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Bericht: Postpreußen Seminar in Kostrzyń, Słońsk und Poznań
[13.07.2026]Exkursion, 29.05.-31.05.2026 in Polen
Vom 29. bis zum 31. Mai fand im Rahmen der Seminarreihe Postpreußen: Eine Geschichte der Gegenwart innereuropäischer Landnahme eine Exkursion nach Polen statt, bei der die Studierenden mit Prof. Dr. Felix Ackermann die Orte Kostrzyń, Słońsk und Poznań besuchten. Zusammen mit Dr. Agnieszka Pufelska vom Nordost-Institut Lüneburg und Studierenden der Universität Potsdam suchten sie im Stadtraum Poznańs nach Spuren der Verflechtung preußischer, polnischer sowie jüdischer Vergangenheit. Die polnischen Partnerinnen Dr. Aleksandra Paradowska von der Magdalena Abakanowicz Universität und Dr. Dorota Molińska von der Adam-Mickiewicz-Universität mit ihren Studierenden erweiterten die Gruppe um wichtige polnische Perspektiven. Wir danken außerdem den weiteren Partnern sowie den Förderern der Exkursion: Dem Institut für angewandte Geschichte, Deutsches Kulturforum Östliches Europa, der Sanddorf-Stiftung, der Stiftung Deutsch-Polnische Zusammenarbeit, der Rainer-Bickelmann Stiftung und der Copernicus-Vereinigung.
Ihre Eindrücke haben die Studierenden von der FernUniversität Hagen in einem chronologischen Bericht festgehalten.
Foto: Felix Ackermann
Festung Küstrin
Am Bahnhof Lichtenberg erwartete die ankommenden Studierenden aus Potsdam und Hagen ein Willkommensgruß mit Kaffee und Kuchen. Mit dem Zug fuhren wir daraufhin nach Seelow Grunow, von wo aus ein Bus uns nach Küstrin brachte. Da die Brücke zur Festung Küstrin für eine Überfahrt mit dem Bus nicht geeignet war, überquerten wir die Oder zu Fuß und näherten uns dem ersten Programmpunkt: den backsteinroten Überresten der Festung Küstrin.
Nach einer Einführung in die Bedeutungswandlungen der Festung besichtigten wir in Kleingruppen das Areal, auf dem sich einst eine Stadt mit Schloss, Kirchen und Straßen befand. Als Pompeji Preußens bezeichnet, erscheint es mit Rekonstruktionen und baulichen Überresten verschiedener Zeitschichten als archäologisch jungfräulich und wird vom Wurzelwerk der Bäume zusammengehalten. Überraschend war die Ausgestaltung der Bastion Brandenburg als mit Bänken und jungen Bäumen parkähnlich angelegter Aufenthalts- und Erholungsort, von wo sich ein Blick auf die Oder eröffnet. Petra Rodloff
Słońsk
Der Johanniter-Orden erbaute ab 1480 in Sonnenburg (Polnisch Słońsk) seiner Residenz, eine spätgotische Hallenkirche in Backsteinarchitektur. Als der Kurfürst Joachim II. von Brandenburg 1538 zur lutherischen Lehre übertrat, wurde der brandenburgische Teil des Johanniter-Ordens lutherisch und damit auch die Johanniterkirche. 1626 erhielt die Kirche ein Altarretabel aus Marmor und Alabaster, das möglicherweise aus der Berliner Schlosskapelle stammte. Der Altar macht bis heute den Mittelpunkt der Kirche aus. Nach dem 30-jährigen Krieg wurde Fürst Johann Moritz von Nassau-Siegen Herrenmeister des Johanniter-Ordens. Er ließ 1652-1662 Renovierungsarbeiten in der Kirche durchführen, brachte den Orden zu neuem Ansehen und bewirkte eine Wiederansiedlung in dem kriegsbedingt entvölkerten Gebiet. Ein Brand zerstörte 1814 das hölzerne Dachwerk von Turm und Kirche. An den Wiederherstellungsplänen war Karl Friedrich Schinkel beteiligt, das Ausmaß seines Einflusses ist nicht bekannt. Anfang des 20. Jahrhundert wurden die Gewölbemalereien und Glasfenster erneuert. Am Ende des Zweiten Weltkriegs gingen einzelne bewegliche Gegenstände der Kirche verloren, der Kirchenbau selbst blieb relativ unbeschadet. Die Kirche wurde ab den 1990er Jahren mit Unterstützung polnischer und deutscher