Ernst Meumann im Kontakt zu Johannes Volkelt

Fragen zur Psychologie der Ästhetik

Schaufenster zum Forschungsarchiv Nr. 41

Das Psychologiegeschichtliche Forschungsarchiv der FernUniversität bewahrt einen Brief, der schon Gegenstand einer näheren Betrachtung von Paul Probst gewesen ist (Probst, 1987). Der dreiseitige, handschriftliche Brief von Ernst Meumann aus dem Jahr 1908 behandelt die Psychologie der Ästhetik. Meumann (1862-1915) war damals Philosophieprofessor in Münster, der Adressat Johannes Volkelt (1848-1930) ebenfalls Philosophieprofessor in Leipzig. In dem Brief geht es um Meumanns 1908 veröffentlichte Monographie „Einführung in die Ästhetik der Gegenwart“, von der er an Volkelt ein Exemplar zur Beurteilung übersandt hatte. Auf die zwischenzeitlich erfolgte Beurteilung antwortete Meumann mit dem vorliegenden Brief, in dem die unterschiedlichen Auffassungen zur Ästhetik artikuliert werden.

Foto: FernUni-Hagen
Brief Ernst Meumanns an Johannes Volkelt vom 11.1.1908, erste Seite; PGFA, Schenkung H.E.L

Abschrift:

Münster i. W., den 11. Januar 1908
Hochverehrter Herr Kollege!
Für Ihr freundliches Schreiben und Ihre nachsichtige Beurteilung
meiner Ästhetik danke ich Ihnen verbindlichst!
Ich habe mich in der Tat überzeugt, daß Ihre Meinung über das Verhältnis
der ästhetischen und der gewöhnlichen Einfühlungen nicht richtig
wiedergegeben worden ist und ich werde mich beeilen, das - nicht
etwa erst in der 2. Auflage des 1. Bändchens - sondern sogleich in
dem 2. Bändchen, mit dem ich meine eigenen Gedanken zu entwickeln
suche, zu berichtigen.
Etwas anderes ist es mit der Frage, in welchem Sinne die Einfühlung
von Ihnen als Association betrachtet wird. Es ist nicht leicht, sich
über diesen Punkt zu verständigen, da Sie einen anderen Begriff der
Association haben, wie ich. Ich werde versuchen [S. 2] auch in diesem
Punkte mich in dem 2. Bändchen so ausführlich als möglich auszusprechen
und damit ich kein Versehen mache, möchte ich sehr gerne
Ihnen vorher meine Ausführungen über diesen Punkt mitteilen. Ich
glaube, daß ich in diesem Problem im wesentlichen auf die gleiche Ansicht
hinauskomme, die Sie in Ihrem System der Ästhetik entwickeln.
Ich suche gegenwärtig noch nach Tatsachen, durch die ich mir selbst
die Unmittelbarkeit der Einfühlung, die zweifellos in vielen Fällen besteht,
klar zu machen suche.
Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen erst heute, und daß ich so kurz
antworte. Ich habe augenblicklich außerordentlich dringliche Arbeiten
unter den Händen, darunter namentlich Begutachtung von
Examensarbeiten, die leider keinen Aufschub möglich machen. Es würde mich
lebhaft freuen, wenn ich über einige Punkte meiner Ästhetik mich
noch weiter brieflich mit Ihnen unterhalten könnte, namentlich mit
dem Punkt der Association will ich in kurzem noch einmal zurückkommen
und Ihnen meine Ansicht darüber ausführlich entwickeln. [S. 3]
Ihre freundlichen Wünsche zum Jahreswechsel erwidere ich noch
nachträglich, (ich war während der Weihnachtsferien verreist.)
Mit ergebensten Grüßen auch an Ihre Frau Gemahlin verbleibe ich Ihr
ganz ergebener
E. Meumann

Zum Hintergrund des Briefes:

Zur Zeit der Korrespondenz war die Psychologie der Ästhetik ein aktuelles Thema. Besonders verbreitet und akzeptiert war die Theorie der Einfühlung, die auf die Romantik zurückging und nun vor allem durch Theodor Lipps (1851-1914) vertreten wurde (Lipps, 1003/1906, Allesch, 1987, S. 39ff.). Die Idee dieser Theorie ist, dass Menschen eigene Gefühle und Wahrnehmungstendenzen in den wahrgenommenen Gegenstand „einfühlen“. So werden etwa Steinsäulen vor einem Eingangstor als „tragend“ erlebt. Johannes Volkelt (nicht zu verwechseln mit dessen Sohn, dem Psychologen Hans Volkelt, 1886-1964), schloss sich der Terminologie von Lipps an.

Der Band Einführung in die Ästhetik der Gegenwart (Volkelt, 1908) war es, der die Diskussion zwischen Volkelt und Meumann anregte. Meumann gestand zu, dass er das Verhältnis von ästhetischer und gewöhnlicher Einfühlung nicht richtig wiedergegeben habe, er werde sich beeilen, das sogleich in dem zweiten Bändchen zu berichtigen. Mit diesem zweiten Band ist Meumanns System der Ästhetik gemeint, der allerdings erst 1914 erschien. Meumann war der Überzeugung, dass die Ästhetik als psychologische Wissenschaft der Aufgabe der gesamten Ästhetik nicht gerecht werden könne. Man werde dem Wert der Kunst nicht gerecht, wenn man diese ausschließlich als Reize des ästhetischen Gefallens sehe. So werde Kunst nur sehr unvollkommen verstanden. Mit dieser Kritik am Psychologismus in der Ästhetik stand Meumann nicht allein: In diese Richtung ging auch die zukunftsweisende Kritik von Max Dessoir (1867-1947).

Meumann, kurze Zeit später Professor in Hamburg, war Pädagogischer Psychologe und führte u.a. empirische Untersuchungen über die Ästhetik von Schülern durch, so z.B. über deren Lieblingsfarben und Farbkombinationen (Probst, 2014). Zur Geschichte der psychologischen Ästhetik und zur Auseinandersetzung informiert das entsprechende Kapitel 23 bei Allesch (1987, S. 396-425): „Die psychologische Ästhetik und ihre Gegner“.


Allesch, C. G. (1987). Geschichte der psychologischen Ästhetik. Göttingen: Hogrefe.

Allesch, C. G. (2006). Einführung in die psychologische Ästhetik. Wien: WUV.

Lipps, T. (1903/1906). Ästhetik – Psychologie des Schönen und der Kunst. 2 Bde. Hamburg/Leipzig: Voss.

Meumann, E. (1908). Einführung in die Ästhetik der Gegenwart. Leipzig: Quelle & Meyer.

Meumann, E. (1914). Das System der Ästhetik. Leipzig. Quelle & Meyer.

Probst, P. (1987). Psychologische Ästhetik: Anmerkungen zu einem Brief Ernst Meumanns an Johannes Volkelt aus dem Jahre 1908. Geschichte der Psychologie. Nachrichtenblatt deutschsprachiger Psychologen, Nr. 13, 3/1987, 24-34. https://www.psycharchives.org//handle/20.500.12034/307

Probst, P. (2014). Ernst Meumann als Wegbereiter der Pädagogischen Psychologie und Empirischen Pädagogik in Deutschland. In M. Spieß (Hg.), 100 Jahre akademische Psychologie in Hamburg. Eine Festschrift (S. 15-85). Hamburg: Hamburg University Press.

H.E.L.

Gerhard Tübben | 12.08.2021