigenständigkeit in soziotechnischen Gefügen, insofern die relationalen Verfasstheiten digitaler Kulturen Handlungen eines Subjekts stets bedingen. Was kann Autor*innenschaft dann noch bedeuten?
Ohne an dieser Stelle eine konkrete Antwort liefern zu können, lässt sich aus den aktuellen Herausforderungen durch den Einsatz generativer KI in Schreibprozessen vielleicht eine produktive Einsicht gewinnen: die kulturell etablierte Rückführung von Handlungen auf solitäre Adressen erscheint angesichts der konstitutiven Vernetztheit in digitalen Kulturen immer weniger haltbar. Generative KI als eine uns verhältnismäßig neu erscheinende Ko-Akteurin in Schreibprozessen wirft in dem Zuge ein Brennglas auf eine noch grundlegendere Frage, über die es sich nachzudenken lohnt: wie können wir Begriffe der Handlungsträger*innenschaft – und damit einhergehend der Verantwortung – mit einer relationalen Perspektive (neu) denken und handhaben? Und wo können Bruchstellen in der prüfungsrechtlich etablierten Adressierung eines solitär verantwortlichen Subjekts, die durch den Einzug generativer KI in den Hochschulalltag offen zutage treten, vielleicht Ausgangspunkte eines neuen bzw. anderen Konzeptes von Autor*innenschaft sein? Womöglich führt uns die Suche nach Antworten zunächst zu neuen Fragestellungen, denen nicht mehr ein unbedingtes ‚Wer‘, sondern ein für die Relationalität und Prozessualität unserer Handlungen sensibles ‚Wie‘ voransteht.
[1] vgl. Foucault, Michel. 1978. Dispositive der Macht: Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve Verlag. / Foucault, Michel. 2000. „Was ist ein Autor?“ S. 198–229 in Texte zur Theorie der Autorschaft, hrsg. von F. Jannidis, G. Lauer, M. Martinez, S. Winko. Stuttgart: Reclam.
[2] vgl. Schröter, Jens. 2022. „Autorschaft aus dem Blickwinkel der Akteur-Netzwerk-Theorie.“ 625–631, in Grundthemen der Literaturwissenschaft: Autorschaft, hrsg. von M. Wetzel. Berlin, Boston: De Gruyter.