Institutionen und Initiativen saniert und restauriert. Die seit 1945 wieder katholische Kirche der nun polnischen Kirchengemeinde zeigt sich heute in einem sehr gut renovierten Zustand. Die deutlich sichtbaren Johanniter-Kreuze an der Kanzel und an Stühlen sowie die hölzernen Wappen der Familien des Ritterordens und die Wappen in den Glasfenstern zeugen von einem einvernehmlich guten Verhältnis zwischen den heutigen Mitgliedern des Ordens und der römisch-katholischen Kirchengemeinde in Słońsk. In einem Gespräch mit dem örtlichen Pfarrer berichtet er von regelmäßigen, gemeinsamen Treffen und Festen der Kirchengemeinde mit Mitgliedern des Johanniter-Ordens. Jutta Wiek
Preußisches Gefängnis und KZ Sonnenburg
Die kleine polnische Ortschaft Słońsk – bis 1945 Sonnenburg – ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Hier befand sich ab 1833 ein preußisches Zellengefängnis. Seine Struktur spiegelte die zum Beginn des 19. Jahrhundert veränderte Vorstellung von Strafe und Strafverfolgung wider. Verurteilte sollten nicht mehr wie zuvor gefoltert und bestraft werden, sondern durch die Gefängnisstrafe und die zu leistende Arbeit zu besseren Menschen werden. Deshalb befanden sich im Gefängnis Sonnenburg verschiedene Werkstätten, in denen die Strafgefangenen unter strenger Aufsicht arbeiten mussten. Anspruch und Wirklichkeit klafften jedoch weit auseinander.
Ein bekannter Gefangener unter den bis zu 800 Inhaftierten war der später als Hauptmann von Köpenick bekannt gewordene Schuster Friedrich Wilhelm Voigt. In den Jahren um 1848 wurden auch Kämpfer für die Unabhängigkeit Polens wie der Philosoph Karol Libelt inhaftiert. Während der Weimarer Republik gehörten Kommunisten wie Max Hölz zu den Insassen. Aufgrund von katastrophalen baulichen und sanitären Verhältnissen wurde das Gefängnis 100 Jahre nach seiner Errichtung 1933 geschlossen.
Nur kurze Zeit später wurde es unter der Herrschaft der Nationalsozialisten als frühes Konzentrationslager erneut in Betrieb genommen und diente von 1934 bis 1945 als Zuchthaus für politische Gegner und während des Zweiten Weltkriegs für Häftlinge der sogenannten „Nacht-und Nebel-Aktionen“, die aus ganz Europa dorthin verschleppt worden waren. Dutzende verstarben aufgrund der unmenschlichen Haftbedingungen. In der Nacht vom 30./31. Januar 1945 verübten Angehörige der SS im Gefängnis Sonnenburg ein Massaker und ermordeten mehr als 800 Häftlinge, bevor sie das Gelände der heranrückenden Roten Armee überließen. Heute befindet sich auf dem Gelände ein Museum, das sowohl über das preußische Gefängnis als auch über das KZ und das Zuchthaus informiert. Damit erinnert die polnische Gemeinde heute an das Leiden und das Schicksal der Häftlinge, die hier bis 1945 litten. Rita Steinforth
Dominsel Poznań
Der erste Halt am zweiten Tag der Exkursion führte uns auf die Dominsel (Ostrów Tumski). Die ehemalige westslawische Burganlage war Residenz von Mieszko I. und wurde das erste Zentrum des neu gegründeten Piastenstaates. Somit wurde der Ort neben Gnesen zum Gründungsort von Polen. Im Jahre 968 wurde auf der Dominsel das erste bischöfliche Bistum Polens unter dem Missionsbischof Jordan gegründet. Reste eines Baptisteriums, einem Becken für die Ganzkörpertaufe, aus dieser frühen Zeit befinden sich in der Krypta des Doms. Der Dom, ein ursprünglich romanisches Bauwerk, wurde vielfach zerstört und immer wieder in zeitlich sich wandelnden Architekturstilen, von der Gotik über dem Barock bis hin zum Klassizismus aufgebaut. Nach der letzten Zerstörung durch die Kampfhandlungen im 2. Weltkrieg erhielt der Dom durch den Wiederaufbau seine heutiges, von der Backsteingotik geprägtes, Aussehen.
