Denkende Tiere

Briefe des Tierforschers und Autors Karl Krall

Schaufenster zum Forschungsarchiv Nr. 12

Denkende TiereFoto: FernUniversität

Brief von Karl Krall an Ernst Gehrke vom 2. November 1908. (Foto: PGFA)

Krall mit ZarifFoto: FernUniversität
Krall mit Zarif

Im Jahr 1912 erschien in prächtiger Ausstattung ein dickes Buch mit dem Titel „Denkende Tiere“. Autor war der Elberfelder Juwelier Karl Krall (1863-1929). Anders als die meisten Wissenschaftler seiner Zeit war Krall von den Intelligenzleistungen vieler Tiere überzeugt. Zur Prüfung seiner Überzeugungen erwarb er selbst Pferde, die er unterrichtete und vorführte. Krall gründete 1912 eine Gesellschaft für Tierpsychologie, gab ab 1913 die „Mitteilungen der Gesellschaft für Tierpsychologie“ und in Eigenregie die Zeitschrift „Tierseele“ heraus, die allerdings nur ein Jahr lang bestand. Krall korrespondierte mit interessierten Personen und lud auch Wissenschaftler ein, die Versuche in Elberfeld zu beobachten. Zu seinen eigenen Pferden übernahm Krall im Juli 1909 das damals bekannte Pferd „Der kluge Hans“ von Wilhelm von Osten (1939-1909). Dieses Pferd war von Oskar Pfungst (1874-1932) in Berlin untersucht worden. Pfungst war zu der Überzeugung gekommen, dass „Hans“ nicht lesen und rechnen konnte, sondern durch langjährige Konditionierung mit Belohnungen nur auf die Haltung und Bewegungen des Aufgabenstellers achtete, wenn er seine Lösungen mit dem Huf klopfte (Pfungst, 1907). Krall kam bei seinen Versuchen mit „Hans“ schon in Berlin zu anderen Ergebnissen. Insgesamt führte Krall seine Versuche mit elf Pferden, einem Fohlen, zwei Eseln und einem Elefanten durch. Besonders war ihm daran gelegen, die Ergebnisse von Oskar Pfungst zu widerlegen.

Als Krall mit der Abfassung des Buches begann, nahm er Kontakt zu dem Berliner Physiker Dr. Ernst Gehrke (1878-1960) in Berlin auf, berichtete diesem über seine Befunde, fragte ihn um Rat und ließ Gehrke auch einzelne Abschnitte des geplanten Buches kritisch lesen. Gehrke war später Direktor der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin. Er hatte sich schon bei von Osten von den Versuchen mit dem „klugen Hans“ überzeugt und stand wohlwollend zu den Versuchen von Krall.

Das Psychologiegeschichtliche Forschungsarchiv bewahrt ca. 100 Briefe von Krall an Gehrke. In diesen Briefen geht es überwiegend um die Versuche, um das in Arbeit befindliche Buch, hier und da auch um persönliche Dinge. Krall erweist sich in diesen Briefen als sehr humorvoller Briefautor. So schreibt er am 24. September 1908 begeistert, er habe für zwei junge Hengste und einen Esel einen Stall bekommen, und es geschähen nun die nötigsten Dinge, um den Tieren „die höhere humanistische Bildung beizubringen“. Sich selbst bezeichnete er im Spaß als „Direktor, Ober- und Volksschullehrer“ des „Tier-Gymnasiums“. Am 19. August 1909 kam Ernst Gehrke nach Elberfeld, um die Versuche zu beobachten.

Kralls mit großem Aufwand erstelltes Buch ist eine sehr umfassende Darstellung der Untersuchungen zu denkenden Tieren und den Meinungen vieler Gelehrter. Das Buch hatte aber nur begrenzte Wirkungen. Allgemein war man von Kralls Tierversuchen nicht überzeugt, nach denen Tiere buchstabieren, rechnen und andere Leistungen vollbringen konnten. 1913 gab es sogar eine Resolution von Biologen und Psychologen gegen die Art der Versuche von Krall. Mit dem Beginn des Weltkrieges 1914 brach Krall die Versuche ab. Er ging 1925 nach München und wandte sich u.a. parapsychologischen Fragen zu. Krall starb in seiner Heimatstadt an den Folgen einer Lungenentzündung.

Abresch, J. (1988). Karl Krall und die Elberfelder Pferde. Romerike Berge. Zeitschrift für das Bergische Land, 38 (4), 1-7.

Anon. (o.J.). Karl Krall [Wikipedia]. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Krall

Krall, K. (1912). Denkende Tiere. Beiträge zur Tierseelenkunde auf Grund eigener Versuche. Der kluge Hans und meine Pferde Muhamed und Zarif. Leipzig: Engelmann. URL: https://archive.org/details/denkendetierebei00kral

Pfungst, O. (1907). Das Pferd des Herrn von Osten. (Der kluge Hans). Ein Beitrag zur experimentellen Tier- und Menschen-Psychologie. Mit einer Einleitung von C. Stumpf. Leipzig: Hirzel. – Zweitauflage unter dem Titel: Der kluge Hans - ein Beitrag zur nicht-verbalen Kommunikation (hrsg. von H. E. Lück). Einleitung: Robert Rosenthal. Frankfurt am Main: Fachbuchhandlung für Psychologie, 1977; 3. Aufl. 1983.

H.E.L.

Alexander Moroz | 12.08.2021