Innovative Lehrprojekte – Interview mit Dr. Michael Fleermann

Portrait Dr. Michael Fleermann
Foto: Hardy Welsch

In der Reihe „Innovative Lehrprojekte“ stellen wir die Projekte vor, die im Rahmen der Zertifikatsprogramme HD-NRW und E-Teaching-Zertifikat entstanden sind. Dr. Michael Fleermann hat seine Lehrveranstaltung während der Pandemie mit Lehrvideos angereichert, um das Hintergrundwissen der Studierenden zu festigen und durch Umgestaltung der synchronen Phasen zu vertiefen.

Wie bist du auf die Idee zu deinem Projekt gekommen?

Seit einigen Semestern habe ich einen Lehrauftrag an der Fachhochschule Südwestfalen (FH-SWF) für die Kurse Wirtschaftsmathematik und Wirtschaftsstatistik inne. Meine Studierenden absolvieren das berufsbegleitende Verbundstudium „Betriebswirtschaft, Studienrichtung Wirtschaftsrecht.“ Der Lehrauftrag beinhaltet sowohl die Durchführung von Vorlesungen, als auch die Planung, Erstellung und Durchführung von schriftlichen und mündlichen Prüfungen. Normalerweise finden die Veranstaltungen und Prüfungen in Präsenz in den Räumlichkeiten der FH-SWF statt. Aufgrund der COVID-19-Pandemie haben sich diese Lehr- und Prüfungsszenarien jedoch grundlegend geändert. Sowohl die Vorlesungen als auch die Prüfungen finden nun online über die Videokonferenz-Software Zoom und über entsprechende Moodle-Plattformen statt. Mir kam die Idee, die Möglichkeiten der Multimedialität der Veranstaltung zu nutzen, um den Studierenden ein zusätzliches Lernangebot in Form von Lehrvideos zu unterbreiten.

Welche Überlegungen lagen der Umsetzung des Projekts zugrunde?

Die online bereitgestellten Lehrvideos sollten den Studierenden ein tieferes Hintergrundwissen zu den mathematischen Konzepten an die Hand geben. Zusätzlich wollte ich die Videos dazu nutzen, die in den Vorlesungen besprochenen Konzepte im Rahmen von Beispielrechnungen, die in der Vorlesung keinen Platz finden, zum Leben zu erwecken. Der dritte Nutzen, den ich mir durch den Einsatz von Lehrvideos erhoffte, war eine Aktivierung der Studierenden auf der Moodle-Plattform: Es war meine Hoffnung, dass die Studierenden durch die Fragen, die sich eventuell aus den Lehrvideos ergeben, motiviert wären, das Moodle-Forum stärker zu nutzen und sich auszutauschen.

Welche Herausforderungen sind dir während der Planung und der Durchführung begegnet?

Um meine Ideen in die Tat umzusetzen, musste ich mir zunächst spezielles technisches und didaktisches Hintergrundwissen aneignen. Bei der Konzeption und Erstellung der Lehrvideos haben mir drei Fortbildungen an der FernUniversität in Hagen in sehr hohem Maße geholfen: „Einführung in Camtasia“, „Microlearning“ und „Kurze Lehrvideos erstellen – vom Drehbuch zur Produktion“. Camtasia ist eine umfangreiche Software des Herstellers TechSmith, die es erlaubt, hochqualitative und professionelle Bildschirmvideos aufzuzeichnen und generell Videos zu bearbeiten. Letztlich habe ich mich selbst und meine verbalen Erläuterungen per Handy-Kamera aufgezeichnet, simultan meine schriftlichen Erläuterungen auf einem Tablet aufgezeichnet und diese beiden Videos dann in der Software Camtasia zusammengeführt und bearbeitet. Die sogenannte „Post-Production“ (Schneiden, Trimmen, etc.) hat hierbei eine sehr wichtige und zeitintensive Rolle eingenommen. Bei der Konzeption haben mir die anderen beiden oben genannten Fortbildungen geholfen, wobei ich den Begriff des Microlearning kurz erläutern möchte: Microlearning umfasst Lernaktivitäten, die von kurzer zeitlicher Dauer sind (etwa 5 bis 30 Minuten) und kleine inhaltliche Einheiten enthalten. Meine Lehrvideos fallen mit einer Dauer von etwa 15 bis 25 Minuten und vom stofflichen Umfang genau in diese Kategorie. Um die Inhalte zu identifizieren, die ich in den Videos behandeln wollte, musste ich meine gesamte bisherige Vorlesung mit den Lehrskripten abgleichen, welche den Studierenden zur Verfügung gestellt wurden. Dabei habe ich versucht, mir selbst drei Fragen zu beantworten:

  1. Horizontale Erweiterung: Welche Inhalte im Lehrskript werden momentan noch nicht in meiner Vorlesung abgedeckt, stellen aber wichtige Kenntnisse dar, die die Studierenden im weiteren Studienverlauf oder im Berufsleben helfen könnten?
  2. Vertikale Erweiterung: Welche mathematischen Zusammenhänge, die mit den von mir in der Vorlesung besprochenen Konzepten verknüpft sind, werden im Lehrskript nicht dargestellt, würden aber die Ausbildung meiner Studierenden abrunden?
  3. Exemplifizierung: Welche mathematischen Sachverhalte, die ich in meiner Vorlesung behandle, verdienen eine weitere Abhandlung in Form eines Beispiels?

Wie war die Reaktion der Studierenden?

Positiv wurde die hohe Anzahl der von mir insgesamt besprochenen Themen bewertet (acht Videos, ca. zwei bis drei Themen pro Video), und das man sich das Video zu den Themen heraussuchen kann, bei denen man selbst Nachholbedarf sieht. Die Studierenden empfanden es ebenfalls als hilfreich, dass sie die Videos aufgrund ihrer kurzen Länge gut in ihren Alltag integrieren konnten.

Über die Moodle-Plattform kam es durch die Einbindung der Lehrvideos jedoch leider nicht zu einem stärkeren Austausch unter den Studierenden. Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass es einen stärkeren Austausch tatsächlich nicht gab, sondern lediglich, dass jener für mich als Dozent nicht beobachtbar war.

Was planst du noch für die Zukunft im Zusammenhang mit dem Projekt?

Ich bin der Auffassung – auch gestützt durch die positiven Rückmeldungen durch die Studierenden – dass die Einbindung von Lehrvideos in bestehende Lehrveranstaltungen eine hervorragende Möglichkeit darstellt, ein wertvolles zusätzliches Lernangebot zu unterbreiten. Die Studierenden sind in der Lage, diese Lernaktivität frei in ihren Alltag zu integrieren, sie können die Videos nach Interesse auswählen und beliebig oft wiederholen. Gleichzeitig können etwaige Fragen online in Foren geklärt werden, sofern die Studierenden hierzu Bedarf sehen. In meinen künftigen Lehrveranstaltungen werde ich von dem didaktischen Mittel der Lehrvideos mit Sicherheit noch häufiger Gebrauch machen.



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