Kurz vor der gemeinsamen Besichtigung wurden wir Zeugen einer feierlichen Priesterweihe. Wir erhaschten dennoch einen Blick in das Innere des Doms und konnten die Goldene Kapelle mit dem von Christian Daniel Rauch geschaffenen Denkmal von Mieszko I. und Bolesław I. Chrobry in Augenschein nehmen. Der Weihgottesdienst führte den deutschen Teilnehmern deutlich vor Augen, welche besondere Bedeutung das Christentum in der polnischen Gesellschaft bis heute inne hat. Tatiana Stephanowitz
Jüdische Gemeinde Poznań
Ohne das Wissen, welche Bedeutung das Gebäude der Posener Synagoge in der Vergangenheit hatte, würde man vielleicht vorbeigehen ohne innezuhalten. Der heute unscheinbar wirkende Bau erinnert vor allem durch seine Kubatur an eine größere Geschichte. Was in der Gegenwart wie eine Ruine anmutet, war bei der Errichtung ein selbstbewusstes öffentliches Statement.
Wir hielten vor dem Bau einen Teil unseres Seminars ab, um uns mit der Geschichte und Gegenwart der jüdischen Gemeinde zu beschäftigen. An der Fassade ist über dem Haupteingang die Aufschrift Pływalnia Miejska (Städtisches Schwimmbad) aus der Nachkriegszeit zu erkennen. Die Wehrmacht hatte die 1907 eröffnete Choralsynagoge der Jüdischen Gemeinde kurz nach der Annexion von Poznań und der umliegenden Region in ein Schwimmbad für Wehrmachtssoldaten umgewandelt. Diese Funktion blieb auch nach dem Holocaust, der auch in Poznań das Ende der jüdischen Gemeinde bedeutete, bestehen. Erst 2000 wurde das Gebäude von der Stadt an die nach Kriegsende neu gegründete Gemeinde übergeben. Sie ist bis heute so klein, dass sie sich nicht in der Lage sah, das Gebäude zu halten und es an einen privaten Investor verkaufte.
