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Bericht: Belarus Colloquium 2026 in Hagen
[14.07.2026]05.-07. Juli 2026, FernUniversität in Hagen
Vom 5. bis 7. Juli veranstaltete das Lehrgebiet Public History mit Unterstützung von Akno Scholars for Belarus sowie der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften der Fernuniversität das Belarus Colloquium 2026. Unter dem Titel „Knowledge Production vis-à-vis Authoritarian Rule“ standen die Auswirkungen politischer Repression auf die Wissensproduktion über Belarus im Mittelpunkt. Gemeinsam diskutierten Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven, wie die Fortsetzung autoritärer Herrschaft in der Republik Belarus Forschung beeinflusst und welche methodischen, theoretischen und ethischen Herausforderungen für Forschung in autoritären Kontexten zukünftig bestehen. Das Belarus Colloquium wurde 2026 federführend von Aryna Dzmitryieva (Hagen) organisiert.
Im ersten Round Table Gespräch diskutierten Anton Saifullayeu (Warschau), Simon Lewis (Bremen), Tania Arcimovich (Berlin), Olga Shparaga (Hagen), Katja Artsiomenka (Köln) und Andrei Zavadski (Dortmund) zentrale Herausforderungen der Belarusforschung seit der Verschärfung der autoritären Repression 2020/2021. Dabei nahmen sie auch die prekäre Lage belarusischer Akademiker:innen im bundesdeutschen Wissenschaftssystem in den Blick. Die Diskutant:innen analysierten die strukturellen, institutionellen und persönlichen Hürden, wie Zersplitterung, mangelnde Koordination und die Abhängigkeit von kurzfristigen Fördermittelzusagen. Für eine erfolgreiche Integration in westeuropäische und angelsächsische Wissenschaftssysteme sind belarusische Forscher:innen gezwungen, sich an neue Trends anzupassen, wobei sie ihre wissenschaftlichen Identitäten innerhalb national ausgerichteter Wissenssysteme und oft auch ihre bisher dominierende Arbeitssprache aufgeben müssen.
Hanna Vasilevich (Bolzano) beleuchtete in ihrer Präsentation strukturelle und institutionelle Herausforderungen belarusischer Wissenschaftler:innen im Exil. Dabei rückte sie die erschwerten Bedingungen wissenschaftlicher Arbeit außerhalb des Herkunftslandes sowie die institutionellen Barrieren in den Vordergrund, die den Zugang zu Ressourcen, akademischen Netzwerken und beruflichen Perspektiven beeinflussen. Im Anschluss diskutierte Tatsiana Astrouskaya (Marburg) die fortwährende Selbstzensur von Forscher:innen als tief verwurzelten Automatismus, der durch die Angst vor Repressionen, das historische Erbe des Überlebens und die Notwendigkeit, den Erwartungen externer Geldgeber:innen, gerecht zu werden, bedingt ist. Eine solche ständige Selbstbeschränkung führe zur Aushöhlung des kritischen Denkens und untergrabe die Subjektivität von Wissenschaftler:innen, wodurch die Schaffung unabhängiger und origineller Wissensbestände behindert werde.
Im Zentrum des zweiten Panels stand die Frage, wie kulturelle und künstlerische Praktiken gesellschaftliche Veränderungen sichtbar machen, politische Räume neu ordnen und alternative Formen der Erinnerung hervorbringen können. Olga Shparagha (Hagen) untersuchte in ihrem Vortrag die Entwicklung öffentlicher Kulturräume und der zeitgenössischen Kunst in Belarus während der 2010er-Jahre. Andrei Zavadskis (Dortmund) Vortrag thematisierte das Kunstprojekt „Framed in Belarus“ der belarusischen Künstlerin Rufina Bazlova. Ziel des Projekts ist es, die Geschichten illegal verurteilter Belarus:innen sichtbar zu machen und ihre Porträts in einer traditionellen belarusischen Sticktechnik festzuhalten. Menschen aus verschiedenen Ländern fertigen die gestickten Porträts an und setzen sich während des langwierigen, meditativen Arbeitsprozesses intensiv mit deren Biografien auseinander.
Im Anschluss erörterten Yaraslava Ananka (Leipzig), Iryna Ramanava (Vilnius), Heinrich Kirschbaum (Freiburg) und Anton Liavitski (Freiburg) zentrale Herausforderungen für eine zukünftige Institutionalisierung von Belarusstudien. Dabei kristallisierten sich zwei Schwerpunkte heraus: die kritische Reflexion methodischer Zugänge sowie die stärkere Einbindung belarusbezogener Fragestellungen in internationale akademische Debatten. Ziel ist es, Belarus nicht als isolierten Forschungsgegenstand, sondern als relevanten Bestandteil gegenwärtiger Wissensproduktion zu positionieren.
Der zweite Konferenztag setzte die Auseinandersetzung mit öffentlichen Räumen, Kunst und historischen Erfahrungen in Belarus fort. Aliaksei Bratachkin (Hagen) untersuchte in seinem Vortrag das Verhältnis von Public History und autoritärer Liberalisierung in den Jahren 2015 bis 2019. Tania Arcimovich (Berlin) und Iryna Herasimovich (Zürich) präsentierten ihre Projekte zu belarusischen Kunst- und Kulturarchiven im Exil. Ihre Projekte konzentrieren sich auf literarische Selbstverwaltung, politisches Theater sowie die Archivierung zeitgenössischer Kunst. In ihrem Vortrag thematisierten sie sowohl die theoretische Einordnung als auch die praktischen Herausforderungen dieser Archivarbeit.
Im anschließenden Panel zu empirischen Einschränkungen und methodischen Lösungsansätzen für die Forschung zu Belarus ohne direkten Feldzugang untersuchte Aryna Dzmitryieva (Hagen) Forschung unter autoritären Bedingungen mit Blick auf Selbstzensur, ethische Fragen und eingeschränkte Zugangsmöglichkeiten zum Feld. Dabei betonte sie, dass Forschung zu Belarus zunehmend flexible Methoden, eine sorgfältige ethische Reflexion und den kritischen Umgang mit begrenzten Quellen erfordert.
In ihren Schlussbemerkungen diskutierten die Teilnehmer:innen über Möglichkeiten einer weiteren Zusammenarbeit. Sie entschieden, dass das Colloquium 2027 unterschiedlichen Formen von Zeitlichkeit in und außerhalb von Belarus gewidmet sein soll.
Den Abschluss des Kolloquiums machte der Abendvortrag von Anton Saifullayeu (Warschau) im Rahmen des Institutskolloquiums des Historischen Instituts der Fernuniversität in Hagen. Unter dem Titel „Decolonizing Western Imaginations of Belarus and Ukraine: Eastern Europe in the Global Knowledge Regimes“ gab Saifullayeu einen Überblick über post- und dekoloniale Forschungsansätze und diskutierte das koloniale Erbe in der Historiografie zu Belarus und der Ukraine. Am Beispiel der Bezeichnung „Weißrussland“ anstelle von „Belarus“ zeigte er, wie historische Namensgebungen imperiale Perspektiven fortschreiben und die eigenständige kulturelle und historische Entwicklung des Landes überlagern. Damit verdeutlichte er, dass Sprache und Terminologie koloniale Narrative auch in der gegenwärtigen Wissenschaft reproduzieren können.
Das Belarus Colloquium 2027 wird in Hagen stattfinden.