Aktuelles
Bericht: Postpreußen Seminar in Potsdam und Berlin
[28.01.2026]09. – 11.01.2026, Potsdam und Berlin
Im Rahmen des Postpreußen-Projekts von Agnieszka Pufelska und Felix Ackermann fanden im Januar 2026 parallele Blockseminare an der Universität Potsdam sowie der FernUniversiät Hagen statt. FernUni-Studierende des BA Kulturwissenschaften und MA Geschichte Europas analysierten in Potsdam den Wiederaufbau der Garnisonskirche sowie die Repräsentation von Preußen im neu errichteten Innenstadtensemble. Im Brandenburg Museum für Zukunft, Gegenwart und Geschichte diskutierten Sie, wie die Kurator:innen der dortigen Dauerausstellung Preußen in thematische Schwerpunkte teilten und wie es ihnen gelang, die die Dynastie der Hohenzollern in diese Geschichte zu integrieren, aber als einen Bestandteil unter vielen darzustellen.
In der Potsdamer Gesamtschau wurde ein deutlicher Kontrast sichtbar: die Reprussifizierung der Stadt erfolgt auf kommunaler Ebene auf Initiative von Bürger:innen, die in ihrer Stadt symbolisch gegen das Erbe der sozialistischen Stadt Potsdam ankämpfen. Das neopreußische Wiederaufbauprojekt versucht ein neues Potsdam zu errichten, dass die Bezirksstadt Potsdam symbolisch überwindet. Der architektonische Rückgriff auf das Preußen des 18. und 19. Jahrhunderts ist als Chiffre für eine bessere Zeit im Stadtraum gedacht.
Dieses neopreußische Projekt geht soweit, dass die Garnisonskirche, die Sinnbild der engen ideologischen Verbindung zwischen Militär, Staat und Religion in Preußen zu einem Symbol der Überwindung werden soll. Bewältigt werden soll hier nicht nur das sozialistische Bauerbe, wie es vom DDR-Rechenzentrum in unmittelbarer Nachbarschaft repräsentiert wird. Es soll auch die Kontinuitäts-These vom Nachwirken des preußischen Militarismus und seiner zentralen Rolle beim Pakt zwischen Nationalsozialismus und Wehrmacht überwunden werden. Als hätte es den alten „Geist von Potsdam“ nicht gegeben, wird mit dem Neubau ein neuer „Geist von Potsdam“ herbeigerufen. Obwohl den Sockel der Kirche das Friedens-Gebetvon Assisi neben Deutsch, Französisch und Englisch auch auf Polnisch und Russisch zitiert, wird in der Dauerausstellung die Geschichte der gewaltsamen Annexion Polens durch Preußen und Russland im 18. Jahrhundert ausgespart und allein von Gebietserwerbungen gesprochen.
Im krassen Widerspruch dazu steht die Aussage der Dauerausstellung des Brandenburg Museums. Hier ist Preußen bis zur Unkenntlichkeit ausgeblendet. Für die historische Erzählung des 1990 neu gegründeten Landes spielt nicht nur die Dynastie der Hohenzollern scheinbar kaum eine Rolle. Die Geschichte des Staats Preußen, seiner Armee und seiner Beamtenschaft sind hier kaum noch erkennbar. Draußen Neopreußen, drinnen ein postpreußisches Brandenburg lautet die Diagnose.
Die Analyse der Berliner Innenstadt verändert die Perspektive: das Neubauprojekt der Hohenzollern-Residenz anstelle des Palasts der Republik folgt einer ähnlichen Logik wie der Neubau des Potsdamer Neopreußens. Doch in Berlin geht es anders als in Potsdam nicht um die Stadt, deren Bürger sich eine neue Mitte geben, sondern um die Etablierung der neuen, alten Hauptstadt eines deutschen Nationalstaats. Der Kampf für den Abriss des Palasts der Republik sowie der symbolische Triumph der neobarocken Hülle eines Stadtschlosses waren deshalb so wichtig für die konservative Wende in der Bundesrepublik, weil es in der Debatte nicht um Berlin und seine Einwohner ging. Eine Bürgerbefragung auf Landesebene hätte dem Neubau-Projekt nicht zum Sieg verholfen und die Stadt Berlin hätte auch nicht die finanziellen Ressourcen, um es umzusetzen. Entscheidend ist, dass auch das Berliner Projekt eine Neoprussifizierung vornimmt, ohne eine umfassende Auseinandersetzung mit Preußen auf den Weg zu bringen.
Jeder der gemeinsamen Betreiber entschied sich auf seine Weise dafür, diese Herausforderung nicht anzunehmen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die ein zentraler institutioneller Träger des preußischen Erbes in der Bundesrepublik ist, war mit der Verlagerung der außereuropäischen Sammlungen aus Dahlem beschäftigt und fand nicht die Kraft in der Residenz der Hohenzollern eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte zu führen. Die Stiftung Stadtmuseum erzählt die Geschichte Berlins in einer großen Ausstellung mit Verweis auf preußische Tugenden und Schlaglichter der Geschichte Preußens. Das Motto „Berlin Global“ ist hier ganz ähnlich wie im Brandenburg Musem für Zukunft, Gegenwart und Geschichte Programm für eine Identitätssuche in der Gegenwart, die das Erbe der Hohenzollern nicht mehr neu ordnen muss. Die Humboldt-Universität bringt sich mit wechselnden Ausstellungen in das Neopreußen-Projekt ein und verzichtet dabei bisher auf eine kritische Reflexion der Rolle der Wissenschaften im Preußen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Berliner Innenstadt ist damit ein neopreußischer Projektionsraum, in dem ähnlich wie in Potsdam preußische Fassaden errichtet werden, ohne im Inneren die umfassende und kritische Auseinandersetzung mit Preußen zu führen. Just dieses Preußen-Vakuum in neopreußischen Baukörpern war eine offene Einladung an die Nachfahren der Hohenzollern, die preußische Geschichte auf ihre Weise ins Spiel zu bringen. Die Familie nutzte sie zu weitreichenden Restitutionsforderungen, die sie erst im Frühjahr 2023 aufgaben.
Foto: Felix Ackermann