Wir diskutierten die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Poznań. Dabei wurde deutlich, wie stark politische Herrschaftswechsel das Leben und auch die Identität einer Gemeinschaft prägen und verändern können. Die jüdische Gemeinde in Poznań gehört zu den ältesten in Polen und war über Jahrhunderte in den kulturellen Rahmen des Polnisch-Litauischen Reichs eingebunden. Durch die Eingliederung Poznańs in Preußen im Jahre 1793 veränderte sich die Situation grundlegend. Einerseits brachte die preußische Herrschaft rechtlichen Schutz und neue Möglichkeiten sozialer Integration. Andererseits ging sie auch mit einer stärkeren staatlichen Kontrolle und dem Verlust traditioneller Autonomie einher. Im Zuge des 19. Jahrhunderts wurde Deutsch zur Sprache von Bildung, Verwaltung und sozialem Aufstieg. Dies führte nicht zu einer umfassenden Assimilation der jüdischen Gemeinde Poznańs, sondern zu einer hybriden Identität. Diese war jüdisch, religiös und gemeinschaftlich weiterhin eigenständig, aber gleichzeitig stark durch die deutsche Sprache und preußische Institutionen geprägt. Genau diese Konstellation wurde für viele Juden Poznańs nach 1918 zum Problem. Von polnischer Seite wurden sie häufig als kulturell deutsch wahrgenommen, auch wenn sich die Gemeinde selbst nicht explizit als deutsch oder preußisch verstanden hatte, sondern versuchte, sich zwischen der polnischen und der preußischen Seite einen eigenen Weg zu finden. Noël Charrier
Wilhelmsplatz und plac Wolności
Am zweiten Tag unserer Exkursion erkundeten wir Poznań gemeinsam mit Studierenden der Kunstgeschichte von der Adam Mickiewicz Universität. Sie hielten Vorträge über die kunsthistorischen Kontexte der wichtigsten Gebäude am plac Wolności, dem Platz der Freiheit, der bis 1918 Wilhelmsplatz hieß. In Arbeitsgruppen vertieften wir die Analyse des Hotels Bazar, der Raczyński Bibliothek, des Nationalmuseums und des Teatr Polski. Anhand der baulichen Gestaltung der Gebäude gingen wir Spuren der preußisch-polnischen Beziehung in der Stadt Poznań auf den Grund. Die pointierten Ausführungen der polnischen Studierenden und die gemeinsame Diskussion führten zu einem vertieften Verständnis, wie diese Bauwerke in der Vergangenheit miteinander korrespondierten. In den Räumen der Magdalena Abakanowicz Universität diskutierten wir anschließend die Ergebnisse der Arbeitsgruppen. Dabei wurde deutlich, dass das Gebäude-Ensemble am heutigen Platz der Freiheit durch das Ringen um die symbolische Besetzung des öffentlichen Raums geprägt war. Polnische und preußische Gebäude wurden in direkter Konkurrenz zueinander errichtet. Sie strebten nach optischer Dominanz. Monumental von außen und bedeutungsvoll von innen. Die polnischen Einwohner der Stadt und die preußische Verwaltung reagierten im Alltag aufeinander. Einen Teil der Kommunikation lässt sich heute als Geschichte der Architektur und des Städtebaus nachvollziehen. So wird nachvollziehbar, welche Funktion die einzelnen Gebäude für die polnischen Gesellschaft im Poznań der Teilungszeit hatten. Dazu gehörten das Speichern und die Weitergabe von Kultur und Wissen sowie die Selbstorganisation wirtschaftlicher und politischer Akteure. Eine genaue Analyse des heutigen Stadtraums von Poznań zeigt, dass die polnische Bevölkerung sich selbst organisierte und darauf beharrte, dass sie ein Anrecht auf einen eigenen Staat hat. Diese Vision wurde 1918 nach dem Großpolnischen Aufstand Wirklichkeit. Marie Stumpenhusen
Die Wilhelminischen Planungen
Von 1905 bis 1908 entstand in der Hauptstadt der preußischen Provinz Posen das letzte monumentale Kaiserschloss im deutschen Reich. Seine Architektur war zugleich eine steinerne Botschaft. „Als Wahrzeichen für die Kraft des Deutschtums soll der Bau wirken“ schrieb der Architekt Franz Schwechten zu dem Hohenzollern-Schloss, das optisch mehr an eine Burg erinnert. Der weithin sichtbare Turm beherbergte das größte und lauteste Glockenwerk Posens, das die Innenstadt regelmäßig beschallte. Die neuromanischen Fassade beinhaltete diverse Anspielungen auf Werke, die als Chiffre für das „Deutsche Mittelalter“ galten. Dieses Programm setzte sich in den Innenräumen fort. Kaiser Wilhelm II nahm selbst direkten Einfluss auf die Planungen und die Ausstattung seines Schlosses. Besonders hervorzuheben ist die aus seinen privaten Mitteln finanzierte Kapelle. Ihre reiche Ausgestaltung war als Konkurrenz zur Goldenen Kapelle im Dom von Posen intendiert. Das Schloss war Teil eines „Kaiserforum“ genannten Ensembles. Es entstand nach der Auflassung der historischen Festungsmauern auf dem Ring und dominierte das Stadtbild für Neuankömmlinge, die sich vom Bahnhof in Richtung Altstadt begaben.
Der Kaiser selbst war in seinem Schloss nur dreimal kurzzeitig anzutreffen, die restliche Zeit war es möglich, das Gebäude zu besichtigen. Heutige Besucher können trotz zahlreicher Umbauten zumindest die Größe des Gebäudes sowie die Raumaufteilung im Inneren noch gut nachvollziehen. Einige Möbel sind noch zu finden. Der historische Doppel-Thron steht in einer Durchfahrt. Hendrik Gramckow
Gebäude der Ansiedlungskommission
Wer heute das Collegium Maius der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań (pol. Uniwersytet im. Adama Mickiewicza w Poznaniu) betritt, findet sich im ehemaligen Hauptsitz der Königlich Preußischen Ansiedlungskommission für Westpreußen und Posen wieder. Die Ansiedlungskommission verfolgte nach ihrer Gründung im Jahr 1886 das Ziel, die polnische Nationalbewegung zu schwächen und einem zunehmenden polnischen Einfluss in den preußischen Provinzen Westpreußen und Posen entgegenzuwirken. Zu diesem Zweck sollte sie Güter aufkaufen und durch Ansiedlung deutschen Bauern die Dominanz der polnischen Bevölkerung zurückdrängen. Im Ergebnis ist das Programm der Ansiedlungskommission gescheitert. Es gelang ihr nicht, die Landflucht in die Industriezentren des deutschen Reichs aufzuhalten. Die antipolnischen Maßnahmen der preußischen Regierung stärkten die polnische Nationalbewegung. Eine Folge in der Provinz Posen war, dass diese Bewegung nicht mehr nur vom polnischen Adel getragen wurde, sondern zunehmend auch vom Bürgertum und den unteren Schichten ausging. Aus heutiger Sicht, hatten die Prämissen der Ansiedlungskommission die Zeichen der Zeit falsch gedeutet. Das wird auch im architektonischen Programm des Hauptsitzes der Ansiedlungskommission deutlich. Das Gebäude wurde ab 1904 im wilhelminischen Neobarock mit neoklassizistischen Einflüssen errichtet. Die doppelt-lebensgroßen Figuren neben der Kuppel sollten die aufeinanderfolgenden Phasen der preußischen „Kolonisation des deutschen Ostens“ symbolisieren: Mönch und Ordensritter für das Mittelalter, Salzburger und Holländer für die Einwanderung der verfolgten Protestanten in die preußischen Gebiete im 18. Jahrhundert, Bauern aus Westfalen und Schwaben für die Gegenwart. Diese Figuren wurden bei der Restauration des im Zweiten Weltkrieg beschädigten Gebäudes nicht wieder errichtet. Die Kuppel erfuhr eine Verkleinerung, um sie an das bestehende Stadtbild anzupassen. Im Inneren, dem prunkvoll ausgebauten Vestibül, erinnert heute kaum etwas an den ursprünglichen Zweck des Gebäudes. Lediglich kleinere Figuren, die einer bäuerlichen Lebenswelt zuzuordnen sind und ein überlebensgroßes Wandgemälde, das einen Bauern am Pferdepflug zeigt, zeugen vom ursprünglichen Auftrag der Ansiedlungskommission. Postpreußen bedeutet in diesem Fall zwei unterschiedliche Dinge. Erstens, die Aggressivität preußischer Polenpolitik im ausgehenden 19. Jahrhundert sichtbar zu machen und zu dekonstruieren. Und zweitens, die aktive Aneignung preußischer Hinterlassenschaften durch die polnische Gesellschaft zu erkennen. In diesem doppelten Sinne ist das historische Gebäude der Ansiedlungskommission ein postpreußisches Bauwerk. Sebastian Hiller
Die Architektur des Warthegaus
Der Umbau des Posener Kaiserschlosses zur Residenz im Reichsgau Wartheland ab 1940 verdeutlicht die ideologischen und praktischen Ziele der nationalsozialistischen Herrschaft im besetzten Polen. Unter der Leitung von Hans Poelzigs Schüler Franz Böhmer und unter der Aufsicht von Albert Speer wurde das Gebäude grundlegend umgestaltet, um als repräsentativer Machtort des NS und als Residenz für Adolf Hitler und Gauleiter Arthur Greiser zu dienen. Die deutschen Akteure knüpften bewusst an bestehende architektonische Strukturen und symbolische Bedeutungen an, wodurch sie sie auch Kontinuitäten in der deutschen Wahrnehmung der Region als Kolonisationsraum sichtbar machten.
Die Umnutzung erfolgte im Kontext der deutschen Annexion der Region Wielkopolska als Teil des sogenannten Warthegaus. Die Region funktionierte als Laboratorium für eine umfassende Germanisierung. Dazu dienten die Deportation jüdischer und römisch-katholischer Polen ins Generalgouvernement, sowie die Ansiedlung sogenannter Volksdeutscher aus dem Baltikum und Südosteuropa. Im Schloss selbst manifestierte sich der deutsche Machtanspruch räumlich, etwa in der Umwandlung der kaiserlichen Kapelle in ein monumentales Arbeitszimmer für Adolf Hitler. Obwohl dieses Ensemble noch während der deutschen Besatzung weitgehend fertiggestellt wurde, nutzte Hitler sie persönlich nicht. Dennoch fungierte sie als symbolisches Zentrum nationalsozialistischer Herrschaft im sogenannten Warthegau und verkörperte den kolonialen, sowie rassistischen Herrschaftsanspruch des Regimes in Osteuropa. Felix Ackermann
Die Umnutzung des Schlosses nach 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das Kaiserschloss gegen den Willen der lokalen Bevölkerung erhalten. Obwohl es noch immer als Symbol preußischer und deutscher Herrschaft galt, nutze die Stadt das Gebäude ab 1947 zunächst als Rathaus, bevor es 1962 zum Kulturpalast mit Kino, Theater, Ballettschule und weiteren kulturellen Einrichtungen wurde. Seit 1993 trägt das Haus den Namen „Centrum Kultury Zamek“ und entwickelte sich zu einem der wichtigsten Kulturzentren der Stadt.
Im Laufe der Jahrzehnte wurden Umbauten und Restaurierungen vorgenommen. Eine Polonisierung des Baus erfolgte durch das 1966 zur Tausendjahrfeier des Landes angebrachte Relief, das die Kämpfe Polens gegen die Ausbreitung der Deutschen nach Osten darstellt. Seit den 1970er Jahren rückte zunehmend der architektonische und historische Wert des Schlosses in den Vordergrund. Insbesondere wird die in ungewöhnlicher Dichte erhaltene Innenarchitektur der NS-Führerresidenz als erhaltenswert betrachtet. Umfangreiche Sanierungsarbeiten sorgen seit den 2000er Jahren dafür, dass die historische Bausubstanz bewahrt wird und das Schloss mit dem nun hellen Sandstein ein einladendes Äußeres erhält.
Der angrenzende Platz wurde ebenso polnisch überschrieben. Neben dem Denkmal für den Nationaldichter Adam Mickiewicz stehen zwei große Kreuze, die an den Arbeiteraufstand in Poznań 1956, die Gründung der Solidarność 1980 und das Kriegsrecht 1981 erinnern. Frauke Steinmüller